Rufus

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rubber sole

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Schwacher Lichteinfall. Kaum mehr als ein halber Quadratmeter. Eine rechteckige Fensterscheibe. Für Tageslicht. Karg möblierter Raum. Spartanische Einrichtung vor weißer Wand. Sonnenstrahlen nur frühmorgens. Erzeugen Schattenspiel der Gitterstäbe. Später am Tag Abwechslung. In freudloser Umgebung. Dann erscheint Elisa. Manchmal. Seit einigen Tagen. Das einzige Lebewesen. Sie beseelt die Kulisse. Sie kommt stets zur gleichen Zeit. Die anderen auch. Aber zeitversetzt. Die bleiben nicht. Sie erscheinen nur kurz. Sie schieben das Essgeschirr durch die Luke. Dann gehen sie wieder. Wachpersonal eben. Dies gehört zu ihrer Aufgabe. Elisa aber bleibt. Oft stundenlang. Fast regungslos. Allein Ihre Präsenz verheißt Ablenkung.

Ein faszinierendes Geschöpf. Sehr scheu. Rufus bleibt auf Distanz. Nur nicht aufschrecken. Er studiert sie. Täglich. Aus sicherer Entfernung. Elisa ist sein Medium. Rufus fixiert sie. Als Kopfkino. Filigrane Erscheinung. Zur Wahrung der mentalen Befindlichkeit. Sein Seelenleben ist in Bedrängnis. Die Isolation zermürbt. Schleichend.

Rufus hat Angst. Er fürchtet den Verlust von Elisa. Stubenfliegen leben nicht lange. Jeden Tag der bange Blick. Zum Fenster hin. Wie lange noch? Dann bleibt sie weg. Tagelang. Ein Desaster. Und erscheint wieder. Vermutlich eine andere. Die gleiche Gattung. Rufus ritualisiert dieselben Abläufe. Distanziert. Keine unruhigen Bewegungen. Er nennt sie ebenfalls Elisa. So wie alle folgenden. Der Anblick wirkt stets identisch. Dies erkennt er. Durch intensive Beobachtung. Die gleiche Färbung. Überwiegend grau. Der Hinterleib gelb gefärbt. Feingliedriger Körperbau. Mit zarten Haaren bedeckt. Zwei häutige Flügelpaare. Weiter hinten auf Stummelform reduziert. Schmaler Kopf mit Facettenaugen. Faszinierend. Rot gefärbte Gitter darin. Es folgen Generationen identischer Geschöpfe. Rufus verinnerlicht sie. Komplett. In allen Details. Dieser Typus wird Vorlage. Für seine Meditation.

Er bleibt psychisch stabil. Durch Selbsthypnose. Für lange Zeit. Dann ist die Isolation beendet. Die Zellentür öffnet sich. Er verlässt den Raum der Erniedrigung. Rufus ist mental erschüttert. Zum Glück nicht zerbrochen. Dank Elisa. Sein Innenleben bleibt geschmeidig. Weitestgehend. Die Seele nur wenig porös. Lediglich die Wachträume bizarr. Verzerrte Emotionen. Freiheit einschätzen als kategorischen Konjunktiv. Spielraum innerhalb des Möglichen. Dies weiß er. Herleitung. Aus seiner Erfahrung.
 

petrasmiles

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Ich lese eigentlich gar nicht 'Horror und Psycho', aber beim Blättern durch die neuen Texte kommt mir schon einmal einer unter - und diesen finde ich sehr gelungen - wenn auch eher als sozialen oder psychologischen Kurztext. Der ganz normale Horror also, das Leben selbst, keine künstlich erzeugten Angstmomente.

Liebe Grüße
Petra
 

rubber sole

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...geht mir ähnlich - 'Horror' ist nicht mein Ding. Mangels passender anderer Option habe ich den Text der Kategorie 'Psycho' zugeordnet. Danke für dein Interesse.
Gruß von rubber sole
 

lietzensee

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Hallo Rubber Sole,
ich finde den kurzen Text auch sehr gut. Vor allem gefällt mir die ungewöhnliche Sprache. Das ist mal was Neues. Sie ist auch nicht einfach nur Gimmick, sondern unterstützt die Aussage.

Sein Seelenleben ist in Bedrängnis. Die Isolation zermürbt. Schleichend.
Die drei Sätze sind für mich etwas zu viel. Sie wiederholen nur, was der Leser eh begriffen haben sollte. Hab Vertrauen in die Kraft deiner Erzählung.

Viele Grüße
lietzensee
 



 
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