SAM

Penelopeia

Mitglied
Nach dem ungeplant-vorzeitigen Ende der Veranstaltung in der Caféteria verzogen sich die Heiminsassen mitsamt ihren Pflegerobos und einer Menge unbeantworteter – wohl auch unbeantwortbarer – Fragen in Fluren, Gängen, Toiletten.

Kowalski merkte erst an seiner Zimmertür, dass ihm Schulze-Schwarzer gefolgt war. Sie warf ihm einen Bettelblick zu, er reagierte nicht. Dass er mit seinem neuen Teil immer konnte, musste noch lange nicht heißen, dass er auch immer wollte – wann würde dieser dauernachhaltigen Person einmal eine schwache Ahnung von der Existenz einer Nachhaltigkeitsgrenze kommen! Außerdem: Er hatte ja wohl gesagt, dass er die Einrichtung verlassen würde. Die Beziehung stand somit ohnehin vor dem Aus.

Abrupt drehte er sich um und schlug die Tür vor der Nasenspitze von Schulze-Schwarzer nachhaltig zu.

Die stand noch einen Moment beleidigt, vor sich hin kochend und in Gedanken Rachepläne wälzend, setzte sich aber in Bewegung, als sich vom Ende des Flures her zwei Personen näherten: Frau Ortolani-Mancini und Herr Rohrgebauer!

Die zwei stritten sich ebenfalls, allerdings verstand Schulze-Schwarzer nur Bruchstücke. Sie schnappte Worte auf wie „Softwarefehler“, „Drahtbruch“, „Totalausfall“ und ahnte dunkel den Zusammenhang: die zwei rangen gewiss mit der Freigabe weiterer Teile ihres natürlichen Körpers für das hausinterne Tauschprogramm.

Kurz hinter den beiden stolperte eine weitere Gestalt durch den Flur: Sam, der Unsterbliche, ein Bewohner der Einrichtung, der lange an Bord war, vielleicht am längsten von allen. Die meisten nannten ihn Sam, vermutlich, weil er sich jedem neuen Bewohner der Seniorenresidenz als „Sam“ vorstellte und auch sofort das Du anbot. Was er verschwieg, war die wahre Bedeutung seines Namens: kaum jemand wusste, dass es sich dabei um ein Akronym handelte, das für „Super Automated Machine“ stand und aus einer beliebten Kindersendung herrührte. (Wenn Sam übrigens seinen Namen schrieb, so korrekt als S.A.M. Allerdings hatte in den letzten Jahren keiner mehr seinen Namen handschriftlich aufs Papier gebracht sehen wollen, es gab ja seit Jahrzehnten die elektronische ID, die aus verschiedenen Quellen – Stimmfrequenzen, Fingerabdrücken, Schuhgröße, Vorlieben usw. – kompiliert wurde und als reichlich fälschungssicher galt.)

Frau Schulze-Schwarzer hatte viel gehört über Sam, manches mutete anfangs beinahe unglaublich an. Doch im Laufe der Zeit, mit wachsender Einsicht in die Abläufe der Einrichtung, gewannen viele der zunächst für Spinnerei oder übertreibende Ausmalung gehaltenen Aussagen den Status realer Möglichkeiten. Von Sam wurde also behauptet, er heiße in Wirklichkeit Max Postkirchner, sei einmal ein erfolgreicher Motorradrennfahrer mit vielen Europa- und sogar Weltmeistertiteln gewesen, habe viele üble Verletzungen erlitten und sich alle denkbaren Knochen gebrochen – von den Hüften über die Oberschenkelhalsknochen, die Schienbeine, Nase und Ohren bis zu so ziemlich jedem Hals- und Brustwirbel; wider alle Erwartung seiner Trainer und Betreuer überlebte er immer wieder, regenerierte sich, trat zu neuen Rennen an. Das ging so lange, bis er aus Altersgründen keine Zulassung mehr zu den Rennen erhielt, worauf er einen Koller bekam, sich aus lauter Verzweiflung auf seine Maschine setzte, den Helm über den Zaun seines Grundstückes warf, auf Fahrt und mit Vollgas in die nächste Kurve ging, jedoch geradeaus weiter fuhr und gegen das nächstbeste Hindernis krachte.

Das war nun rein zufällig die Hauswand des Seniorenheimes. Die erschrockenen Pflegerinnen sammelten seine Reste auf und übergaben sie der Heimleitung. Die regenerierten Postkirchners Wrack erneut.

Mit dieser im Heim erfolgten letzten und wohl recht gründlichen Rekonstruktion entstand vermutlich auch das Gerücht, Max Postkirchner sei in Wirklichkeit gar nicht mehr er selbst, sondern ein Ersatz seiner ursprünglichen Person. (Manche wollten auch wissen, Max Postkirchner sei nicht in einer einmaligen Rettungsaktion komplett konvertiert worden, sondern habe das im Laufe der Jahre stückweise vollziehen lassen; er habe also zunächst alle seine Organe gegen künstliche Ersatzteile austauschen lassen; dann die Haut, das Skelett; zum Schluss das Gehirn mit Hülle, also mit Schädel, Augen, Ohren, Haaren usw.)

Frau Schulze-Schwarzer hatte dies und das gehört. Sie war sich nicht sicher, welchem der Gerüchte welcher Wahrheitsgehalt zuzugestehen war; einerseits erschien ihr die Vorstellung, so gruselig sie sein mochte – und übrigens auch interessant und die Fantasie befeuernd –, durchaus plausibel, mit Max Postkirchner einer rein künstlichen Person gegenüberzustehen.
Andererseits blieben Zweifel an Max Postkirchners Cyborg-Existenz: immer noch wirkte er wie ein Mensch, wenn auch einer mit offensichtlichen Blessuren, verheilten Wunden und großen, eindrucksvollen Narben. Wenn er sprach, zitterte nicht nur seine Stimme, nein, es zitterten auch seine Hände! Dazu blinzelte er nervös mit den Augen und strich sich die widerspenstigen grauen Resthaare – lange, fettig-strähnige Schlieren, die ihm vor den leicht schielenden Augen baumelten – aus dem Gesicht. Kaum zu glauben, dass dieser nervös-dünnhäutige Typ einmal ein eiskalter Profibiker gewesen sein sollte, der seine Konkurrenz in Grund und Boden fuhr! –Die Operateure hatten, wenn die Gerüchte mit der Totalkonvertierung stimmten, hervorragende Arbeit geleistet!

Frau Schulze-Schwarzer grüßte freundlich Frau Ortolani-Mancini und ihren Begleiter, den langweiligen, doch desgleichen dauerwachen Exrohrleger Rohrgebauer – was war schwerer erträglich als ein Langweiler mit Dauerpräsenz? – und hob die Hand, was sie als Stoppzeichen und Ankündigung einer wichtigen Frage für ganz eindeutig und nachhaltig mitteilsam hielt. Doch das seltsame Paar aus Ex-Diva und Ex-Handwerksmeister kümmerte sich gar nicht um Schulze-Schwarzers eindeutig-nachhaltige Geste. Die beiden grüßten nicht und mieden offenbar auch den direkten Blickkontakt mit Schulze-Schwarzer; ohne ihr Teiletausch-Gespräch zu unterbrechen, liefen sie vorbei.

Worauf sich Schulze-Schwarzer sofort in deren Windschatten hing. Unter keinen Umständen wollte sie in ein Gespräch mit Sam verwickelt werden: trotz aller offenen Fragen, trotz der sicher eindrucksvollen Vergangenheit des Max Postkirchner, trotz der in ihrer Fantasie bereits häufiger ausgelebten Vorstellungen, wie denn wohl eine Bettszene mit einem echten Cyborg verlaufe – die Unlust, sich jetzt mit ihm auf ein längeres Gespräch einzulassen, überwog.
Bloß weg!

Doch es war zu spät. Sam lief schneller über den Flur, als man es für gewöhnlich einem alten Mann zutraut – eindeutig ein Indiz für die erfolgte Konvertierung!
Nach vier, fünf Schritten spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Eine kühle Hand. Eine schwere Hand.
„Entschuldigen sie, liebe Frau Schulze-Schwarzer“, hörte sie Sams zittrige Stimme im gleichen Moment, „entschuldigen sie, mich interessiert ihre Meinung zum Vortrag!“
Frau Schulze-Schwarzer erstarrte, als habe Sams kühle Hand ihren Körper in einen Eisblock verwandelt. Alle Kraft wich aus ihr, wie angewurzelt blieb sie stehen und ließ Ortolani-Mancini und Rohrgebauer ziehen. Offenbar beschleunigten die ihre Schritte und intensivierten gleichzeitig ihren Streit, es waren, selbst als sie bereits das Treppenhaus erreicht hatten, einzelne Worte und Satzfetzen wie „Vermeidung neurodegenerativer Prozesse“, Hirnrissigkeitspotential minimieren“, „neuer Schaltkasten“ zu vernehmen.
Sie zögerte noch einen Moment, drehte sich dann aber entschlossen um.
Sam lächelte und strich sich eine fettige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich fand den Vortrag hervorragend“, sagte er. „Künstliche Organe sind den natürlichen in jeder Weise überlegen, ich kann es, aus eigener Erfahrung, vollauf bestätigen. Vor allem bei bestimmten, zu Verschleiß, vorzeitiger Alterung oder gar dem erschlaffenden Absterben neigenden Organen empfiehlt sich ein rechtzeitiger Ersatz!“
Er schwieg und sah Schulze-Schwarzer erwartungsvoll an, wobei ein hintergründiges Grinsen über die Züge seines vernarbten, faltenreichen Gesichts huschte. Offenbar war er sich der Wirkung seiner Verheißung sicher.

Für einen winzigen Moment wirkte die. Frau Schulze Schwarzer verlor sich für Zehntelsekunden in der berückenden Vorstellung von Sex ohne jede zeitliche Begrenzung, von einer quasi endlosen Nummer. (Eine Vorstellung, die ihr Kowalski bereits mehrfach auf sehr praktisch-eindrucksvolle Weise widerlegt hatte, aber daran dachte sie jetzt gerade nicht.) Sie blendete in diesem Augenblick alle Erfahrungen und alles Wissen aus und schwang sich in die unverschämten Höhen erotischen Wunschdenkens: sie träumte tatsächlich von einem Höhepunkt ohne Schlusspunkt – man hörte ja immer wieder, das sei mit einem echten Cyborg möglich, kraft der entwickelten Technik wäre das kein Problem mehr; Probleme gäbe es – das fiel ihr zum Glück dann doch noch ein – immer nur mit dem Gegenstück, mit dem Partner, wenn der kein Cyborg sei…
Ihre Stimmung kippte. Frau Schulze-Schwarzer sah sich plötzlich unter einem gefühllosen, überschweren Cyborg liegen. Sie kämpfte, sie litt, und der Typ bemerkte es nicht in seiner Universalpotenz und endlosen Lust!
Augenblicklich erwachte in ihr der nachhaltigste Widerstand, ja: der Widerstand der unterdrückten, verachteten, verlachten, sexuell ausgebeuteten Frau! Mit einem Schlag erinnerte sie sich des Inhalts aller grundsätzlichen Werke der feministischen Literatur, angefangen von Virginia Wolfs „Ein gewisses Zimmer“ über Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ bis hin zu Judith Butlers „Unbehagen der Geschlechter“: Sie, die Frau, würde wieder Opfer sein! Nein, das durfte nicht und würde nicht sein. Nicht hier, auf diesem Flur! Weiblichkeit war und blieb ein männergemachtes Konstrukt, sogar dann, wenn der Mann ein Cyborg war!
Außerdem: was bildete sich dieser Typ, dieser pockennarbige Konvertit mit der zitternden Stimme und den öligen Haarsträhnen eigentlich ein? Kaum war Kowalski in seinem Zimmer verschwunden, sah er in ihr seine Jagdbeute! Sie war doch kein Freiwild, schon gar nicht für einen verunfallten Exritter rostiger PS-Raketen!
Mit aller Kraft holte sie aus. Dem würde sie eine brezeln! Es müsste eigentlich klappern oder wenigstens scheppern, fuhr es ihr noch durch den Kopf. Da stand plötzlich Maria, die Pflegerin, neben ihr.

Frau Schulze-Schwarzer ließ verdattert die Hand sinken. Im Eifer des Gefechtes hatte sie das Näherkommen Marias nicht wahrgenommen.
Auch Sam schien überrascht. Er zuckte mit den Schultern und war im nächsten Moment verschwunden.

Ob sie den Neuzugang gesehen habe, wollte Maria wissen.

Nun erinnerte sich Frau Schulze-Schwarzer: Hatte der nicht seinen Kopf auf den Tisch in der Caféteria gelegt, als alle herausstürmten?

Herausstürmten? Woraus heraus?

„Na“, sprudelte Frau Schulze-Schwarzer und atmete dabei nachhaltig aus, „wir saßen doch alle zusammen in der Abteilung II!“
 

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