Sajida

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CPMan

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Ich höre schon den Vorwurf: Das ist ein billiger Trick!
Aber stell dir einmal vor, deine Stadt und dein Land sind von amerikanischen Soldaten besetzt. Sie haben die Regierung gestürzt, das Land verwüstet und die Macht übernommen. Sie patrouillieren auch in deinem Viertel und wenn sie kommen, dann mit schwerem Geschütz. In Humvees mit aufmontierten Maschinengewehren fahren sie an deinem Haus vorbei, unter den schweren Schutzwesten und den großen Helmen vermutest du harte, unnachgiebige Männer. In der Nacht, wenn du schlafen möchtest, hörst du häufig das Geräusch der Drohnen. Sie sind mit Raketen bestückt, von denen eine schon das Haus am Ende der Straße in Schutt und Asche gelegt hat. Du kannst dich noch genau erinnern: an das Zischen, es dauerte zwei Sekunden, und an die Wucht der Explosion, die dich zu Boden warf. An die Stille kurz danach und an das Geschrei und Wehklagen, das dann folgte.

*

Sajida wachte an jenem Tag in dem Bewusstsein auf, dass es ihr letzter sein würde. Im Morgengrauen erhob sie sich von der einfachen Matratze in der angemieteten, leeren Zwei-Zimmer Wohnung und verbrachte die Morgenstunden mit Beten. Anschließend bereitete sie einen Tee in der vergammelten Pantry-Küche zu und setzte sich auf den einzigen Stuhl in dem schmucklosen Raum. Eine Weile saß sie nur so da, dann stand sie wieder auf. Sie wurde unruhig. Sie trank in kurzen Zügen vom heißen Tee und schaute dabei aus dem Fenster, auf die belebte Straße außerhalb des Zentrums von Amman. Als ein Mann auf der Straße unwillkürlich zu ihr hochsah, zuckte sie zurück und machte hastig einen Schritt zur Seite. Sie ging wieder zurück zum Stuhl und setzte sich erneut. Die Zeit verging einfach nicht. Sie dachte an ihre beiden Brüder, die AQI Offiziere gewesen und von amerikanischen Soldaten in der Nähe von Falludscha getötet worden waren. Auch ein Schwager war von amerikanischen Soldaten erschossen worden. Sie dachte an sie, aber sie fühlte dabei nichts mehr. Sie dachte an die Aufgabe, die sie nun hatte. Sie würde den Tod dieser Männer rächen, so wie es das Stammesgesetz vorsah.
Als sie im Begriff war, sich erneut vom Stuhl zu erheben, hörte sie, wie der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür umgedreht wurde. Es war Ali, ihr ‚Ehemann’.


*

Das Foto von Sajida, aufgenommen vom jordanischen Muchabarat, zeigt eine in meinen Augen alte Frau. Wenn ich nicht wüsste, dass sie zum Zeitpunkt der Aufnahme fünfunddreißig Jahre alt war, würde ich sie wohl auf fünfzig Jahre oder älter schätzen. Sie wirkt ein wenig dümmlich, hässlich gar, mit dem weißen Kopftuch sieht sie aus wie ein verkleideter Mann. Für den jordanischen Geheimdienst hat sie nochmal die Weste mit dem Sprengstoff anlegen müssen, zur Beweisaufnahme.
Der erste Blick auf dieses Foto erfüllt mich mit Gleichgültigkeit. Ob sie noch lebt oder gestorben ist, mir ist es einerlei. Unter ihrem Kopftuch und über der Weste erkenne ich nur grob die Physiognomie ihres Gesichtes, Charaktereigenschaften lassen sich dort nicht ausmachen oder ableiten. Sie ist lediglich ein Symbol des Terrors. Ich nehme sie nicht einmal als Mensch war.
Beim zweiten Blick meine ich, die Abwesenheit von Bildung und Erziehung in ihren Augen zu erkennen. Die Unfähigkeit, das eigene Tun zu reflektieren, zu hinterfragen und eigenständig zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Ich meine eine Frau zu sehen, deren Weltbild aus einer Handvoll Behauptungen bestand, die man ihr solange als Wahrheiten verkaufte, dass sie diese auch als solche verstand: Allah ist groß, es gibt keinen Gott außer Gott und die Sunna ist sein Buch.

*

Ali, ihr ‚Ehemann’, hatte die Westen dabei. Er holte sie beide vorsichtig aus der mitgeführten Tasche und legte sie behutsam auf der einfachen Matratze ab. Er bedeutete Sajida mit einer Geste, ihre Weste hochzunehmen und einmal anzuziehen. Sie tat es. Überrascht von dem Gewicht, ertastete sie die Taschen mit der Elektronik und die mit Stahl versehenen Ausbuchtungen im Innenfutter. Es war nicht nur Neugier, sondern auch eine Notwendigkeit, dass sie sich mit der Weste vertraut machte. Sie zog die Schnallen an, um die Weste noch enger am Körper tragen zu können, sie schaute sich genau den Zünder an, den sie würde drücken müssen und sie schwang ihre Abaya um die Weste, um zu sehen, wie unauffällig sie sich damit fortbewegen konnte. Sie war beeindruckt von der passgenauen Schnittform dieses tödlichen Instruments.
Ali zeigte ihr genau, wie sie den Mechanismus auslösen musste. Er fasste sie dabei nicht an, sondern erklärte ihr alles anhand seiner eigenen Weste. Sajida hörte aufmerksam zu und sah Ali dabei nur aus den Augenwinkeln an.


Zarquawi hatte darauf bestanden, dass die beiden heirateten. Er hatte in aller Eile einen Geistlichen herbeigerufen und eine zweifelhafte Zeremonie veranlasst, die seinen strengen, religiösen Idealen Rechnung trug. Immerhin erleichterte diese Heirat ihnen auch, sich besser in die Rollen hineinzufinden, die sie mitsamt ihrer gefälschten Ausweise spielen sollten, gesetzt den Fall, sie würden an der Grenze zu Jordanien kontrolliert werden: Ein Ehepaar, das sich in Amman wegen Unfruchtbarkeit der Frau behandeln lassen wollte.

*

Von außen betrachtet bin ich wohl das, was man despektierlich einen Gutmenschen nennt. Ich verhelfe Schülern mit Migrationshintergrund zu einem Bildungsabschluss, ich habe einen Spendenaufruf für Flüchtlinge initiiert und ihnen, wenn auch nur für kurze Zeit, Deutschunterricht erteilt. Ich habe über PLAN ein Patenkind im Senegal und ich spende Geld für die Welthungerhilfe.
Ich selbst aber erkenne an mir die gleichen Ressentiments gegenüber Ausländern und Flüchtlingen, wie wahrscheinlich viele andere auch. Wenn ich in der U-Bahn neben einem Ausländer sitze, der für meine Begriffe streng riecht, oder das asoziale Verhalten zweier Jugendlicher vermutlich nordafrikanischer Herkunft erlebe, wenn ich einen Handwerker anrufe, der laut myhammer.de Alexander Schmidt heißt, und dann seinen russischen Akzent höre, dann werden meine Toleranz, meine ach so grenzenlose Nächstenliebe und mein Idealismus mit der Realität konfrontiert und halten ihr nicht immer stand.
Aber ähnlich wie ein Gesetz gelegentlich etwas vorschreibt, das gesellschaftlich nicht akzeptiert oder umgesetzt ist, so schreibe ich mir tagtäglich vor, die Dinge differenziert zu sehen, und scheitere nicht selten an dieser selbstgemachten Vorschrift. Nach Köln war ich auch gegen nordafrikanische Jugendliche, nach Paris und Brüssel auch antiislamisch und nach/seit Erdogan ebenfalls antitürkisch. Zumindest eine Zeit lang.

*

Ali fixierte Sajidas Weste mit Panzer-Tape und half ihr dann wieder in die Abaya. Seine eigene Weste fixierte er selbst. Gegen 8:30 Uhr verließen sie beide die Wohnung, auf der Straße vor dem Haus stiegen sie in einen Mietwagen und fuhren zum Radisson Hotel, wo sie gegen 9:00 Uhr ankamen.
Die Festbeleuchtung, der Klang freudig erregter Stimmen, die folkloristische Musik und der Anblick jemenitischer Familien mit Jugendlichen, Kindern und Kleinstkindern irritierten Sajida. Sie war in Erwartung englischsprachiger Geheimagenten und westlicher Militärs zum Hotel gefahren und nun traf sie auf eine weitaus harmlosere Szenerie: Eine Hochzeitsgesellschaft.
Ali und Sajida liefen bedächtig die Stufen zur Empfangshalle des Hotels hinauf und fühlten sich im bunten Treiben der kommenden und gehenden Gäste relativ unbeobachtet. Ihre steife Art zu gehen und ihre nervösen Blicke fielen zunächst niemandem auf. Als sie die Empfangshalle betraten, dauerte es nicht lang und ein junger Mann in Hoteluniform kam auf sie zu.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte er auf Arabisch, in einem recht devoten Tonfall.
Sajida, unfähig zu sprechen, schaute nur auf Ali, der nach kurzem Zögern den Mund aufmachte.
„... mal eine echte jordanische Hochzeit sehen“, murmelte er mehr, als dass er es artikulierte. Er nahm Sajida beim Arm und drückte sie ein wenig in die Richtung des Festsaals, in dem sich die Festgemeinde befand. Der Hotelangestellte glaubte offenbar, dass sie nichts weiter als neugierige Touristen seien und ließ sie gewähren. Er lief zurück zur Rezeption.

Sajida und Ali passierten ungehindert den Eingang zum ‚Philadelphia Ballroom’. Noch am Eingang trennten sie sich voneinander und liefen in Richtung der sich jeweils gegenüberliegenden Seiten des Saals. Sajida lief auf die Gruppe Frauen und junger Mädchen zu, Ali steuerte geradewegs auf die Männer zu.
Als Sajida glaubte, einen strategisch günstigen Punkt gefunden zu haben und die Weste zur Detonation bringen wollte, glitt sie mit ihrer rechten Hand unter die Abaya, ertastete den Zünder und begann, an ihm herum zu fummeln. Dann drückte sie den Auslöser.
Doch nichts passierte.
Sie stutzte, dann signalisierte sie ihrem ‚Ehemann’ mit nervösen Augen, dass es ein Problem gab. Ali warf ihre einen wütenden Blick zu und bedeutete ihr mit einem kurzen Handzeichen, zum Eingang des Festsaals zurück zu gehen.
Sajida tat wie ihr geheißen. Als sie fast am Eingang des Festsaals angekommen war, drehte sie sich nochmal zu Ali um. Sie sah gerade noch, wie er einen Tisch erklomm. Dann folgte die ohrenbetäubende Explosion.


*

Die völkische Idee ist mir genauso fremd wie die Scharia. In meinem Leben treffe ich nette und weniger nette Ausländer, genauso wie ich nette und weniger nette Deutsche treffe. An einem Tag denke ich auch, dass wir nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen können, am nächsten denke ich, dass unser Wohlstand auf der Armut und Ausbeutung der ärmsten Menschen dieser Welt fußt und dass wir es verdienen, mit Flüchtlingen ‚gestraft’ zu werden. An einem Tag bin ich mir keiner Schuld bewusst und empfinde Gleichgültigkeit gegenüber den ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer, am nächsten Tag will ich einen bei mir zuhause aufnehmen, und bin dann froh, wenn meine Familie es mir ausredet. Also spende ich Geld und beruhige mein schlechtes Gewissen mit kontaktloser Hilfsbereitschaft.
Im Spannungsfeld dieser widersprüchlichen Gedanken kann ich sogar mit dem Programm der AfD sympathisieren und mich erst mit einer Überdosis Höcke auf Youtube von dieser Geschmacksverirrung befreien. Letztendlich ist da eine große Verunsicherung.

In guten Momenten, so glaube ich, ergreift jedoch eine leise Stimme in mir das Wort. Sie sagt: In einer politischen Krise müssen alle Gedanken und Überlegungen auf den Tisch, in einer Demokratie muss auch dem Anti-Demokraten mit Vernunft und Argumenten begegnet werden, nicht mit Verweigerung oder blankem Hass. Aber in einem humanitären Kontext müssen wir sagen: Die Flüchtlinge sind da! Und die Menschlichkeit, oder das Bestreben danach, gebietet uns zu helfen. Und so ist dies tief in meinem Innern der erste Impuls, den ich fühle, wenn ich einen Menschen in Not sehe: Ich will helfen. Aber, auch das muss ich zugeben, gelegentlich vermag ich, diesen Impuls erfolgreich zu unterdrücken.

*

„Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Da bin ich weggerannt“, sagte Sajida später im Verhör.
„Sie haben mir gesagt, ich würde Amerikaner töten“, behauptete sie weiter. „Ich wollte nur den Tod meiner Brüder rächen.“
Bis zuletzt glaubte sie daran, dass die Operation ein Missverständnis war, dass Zarquawi selbst einem Irrtum aufgesessen war. Niemals, so ihre Überzeugung, hätte er sie losgeschickt um unschuldige Frauen und Kinder auf einer Hochzeit zu töten.
„Ich wollte nicht sterben“, sagte sie zuletzt.

Der jordanische Muchabarat verlor sehr bald das Interesse an ihr. Sie hatte nie die Führungskräfte in Zarquawis Organisation getroffen, sie kannte keine der konspirativen Wohnungen und war auch über die Schmuggelrouten nicht informiert. Sie war dumm, wertlos, und für Zarquawis Männer perfekt gewesen: eine todtraurige Frau, die den Tod ihrer Liebsten rächen wollte.

Am 4. Februar 2015 wurde Sajida Al-Rishawi gehängt.

*

Sajida al-Rishawi wurde nur 45 Jahre alt. Man kann sie als Täter und als Opfer sehen. Wenn man die Kommentare unter dem Youtube Video, das von ihrer Exekution berichtet, liest, dann gewinnt man den Eindruck, dass die Mehrheit sie undifferenziert als Täterin, als das personifizierte Böse ansieht. Man wünscht ihr, in den Kommentarspalten, auf dem Times Square geköpft zu werden, man überlegt, ihr Dynamit zu implantieren und sie dann als Tausch für Häftlinge des IS zu benutzen und man überlegt, sie von Pferden vierteilen zu lassen.

In Anbetracht all dieser biblisch anmutenden Vergeltungsphantasien wird mir eines klar: Ambivalenz wird als Schwäche ausgelegt. Wir leben in einer Zeit, in der sich zwei völlig verhärtete Fronten gegenüberstehen, doch zwischen den beiden Parteien befindet sich ein Niemandsland unglaublichen Ausmaßes. Dieses Niemandsland verhindert jeglichen Kontakt oder Dialog, und jeder, der es betritt, wird sofort als Überläufer tituliert und von den eigenen Leuten als Verräter erschossen. Ambivalenz ist schlimmer als eine klare Positionierung.

Ich aber tappe im Dunkeln durch dieses Niemandsland, mal näher an der einen, mal näher an der anderen Seite, aber ich fühle mich keiner zugehörig, trage keine Uniform, habe kein Gewehr dabei. Ich könnte die weiße Fahne hissen, aber man würde es für einen Trick halten.

Und mich von beiden Seiten erschießen.




* mit sinngemäßen Übernahmen aus Joby Warrick’s ‚Black Flags – The Rise of Isis’ (Bantam Press: 2015)
 
Lieber CPMan, formal ist das ein interessantes Experiment. Ich weiß nicht, ob es wirklich als geglückt bezeichnet werden kann, und das ist jetzt keine Ausrede, ich bin mir tatsächlich unsicher. Einerseits bin ich froh, in dieser Rubrik mal etwas lesen zu können, was formal nicht dem üblichen Einerlei des Kurzgeschichteneintopfs entspricht. Andererseits: Der stilistische Wechsel von orientalischer Handlung und Selbstvergewisserung eines Europäers wirkt abrupt und krass. Mein Gefühl würde mir raten, falls ich je etwas Ähnliches versuchen sollte, diese beiden Ebenen fließender ineinander übergehen zu lassen.

Inhaltlich finde ich die Interpretation der Attentäterin nachvollziehbar, anschaulich, überzeugend. (Ausnahme: Kann man wirklich die "Abwesenheit von Bildung und Erziehung" an den Augen ablesen? Ich würde mir das nicht zutrauen.)

Die Positionen des Erzählers sind mir im Übrigen überwiegend sympathisch, aber das nur ganz am Rand, und zwar nicht nur im Hinblick auf den Vorrang von Textarbeit. Wie insoweit hier die Lage ist, kann man ja den erregten Reaktionen auf Lapismonts jüngstes Gedicht entnehmen. Die Stimmungsdemokratie, die wir im Land seit längerem haben, mutiert allmählich zur Gesinnungsdiktatur. Na ja, jeder Blödsinn muss sich erst totlaufen. Kein Wort weiter dazu an dieser Stelle.

Habe gern mit "8" gewertet.

Freundlich-kollegialen Gruß
Arno Abendschön
 

CPMan

Mitglied
Lieber Arno,

vielen Dank für deine Rückmeldung.

formal ist das ein interessantes Experiment.
Sehe ich genauso. Als ich das am Ende zitierte Sachbuch las, wollte ich aus unerfindlichen Gründen dieses Attentat aus Sajidas Sicht fiktiv aufbereiten. In Teilen bin ich recht nah am Originaltext, in anderen Teilen eher nicht.

Parallel dazu kamen mir Gedanken, die das Thema Terrorismus, Flüchtlinge und europäische versus nicht-europäische Perspektive betrafen. Die Idee war beides zu verquicken, wobei ich selbst finde, dass viele schriftlich fixierte Themen zu weit weg vom Geschehen um Sajida sind.

Dazu passt dein Eindruck:

Der stilistische Wechsel von orientalischer Handlung und Selbstvergewisserung eines Europäers wirkt abrupt und krass.
Inhaltlich finde ich die Interpretation der Attentäterin nachvollziehbar, anschaulich, überzeugend.
Schön!

Ausnahme: Kann man wirklich die "Abwesenheit von Bildung und Erziehung" an den Augen ablesen? Ich würde mir das nicht zutrauen.
Nun, man spricht gelegentlich von einem 'wachen' Blick und ich finde, dass damit auch eine gewisse Scharfsinnigkeit und Intelligenz assoziiert wird. Und genauso gibt es auch den, ich nenne es mal 'trüben' Blick, der das Gegenteil von Scharfsinnigkeit zumeist erahnen lässt. Ausnahmen bestätigen aber die Regel!

Wie insoweit hier die Lage ist, kann man ja den erregten Reaktionen auf Lapismonts jüngstes Gedicht entnehmen. Die Stimmungsdemokratie, die wir im Land seit längerem haben, mutiert allmählich zur Gesinnungsdiktatur. Na ja, jeder Blödsinn muss sich erst totlaufen. Kein Wort weiter dazu an dieser Stelle.
Ich habe den Text auch in einem Forum veröffentlicht, in dem sich User jeder politischen Couleur tummeln, und da wurde mir vorgeworfen, ich würde "hintenrum versuchen, einen Selbstmordattentäter zu verherrlichen". Im Gegensatz zu diesem besagten Forum ist die LeLu eine Insel der Glückseligkeit.

LG,

CPMan
 
Lieber CP-Man, danke für die Replik. Nur auf eins will ich kurz eingehen: "Scharfsinnigkeit und Intelligenz", worauf du nun bei Sajidas Blick nachvollziehbar abstellst, stehen in keinem direkten Ursache-Wirkungs-Verhältnis zu "Bildung und Erziehung". Das sind jeweils selbständige Kategorien, die sich, wenn vorhanden, natürlich gegenseitig verstärken können. Auf meine Kritik hin hast du das eine jedoch durch das andere ersetzt. Ja, aus dem Blick kann man schon Schlüsse auf die Grundausstattung einer Persönlichkeit ziehen, eher weniger jedoch auf die individuelle Bildungsbiographie, zumal in einer fremden Kultur.

Wenn ich dich ärgern wollte, könnte ich die Vermutung ausdrücken, dass da eine eurozentristische Lehrerperspektive sich geltend gemacht hat. Aber so weit würde ich doch nie gehen ...

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

yza

Mitglied
Hi, ich wollte nur mal sagen, dass mir der Text ausgesprochen gut gefällt. Und überhaupt finde ich es bemerkenswert, dass du dich und wie du dich mit so einem Thema auseinander setzt.
Politisch motivierte Texte, so würde ich das jedenfalls einordnen, sind in deutschsprachigen Lit-Foren nur allzu rar.
Auch deine anderen Texte in Sachen 'Asylanten/Migration' gefallen mir...

write on... ( ?? ?? ??)
 

MicM

Mitglied
Hallo CPMan,

sprachlich ist der Text aus meiner Sicht sehr gut; auch die Montage der beiden Erzählebenen ist - soweit ich das beurteilen kann - handwerklich sehr gut umgesetzt. Das bietet die Gelegenheit, sich vor allem mit dem Inhalt im Detail auseinanderzusetzen; dabei sind mir einige problematische Aspekte aufgefallen:

Vor der Lektüre deines Textes war mir die Geschichte von Sajida nicht bekannt. So wie du ihre Geschichte erzählst (einschließlich der Referenz), gehe ich als Leser davon aus, dass die Geschichte so stimmt (historisch belegt ist etc.). Du beschreibst sie - ich verkürze - vor allem als dumm, naiv bzw. leichtgläubig und in gewisser Hinsicht als „Opfer“. Nach kurzer Internetrecherche (bspw. Wikipedia) zu ihrer Person bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, wieviel von deiner Erzählung objektiv/gesichert und was davon eigene Interpretation/fiktional ist. Ich sage damit nicht, dass Wikipedia immer recht hat. Doch für einen Leser, der nicht selbst ausgiebig zu dem Thema recherchiert hat, ist in deiner Geschichte – so jedenfalls mein Eindruck – die Grenze zwischen historisch belegten Fakten und fiktionaler Ergänzung nicht mehr erkennbar. Das finde ich problematisch. Es sei denn du möchtest dich tatsächlich nur an „Fachpublikum“ wenden.

Die Gedanken des Ich-Erzählers finde ich bezogen auf die jeweiligen Abschnitte nachvollziehbar. Blendet man aber die zweite Erzählebene aus (Geschichte von Sajida), wird es für mich etwas wirr. Der erste Abschnitt (Stell dir mal vor…) provoziert aus meiner Sicht Mitgefühl. Im zweiten Abschnitt geht es aber um Gleichgültigkeit und es wird auf Sajida „herabgeschaut“. Im dritten Absatz wiederum bezeichnet sich der Ich-Erzähler (durch eine geschickte indirekte Wendung) als „Gutmensch“, um darauf basierend sein permanentes „Ringen“ und „Abdriften“ bei dem Gutmenschentum zu skizzieren. Im letzten Absatz werden dann ein paar „Fakten“ aufgelistet und die Behauptung aufgestellt, dass der Ich-Erzähler gedanklich im Niemandsland herumtappe („eigentlich“ hat er ja eine Meinung, nämlich das eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist). Das ist hier jetzt etwas verkürzt von mir; soll nur meinen Eindruck verdeutlichen.

Eine wesentliche Aussage, die ich aus dem Text herauslese, ist für mich aber: Man sollte immer das ganze Bild sehen und darf dabei aber auch zweifeln. Das finde ich eine gute Linie.

Insgesamt habe ich großen Respekt davor, dass du dieses Thema aufgreifst. Daher bitte die vorgenannte Kritik als konstruktive Anregung verstehen. Gerade weil ich das Thema für wichtig halte, könnte man vielleicht in den Text noch mehr Stringenz hineinbekommen.

Auf bald,
MicM
 

CPMan

Mitglied
Hallo MicM,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren!

sprachlich ist der Text aus meiner Sicht sehr gut; auch die Montage der beiden Erzählebenen ist - soweit ich das beurteilen kann - handwerklich sehr gut umgesetzt.
Danke für die Blumen!

Blendet man aber die zweite Erzählebene aus (Geschichte von Sajida), wird es für mich [red]etwas wirr[/red]. Der erste Abschnitt (Stell dir mal vor…) provoziert aus meiner Sicht Mitgefühl. Im zweiten Abschnitt geht es aber um Gleichgültigkeit und es wird auf Sajida „herabgeschaut“. Im dritten Absatz wiederum bezeichnet sich der Ich-Erzähler (durch eine geschickte indirekte Wendung) als „Gutmensch“, um darauf basierend sein permanentes „Ringen“ und „Abdriften“ bei dem Gutmenschentum zu skizzieren. Im letzten Absatz werden dann ein paar „Fakten“ aufgelistet und die Behauptung aufgestellt, dass der Ich-Erzähler gedanklich im Niemandsland herumtappe („eigentlich“ hat er ja eine Meinung, nämlich das eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist)
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Auch wenn ich Gefahr laufe, aus der Not eine Tugend zu machen, ist der wirr anmutende Gedankengang des Ich-Erzählers ja gerade das, was die Ambivalenz ausmacht. Mitgefühl, Gleichgültigkeit, Überlegenheit wechseln sich ab, man ringt um eine Position, die einem der beiden Pole einer polarisierten Gesellschaft entspricht und erwischt sich selbst dabei, wie man mal die, mal jene Position als die eigene wahrnimmt. Unsere Gesellschaft aber, so empfinde ich es zumindest, versteht dieses Zaudern als 'Jammern' auf hohem Niveau und duldet verschwommene, unklare Positionen nicht. Und die Frage, ob man sich in diesen Zeiten eine solche Ambivalenz leisten kann oder darf, finde ich sehr spannend. So spannend wie die Frage, ob man die AfD auf jeden Fall ablehnen muss, selbst wenn man unter den Gemäßigten außerhalb des rechten Flügels von Höcke und Co. Politiker findet, die gelegentlich durchaus Nachvollziehbares von sich geben.

LG,

CPMan
 

MicM

Mitglied
Hallo CPMan,

nun ja, die Welt ist voll von komplexen Problemen (war sie eigentlich schon immer, nur gab es in den 90ern ein Zeit, wo sich einige Probleme vermeintlich zu lösen schienen). Kein Problem lässt sich aus meiner Sicht mit einfachen Parolen beantworten/lösen (von niemandem). Im Hinblick auf die Flüchtlingskrise hast du das ja auch skizziert. Ambivalenz und Nachdenken sollte niemals in Frage gestellt werden.

Ich persönlich habe auch die Hoffnung, dass die Zeit der „Twitter-Politik“ und von ähnlichen Zeitgenossen nur eine Phase ist, die sich auch wieder ändert. Warum tolerieren denn die „Gemäßigten“ in der AfD die extremen Positionen von Höcke? Aussagen wie „Es ist ja nicht alles schlecht…“ halte ich für brandgefährlich.

Wie gesagt, die Gedankenwelt und das „Zweifeln“ des Prot in deinem Text finde ich nachvollziehbar. Zum Ende hin entzieht sich dein Text aber durch seine starke Ambivalenz gewissermaßen seine eigene „Existenzgrundlage“. Denn da selbst an der Ambivalenz als solcher letztlich gezweifelt wird (man würde mich erschießen), könnte man den Text auch als (subtilen) „Extremismus-Aufruf“ lesen (wer will schon erschossen werden). Mit anderen Worten: „Schmeißt diesen zaudernden Text in die Tonne! Auf zu den Waffen!“ Ich hoffe, das war nicht deine Ambition.

Auf bald,
MicM
 

CPMan

Mitglied
Hallo MicM,

Denn da selbst an der Ambivalenz als solcher letztlich gezweifelt wird (man würde mich erschießen), könnte man den Text auch als (subtilen) „Extremismus-Aufruf“ lesen (wer will schon erschossen werden). Mit anderen Worten: „Schmeißt diesen zaudernden Text in die Tonne! Auf zu den Waffen!“ Ich hoffe, das war nicht deine Ambition.
Nein, so möchte ich den letzten Passus nicht verstanden wissen, denn er übt in meiner Lesart nicht Kritik an dem Zauderer, sondern an den Mitgliedern der beiden verfeindeten Lager, die es nicht dulden, wenn jemand sich 'im Niemandsland der Ambivalenz' aufhält. Wenn da ein Aufruf drin steckt, dann eher dieser: Mitglieder beider Lager, versammelt euch im Niemandsland, denn nur dort ist Frieden und Verbrüderung möglich.

LG,

CPMan
 

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