Sail away

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Ciconia

Mitglied
Die Welt scheint sich davonzuschleichen.
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Erkennen sie den Abgrund nicht?
Die Welt verliert das Gleichgewicht.

Ich könnt' mir neue Freunde suchen,
den Rest der Welt getrost verfluchen
in seiner Hoffnungslosigkeit.
Erreichten wir ein neues Ziel?
Es blieb' wohl beim Gedankenspiel.

Lasst uns ein letztes Fass aufmachen,
ein letztes Mal gemeinsam lachen
in alter Unbekümmertheit.
Wir können hier nichts mehr erreichen -
nur noch ganz still die Segel streichen.
 
S

steky

Gast
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Erkennen sie den Abgrund nicht?
Findest du nicht, dass das unheimlich selbstgefällig ist? Wenn man meint, den richtigen Weg zu kennen, und andere Menschen somit in ihrem Tun einschränkt, sie mit ihrer mutlosen Pseudo-Überlegenheit sogar verletzt?

Etwas zu erreichen, dafür ist es niemals zu spät - vorausgesetzt, man erreicht sich zuerst gegenseitig.

Ein großes Wort, das viele Probleme gelöst hat:

Verständnis.

LG
Steky
 

Mondnein

Mitglied
in seiner Hoffnungslosigkeit.
aber es ist doch Deine Hoffnungslosigkeit, nicht die der selbstgenügsamen Welt, oder?

und in der Tat ist das Lyri Deines Liedes ausgesprochen selbstgefällig: es urteilt gleich über die ganze ganze Welt, mit ihren sieben Milliarden Menschen, von ihren Trilliarden Sternen ganz zu schweigen ...
 
S

steky

Gast
aber es ist doch Deine Hoffnungslosigkeit, nicht die der selbstgenügsamen Welt, oder?
Im Text heißt es nicht "selbstgenügsam", sondern "selbstgefällig". Das ist ein bedeutender Unterschied.

Nur der Klarheit wegen ;)
 

Ciconia

Mitglied
Ach, steky, Du gibst mir wieder einmal Rätsel auf mit Deiner Interpretation. Warum so moralinsauer?

Ich möchte Dich bitten, die erste Zeile des Gedichtes noch einmal genau zu lesen und dann noch einmal den Standpunkt des LyrI zu überdenken.
Etwas zu erreichen, dafür ist es niemals zu spät
Doch, steky. Für manches ist man irgendwann einfach zu alt. Und mit Verständnis allein kann ich heute leider kaum noch Probleme lösen, die ich in der Welt sehe.

Ich freue mich trotzdem, dass Du Dich mit diesem Gedicht befasst hast.

Gruß Ciconia

P.S. Danke auch für die Klarstellung zu Mondneins Kommentar.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Mondnein,

wäre es besser, wenn ich Hoffnungslosigkeit durch Überheblichkeit ersetzte?

Im übrigen urteilt das LyrI hier nicht über sieben Milliarden Menschen, sondern nur über die kleine Welt, die das kleine LyrI umgibt. Ich dachte, das sei verständlich geworden.

Gruß Ciconia
 
S

steky

Gast
Moralinsauer? Mitnichten, @Ciconia!

1) "Selbstgefällig" ist ein Wort, das negativ bewertet.

2 "Erkennen sie den Abgrund nicht" - das ist wirklich moralinsauer.

3) Du klagst etwas an, versuchst aber nicht, es zu verstehen.

Ich teile deine Meinung bedingt, sehe aber Kleinigkeiten in der Sprache, die mir nicht gefallen. Das ist alles.

Die erste Zeile kommt leicht sophistisch daher, das ganze Gedicht lässt sich aber in keiner Weise mit Sophismus in Einklang bringen. Vielleicht verstehe ich sie falsch.

Dabei wäre es so einfach:

Warum sind die Menschen so selbstgefällig?

Hast du die Antwort, hast du Verständnis.

LG
Steky
 
S

steky

Gast
Vor nicht allzu langer Zeit wurde im Forum übrigens ein Text veröffentlicht, der sich mit den Bloggern auseinandersetzte. Dort sieht man sehr schön, wie ein Text scheitern kann:

Wenn man versucht, etwas zu ergründen, das zutiefst bemitleidenswert ist, und das Ergebnis Hohn ist.

Dann weißt du, dass der Autor rein gar nichts versteht, sondern von Motiven getrieben ist, die eine Meinung - besser: ein Vorurteil - transportieren sollen.

Der Text fand großen Anklang.

Wir sollten - gerade beim Schriftstellern - niemals den Fehler machen, das Individuum aus den Augen zu verlieren.
 

Ciconia

Mitglied
"Erkennen sie den Abgrund nicht" - das ist wirklich moralinsauer.
Steky, es gibt Abgründe, die kein anderer sehen kann – ein depressiver Mensch zum Beispiel wähnt sich am Abgrund und wundert sich, dass alle anderen diesen nicht sehen. Das hat überhaupt nichts mit Selbstgefälligkeit zu tun.

Was das Verständnis anderer betrifft, möchte ich eine meiner Lieblingspassagen aus dem „Stillen Amerikaner“ von Graham Greene zitieren:
Wäre es nicht besser, wir versuchten gar nicht erst, einander zu verstehen, und fänden uns mit der Tatsache ab, dass kein Mensch jemals einen anderen versteht, nicht die Gattin den Gatten, nicht der Liebhaber die Geliebte, nicht der Vater das Kind? Vielleicht ist das Grund, weshalb die Menschen Gott erfunden haben – ein Wesen, das die Gabe des Verstehens besitzt.
Und noch einmal zur ersten Zeile: Was glaubst Du, in welchem Gemütszustand sich ein Mensch befindet, der behauptet "Die Welt scheint sich davonzuschleichen"?

Gruß Ciconia

P.S. Deinem letzten Kommentar kann ich jetzt endgültig nicht mehr folgen. Wir leben wohl doch auf unterschiedlichen Kontinenten.
 
S

steky

Gast
Wäre es nicht besser, sich auf die Selbstgefälligkeit einzulassen, um so ein Verständnis zu schaffen, anstatt willkürlich aus einer Perspektive heraus anzuklagen?

Oder soll der Text nur betroffen machen?

Gruß
Steky
 

Ciconia

Mitglied
Die Welt scheint sich davonzuschleichen.
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Erkennen sie den Abgrund nicht?
Die Welt verliert das Gleichgewicht.

Ich könnt' mir neue Freunde suchen,
den Rest der Welt getrost verfluchen
in seiner Hoffnungslosigkeit.
Erreichten wir ein neues Ziel?
Es blieb' wohl beim Gedankenspiel.

Lasst uns ein letztes Fass aufmachen,
ein letztes Mal gemeinsam lachen
in alter Unbekümmertheit.
Wir können hier nichts mehr erreichen -
nur noch ganz still die Segel streichen.
 

Ciconia

Mitglied
Die Welt scheint sich davonzuschleichen.
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Erkennen sie den Abgrund nicht?
Die Welt verliert das Gleichgewicht.

Ich könnt' mir neue Freunde suchen,
den Rest der Welt getrost verfluchen
in seiner Überheblichkeit.
Erreichten wir ein neues Ziel?
Es blieb' wohl beim Gedankenspiel.

Lasst uns ein letztes Fass aufmachen,
ein letztes Mal gemeinsam lachen
in alter Unbekümmertheit.
Wir können hier nichts mehr erreichen -
nur noch ganz still die Segel streichen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das lyrische Ich scheint tief depressiv. Es kommt mit sich und den anderen nicht mehr zurecht, empfindet nur noch Ablehnung und immer weitere Entfernung, zieht sich in sich zurück. Zugleich sucht es Schuld, ist aber noch bei den anderen, hat sich selbst noch nicht erreicht. Wenn es bei sich angelangt ist, wird der Strudel des Verderbens immer schneller.

Unterstützt wird die düstere Stimmung durch die sceinbar lockeren und fröhlichen Sprüche, Reime.

Spiegelneuronen sorgen dafür, sich selbst zu projizieren.

Die Welt scheint sich davonzuschleichen.
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Erkennen sie den Abgrund nicht?
Die Welt verliert das Gleichgewicht.
Nach all meinen Erfahrungen sind solche Verletzungen anderer immer eigene. Es wir nicht lange dauern, dann beginnt die Suche, denn bei den anderen findet man die Schuld nicht.

Ich könnt' mir neue Freunde suchen,
den Rest der Welt getrost verfluchen
in seiner Überheblichkeit.
Erreichten wir ein neues Ziel?
Es blieb' wohl beim Gedankenspiel.
Es beginnt die Konzentration auf sich selbst, die Hoffnungslosigkeit zieht den Gürtel enger, kein Ausweg, nirgends.

Lasst uns ein letztes Fass aufmachen,
ein letztes Mal gemeinsam lachen
in alter Unbekümmertheit.
Wir können hier nichts mehr erreichen -
nur noch ganz still die Segel streichen.
Ein Aufbäumen, erinnern an alte Zeiten, aufgesetzte Fröhlichkeit bei gefühlter innerer Leere und wachsendem gefühlten äu´ßerem Druck.
Hier beginnt der Gedanke an den letzten Ausweg, die fruchtlose Suche nach Schuld bei sich selbst, der Srudel kreist immer schneller und die Gedanken werden immer enger, die Welt scheint entfernt.
Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr.

---
Dabei gibt es Hilfe, und es ist höchste Zeit für das lyrische Ich, sie zu suchen. Sonst bleibt es auf der Strecke.
Manchmal erwacht man nicht wieder.
---

Viele Stufen waren es, diesen Punkt zu erreichen.

Ergreife die helfende Hand, sie, die Welt ist anders, fast überall.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Bernd,

danke für diese gekonnte Interpretation. Gefällt mir gut.

Ich hoffe nur, Du setzt das LyrI hier nicht mit der Autorin gleich – die schreibt nämlich manchmal auch sehr lustige und lebensbejahende Texte. Allerdings weigert sie sich, immer und überall nur das Gute im Menschen zu sehen. So ist die Welt nicht!

Gruß Ciconia
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Tu ich nicht, auch wenn ich vorrangig das Gute sehe.
Und erst spät fand ich jemanden, der dafür auch theoretisch eine Grundlage bildete.

Meine ist jetzt: Nimm das Positive an, bis der andere es enttäuscht hat. Wenn der andere wieder positiv handelt, sei nicht nachtragend.

Probiere von Zeit zu Zeit, ob es nicht wieder positiv ist.

Ganz klappt das nicht.
Aber es hilft.
(Es ist eine modifizierte Version von positivem "Wie du mir so ich dir". die aber die Falle vermeidet, dass man in eine Negativschleife gelangt, zum Beispiel durch Missverständnis.)
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Ciconia,

ich bin ja der Überzeugung, dass unser Schreiben hier vor allem Selbstausdruck ist wobei so ein Text natürlich immer nur einen kleinen Teil ausdrückt .

Ich empfinde vor allem ein bisschen Wehmut aus Deinen Zeilen. Das LyrI ist sich ja dessen bewusst, dass es sich um eine zutiefst individuelle Sicht handelt, wenn es heißt:

Die Welt scheint sich davonzuschleichen.
Ich kann die Menschen nicht erreichen
in ihrer Selbstgefälligkeit.
Ich kann dieses Gefühl gut nachvollziehen. Es kann ein schmerzhafter Prozess sein zu begreifen, dass diese Selbstverständlichkeit in seiner Zeit zu sein, verschwindet in dem Maße, wo andere den Ton vorgeben. Mir ging das vor allem bei der vergangenen sozialliberalen Koalition so. Ich dachte wirklich, diese Zeit sei der Maßstab für alle Zeiten, und wenn nur die richtigen wieder an die Regierung kämen, könnte alles wieder gut werden. Diese Überzeugung war der Grund für jahrelangen Frust bis ich begriff, dass diese Zeiten nie wieder kommen werden und dass ich dankbar dafür sein kann, in einer Zeit groß geworden zu sein, in der der Staat noch ein Selbstverständnis davon hatte, auch und insbesondere für die 'kleinen Leute' da zu sein, und nicht das eines Wirtschaftsunternehmens. Die Bejahung dessen, was wir sind, beinhaltet auch, uns von anderen Werten abwenden zu dürfen, wenn wir erkennen, dass sie mit unseren nicht in Einklang sind.
Das ist Selbstbehauptung, und nicht 'Depression'.

Manchmal muss man den Mond anheulen dürfen und natürlich ist das auch ein Stück Trauerarbeit um unsere eigene Vergänglichkeit.
Unausgesprochen sehe ich vor allem in der ersten Strophe immer ein 'die Welt, wie ich sie kannte', die Werte, die mich formten und zu dem machten, was ich heute bin.

Vor allem in der zweiten Strophe klingt für mich ein Frust an, mit dem, was man hat und kann, sich nicht mehr genügend einbringen zu können. Die Schnittmenge mit dem 'mainstream' wird zunehmend kleiner, Konsens über Ziele scheint schwer herstellbar. Neue Freunde können nur die Alten sein. Jedes Alter hat diese inneren Sackgassen, Stellen, an denen man merkt, dass man nicht mehr so weiter machen kann oder möchte wie bisher, nur werden die Möglichkeiten mit zunehmendem Alter weniger, sich selbst zu transformieren. Das ist auch nicht die Aufgabe des Alters. Das, was da ist, ist die endgültige Form. Auch in der zweiten Strophe also Trauerarbeit über die Begrenztheit des menschlichen Wollens. Die Selbstbejahung einerseits und die Abgrenzung zu dem, was man nicht ist, ist sozusagen systemimmanent. Und an deren Ende steht Selbstgewissheit bevor dann das Loslassen (-Lernen) beginnt.

Hierzu passt auch die Feierstimmung der letzten Strophe. 'Ich bin' ruft das LyrI den anderen zu und will sich feiern, und 'ich werde nicht mehr sein', erkennt es.

Mich stört einzig ein mir krumm erscheinendes Bild:
Lasst uns ein letztes Fass aufmachen
Ich kenne 'Fass aufmachen' eher in dem Sinne, dass man aus einer kleinen Sache keine große machen soll: "Mach hier kein Fass auf!" Aber vielleicht ist dieses Bild nur regional verwurzelt.

Alles in allem: Wenn man dieses Gedicht als Selbstausdruck begreift und den Text als Leser nicht nur nach 'politischer Korrektheit' abklopft oder augenscheinlichen Emotionen, kommen die genannten Irritationen gar nicht auf. Verständnis darf auch der Autor und sein LyrI erwarten.

Liebe Grüße
Petra
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Petra,

herzlichen Dank für Deine Gedanken zu diesem kleinen Gedicht.

Natürlich klingt eine gewisse Resignation mit, das sollte sie auch. Ich kenne heutzutage einige Leute meines Alters, die von sich sagen: „Gut, dass wir dieses Erdenrund bald verlassen dürfen. Wir möchten in dieser Welt nicht mehr jung sein.“ Ich kann das verstehen. Zu viele Werte sind in den letzten Jahren verloren gegangen, zu vieles ist einfach bedeutungslos geworden. Die Orientierung geht älteren Menschen allmählich verloren.

Man muss momentan auch wieder sehr aufpassen, was man zu politischen Themen sagt, zu schnell wird man in die eine oder andere Schublade gesteckt. Das finde ich sehr bedenklich. Ich habe leider im Bekanntenkreis erleben müssen, wie eine jahrzehntealte Freundschaft plötzlich wegen unterschiedlicher politischer Ansichten in die Brüche gegangen ist – was früher nie eine Rolle gespielt hätte. Die Standpunkte sind extremer geworden. Der Riss in der Gesellschaft ist da, das braucht niemand mehr zu leugnen.

Was das „Fass aufmachen“ angeht: Ich kenne es durchaus als Synonym für „kräftig feiern“ und habe dies auch im Internet bestätigt gefunden.

Gruß Ciconia
 

Walther

Mitglied
liebe Ciconia,

ich darf und muß dir für das gedicht ein kompliment machen. es paßt formal, hat ein interessantes reimschema und einen situativ verständlichen und gut dargelegten inhalt. auch die sprache selbst weiß zu überzeugen und zu gefallen.

mir erscheint es so, wie es ist, rundherum gelungen - auch wenn die stimmung überwiegend trübe ist; auch die darf man gelegentlich haben ...

Châpeau!

lieber gruß W.
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo,

da empfehle ich zur Kur meine neue Lieblings-Rubrik im Spiegel:
"Früher war alles schlechter"

Was übrigens stimmt. Fast alles war früher schlechter.

Kulturpessimismus ist übrigens nicht nur Leibspeise aller Weltverbesser und Besserwisser, er ist auch das Manna der kackbraun gesinnten, der pseudoreligiös motivierten Selbstmordattentäter und überhaupt der beste Dung für jede böse Saat.

Am Schreiber-Handwerk haste hier nicht viel zu arbeiten aber das Weltbild stinkt. Eines hast Du jedoch richtig erkannt: Als Kulturpessimist kannste Dich gleich erschiessen.

Möchtest Du das?

Gruss

Jürgen

P.S.: Vergiss bitte an dieser Stelle mein Moderatoren-Amt, ich schreibe dies nicht "in der Funktion".
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Walther,

freut mich sehr, dass ich auch Dich einmal mit einem Gedicht überzeugen konnte. ;)
Danke für Kommentar und Bewertung!

Gruß Ciconia
 

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