Sabine Gruber, Stillbach oder Die Sehnsucht

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Sabine Gruber, Stillbach oder die Sehnsucht, C.H. Beck 2011, ISBN 978-3-406-62166-6

Manchen lässt seine Heimat nicht los. Herkunft, Sprache und Geschichte haben nicht selten großen Einfluss auf die Identität eines Menschen, der sich besonders zu Beginn der zweiten Lebenshälfte zu Wort meldet, aufdrängt, einfach ins Leben hineinruft. Und Gefühle hervorruft, nicht immer positive, aber so etwas wie Sehnsucht ist immer dabei. Sabine Grubers Hauptfiguren in ihrem neuen, bemerkenswerten Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ erleben das schmerzhaft und beglückend zugleich, ähnlich wie wahrscheinlich die Autorin selbst, von deren Leben und Erfahrungen mehr in diesem Roman steckt, als man zuerst wahrnehmen kann. Doch davon später mehr.

Drei Frauen sind es, die da im Focus der Erzählung stehen. Alle stammen sie aus Südtirol und alle suchen sie nach ihren Wurzeln. Alle sind mit ihren Lebensgeschichten verwickelt in einer der großen Konflikte der italienischen Gesellschaft im 20.Jahrhundert, alle leben sozusagen gespaltene und zerrissene Identitäten zwischen zwei Kulturen, der Kultur Südtirols und der herrschenden Kultur Italiens. Sich keiner von beiden ganz zugehörig fühlend, sind sie nirgendwo wirklich daheim, weder in dem fiktiven Ort Stillbach bei Bozen, wo alle drei Frauen herstammen, noch in Rom oder Wien, wo sie später wohnen und arbeiten. Die älteste der drei Frauen, Emma Manente beschreibt das so: „Ich wusste nicht, was ich war. Für viele Italiener war ich eine Deutsche, und für die meisten Deutschen weder eine Italienerin noch eine Deutsche.“

Emma hat schon 1938 das heimatliche Stillbach verlassen, nachdem Joseph, ihr Verlobter, bei einem Partisanenanschlag ums Leben kam. Sie geht nach Rom, um dort in einem Hotel als Dienstmädchen zu arbeiten. Dort wird sie von dem italienischen Hotelierssohn schwanger und heiratet ihn. Das bedeutet für Emma eine Identitätskrise, die sie ihr Leben lang nicht los wird. Ihre Familie in Südtirol bricht den Kontakt ab, weil sie einen verhassten Italiener geheiratet hat, und in Rom selbst wird sie noch nach Jahrzehnten verdächtigt, wegen ihrer Herkunft eine Nazifrau zu sein.

Es ist, das sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, ein wesentliches Element dieses Romans, dass er nicht nur drei Frauenleben zwischen den Kulturen beschreibt, sondern dass es ihm hervorragend und auch für den Leser, der sich in der Geschichte nicht so gut auskennt, verständlich und nachvollziehbar gelingt, diese Biographien einzubinden in die Geschichte Südtirols, vom italienischen Faschismus über die Nazizeit, die bleierne Zeit der Roten Brigaden und der Stadtindianer bis hin zum gegenwärtigen Italien des Silvio Berlusconi. Sogar der südtiroler Politiker Alexander Langer, der wohl kaum einem heutigen Leser noch bekannt sein dürfte, wird in dem Roman erwähnt mit dem Hinweis, dass seine Mission wohl gescheitert sei.
Alexander Langer setzte sich Zeit seines Lebens für Kommunikation und die Verständigung zwischen den Volksgruppen in Südtirol anstelle der besonders in den 1970er Jahren sich stark verschärfenden Polarisierung zwischen Deutschsprachigen und Italienern ein. Um den Pluralismus nicht nur ethnisch gesehen zu fördern, veröffentlichte er unter anderem die alternative Zeitung die Bruecke, in der italienische und deutsche Abhandlungen und Dossiers zweiwöchentlich erschienen. 1995 nahm er sich enttäuscht und ausgebrannt das Leben.

Der Roman setzt ein mit Clara. Sie stammt aus Stillbach, und lebt nun nach einer Zeit als Universitätslektorin in Venedig ( Sabine Gruner hatte von 1988 bis 1992 den selben Job!). Sie ist mit einem Arzt verheiratet, mit dem sie nicht glücklich ist und von dem sie sich eigentlich trennen will. Mitten hinein in diese Krise trifft sie die Nachricht, dass ihre Freundin Ines, ebenfalls aus Stillbach stammend , in Rom verstorben sei. Verwandte von Ines bitte Clara, Ines’ Wohnung aufzulösen und sie macht sie schweren Herzens auf den Weg. Als ob sie zu diesem Zeitpunkt schon ahnte, was da auf sie zukommt an Entdeckungen und Lebensweichen.

In Rom trifft Clara auf den Fremdenführer Paul, und schon beim ersten Kontakt erlebt sie in sich Gefühle und Regungen, die sie in ihrer toten Ehe schon lange nicht mehr gespürt hat. Paul, der sich in den letzten mit unbefriedigenden Blitzbeziehungen sexuell über Wasser gehalten hat, geht es ähnlich, doch er ist zurückhaltend. Dennoch bietet er, der den ganzen Roman mit sehr ausführlichen geschichtlichen Detailkenntnissen bereichert ( eine überaus geschickte Konstruktion von Sabine Gruber), Clara seine Mithilfe an, Ines’ Wohnung auszuräumen und den Nachlass zu sichern, zumal er Ines vom Telefon kannte, weil sie sich mit ihm für ein „mehrbändiges Werk“ zu Recherchen treffen wollte.

Schon während ihres ersten Aufenthaltes in der verwaisten Wohnung der verstorbenen Freundin findet Clara tatsächlich ein Buchmanuskript, an dem Ines gearbeitet hat und das im Jahr 1978 spielt. Etwa zwei Drittel des ganzen Romans von Sabine Gruber lag wird nun dieses Manuskript abgedruckt, sozusagen ein Buch im Buch.
Ines war auch früh aus Stillbach fortgegangen, hatte in Rom als Übersetzerin und Nachhilfelehrerin gearbeitet. In ihrem Manuskript beschreibt sie zu einem als Ich-Erzählerin die Zeit als, als sie 1978 als Ferienaushilfe in einem Hotel in Rom arbeitet und mit der mit der PCI und später den Stadtindianern sympathisierenden Antonella ein Zimmer teilt und zum anderen als Autorin die Geschichte von Emma Manente, der Eigentümerin des Hotels. Auch hier ist die persönliche Geschichte immer wieder verbunden mit der politischen. Auch Emma sehnt sich nach Glück, glaubt es in dem Hotelgast Hermann Steg gefunden zu haben, doch es soll nicht sein.

Clara trägt den Nachnamen Burger. Für mich ein deutlicher Hinweis, dass der biographischer Anteil von Sabine G r u b e r an diesem Roman wohl sehr groß ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Buch so authentisch ist, wo wahrhaftig und ehrlich. Aber auch illusionslos. Als Clara, nach der Lekütre des Manuskripts von Ines wieder in der Jetztzeit angekommen ist und gegen Ende des Buches die alte Emma Manente in einem Altenheim aufspürt, fragt sie sich an einer Stelle:“ Wann würde der Tag kommen, an dm die Erinnerungen sie nicht mehr berührten? Wann der Tag, der nicht einmal mehr Erinnerungen brachte?“

Und dem von diesem Buch faszinierten Leser wird klar, dass dieser Tag wohl niemals kommen wird. Denn alle Protagonisten dieses Romans können wirklich vergessen, niemand erlebt so etwas wie Geborgenheit oder Glück, auch wenn die anfängliche Anziehung zwischen Clara und Paul sich intensiviert. Schon in früheren Romanen hat Sabine Gruber Menschen als Fremde und Heimatlose charakterisiert, die sich nach Liebe sehnen.

„Stillbach oder „Die Sehnsucht“ ist ein Roman, der durch die Schicksale seiner Personen anrührt, eine Art Liebes- und Sehnsuchtsroman. Auf der anderen Seite aber auch ein Zeugnis über eine bewegte und vor allem nie wirklich aufgearbeitete Geschichte in Südtirol und Italien. Ich halte den Roman für wert, auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis zu kommen, mehr noch aber, in einer hoffentlich bald erscheinenden italienischen Übersetzung, preiswürdigen Erfolg zu haben.

Ein großes Buch voller Sprachkraft.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Willkommen auf/in/unter der Leselupe!

Zwei, drei Tippfehlerchen und zwei, drei andere Anmerkungen:


Manchen lässt seine Heimat nicht los.
Eher die meisten, oder? Nur wenn das "loslassen" wünschenswert wäre, bemerkt man es so drastisch. Aber das nur am Rande.


Herkunft, Sprache und Geschichte haben nicht selten großen Einfluss auf die Identität eines Menschen, der sich besonders zu Beginn der zweiten Lebenshälfte zu Wort meldet, aufdrängt, einfach ins Leben hineinruft.
Der erste Teil des Satzes ist nicht sooooo sinnvoll: "nicht selten" ist eine massive Untertreibung. (Der zweite Teil auch: Auch das ist psychologisch eher normal als nur "nicht selten".)
Bei der Gesamtkonstruktion musste ich ganz deutlich den Lesefluss unterbrechen, weil ich einige Sekunden brauchte, um zu entschlüsseln, was der Satz wohl sagen soll. Geht das auch einfacher?

von deren Leben und Erfahrungen mehr in diesem Roman steckt, als man zuerst wahrnehmen kann. Doch davon später mehr.
Diese Ankündigungbleit ein nahezu leeres Versprechen. Du erwähnst nur eine Vermutung in Hinblick auf die "Authentitität", was für Parallelen es tatsächlich zwischen den Biografien von Figur und Autorin gibt, wäre hier eigentlich zu nennen gewesen. (Oder du lässt diese Anspielungen einfach weg.)


Alle sind mit ihren Lebensgeschichten verwickelt in einer der großen Konflikte der italienischen Gesellschaft im 20.Jahrhundert,
verwickelt sein in einen Konflikt
Leerzeichen nach "20."

Die älteste der drei Frauen, Emma Manente beschreibt das so:
Komma nach dem Namen

Dort wird sie von dem italienischen Hotelierssohn schwanger und heiratet ihn. Das bedeutet für Emma eine Identitätskrise, die sie ihr Leben lang nicht los wird.
Schwanger zu werden und zu heiraten führt zu einer Identitätskrise?? Du erwähnst im Folgenden, dass ihre Umwelt(!) Probleme mit dieser "Wahl" hat, aber das ist nicht gleichbedeutend mit ihrem(!) Identitätsgefühl.

Ihre Familie in Südtirol bricht den Kontakt ab, weil sie einen verhassten Italiener geheiratet hat, und in Rom selbst wird sie noch nach Jahrzehnten verdächtigt, wegen ihrer Herkunft eine Nazifrau zu sein.
Sie wird wohl nicht verdächtigt, wegen ihrer Herkunft eine Nazifrau zu sein. Sie wird vermutlich wegen ihrer Herkunft verdächtigt, eine Nazifrau zu sein. Oder?

Es ist, das sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, ein wesentliches Element dieses Romans, dass er nicht nur drei Frauenleben zwischen den Kulturen beschreibt, sondern dass es ihm hervorragend und auch für den Leser, der sich in der Geschichte nicht so gut auskennt, verständlich und nachvollziehbar gelingt, diese Biographien einzubinden in die Geschichte Südtirols, vom italienischen Faschismus über die Nazizeit, die bleierne Zeit der Roten Brigaden und der Stadtindianer bis hin zum gegenwärtigen Italien des Silvio Berlusconi.
Boah! Was für ein Satz! ;) Nein: Am schwersten fand ich den Einschub mit dem Leser zu lesen. Das als Auch der Leser, der sich … auskennt, bekommt so einen Einblick in … wäre sicher leichter bekömmlich.



Der Roman setzt ein mit Clara. Sie stammt aus Stillbach, und lebt nun nach einer Zeit als Universitätslektorin in Venedig ( Sabine Gruner hatte von 1988 bis 1992 den selben Job!).
Ok. Ist das alles (und der Name) alles, was auf autobiografische Züge hinweist? Das wär zu wenig. Meine beiden SF-Hauptfiguren haben auch solche Verbindungen zu mir und ich kann von keiner Geschichte behaupten, sie hätten einen "biografischen Anteil".
Leerzeichen nach "(" zu viel.

ebenfalls aus Stillbach stammend , in Rom verstorben sei.
Leerzeichen vor den Komma zu viel

Verwandte von Ines bitte Clara, Ines’ Wohnung aufzulösen und sie macht sie schweren Herzens auf den Weg. Als ob sie zu diesem Zeitpunkt schon ahnte, was da auf sie zukommt an Entdeckungen und Lebensweichen.
Komma nach "aufzulösen"
macht sich schweren Herzens

Dennoch bietet er, der den ganzen Roman mit sehr ausführlichen geschichtlichen Detailkenntnissen bereichert ( eine überaus geschickte Konstruktion von Sabine Gruber),
Leerzeichen nach "(" zu viel
Am Rande: Hoffentlich kommt das nicht so aufgesetzt daher, wie ich es bei solchen "geschickten Konstruktionen" (durch Erfahrung geprägt) argwöhne …


Etwa zwei Drittel des ganzen Romans von Sabine Gruber lag wird nun dieses Manuskript abgedruckt, sozusagen ein Buch im Buch.
Ich musste ich trotzdem ein wenig überlegen – der Satz wirkt etwas verkünstelt. Vielleicht auch nur unglücklich sortiert: Das "zwei Drittel" bezog ich auf das Manuskript, fand das durch "des ganzen Romanes" bestätigt und musste bei "von Sabine Gruber" plötzlich umdenken. Dann kam unglücklicherweise noch der Tippfehler mit dem "la(n)g" und das Durcheinander war perfekt. Wie wäre es mit sowas: … im Jahr 1978 spielt. Seine Wiedergabe umfasst etwa ein Drittel des Gruberschen Romanes, es ist sozusagen ein Buch im Buch. ?

Ines war auch früh aus Stillbach fortgegangen, hatte in Rom als Übersetzerin und Nachhilfelehrerin gearbeitet. In ihrem Manuskript beschreibt sie zu einem als Ich-Erzählerin die Zeit als, als sie 1978 als Ferienaushilfe in einem Hotel in Rom arbeitet und mit der mit der PCI und später den Stadtindianern sympathisierenden Antonella ein Zimmer teilt und zum anderen als Autorin die Geschichte von Emma Manente, der Eigentümerin des Hotels.
Am Rande: Ach du …! Noch eine Verschachtelung! Und das funktioniert?
Komma nach "Zimmer teilt"

Auch Emma sehnt sich nach Glück, glaubt es in dem Hotelgast Hermann Steg gefunden zu haben, doch es soll nicht sein.
Komma nach "glaubt"

Clara trägt den Nachnamen Burger. Für mich ein deutlicher Hinweis, dass der biographischer Anteil von Sabine G r u b e r an diesem Roman wohl sehr groß ist.
Siehe oben!
der biografische Anteil


Als Clara, nach der Lekütre des Manuskripts von Ines wieder in der Jetztzeit angekommen ist und gegen Ende des Buches die alte Emma Manente in einem Altenheim aufspürt,
Kein Komma nach "Clara"

fragt sie sich an einer Stelle:“ Wann würde der Tag kommen, an dm die Erinnerungen sie nicht mehr berührten? Wann der Tag, der nicht einmal mehr Erinnerungen brachte?“
Leerzeichen nach dem Doppelpunkt + Anführungszeichen unten + kein Leerzeichen nach dem Anführungszeichen
an dem

Und dem von diesem Buch faszinierten Leser wird klar, dass dieser Tag wohl niemals kommen wird.
Und den anderen Lesern? Nein im Ernst: (1) Dass du fasziniert bist, heißt nicht, dass es quasi jeder Leser sein muss. In Rezis neigt man ohnehin zu Generalisierungen der Art "Das ist schwer durchschaubar", weil man es selbst so fand. Aber es hat immerhin noch sowas wie eine Chance auf "Objektivität" (gute Rezensenten erkennen den Unterschied zwischen "für mich schwer durchchaubar" und "generell (eher) schwer durchschaubar"). Faszination ist aber nun wirklich sehr persönlich. (2) Natürlich kann auch jedem anderen Leser diese Erkenntnis kommen – diese Einschränkung entbehrt also der Logik.


Denn alle Protagonisten dieses Romans können wirklich vergessen,
Da fehlt doch sicher ein "nicht", oder?


Ein großes Buch voller Sprachkraft.
Das "großes Buch" ist gut "hergeleitet" – das ist als "Fazit" ok. Das "große Sprachkraft" aber kommt ganz plötzlich aus dem Nichts und lässt diesen Schluss wie "abgehackt" wirken.



… sorry, sind doch mehr als die zwei, drei geworden, die mir beim ersten Überfliegen aufgefallen waren. Alles in allem eine gut gelungene Rezension, denke ich. Bis auf: Normalerweise haben Rezis eine "echte" Überschrift …
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Redaktionsvermerk: Einweisung in die Klinik, da der Autor die Textarbeit verweigert.
@ Winfried Stanzick: Ich erwarte, dass du wenigstens die "echten" Fehler behebst.
 
Rezension von:

Sabine Gruber, Stillbach oder die Sehnsucht, C.H. Beck 2011, ISBN 978-3-406-62166-6

Manchen lässt seine Heimat nicht los. Herkunft, Sprache und Geschichte haben nicht selten großen Einfluss auf die Identität eines Menschen, der sich besonders zu Beginn der zweiten Lebenshälfte zu Wort meldet, aufdrängt, einfach ins Leben hineinruft. Und Gefühle hervorruft, nicht immer positive, aber so etwas wie Sehnsucht ist immer dabei.

Sabine Grubers Hauptfiguren in ihrem neuen, bemerkenswerten Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ erleben das schmerzhaft und beglückend zugleich, ähnlich wie wahrscheinlich die Autorin selbst, von deren Leben und Erfahrungen mehr in diesem Roman steckt, als man zuerst wahrnehmen kann.

Drei Frauen sind es, die da im Focus der Erzählung stehen. Alle stammen sie aus Südtirol und alle suchen sie nach ihren Wurzeln. Alle sind mit ihren Lebensgeschichten verwickelt in einer der großen Konflikte der italienischen Gesellschaft im 20.Jahrhundert, alle leben sozusagen gespaltene und zerrissene Identitäten zwischen zwei Kulturen, der Kultur Südtirols und der herrschenden Kultur Italiens. Sich keiner von beiden ganz zugehörig fühlend, sind sie nirgendwo wirklich daheim, weder in dem fiktiven Ort Stillbach bei Bozen, wo alle drei Frauen herstammen, noch in Rom oder Wien, wo sie später wohnen und arbeiten. Die älteste der drei Frauen, Emma Manente beschreibt das so: „Ich wusste nicht, was ich war. Für viele Italiener war ich eine Deutsche, und für die meisten Deutschen weder eine Italienerin noch eine Deutsche.“

Emma hat schon 1938 das heimatliche Stillbach verlassen, nachdem Joseph, ihr Verlobter, bei einem Partisanenanschlag ums Leben kam. Sie geht nach Rom, um dort in einem Hotel als Dienstmädchen zu arbeiten. Dort wird sie von dem italienischen Hotelierssohn schwanger und heiratet ihn. Das bedeutet für Emma eine Identitätskrise, die sie ihr Leben lang nicht los wird. Ihre Familie in Südtirol bricht den Kontakt ab, weil sie einen verhassten Italiener geheiratet hat, und in Rom selbst wird sie noch nach Jahrzehnten verdächtigt, wegen ihrer Herkunft eine Nazifrau zu sein.

Es ist, das sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, ein wesentliches Element dieses Romans, dass er nicht nur drei Frauenleben zwischen den Kulturen beschreibt, sondern dass es ihm hervorragend, verständlich und nachvollziehbar gelingt, diese Biographien einzubinden in die Geschichte Südtirols, vom italienischen Faschismus über die Nazizeit, die bleierne Zeit der Roten Brigaden und der Stadtindianer bis hin zum gegenwärtigen Italien des Silvio Berlusconi.

Sogar der südtiroler Politiker Alexander Langer, der wohl kaum einem heutigen Leser noch bekannt sein dürfte, wird in dem Roman erwähnt mit dem Hinweis, dass seine Mission wohl gescheitert sei.
Alexander Langer setzte sich Zeit seines Lebens für Kommunikation und die Verständigung zwischen den Volksgruppen in Südtirol anstelle der besonders in den 1970er Jahren sich stark verschärfenden Polarisierung zwischen Deutschsprachigen und Italienern ein. Um den Pluralismus nicht nur ethnisch gesehen zu fördern, veröffentlichte er unter anderem die alternative Zeitung die Bruecke, in der italienische und deutsche Abhandlungen und Dossiers zweiwöchentlich erschienen. 1995 nahm er sich enttäuscht und ausgebrannt das Leben.

Der Roman setzt ein mit Clara. Sie stammt aus Stillbach, und lebt nun nach einer Zeit als Universitätslektorin in Venedig. Sie ist mit einem Arzt verheiratet, mit dem sie nicht glücklich ist und von dem sie sich eigentlich trennen will. Mitten hinein in diese Krise trifft sie die Nachricht, dass ihre Freundin Ines, ebenfalls aus Stillbach stammend, in Rom verstorben sei. Verwandte von Ines bitten Clara, Ines’ Wohnung aufzulösen, und sie macht sich schweren Herzens auf den Weg. Als ob sie zu diesem Zeitpunkt schon ahnte, was da auf sie zukommt an Entdeckungen und Lebensweichen.

In Rom trifft Clara auf den Fremdenführer Paul, und schon beim ersten Kontakt erlebt sie in sich Gefühle und Regungen, die sie in ihrer toten Ehe schon lange nicht mehr gespürt hat. Paul, der sich in den letzten Jahren mit unbefriedigenden Blitzbeziehungen sexuell über Wasser gehalten hat, geht es ähnlich, doch er ist zurückhaltend. Dennoch bietet er, der den ganzen Roman mit sehr ausführlichen geschichtlichen Detailkenntnissen bereichert, Clara seine Mithilfe an, Ines’ Wohnung auszuräumen und den Nachlass zu sichern, zumal er Ines vom Telefon kannte, weil sie sich mit ihm für ein „mehrbändiges Werk“ zu Recherchen treffen wollte.

Schon während ihres ersten Aufenthaltes in der verwaisten Wohnung der verstorbenen Freundin findet Clara tatsächlich ein Buchmanuskript, an dem Ines gearbeitet hat und das im Jahr 1978 spielt. Etwa zwei Drittel des ganzen Romans von Sabine Gruber lang wird nun dieses Manuskript abgedruckt, sozusagen ein Buch im Buch.
Ines war auch früh aus Stillbach fortgegangen, hatte in Rom als Übersetzerin und Nachhilfelehrerin gearbeitet. In ihrem Manuskript beschreibt sie zu einen als Ich-Erzählerin die Zeit, als sie 1978 als Ferienaushilfe in einem Hotel in Rom arbeitet und mit der mit der PCI und später den Stadtindianern sympathisierenden Antonella ein Zimmer teilt. Zum anderen erzählt sie als Autorin die Geschichte von Emma Manente, der Eigentümerin des Hotels. Auch hier ist die persönliche Geschichte immer wieder verbunden mit der politischen. Auch Emma sehnt sich nach Glück, glaubt es in dem Hotelgast Hermann Steg gefunden zu haben, doch es soll nicht sein.

Clara trägt den Nachnamen Burger. Für mich ein möglicher Hinweis, auf den biographischer Anteil von Sabine
G r u b e r an diesem Roman. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Buch so authentisch ist, wo wahrhaftig und ehrlich. Aber auch illusionslos. Als Clara, nach der Lektüre des Manuskripts von Ines wieder in der Jetztzeit angekommen ist und gegen Ende des Buches die alte Emma Manente in einem Altenheim aufspürt, fragt sie sich an einer Stelle:"Wann würde der Tag kommen, an dem die Erinnerungen sie nicht mehr berührten? Wann der Tag, der nicht einmal mehr Erinnerungen brachte?"

Und dem von diesem Buch faszinierten Leser wird klar, dass dieser Tag wohl niemals kommen wird. Denn alle Protagonisten dieses Romans können nicht wirklich vergessen, niemand erlebt so etwas wie Geborgenheit oder Glück, auch wenn die anfängliche Anziehung zwischen Clara und Paul sich intensiviert. Schon in früheren Romanen hat Sabine Gruber Menschen als Fremde und Heimatlose charakterisiert, die sich nach Liebe sehnen.

„Stillbach oder Die Sehnsucht“ ist ein Roman, der durch die Schicksale seiner Personen anrührt, eine Art Liebes- und Sehnsuchtsroman. Auf der anderen Seite aber auch ein Zeugnis über eine bewegte und vor allem nie wirklich aufgearbeitete Geschichte in Südtirol und Italien. Ich halte den Roman für wert, auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis zu kommen, mehr noch aber, in einer hoffentlich bald erscheinenden italienischen Übersetzung, preiswürdigen Erfolg zu haben.

Ein bemerkenswerter Roman.
 
Rezension von:

Sabine Gruber, Stillbach oder die Sehnsucht, C.H. Beck 2011, ISBN 978-3-406-62166-6

Manchen lässt seine Heimat nicht los. Herkunft, Sprache und Geschichte haben großen Einfluss auf die Identität eines Menschen. Besonders zu Beginn der zweiten Lebenshälfte wird da bei vielen Menschen deutlich und ruft sozusagen ins Leben hinein. Und ruft Gefühle hervorruft, nicht immer positive, aber so etwas wie Sehnsucht ist immer dabei.

Sabine Grubers Hauptfiguren in ihrem neuen, bemerkenswerten Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht“ erleben das schmerzhaft und beglückend zugleich, ähnlich wie wahrscheinlich die Autorin selbst, von deren Leben und Erfahrungen mehr in diesem Roman steckt, als man zuerst wahrnehmen kann.

Drei Frauen sind es, die da im Focus der Erzählung stehen. Alle stammen sie aus Südtirol und alle suchen sie nach ihren Wurzeln. Alle sind mit ihren Lebensgeschichten Teil einer der großen Konflikte der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert, alle leben sozusagen gespaltene und zerrissene Identitäten zwischen zwei Kulturen, der Kultur Südtirols und der herrschenden Kultur Italiens. Sich keiner von beiden ganz zugehörig fühlend, sind sie nirgendwo wirklich daheim, weder in dem fiktiven Ort Stillbach bei Bozen, wo alle drei Frauen herstammen, noch in Rom oder Wien, wo sie später wohnen und arbeiten. Die älteste der drei Frauen, Emma Manente, beschreibt das so: „Ich wusste nicht, was ich war. Für viele Italiener war ich eine Deutsche, und für die meisten Deutschen weder eine Italienerin noch eine Deutsche.“

Emma hat schon 1938 das heimatliche Stillbach verlassen, nachdem Joseph, ihr Verlobter, bei einem Partisanenanschlag ums Leben kam. Sie geht nach Rom, um dort in einem Hotel als Dienstmädchen zu arbeiten. Dort wird sie von dem italienischen Hotelierssohn schwanger und heiratet ihn. Das Leben in der füpr sie fremden Umgebung undn ihre neuen Rolle bringen Emma in eine Identitätskrise, die sie ihr Leben lang nicht los wird. Ihre Familie in Südtirol bricht den Kontakt ab, weil sie einen verhassten Italiener geheiratet hat, und in Rom selbst wird sie noch nach Jahrzehnten wegen ihrer Herkunft verdächtigt, eine Nazifrau zu sein.

Es ist, das sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, ein wesentliches Element dieses Romans, dass er nicht nur drei Frauenleben zwischen den Kulturen beschreibt, sondern dass es ihm hervorragend, verständlich und nachvollziehbar gelingt, diese Biographien einzubinden in die Geschichte Südtirols, vom italienischen Faschismus über die Nazizeit, die bleierne Zeit der Roten Brigaden und der Stadtindianer bis hin zum gegenwärtigen Italien des Silvio Berlusconi.

Sogar der südtiroler Politiker Alexander Langer, der wohl kaum einem heutigen Leser noch bekannt sein dürfte, wird in dem Roman erwähnt mit dem Hinweis, dass seine Mission wohl gescheitert sei.
Alexander Langer setzte sich Zeit seines Lebens für Kommunikation und die Verständigung zwischen den Volksgruppen in Südtirol anstelle der besonders in den 1970er Jahren sich stark verschärfenden Polarisierung zwischen Deutschsprachigen und Italienern ein. Um den Pluralismus nicht nur ethnisch gesehen zu fördern, veröffentlichte er unter anderem die alternative Zeitung die Bruecke, in der italienische und deutsche Abhandlungen und Dossiers zweiwöchentlich erschienen. 1995 nahm er sich enttäuscht und ausgebrannt das Leben.

Der Roman setzt ein mit Clara. Sie stammt aus Stillbach, und lebt nun nach einer Zeit als Universitätslektorin in Venedig. Sie ist mit einem Arzt verheiratet, mit dem sie nicht glücklich ist und von dem sie sich eigentlich trennen will. Mitten hinein in diese Krise trifft sie die Nachricht, dass ihre Freundin Ines, ebenfalls aus Stillbach stammend, in Rom verstorben sei. Verwandte von Ines bitten Clara, Ines’ Wohnung aufzulösen, und sie macht sich schweren Herzens auf den Weg. Als ob sie zu diesem Zeitpunkt schon ahnte, was da auf sie zukommt an Entdeckungen und Lebensweichen.

In Rom trifft Clara auf den Fremdenführer Paul, und schon beim ersten Kontakt erlebt sie in sich Gefühle und Regungen, die sie in ihrer toten Ehe schon lange nicht mehr gespürt hat. Paul, der sich in den letzten Jahren mit unbefriedigenden Blitzbeziehungen sexuell über Wasser gehalten hat, geht es ähnlich, doch er ist zurückhaltend. Dennoch bietet er, der den ganzen Roman mit sehr ausführlichen geschichtlichen Detailkenntnissen bereichert, Clara seine Mithilfe an, Ines’ Wohnung auszuräumen und den Nachlass zu sichern, zumal er Ines vom Telefon kannte, weil sie sich mit ihm für ein "mehrbändiges Werk" zu Recherchen treffen wollte.

Schon während ihres ersten Aufenthaltes in der verwaisten Wohnung der verstorbenen Freundin findet Clara tatsächlich ein Buchmanuskript, an dem Ines gearbeitet hat und das im Jahr 1978 spielt. Seien Wiedergabe umfasst etwa zwei Drittel des Romans von Sabine Gruber, sozusagen ein Buch im Buch.
Ines war auch früh aus Stillbach fortgegangen, hatte in Rom als Übersetzerin und Nachhilfelehrerin gearbeitet. In ihrem Manuskript beschreibt sie als Ich-Erzählerin die Zeit, als sie 1978 als Ferienaushilfe in einem Hotel in Rom arbeitet. Dort teilt sie mit der mit der PCI und später den Stadtindianern sympathisierenden Antonella ein Zimmer. Zum anderen erzählt sie als Autorin die Geschichte von Emma Manente, der Eigentümerin des Hotels. Auch hier ist die persönliche Geschichte immer wieder verbunden mit der politischen. Auch Emma sehnt sich nach Glück, glaubt, es in dem Hotelgast Hermann Steg gefunden zu haben, doch es soll nicht sein.

Clara trägt den Nachnamen Burger. Für mich ein möglicher Hinweis, auf den biographischen Anteil von Sabine
G r u b e r an diesem Roman. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Buch so authentisch ist, wo wahrhaftig und ehrlich. Aber auch illusionslos. Als Clara nach der Lektüre des Manuskripts von Ines wieder in der Jetztzeit angekommen ist und gegen Ende des Buches die alte Emma Manente in einem Altenheim aufspürt, fragt sie sich an einer Stelle: "Wann würde der Tag kommen, an dem die Erinnerungen sie nicht mehr berührten? Wann der Tag, der nicht einmal mehr Erinnerungen brachte?"

Und dem Leser wird klar, dass dieser Tag wohl niemals kommen wird. Denn alle Protagonisten dieses Romans können nicht wirklich vergessen, niemand erlebt so etwas wie Geborgenheit oder Glück, auch wenn die anfängliche Anziehung zwischen Clara und Paul sich intensiviert. Schon in früheren Romanen hat Sabine Gruber Menschen als Fremde und Heimatlose charakterisiert, die sich nach Liebe sehnen.

„Stillbach oder Die Sehnsucht“ ist ein Roman, der durch die Schicksale seiner Personen anrührt, eine Art Liebes- und Sehnsuchtsroman. Auf der anderen Seite aber auch ein Zeugnis über eine bewegte und vor allem nie wirklich aufgearbeitete Geschichte in Südtirol und Italien. Ich halte den Roman für wert, auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis zu kommen, mehr noch aber, in einer hoffentlich bald erscheinenden italienischen Übersetzung, preiswürdigen Erfolg zu haben.

Ein bemerkenswerter Roman.
 
Jons Kritik

Lieber Jon,

ich bin Dir dankbar für Deine Kritik an meinem Text. Er gefällt mir nach der Bearbeitung auch selbst viel besser. Deine Hinweise haben mir geholfen, bei weiteren Texten genauer auf bestimmte Dinge zu achten.

Winfried Stanzick
 

 
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