scheinbar

Luis Vänster

Mitglied
Prolog
Rom, 2014

Ich stand wie angewurzelt mitten auf der Piazza Navona. Meine behandschuhten Hände umklammerten mein Smartphone, auf das ich ungläubig starrte. Der Moment war gekommen, auf den ich fast fünf Jahre gewartet hatte.
„Post von L.“, lautete Chiaras kurze Nachricht.
Langsam hob ich den Kopf und mit einem Schlag drangen die Stadtgeräusche wieder zu mir durch. Ich stieß zittrig eine Atemwolke in die kalte Novemberluft, ließ das Handy in meiner Manteltasche verschwinden und machte mich auf den Weg. An der Haltestelle zögerte ich und entschied mich dann für den Fußweg. Mit dem Bus wäre ich schneller zuhause, aber ich brauchte jetzt Bewegung und einen möglichst klaren Kopf. Die gedankliche Vorbereitung der letzten Jahre hat nicht viel gebracht, merkte ich. Ich fühlte mich wie überfahren und gleichzeitig wie elektrisiert. Als ich mein Viertel erreichte, verfiel ich in einen Laufschritt, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und zu rennen begann. Die kalte Luft stach in meiner Lunge, die Brille hüpfte bei jedem Schritt auf meine Nase und meine Stiefel patschten rücksichtslos durch Regenpfützen.
An der letzten Kreuzung blieb ich atemlos stehen, stemmte die Hände in die Seiten und blinzelte Tränen aus den Augen. Zusammenreißen, ermahnte ich mich.
Tausende Fragen stürzten über mich ein. Ich schluckte.
Ich setzte erst zögernd einen Fuß vom Gehsteig und überquerte dann die Straße. Ich drängte mich gerade zwischen zwei parkenden Autos hindurch, da gab es einen gewaltigen Schlag. So heftig, dass der Boden erzitterte. Sekundenbruchteile später stiegen dunkelgraue Wolken aus einem Hausdach etwa hundert Meter von mir entfernt empor.
Fassungslos starrte ich auf den Qualm, vernahm entfernt entsetzte Schreie. Wie von selbst trugen mich meine Beine auf das Haus zu. Ich ließ meine Tasche fallen, zog meinen Pullover über Mund und Nase, ignorierte die Rufe der Nachbarn und entriss mich den Griffen der Leute.
Zwei Stufen auf einmal nehmend hetzte ich die Treppe hinauf.
„Chiara!“, schrie ich panisch und stürzte durch das Loch, wo noch vor kurzer Zeit unsere Wohnungstür gewesen war.
„Chiara!“



Kapitel 1
Rom, 2021

Am achten Mai um 10:36 Uhr betrat eine junge Frau mit schwarzen Locken, braunen Augen hinter großen modischen Brillengläsern, in lässigen Jeans und einem grauen Strickpullover die Galleria Comino Galtelli in der Via Funtano. Über der Schulter trug sie einen roten Sportbeutel und auf dem Gesicht ein Lächeln, das nur ihre Lippen umspielte. Sie reichte der Frau an der Kasse ihren Studierendenausweis und passierte daraufhin ohne Probleme die Sicherheitsschranke. Zielstrebig durchquerte sie das Foyer und wählte die Treppe ins erste Obergeschoss.
Im selben Moment trat ein ungleiches Paar aus dem Gang zu den Toiletten hinaus in den Hauptausstellungssaal. Der Mann im Kapuzenpullover platzierte eine Musikbox auf der Stele neben einer Plastik aus bunten Glasstäben, was im selben Augenblick einen schrillen Alarm lossetzte. Die Frau in einem langen dunkelblauen Kleid begann sich grazil zu der Musik zu bewegen und schwebte zwischen den Kunstwerken umher.
Zwei Minuten später hatte der Sicherheitsangestellte, der heute Fabio vertrat, den Alarm ausgeschaltet und zwei bullige, aber sehr diskrete Wachmänner geleiteten das sich windende Paar hinaus auf die Straße.
Das veranlasste die gerade eingetroffene Besucherin dazu, die Kassiererin in ein Gespräch zu verstricken.
In der Zwischenzeit hatte die Schwarzhaarige den breiten Verbindungsgang im Obergeschoss erreicht. Sie lief nah an der Wand entlang, zog mit einer fließenden Bewegung den Beutel von der Schulter, ließ ihn in einem Putzwagen verschwinden, der im Flur stand und hängte sich sogleich eine identische Tasche ums Handgelenk. Ungerührt trat sie in die menschenleere Sala Nuora, legte den Beutel neben einer Bank ab und entnahm ihm ein Paar Handschuhe und eine Zange. Langsam und vorsichtig hob sie die Glasvitrine an, knipste die vier Drähte an jeder Kante durch, legte den Deckel beiseite und verstaute den Inhalt in mit Stoff ausgelegten Kästchen. Nachdem sie auf dem leeren Sockel eine schwarze Visitenkarte mit weißer Aufschrift hinterlassen hatte, platzierte sie den Deckel wieder, hob ihre Tasche auf und wandte sich gerade zum Gehen, als der Alarm wieder einsetzte. Mit einem Knirschen löste sich das Sicherheitsgitter aus der Decke und sank in Richtung Boden. Fluchend stürzte sie zu dem einzigen sich schließenden Ausgang.
„Moment.“, hielt sie eine Stimme zurück. Sie wirbelte herum und sah sich einer Frau mit verschränkten Armen gegenüber. Sie stand in einer Mischung aus ängstlicher Anspannung und gefährlicher Entspannung neben der leeren Vitrine.
„W…“, ihr blieb das Wort und die anschließende Frage im Hals stecken. Innerlich verfluchte sie Rico aufs Übelste. Aus dem Augenwinkel sah sie wie das Gitter sich mit einem letzten Rucken auf die Steinfliesen senkte. Sie war eingesperrt. Mit einer fremden Frau. Und Schmuckstücken im Wert von etwa 2,4 Millionen Euro.
„Das Sicherheitsteam wird seine Kontrolle im Sala Imperiale beginnen. Sie brauchen ungefähr zwei Minuten bis sie ins Obergeschoss wechseln. Ich weiß, wie wir hier herauskommen. Aber das werde ich dir erst sagen, wenn du meinem Deal zugestimmt hast.“, erklärte ihr die Frau mit mühsam ruhiger Stimme.
Ciocca musterte sie skeptisch. Ihr Gegenüber trug die Uniform einer Museumsangestellten. An ihrer Brusttasche steckte ein Namensschild, das sie aber nicht lesen konnte.
Sie kontrollierte die Uhr an ihrem Handgelenk. 10:52 Uhr. In einer Minute würde Izzet beginnen sich zu fragen, was schiefgegangen war.
„Was für ein Deal?“, fragte sie und unterdrückte das Kratzen in ihrem Hals.
„Ich bin ab jetzt Teil deiner Crew.“
Ciocca lachte freudlos.
„Sicher.“
Die Frau zuckte mit den Schultern, ihr Gesichtsausdruck sagte nichts über sie aus.
„Ich kenne deinen Namen.“
„Ist klar.“, Ciocca schnaubte, wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Panik sandte Gänsehautschauer über ihren Rücken.
„Ciocca Celoya.“, setzte die Frau nach.
Ihr stockte der Atem und sie konnte nicht anders als ihr Gegenüber fassungslos anzustarren. Sie hatte mit einem Flunkern gerechnet, oder wenn diese Dame tatsächlich etwas hatte, mit dem einen oder dem anderen Namen. Aber nicht damit.
Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, sie suchte nach Auswegen und Erklärungen und fand auf die Schnelle tatsächlich nur einen.
„Gut. Wie kommen wir hier raus?“
„Danke. Das wirst du nicht bereuen. Ich bin Lisann.“, sie wagte es wirklich Ciocca lächelnd eine Hand entgegenzustrecken, die diese geflissentlich ignorierte.
„Links neben der Tür, hinter dem Hocker befindet sich eine Platte. Dahinter sitzt der Sicherungskasten.“
Ciocca wartete keine Sekunde, riss den Schemel zur Seite, zerrte die Handschuhe ab und krallte ihre Finger hinter die Kante der in derselben Farbe wie die Wand gestrichenen Verkleidung. Mit der Zange durchtrennte sie alle Kabel, die sie in dem Hohlraum fand. Blitzschnell war sie wieder auf den Beinen und packte Lisann am Oberarm.
„Eine falsche Bewegung.“, zischte sie ihr warnend ins Ohr und bedeutete ihr mit einem Wink ihr zu folgen. Gemeinsam stemmten sie das Tor hoch und schlüpften unten durch. Auf der anderen Seite rannte Lisann sogleich los, dicht gefolgt von Ciocca. Sie erreichten das Fluchttreppenhaus im selben Moment wie die Wachmänner das erste Obergeschoss. Ciocca krallte eine Hand in den Blazer ihres neuen Teammitglieds und bugsierte sie auf die andere Seite des Podests.
„Hoch, nicht runter.“, wies sie an und schickte Lisann mit einem Schubs die Stufen hinauf.
Atemlos erreichten sie das oberste Geschoss, wo Ciocca die Tür aufstieß und auf das Dach hinaustrat.
„Was hat so lange gebraucht?“, fragte Izzet sofort ungehalten, gefolgt von einem entsetzten Blick auf Cioccas Begleitung.
„Die gehört jetzt zu uns. Lass sie nicht aus den Augen! Alles andere klären wir nachher.“
„Hast du die Steine?“, wollte Izzet mit einem kritischen Blick auf Lisann wissen.
„Ja, und jetzt weg hier.“



Kapitel 2

Der schwarze Alpha Romeo hielt mit quietschenden Reifen vor dem prächtigen Gebäude, heraus sprang ein Mann Anfang oder Mitte dreißig, Dreitagebart, schwarze Hose, weißes Hemd, die obersten Knöpfe offen. Ohne seinen zügigen Schritt zu verlangsamen hielt er den beiden Carabinieri seinen Ausweis hin, bückte sich unter der Absperrung hindurch und schritt auf seine Kollegin zu, die bereits im Foyer mit einem aufgeschlagenen Tablet auf ihn wartete.
„Was haben wir?“, fragte er noch bevor er sie erreicht hatte. Mittlerweile hatte sie sich schon so an ihn gewöhnt, dass bei seinem barschen Eintreffen nur noch ihre Augenbrauen zuckten.
„Das gleiche wie immer. Zeugen, die sich an viel erinnern, aber an nichts was uns helfen könnte. Kameraaufnahmen der letzten fünf Minuten in Dauerschleife. Eine Unterbrechung der Laserüberwachung. Eine leere Vitrine.“, sie seufzte müde, „es fehlen drei Ringe und zwei Armbänder. Der Wert wird auf 2,5 Millionen geschätzt.“
Die beiden Ermittler hatten die Sala Nuora erreicht, in der drei Beamte bereits dran waren Spuren zu sichern.
„Buon giorno. Seid ihr schon fündig geworden?“
Auf seine Frage erntete er freudloses Gelächter. Einer der Männer drückte ihm ein Plastiktütchen in die Hand. Darin befand sich eine schwarze Karte, auf der in geradlinigen weißen Buchstaben der Name RIMMALVI prangte. Die bekannteste und meistgesuchte Diebesbande von Italien, gemeinhin nur „die Wölfe“ genannt, hatte erneut zugeschlagen. Am helllichten Tag in einer der bestbesuchten Galerien von Rom.
„Okay.“, er ließ das Fundstück in eine der geöffneten Boxen fallen und wandte sich wieder an seine Kollegin, „und weiter?“
„Den Zeugenaussagen nach können wir vier Bekannte zuordnen. Die Tänzerin, ihr Begleiter im Kapuzenpullover, die Frau, an deren Gesicht sich noch nie jemand erinnern konnte und ein scheinbar neuer Mitarbeiter der Sicherhei…“
„Warte!“, unterbrach er sie, „was ist das hier?“
Er ging neben einem aufgebrochenen Hohlraum in der Wand in die Hocke.
„Der Alarm ging los und die Gitter fuhren runter. Der Dieb hat alle Kabel zerschnitten und konnte so fliehen. Diesmal über die Dächer.“
Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf Marc d’Agostinos Gesicht aus. Ungeduldig winkte er einen der Spurensicherer herbei.
„Ich denke, wir haben ihn. Auf der Platte befinden sich Fingerabdrücke.“



Kapitel 3

„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?!“, fuhr Alasca sie ungehalten an. Immerhin hatten sie ihn soweit beschwichtigen können, dass er Lisann nicht mehr mit seinem guten japanischen Messer bedrohte. Zwar lag es immer noch gefährlich nahe neben einem Haufen gehäckseltem Gemüse, das er wütend malträtiert hatte, aber Alasca lehnte mit rotem Kopf an der gegenüberliegenden Küchenzeile.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, brüllte Ciocca, packte ihn am Kragen und zog sein Gesicht an ihres heran.
„Ciocca, bitte. Kommt runter. Beide.“, entschied Izzet, drückte Ciocca auf einen Stuhl und sah auf die Türöffnung, in der bunte Plastikgirlanden den Blick auf die Kammer dahinter verdeckten. Dort wartete Lisann an ein Metallregal gefesselt und monströsen Kopfhörern über den Ohren.
Ciocca holte tief Luft um wieder zu einer Rechtfertigung anzusetzen, aber Vittoria unterbrach sie mit einem Abwinken.
„Es ist, wie es ist. Machen wir das Beste draus.“, sie zuckte mit den Schultern, platzierte eine Gruppe Tassen auf einem Tablett und trat durch die Schwingtür hinaus ins Café. Vittoria war die Inhaberin des Scarpa, wo sie immer zusammen trafen. Unscheinbar präsentierte es sich mit einer kleinen Anzahl runder Tischchen in einer ruhigen Seitenstraße. Die Küche war grundsätzlich von Alasca in Beschlag, der dort außergewöhnliche Essenskreationen zauberte, wenn er nicht gerade auf einem seiner Streifzüge war. In den beiden Hinterzimmern hatten sie eine Werkstatt und einen Besprechungsraum eingerichtet, deren Ausstattungen alles seinesgleichen übertrumpfen konnten.
Ciocca stand kopfschüttelnd wieder auf. Im Nebenraum zog sie sich die juckende Perücke vom Kopf und verstaute sie zusammen mit der Brille in einer Kiste unter dem Tisch. Konzentriert lehnte sie sich gegen das Waschbecken, entfernte die braunen Kontaktlinsen und wischte sich das Make-Up aus dem Gesicht. Aus dem verschmierten Spiegel blickte ihr eine junge Frau mit wachen grünen Augen, dunkelblonden kinnlangen Haaren und einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn entgegen.
„Wo habt ihr eigentlich Milly und Rico gelassen?“, wollte Vittoria wissen, die mit einer Ladung schmutzigem Geschirr zurückgekommen war und diese in der Spüle versenkte.
„Rico muss heute früher arbeiten und Milly hat eine Probe.“, murmelte Alasca ungeduldig und traktierte Ciocca wieder mit funkelnden Blicken, „was, wenn sie eine verdeckte Ermittlerin ist?“
Ciocca stieß einen tiefen Seufzer aus und nahm dankbar das dickbelegte Focaccia entgegen, das Izzet ihr reichte.
„Rico hat sie untersucht, sie hatte keinen Sender oder irgendein anderes Abhörgerät bei sich. Noch nicht einmal ein Handy. Er hat sie durchs Portal gejagt und es kam genau das heraus, was sie uns erzählt hat. Sie heißt Lisann Verga, ist dreißig Jahre alt, aufgewachsen im Pigneto und jetzt wohnt sie in einer winzigen Wohnung in Trastevere. Sie hat Geschichte studiert, ihr Fachgebiet umfasst alles, was mit der Renaissance zu tun hat. Deswegen arbeitet sie auch als Expertin in der Nationalgalerie und berät diverse Bibliotheken. Sie behauptet, sie könnte von großem Nutzen für uns sein.“
Alasca schnaubte, aber Ciocca sprach schon weiter.
„Wenn sie von der Polizei wäre, hätte sie uns hochgehen lassen können. Die Wölfe auf frischer Tat ertappt. Wieso hätte sie so eine Chance verstreichen lassen sollen? Außerdem kennt sie meinen richtigen Namen. Hätten die Ermittler diese Information, wären wir schon längst nicht mehr hier.“
Der Gedanke jagte ihr trotzdem Schauer über den Rücken. Alles würde auseinanderfallen. Alles, was sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hatten. Und es wäre ihr Fehler. Wie hatte das passieren können? Wie war sie so leichtsinnig sein können? So etwas war ihr noch nie unterlaufen. Und das durfte es auch nie wieder.
„Also gut. Mal angenommen, sie ist nicht von der Polizei. Dann bedeutet das aber trotzdem, dass wir ein Problem haben. Sie hat uns gefunden und sie kennt deinen Namen. Wie auch immer sie das vollbracht hat. Wir haben ein Leck, wir sind unvorsichtig geworden.“, kopfschüttelnd räumte Vittoria Gläser ins Regal. Ciocca sah auf ihr Handy, fluchte leise und verschwand wieder im Besprechungsraum, wo sie ihre Sachen in einen schwarzen Rucksack stopfte.
„Ich bin spät dran. Wir unterziehen sie einem Test. Alasca, auf der Werkbank hat Rico einen Zettel hinterlassen. Das könnte ein Auftrag für sie sein. Sie soll das allein durchziehen und du folgst ihr dabei auf Schritt und Tritt. Wenn sie das packt, sehen wir weiter. Ich überlege mir was. Vittoria, wie sieht es mit dem Käufer für das Zeug von heute aus?“
„Der kommt in einer Stunde.“
„Perfekt. Izzet, was hast du vor?“
Er schluckte hastig den letzten Bissen seines schnell heruntergeschlungenen Mittagessens herunter.
„Ich mache mich gleich auf den Weg nach Zürich. Morgen Nachmittag bin ich wieder da. Und ich bringe Londay mit.“, er grinste schief und es war nicht auszumachen, ob er erfreut oder genervt war. Izzet warf einen kurzen kontrollierenden Blick auf Ciocca, aber die schien zu ignorieren, wessen Namen er gerade erwähnt hatte.
„Gut, Leute. Der Fall war verbesserungswürdig, aber wir haben es geschafft. Wir sehen uns.“, hastig drängte sie sich durch die Schwingtür, setzte sich im Laufen den Helm auf und bretterte mit ihrer Vespa in den nachmittäglichen Verkehr.



Kapitel 4

Wenn Ciocca Celoya nicht gerade mit ihrer Crew im Scarpa sitzt oder Kunstgalerien ausraubt, dann ist sie Eliza Moret.
Eliza ist 24 Jahre alt und eine begabte aber unterschätzte Redakteurin. Mit einem gelassenen Schulterzucken nimmt sie die Schichten an, die ihre Kollegen verschmähen. In einem alten Gemäuer, wo es immer muffig riecht, selbst wenn man dauerlüftet, verbringt sie stundenlang Zeit vertieft in hin gekritzelte Notizen und Berichte voller Rechtschreibfehler. Daraus lässt sie mit Leichtigkeit kompakte Artikel entstehen und erntet trotzdem neben einem anerkennenden Nicken ihres Chefs nur ein lausiges Volontariatsgehalt. Das kümmert Eliza aber herzlich wenig, weil sie andere Mittel hat um Geld zu verdienen und dieser Job nur dazu da ist, den Schein zu wahren. Davon haben ihre Kollegen zwar definitiv keine Ahnung, aber sie beneiden sie um ihre entspannte Einstellung. Über Elizas Lippen ist noch keine einzige Beschwerde gekommen. Die neugierigen Blicke ignoriert sie gekonnt. Sie weiß, dass sie häufig unnahbar und vielleicht auch etwas arrogant wirkt. Stets mit einem Lächeln auf dem konzentrierten Gesicht, freundlicher Small Talk, aber eben niemals mehr.
Mit fünf Minuten Verspätung huschte sie über den staubigen Terrakottaboden, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und verschwand genau in dem Moment hinter dem großen Bildschirm, als ihr Chef um die Ecke kam. Ohne Kommentar warf er ihr einige Mappen auf den schon erheblich hohen Stapel, der dabei verdächtig ins Schwanken geriet. Ciocca steckte sich die kurzen Haarsträhnen hinters Ohr und klappte die erste Akte auf. Bis auf einen gelben Haftzettel war sie leer. Lena aus der Schicht vor ihr hatte darauf vermerkt, dass sie demnächst einen Anruf ihres Informanten bei der Polizei erwarten könnte. Die RIMMALVI hatten wieder zugeschlagen.
Cioccas Herzschlag beschleunigte sich schlagartig, sie drängte den Kloß in ihrem Hals zurück und griff nach der nächsten Mappe. Sie war jedes Mal einem Schock nahe, wenn sie den Namen ihrer Gruppe entdeckte. Und zugleich platzte sie beinahe vor Stolz. Ihr breites Grinsen versteckte sie hinter einem Ausdruck mit Infos über wiederholte Tierquälerei.
Sie widmete sich dem Bericht über verstümmelte Katzen. Mit jeder Minute wich mehr Farbe aus ihrem Gesicht, sie fror und ihr wurde übel, was nicht nur mit dem Thema zu tun hatte. Mit einem Mal war sie sich überhaupt nicht mehr sicher, ob Lisann nicht doch eine Ermittlerin war. Wider jeder Logik erwartete sie jederzeit eine schwerbewaffnete Truppe das Büro stürmen.
Ciocca hatte schon einige Zeit blicklos auf das geöffnete Textdokument geschaut, als das Klingeln des Telefons sie aus der Starre riss. Hastig nahm sie einen Schluck Wasser und meldete sich mit: „Gazzetta dell’Ombra. Sie sprechen mit Eliza Moret.“
„Ida ist aufgeflogen.“
Ihr blieb die Luft weg. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schockiert stumm geblieben war, bis sie mit kläglicher Stimme eine Frage zustande brachte.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon richtig verstanden.“
Schweigen. Was sollte sie darauf sagen? Ein unhaltbarer Wirbelsturm raste durch ihren Kopf und machte es ihr unmöglich auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
„In der Galleria Comino Galtelli wurden Fingerabdrücke gefunden. Sie konnten einer gewissen Ida Benedetto zugewiesen werden. Und niemand weiß besser als du, wer das ist und was das bedeutet.“, erklärte ihr die tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Nein, ich verstehe nur Bahnhof.“, versuchte sie es. Und dann passierte es zum zweiten Mal an diesem Tag. Eine fremde Person nannte ihren richtigen Namen.
„Ciocca, bitte. Überspringen wir das. Dein Deckname ist enttarnt.“
„Scheiße!“, rutschte es Ciocca heraus. Vier Augenpaare richteten sich gespannt auf sie. Mehr als eine Grimasse brachte sie nicht zustande. Mit butterweichen Beinen stand sie auf, trat auf den schmalen Balkon hinaus und zog die Tür hinter sich zu.
„Ja, so könnte man es auch sagen. Ich habe einen Auftrag für dich.“
Ciocca wartete voller Panik, aber der Anrufer redete nicht weiter.
„Wer bist du?“, fragte sie also atemlos.
„Du kannst mich Nunzio nennen. Nunzio, der Bote. Erfüllst du den Auftrag, den ich dir gebe, werden die Informationen und alle Beweise, die die Polizei hat, spurlos verschwinden.“
„Woher soll ich wissen, dass du mich nicht verarschst?“
„Das, Ciocca, nennt man blindes Vertrauen.“
Fassungslos legte sie den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu den Tauben, die gurrend über die Dachkante stolzierten. Ein weiterer Deal mit einem Fremden, der ihr auch nur leere Versprechen und Lügen auftischen konnte.
„Ich nehme an, du hast jetzt erst einmal einige Dinge zu klären. Ich will dich nicht aufhalten. Morgen früh um sieben Uhr, Viale degli Ippocastani auf dem Pincio, bei der Büste von Mastro Giorgio. Viel Glück.“, und die Verbindung wurde unterbrochen.
Viel Glück? War das sein verdammter Ernst?
Voller Entsetzen und ziemlich ermattet lief Ciocca zurück an ihren Schreibtisch, kritzelte hektisch die genannte Adresse in ihren Notizblock, griff nach dem Rucksack, murmelte ihren Kollegen irgendetwas wegen eines Problems in der Familie zu und verließ wie mechanisch das Büro.
Unten angelangt lehnte sie sich mit geschlossenen Augen gegen die kühle Steinfassade und versuchte ihren Atem und Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.
Der Tag war einfach nur furchtbar.
Nach einem schnellen Kontrollblick nahm sie ein Handy aus den Tiefen ihrer Tasche und tippte im Gehen seine Nummer ein. Mit schweißnassen Händen presste sie das alte Teil ans Ohr. Nach dem zweiten Klingeln wurde sie weggedrückt. Sie seufzte und wählte erneut. Diesmal ließ er es läuten bis die Mailbox ansprang. Wahrscheinlich hatte er sie auf lautlos gestellt. Jetzt fluchte sie ungehalten und probierte es ein weiteres Mal. Nach dem ersten Freizeichen meldete er sich.
„Ich sitze in der Vorlesung.“
„Ich weiß, Matteo. Verdammte Kacke! Heute geht alles schief! Ich drehe hier durch!“
„Hey, ganz ruhig. Was ist los?“, seine gelassene Stimme, die sie sonst immer beruhigte, brachte sie nur noch mehr in Rage.
„Ich habe Ida verloren. Die Polizei hat Fingerabdrücke in der Galerie gefunden, das ist los!“
„Das ist nicht gut.“, murmelte er nachdenklich.
„Nicht gut? Willst du mich verarschen? Das ist eine Katastrophe!“
Matteo lachte tatsächlich.
„Also eine Katastrophe würde ich das nicht gerade nennen. Die Polizei wird erstmal so ihre Mühe haben. Wollte Izzet nicht nach Zürich? Ich rufe ihn an. Er soll einen Zwischenstopp in Mailand machen.“
„Mailand?“, wiederholte Ciocca verständnislos.
„Mailand.“, bestätigte Matteo, „Rico hat Ida einen ganz netten Rattenschwanz verpasst. Und auch wenn der Überfall heute Vormittag nicht wasserdicht war, der Rattenschwanz ist es.“
Ciocca strich sich über die Stirn und seufzte tief.
„Jetzt geh wieder arbeiten. Eliza wird bestimmt schon vermisst. Bis heute Abend.“



Kapitel 5

Marc d’Agostino saß verkehrtherum auf einem Stuhl im großen Besprechungsraum. Draußen vor der Glastür veranstaltete seine Vorgesetzte ein riesen Gezeter, das zur Folge haben sollte, eine Gruppe Kommissare in Mailand zu mobilisieren.
Er strich sich übers Kinn und betrachtete das Sammelsurium auf dem Tisch.
Die schwarze Visitenkarte. Phantombilder, wobei sich diese von Zeuge zu Zeuge stark unterschieden. Eine Zusammenfassung der kläglichen Erkenntnisse aus den vorangegangenen Überfällen. Ein Blatt mit den gefundenen Fingerabdrücken.
Sein Blick wanderte weiter auf die Wandbildschirme. Das anfängliche Hochgefühl hatte sich mittlerweile eingestellt. Beim Anblick des Frauenportraits durchzuckte ihn nur noch ein missmutiges Kribbeln.
Er war beinahe hintenüber gekippt, als die Übereinstimmung in der Datenbank angezeigt worden war. Die Spuren stimmten mit einer Person überein, die aktenkundig war.
Sie hieß Ida Benedetto, war 26 Jahre alt und lebte in Mailand. Sie studierte Möbeldesign, war eine leidenschaftliche Bogenschützin und rege aktiv in den Sozialen Medien. Vor eineinhalb Jahren war sie wegen Behinderung einer Amtshandlung der Guardia di Finanza zu einer geringen Geldstrafe verurteilt worden. Allerdings war sie die Hauptverdächtige bei drei Kunstdiebstählen in Mailand, Vicenza und Venedig gewesen. Die Ermittlungen waren wegen Mangel an Beweisen im Oktober letzten Jahres eingestellt worden. Marc hatte die Akten der Fälle durchstöbert und darin nach Hinweisen auf die RIMMALVI gesucht. Vergeblich.
Und das machte ihn stutzig. Die Wölfe hinterließen immer eine Nachricht, so wie heute die Visitenkarte. Manchmal war es auch ein Graffito, eine Postkarte oder ein Stempel.
Seine Vermutung war, dass Ida Benedetto die Raube in Norditalien allein begangen hatte und erst letztens zu den Wölfen hinzugestoßen war. Das würde auch ihren Leichtsinn erklären, sich zugleich preisgegeben zu haben. So unvorsichtig arbeiteten die RIMMALVI nicht. Das wäre zwar schön gewesen, aber er hatte da so seine Zweifel. Die Crew war zu gut für solche Fehler.
Angestrengt betrachtete er Idas Foto. Feine Züge, eine kleine gerade Nase, Sommersprossen, geschwungene Lippen, dichte Augenbrauen, helle blaue Augen, eine hohe Stirn, lange glatte dunkelbraune Haare. Sie war ganz hübsch, hatte aber keine markante Ausstrahlung oder außergewöhnliche Merkmale. Sie wirkte unschuldig und erregte sicherlich nicht allzu viel Aufsehen. Entweder sie war tatsächlich so oder sie nutzte genau diesen Eindruck zu ihrem Zweck.
Mit schwindender Konzentration klickte Marc sich durch ihre Accounts auf den sozialen Plattformen. Er wollte das Tablet gerade wieder beiseitelegen, als ein roter Ring um das Profilbild seine Aufmerksamkeit erregte. Verblüfft öffnete er ihre vor wenigen Sekunden gepostete Instagram-Story. Perplex verfolgte er das wacklige Video, auf dem Ida mit einem Schmollmund hinter sich auf eine Anzeigetafel zeigte. In Regenbogenfarben flimmerte der Schriftzug „I love trenitalia!“ durchs Bild.
Nein, das hier war keine falsche Fährte. Die junge Frau wiegte sich lediglich in Sicherheit und war mehr als leichtsinnig. Die Wölfe hatten die unfähigste Diebin aller Zeiten rekrutiert und das war sein unfassbares Glück.
Ruckartig sprang er auf, der Stuhl flog scheppernd gegen die Wand und Marc stürmte aus dem Raum.
„Tabea!“, rief er seiner Chefin hinterher, die auf dem Weg in ihr Büro war, „ich weiß, wo Ida ist! Sie wartet in Roma Termini auf einen Zug nach Milano Centrale. Er hat zehn Minuten Verspätung. Wenn wir uns beeilen, haben wir sie, bevor er abfährt.“

Er parkte sein Auto in der Taxispur in zweiter Reihe, rannte durch einen der breiten Eingänge, hielt kurz inne um sich zu orientieren und sprintete dann weiter durch die Halle. Im Zickzack umrundete er Menschengruppen, wich geschickt verlorenen Touristen aus und rempelte verwirrte Senioren an, bis er schließlich an die Treppe hinunter zu Gleis 8 gelangte. Frustriert trudelte er aus. Der Zug rauschte soeben unter der Bahnhofshalle hinaus in die warme italienische Nachmittagssonne. Er kam zu spät. Fluchend schlug er eine Faust aufs Geländer. So verdammt knapp. Langsam trabte Marc die Stufen hinab auf den menschenleeren Bahnsteig. Um, unten angekommen, sogleich wie angewurzelt stehen zu bleiben. Die Anzeigetafel, unter der noch vor wenigen Minuten Ida das Video aufgenommen hatte, wies nicht den nachfolgenden Zug aus, sondern präsentierte ihm acht Buchstaben.
RIMMALVI

Marc lehnte die ihm angebotene Pizza aus einem der aufgeklappten Kartons ab. Er würde keinen Bissen runter bringen.
So bloßgestellt hatte er sich zuletzt gefühlt, als ihm seine Freundin offenbart hatte mit seinem besten Freund schon seit drei Monaten eine Affäre zu haben.
Die murmelnden Gespräche verstummten, als Tabea ausgestattet mit einem Headset den Raum betrat.
„Die Mailänder Kollegen sind jetzt vor Ort in Benedettos Wohnung. Sie werden jedes Blatt umdrehen und sie dann freundlich erwarten, wenn sie mit dem Zug aus Rom ankommt.“, sie schenkte ihm ein Augenzwinkern. Er verzog keine Miene. Marc bezweifelte, dass jemals eine Ida Benedetto in dieser Wohnung auftauchen würde. Erschöpft schwang er auf seinem Drehstuhl herum und blickte aus dem Fenster. Draußen senkte sich der Abend auf die beleuchtete Stadt.
Marc erinnerte sich noch genau an den grauen Tag vor drei Jahren als er das erste Mal gegen die Wölfe ermittelt hatte. Der Fall, zu dem er gerufen wurde, hatte nicht spektakulär geklungen, war aber der Auftakt zu einem fundamentalen Raubzug durch die gesamte Hauptstadt. Ohne erkennbares Muster und ohne Ansatzpunkte präsentierte die Gruppe leergeräumte Tresore, zerschlagene Vitrinen und statt den Originalen zurückgelassene gefälschte Kunstwerke.
„Marc!“, riss ihn Tabea aus seinen Gedanken. Sie nahm das Headset ab und legte stattdessen ihr Handy auf den Tisch. Per Lautsprecher verkündete einer der Ermittler, dass sie etwas gefunden hatten.
„Es ist ein Umschlag unter einem Stapel Bücher über Möbeldesign. Ich mache ihn jetzt auf.“, man vernahm dumpfe Geräusche und dann war der Mann wieder am Telefon, „Tabea, hören Sie mich? Darin war eine Karte. Hier steht… Moment. Was ist das denn für ein Schwachsinn. Pecorella smarrita? Verlorenes Schaf? Sagt Ihnen das etwas?“
Tabea und Marc tauschten einen genervten Blick aus. Seine Chefin schnappte sich ihr Handy und verschwand hinaus auf den Flur. Marc stand wortlos auf, griff nach seiner Lederjacke und verließ das Präsidium.



Kapitel 6

Statt nach Hause machte Ciocca sich nach Redaktionsschluss auf den Weg ins Scarpa. Die schmale Straße lag still vor ihr, als sie den Motorroller abstellte, den Helm an den Lenker hängte und unter einem schiefen Bimmeln durch die Tür trat. Eine kitschige Lichterkette über der Bar schwenkte den Raum in dämmriges Licht, im Hintergrund sang leise Francesca Michielin aus dem alten Radio.
Vittoria kam hinter dem Tresen hervor, schloss das Café ab und die beiden Frauen setzten sich gemeinsam zu den drei anderen an den hintersten Tisch. In der vertrauten Geborgenheit ihrer Freunde rutschte Ciocca tiefer in die durchgesessenen Lederpolster und unterdrückte ein Gähnen. Dankbar nahm sie das Weinglas entgegen, das Milly ihr zuschob und verfolgte ermattet mit halbem Ohr Ricos Bericht über die falsche Fährte, die er der Polizei ausgebreitet hatte.
Ricardo, wie er eigentlich hieß, war das Technikgenie unter ihnen. Er hackte sich in alle Programme, baute winzige Abhörgeräte und kam immer wieder mit neuen abgefahrenen Spielereien an, die man sonst nur aus Agentenfilmen kannte. Zwischen ihm und Vittoria saß Massimiliana, von allen nur Milly genannt. In dem spärlichen Licht erschien sie noch dünner als sie ohnehin war, mit ihren langen Fingern strich sie sich elegant die Lockenmähne nach hinten und versuchte sie zu einem dicken Zopf zu bändigen. Milly war Tänzerin und versteckte ihre Intelligenz unter der Hülle einer zarten Diva. Diese Fassade nutzte sie um Geldbeutel zu leeren, Ricos Hightech Schnickschnack in Jackentaschen verschwinden zu lassen oder schlicht und einfach um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Dann war da noch Matteo. Mit seinen 20 Jahren war er der jüngste Wolf und auch der stillste. Er strahlte stets Ruhe und Zuversicht aus und zählte somit als Anker. Für Ciocca war er wie ein kleiner Bruder. Matteo studierte an der Akademie der Bildenden Künste Malerei und Bildhauerei. Das Gelernte setzte er gerne gleich in die Praxis um und fälschte für die RIMMALVI allerlei Gemälde und Skulpturen aus jeglichen Epochen. Zudem hatte er Zugang zu den neuesten Informationen, was wo ausgestellt wurde und konnte stundenlang Museen auskundschaften, ohne auch nur einen Funken Misstrauen zu erwecken.

„Die Beute ist am Mann.“
Ciocca horchte auf und begegnete Vittorias zuversichtlichem Lächeln. Sie betrieb offiziell das Scarpa und inoffiziell vertickte sie dort das gesamte Diebesgut.
Ciocca nickte müde. Wenigstens eine gute Sache an diesem verflixten Tag.
„Wo ist diese Lisann?“, wollte sie wissen und nahm sich gleich eine ganze Handvoll Crissini.
„Ich hab keine Ahnung. Aber Alasca hat geschrieben, dass alles okay ist.“
„Du siehst müde aus, Ciocca.“, merkte Milly an.
„Mich hat das mehr mitgenommen als es sollte. Lisann und Nunzio haben mich so aus der Bahn geworfen, dass ich geradezu paranoid geworden bin.“, sie verdrehte über sich selbst die Augen.
„Apropos Bahn.“, warf Rico ein, „die kanadische Touristin ist natürlich nicht nach Mailand gefahren. Ich habe sie in einen Zug nach Neapel gesetzt.“
„Was für eine Touristin?“, fragte Ciocca verständnislos. Die anderen grinsten sie breit an.
„Du hast vorhin wohl nicht gut aufgepasst. Rico hat eine Kanadierin bestochen. Sie hat in Idas Namen ein Video gedreht und das war das Ergebnis.“
Unter schelmischem Lächeln wurde Ciocca eine Aufnahme gezeigt, auf der ein Mann zu sehen war, der haareraufend auf einem Bahnsteig hin und her tigerte.
„Stets von Vorteil, wenn man weiß, mit wem man es tun hat. Das ist Marc d’Agostino. Er hat sich in die Suche nach uns verbissen.“, informierte Rico sie, „außerdem ist eine ganze Delegation in Idas Wohnung in Mailand eingefallen. Izzet hat ihnen eine nette Nachricht hinterlassen.“
Die Erleichterung entlockte Ciocca ein kurzes Lachen. Wie hatte sie nur denken können, sie wäre jetzt allein der Staatsgewalt ausgesetzt?
„Irgendetwas von einem verlorenen Schaf!“, kicherte Milly, „ich hätte nur allzu gerne deren Gesichter gesehen.“
„Auf Wölfe im Schafspelz, das Tragen von Handschuhen und Kate aus Kanada, die ohne es zu wissen zu einer gesuchten Verbrecherin geworden ist! Zumindest so lange bis die Polizei ihre Fingerabdrücke hat.“, verkündete Vittoria und hob ihr Glas in die Höhe.


Kapitel 7
Lindau

Adrian Sander saß am Ufer des Bodensees und beobachtete die verpixelten Lichtspiegelbilder auf dem glatten Wasser. Er fror in seinem dünnen Jackett, aber das bemerkte er gar nicht. In Gedanken sah er sich selbst als Elfjähriger, wie er das erste Mal das Seegrundstück betreten hatte. Es war Winter gewesen, der Himmel genauso eisigblau wie das Wasser. Ein frischer Windhauch strich über die unberührte Schneedecke. Auf der anderen Uferseite zeichnete sich klar der Säntis ab. Adrian war aus dem Auto geschlüpft noch bevor es gehalten hatte, rannte durch das schmiedeeiserne Tor, an der weißen Villa vorbei und auf den Steg hinaus. Seine Mutter folgte ihm und als sie nach seiner Hand griff und sie gemeinsam über die stille Märchenlandschaft schauten, lächelte sie zum ersten Mal seit Monaten wieder. Das war die erste Erinnerung an sein Leben in Deutschland. Ein Leben in Oasen. Die eine Oase war eben diese weiße Villa mit den grauen Fensterläden, an deren Eingangstor die Nachbarn stehen blieben und hinter vorgehaltener Hand die neuesten Spekulationen austauschten. Diana Sander war eine sagenumwobene Frau. Noch nie hatte jemand sie das Grundstück verlassen sehen. Sehnsüchtig hatte Adrian in den Ferien am Fenster gestanden und die Kinder beobachtet, die auf der anderen Seite mit Rollern und Fahrrädern ins Strandbad fuhren. Auf dem stets kurzgeschorenen Rasen zwischen Haus und See standen ein Trampolin und ein einsames Fußballtor, aber daran hatte er ohne Freunde keinen Spaß. Denn in der Villa Sander waren Besucher nicht willkommen.
Seine zweite Oase war das Internat, wobei er dort selbst eine Oase in einer Oase war. Er war ein Einzelgänger, der sich in Bücher oder Schlägereien vertiefte und sich nur oberflächlich an soziale Kontakte herantastete.
An seinem neunzehnten Geburtstag, ein ausgezeichnetes Abitur und auch sein restliches Hab und Gut in der Tasche, zog er nach London. Und endlich befand er sich nicht mehr in einer Blase. Er blühte auf, wie man so schön sagte.
Und zerfiel in tausend Staubkörner, als im Oktober letzten Jahres die Hiobsbotschaft aus der Villa bei Lindau kam. Seine Mutter war an Brustkrebs erkrankt. Endstadium, die Chancen standen auf hoffnungslos, es ging nur noch darum ihre Schmerzen zu mildern. Die hochgewachsene, stolze Frau, die sich in all den Jahren stur an ihre Muttersprache gehalten und geweigert hatte Deutsch zu lernen, sackte immer weiter in sich zusammen. Adrian verabschiedete sich von England und kam zurück an den Bodensee. Die letzten Monate wurden zu einer Tortur. Die Zeit verrauchte zwischen neuartiger grotesker Routine, dem Kampf mit seinen Ängsten und dem Starrsinn seiner Mutter. Statt die restliche Zeit zu genießen, die ihnen noch blieb, lagen sie sich dauernd in den Haaren. Sie weigerte sich ihre Medikamente zu nehmen, sie wollte nicht an die frische Luft und erst recht keine Spaziergänge machen. Adrian stellte einen Pfleger ein, den seine Mutter verabscheute und verbrachte Nacht für Nacht in irgendwelchen Bars und heruntergekommenen Kneipen. Er hörte auf zu essen und trank dafür umso mehr.
Das ganze endete in einem Super GAU, als Diana eines frühen Morgens ihren Sohn von den Eingangsstufen hinauf in sein Zimmer schleppte, dabei das Gleichgewicht verlor und die Treppe hinunterfiel. Sie landeten beide im Krankenhaus und endlich hatte es den Schalter umgelegt. Noch zwei Monate hatten sie gemeinsam, in denen sie in Zeitlupe Karten spielten oder stillschweigend nebeneinandersaßen, Adrian in einem Buch lesend, Diana in unergründliche Gedanken versunken. Vergeblich versuchte er einige Male seine Mutter zum Reden zu bringen, aber sie bewahrte auch angesichts des Todes ihre Geschichten für sich. Sie wurde sehr schnell immer schwächer und Adrian zerriss es jedes Mal bei ihrem Anblick. Davon ließ er sich nichts anmerken und kümmerte sich weiter bis sie schließlich am zweiten April nicht mehr von ihrem Mittagsschlaf aufwachte.
Beschämt strich er sich die Tränen von den Wangen, bevor sie auf den Brief in seinem Schoß tropfen konnten. Er kannte ihn mittlerweile fast auswendig, aber er faltete ihn trotzdem ein weiteres Mal auseinander und verfolgte mit seiner Handytaschenlampe die Zeilen. Sie hatte sie geschrieben bevor ihre Hände zu zittern begonnen hatten und sie bald keinen Stift mehr halten konnte. Aber die Sätze klangen schon abgehackt und die feine Wortwahl, die sonst ihre Nachrichten ausgemacht hatten, fehlte. Jeder konzentriert gesetzte Buchstabe sprach von ihrer mühsam behaltenen Beherrschung und der Gewissheit, dass sie jegliche Hoffnung aufgegeben hatte. Ihm schnürte es die Kehle zu und er musste wieder aufsehen, verzweifelt nach Atem ringen, sich konzentrieren, zusammenreißen. Er schloss die Augen, presste die bebenden Lippen aufeinander und zwang dann seinen Blick wieder auf die Worte, die seine Mutter ihm hinterlassen hatte.

Bad Schachen, den 05. Februar 2021

Lieber Adrian,

viele werden dir sagen, dass du mit 22 Jahren zu jung bist um deine Mutter zu verlieren. Aber ich kann dir sagen, dass man dafür nie alt genug sein kann.
Ich habe dich schon immer für deine Kraft bewundert. Nun, wo ich nicht mehr bin, lass dich von dieser Stärke nicht verhärten.
Ich weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt und umso glücklicher macht es mich, dass du an meiner Seite stehst.

Wenn du diesen Brief bekommst, wird mein Tod einen Monat zurückliegen, so habe ich es meinem Anwalt aufgetragen.
Ich habe einen letzten Wunsch und ich bitte dich, mir diesen zu erfüllen.
Ich habe dir nie viel über meine Vergangenheit erzählt und das hatte gute Gründe. Ich möchte, dass du nun alles erfährst. Ich habe für dich meinen Nachlass in meiner Heimatstadt Rom hinterlassen. Alles, was es über mich zu wissen gibt, befindet sich in dieser Kiste.
Es ist alles für dich organisiert. Es wird dir wie eine verwirrende Schatzsuche vorkommen und so ist es auch. Aber alles hat seinen Grund.
Da du dich in Rom nicht auskennst, wirst du einen Begleiter bekommen. Du wirst ihn rechtzeitig antreffen.
Außerdem hast du auf deiner Suche weitere Verbündete, die sich allerdings im Hintergrund halten werden. Wenn es soweit ist, werden sie sich bemerkbar machen.
Bitte bewahre Stillschweigen über deine Mission und vertraue niemandem bevor du dir nicht zu hundert Prozent sicher bist.

Für mich geht es um alles. Das wirst du bald verstehen.
Pass auf dich auf, Adrian!

Deine dich liebende Mutter

Diana

Gerade hatte er noch die Sätze in sich aufgesogen, in jedem Wort eine Bedeutung gesehen und sich an dem Brief festgehalten, als plötzlich alles in eine eiskalte Panik explodierte. Krampfhaft fasste er sich an die Brust, sein lautloser Schrei richtete sich gen Himmel. Ohne Halt tastete er über die Steinmauer, seine Beine, der Brief rutschte ins Gras. Er krallte seine Finger in die Arme, strich über sein Gesicht, zu einer schmerzhaften Grimasse verzogen. Hilflos sah er sich um, ließ sich zur Seite fallen, rollte sich zusammen und umschlang seine Knie. So blieb er reglos liegen. Er spürte die Feuchtigkeit der Wiese nicht, keine Kälte, keine Furcht und auch keinen Schmerz. Er war leer. Blicklos starrte er in die Dunkelheit und wartete, dass ihn die nächste Welle überrollte. Sie griff nach seinen Schultern, ein Ruck ging durch seinen Körper und hemmungsloses Schluchzen brach aus ihm heraus.
Genauso abrupt wie der Zusammenbruch gekommen war, verschwand er wieder. Als wäre nichts geschehen, setzte Adrian sich auf, zupfte die Grashalme von seiner Hose, nahm den Brief und lief zurück ins Haus. Mechanisch schlüpfte er aus seinem nassen Anzug und in einen neuen. Den Brief verstaute er sorgsam in einer Dokumentenmappe. Er griff nach den beiden Ledertaschen und hielt im Türrahmen noch einmal inne um einen letzten Blick in sein Zimmer zu werfen. Er hatte keine Ahnung, wann und ob er wieder zurückkommen würde.
Im Erdgeschoss legte er sein Gepäck neben dem großen Koffer ab und lief in die Küche um etwas zu trinken. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, unterdrückte ein weiteres in ihm aufsteigendes Schluchzen.
Wie von selbst trugen ihn seine Beine in den Raum neben dem Esszimmer. Die Laternen im Garten schienen durch die Vorhänge, ließen Lichtwolken über die wenigen Möbel schweben. Eine Kommode aus dunklem Holz, ein dazu passender Stuhl, ein Krankenbett. Und der große Ohrensessel mit dem senfgelben Stoffbezug, in dem seine Mutter zuletzt immer gesessen hatte. In eine Decke gehüllt, das bleiche Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegengereckt, auf dem Schoß ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie nie las und den abwesenden Blick auf die Oleander und Olivenbäume vor ihrem Fenster gerichtet.
Das Läuten der Türglocke ließ Adrian sich losreißen. Behutsam schloss er die Tür hinter sich, packte seine Taschen und trat hinaus auf den geschotterten Hof. Der Taxifahrer nahm ihm das Gepäck ab und verstaute es in der schwarzen Limousine. Adrian folgte ihm, sank in die kühlen Ledersitze und nannte sein Ziel. Sanft ruckelte das Auto den Kiesweg hinauf und bog auf die Straße ein in Richtung Flughafen. Adrian richtete den Blick geradeaus und schaute nicht mehr zurück.


Kapitel 8
Rom

Ciocca und Matteo betraten den dunklen Innenhof, wo sich schemenhaft die Pflanzen gegen den mondhellen Himmel abhoben. Ciocca liebte den wilden Urwald, der sich gegen das Viereck zwischen den Gebäuden sträuben wollte. Ihre Schuhe schleiften klatschend über die glatten Fliesen und sie legte den Kopf in den Nacken. Alle schienen schon zu schlafen, nur aus der Wohnung, die sie sich mit Matteo und ihrer Tante teilte, flimmerte Licht durch die Jalousien.
Matteo schloss die hellgrüne Tür im zweiten Stock auf und bog sogleich in Richtung Küche ab. Ciocca ließ ihren Rucksack an Ort und Stelle fallen, genauso wie ihre Schuhe.
„Ciao.“, begrüßte sie ihre Tante und warf sich auf eines der beiden Sofas. Suna strich ihr im Vorbeigehen über den Arm und verschwand in der Küche.
„Willst du auch etwas?“, Matteo tauchte im Türrahmen auf und hielt einen Teller in die Höhe. Ciocca schüttelte nur erschöpft den Kopf. Er zuckte mit den Schultern und setzte sich gerade an den Tisch, als er ihren Blick bemerkte.
„Oh, scusi.“, meinte er erschrocken, stand wieder auf und verließ den Raum. Kurz darauf kam Suna aus der Küche, einen Kochlöffel in der Hand und schien verwirrt.
„Wo ist er jetzt hin?“
„Er isst in seinem Zimmer.“, meinte Ciocca, legte ihre Beine auf die Sofalehne und einen Arm über ihr Gesicht. Sie schloss die Augen, ließ sich von dem Plärren des Fernsehers berieseln und lauschte dem Zischen des Bügeleisens.
„Was war heute für ein Tag?“, fragte Suna sanft.
Ciocca wandte den Kopf und schielte unter ihrem Ellbogen hindurch. Ihre Tante hängte eine Bluse auf einen Kleiderbügel und zupfte den Kragen gerade.
Sie öffnete den Mund und wusste doch gar nicht, was sie darauf antworten sollte. Es gab Tage, die waren voller Euphorie und Tatendrang, an denen alles wie am Schnürchen lief. Dann waren da die Tage, die nicht enden wollten, beladen mit langweiligen Aufgaben. Die Tage, die nicht auffielen, die einfach vorbeistrichen. An manchen Tagen verschoben sich Bedeutungen, sie war gereizt und unausstehlich. An anderen wurde sie regelrecht melancholisch und weil das so rein gar nicht zu ihrem Charakter passte, trieb sie ihr Umfeld mit ihrer eigenen Verwirrtheit gnadenlos auf die Palme. Am schlimmsten aber waren die lähmenden Tage, an denen sie alles überrollte und sie sich, unfähig irgendetwas zu machen, in ihrem Zimmer verkroch. Häufig kündigten sie sich ähnlich einem Migräneanfall an. Ein Ziehen in den Augen, ein langsam enger werdender Schraubstock um den Kopf.
Aus den kleinen Höhen und tiefen Tiefen hatte sich diese Routine zwischen Ciocca und Suna entwickelt. Ihre Tante fragte sie jeden Abend, was für ein Tag hinter ihr lag und Ciocca antwortete mit entblößender, meist aber begrenzter Ehrlichkeit.
„Ich weiß es nicht.“, sagte sie leise. Suna legte alarmiert das Bügeleisen beiseite und musterte sie besorgt.
„Es ist viel passiert und ich kann es noch nicht einordnen.“, setzte sie mühsam hinzu.
„Also ein aufreibender Tag?“, fasste Suna zusammen, nahm ihre Arbeit wieder auf.
„Ja.“, bestätigte Ciocca. Sie hätte sagen können, dass „aufreibend“ die Untertreibung des Jahrhunderts war, aber das hätte nur weitere unangenehme Fragen hervorgebracht.
„Und einer deiner wortkargen Tage.“, ihre Tante schmunzelte amüsiert und strich ihr liebevoll über den Kopf, „geh schlafen, Eliza. Morgen sieht es bestimmt ganz anders aus.“
Sie nickte und glaubte doch keine Sekunde an die kindliche Zuversicht ihrer Tante. Aber auch das gehörte zu ihrer unausgesprochenen Gewohnheit. Ihre Beziehung erschien harmonisch, voll sanfter Zuneigung und gegenseitigem Verständnis ohne sich erklären zu müssen. Tatsächlich hatten sie sich eine zarte Fassade aufgebaut, hinter die keine von beiden blickte.

Als Matteo vor sechs Jahren zu ihnen gezogen war, hatte Ciocca angeboten in die kleine Kammer am Ende des Ganges zu wechseln. Bis heute hatte sie es keine Sekunde bereut. Sie besaß nicht viel und das Wenige passte perfekt in den schmalen Raum. Die kahlen Wände waren wie eine enge Umarmung und Ciocca fühlte sich geborgen zwischen den harten Kanten. Sie zog die Vorhänge vor das hohe schmale Fenster, was den Eindruck, man befände sich in einem senkrecht aufgestellten Schuhkarton, noch verstärkte. Sie stellte den Wecker auf sechs Uhr und schlüpfte unter die Bettlaken. Einige Minuten starrte sie gedankenlos an die Decke, dann griff sie über sich und nahm die Blechdose vom Regalbrett. Sie drehte sich auf den Bauch und kippte den Inhalt auf die Matratze. Den Kopf auf eine Faust gestützt, sah sie sich jedes Teil an und legte es bedächtig zurück in die Kiste. Die angestachelten Erinnerungen waren von Schmerz und Unverständnis geprägt, aber das war ihr nicht neu. Die Bekanntheit der aufkeimenden Gefühle beruhigte sie auf eine merkwürdige Art, zeigte ihr, wer sie war und was sie wollte.
Ciocca klappte die beige Karte mit dem Kaffeefleck auf und strich über die geschwungenen Buchstaben.

Ciocca Eliza Celoya *15.November 1996

Das Babyfoto auf der Geburtskarte fehlte, lediglich zwei Klebestreifen wiesen darauf hin, dass es mal eines gegeben hatte. Stattdessen lag ein anderes Bild zwischen den Seiten. Es zeigte sie mit einem knappen Jahr, auf wackligen Beinen stehend hielt sie sich an der großen Hand ihres Vaters fest und strahlte in die Kamera.
Zwiegespalten betrachtete sie das Gesicht des Mannes, das ihr so bekannt und gleichzeitig so fern war. Er hatte sie alleine aufgezogen, nachdem ihre Mutter sich urplötzlich und ohne Erklärung aus dem Staub gemacht hatte. Da war sie gerade einmal eineinhalb Jahre alt gewesen. Der Gedanke daran versetzte Ciocca jedes Mal einen Stoß in ein tiefes schwarzes Loch. Schnell schüttelte sie die Beklemmung ab und griff nach dem nächsten Foto.
Eine Ciocca mit verstrubbelten Haaren saß im Pyjama auf einem gestreiften Sofa und beugte sich über einen Kuchen mit zwölf brennenden Kerzen. Hinter ihr stand ihr Vater, eine Hand auf ihrer Schulter, was geradezu bildhaft ihre Beziehung zueinander ausdrückte.
Ein Jahr später war diese schützende und zugleich erdrückende Hand verschwunden.
Corato hatte sich mit einem Kuss auf die Stirn bei ihr verabschiedet.
„Ich hab dich lieb, Ciocca.“, hatte er gesagt und war in das Taxi gestiegen, das ihn zum Flughafen brachte. Er würde für eine Woche auf Geschäftsreise gehen, hatte er ihr erklärt. Sie war nicht traurig gewesen. In der Zeit würde sie bei ihrer Tante wohnen, es waren Schulferien und Suna hatte ihr einen Ausflug ans Meer versprochen.
Zwei Tage später klingelte das Telefon und Sunas Gesicht wurde mit jedem Satz des Anrufers eine Spur weißer. Ciocca ahnte, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.
„Hatte Papa einen Unfall?“, fragte sie also ihre Tante.
„So ungefähr.“, war das einzige, was sie als Antwort bekam.
Tatsächlich hatte Corato einen Menschen umgebracht.
Aus Notwehr beteuerte er, aber die Beweise sagten etwas anderes. Suna hetzte von Anwalt zu Anwalt und hielt daran fest, dass ihr Schwager in eine ausgefuchste Verschwörung geraten war. Für sie war er unschuldig. Ciocca klammerte sich an den Erklärungen ihrer Tante fest. Ihr Papa war zwar streng und wurde gerne auch mal laut, aber er würde niemals jemanden ermorden. Er war lustig, scherte sich nicht darum, dass er keinen Ton traf und sang laut Lieder aus dem Radio mit. Er zeigte ihr, wie man Tomaten anpflanzte und munterte sie auf, wenn sie in der Schule wegen ihrer alten Klamotten aufgezogen wurde. Er ließ sie sonntags auf leeren Supermarktparkplätzen Motorroller fahren und veranstaltete zwar einen einschüchternden Lärm, wenn sie die Küche einsaute, freute sich dann aber doch sehr über das einigermaßen gelungene Essen. Und im Gegensatz zu Suna, behandelte er sie nicht wie ein kleines Mädchen.
Die ganzen Bemühungen liefen ins Leere, Corato Celoya wurde lebenslänglich wegen Mordes verurteilt und wanderte hinter Gitter.
Die Abschiedsworte vor seiner Abreise waren das letzte, was Ciocca von ihrem Vater gehört hatte.
Ciocca zog zu ihrer Tante, wechselte die Schule und wurde ein zurückgezogenes, stilles und von der Welt enttäuschtes Mädchen, das nicht nur mit den normalen Problemen einer 13jährigen zu kämpfen hatte, sondern auch mit dem Verlust beider Elternteile durch Umstände, die ihr niemand so richtig erklären konnte und wollte.
Suna bemühte sich um einen gewöhnlichen Alltag für ihre Nichte. Ihren Kampf um Coratos Freilassung erwähnte sie mit keinem Wort mehr. Sie legte Ciocca nahe, zum Schutz in der Öffentlichkeit ihren Namen zu ändern, denn der Fall war in den Medien ziemlich ausgeschlachtet worden.
So begann Ciocca Celoya mit ihrem zweiten Vornamen und dem Mädchennamen ihrer Großmutter väterlicherseits, als Eliza Moret ein scheinbar neues Leben. Ihre Eltern wurden zum Tabuthema und gemeinsam errichteten Suna und Ciocca eine Mauer um die Vergangenheit.

Ciocca zog ein Lederband unter den restlichen Bildern hervor und drehte den Anhänger hin und her. In einem metallenen Halbmond rannte ein Wolf, seine Pfoten mündeten in einen Bügel mit spitzen Zacken. Sie hatte diesen Talisman, den ihr Vater aus dem Gefängnis geschickt hatte, immer noch nicht verstanden. Sie wusste aber, dass das nicht der Grund war, warum sie ihn nicht um den Hals trug. Vor der Antwort versteckte sie sich seit Jahren. Stattdessen war sie ihre eigene Art Kompromiss eingegangen. Sie trommelte ein Rudel Freunde um sich und ließ sich die Silhouette des rennenden Wolfes aufs Handgelenk tätowieren. So setzte sie ihren Weg der unbeantworteten Fragen und verwischten Spuren fort.

Mit dem einen Wolf auf dem Arm und dem anderen in der Hand, begleitet von der gedämpften Musik, die Matteo im Zimmer nebenan hörte, fiel Ciocca schließlich in einen unruhigen Schlaf.



Fortsetzung folgt
 
Zuletzt bearbeitet:

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Willkommen auf und unter der Leselupe, Luis Vänster!

Deinen Nachsatz habe ich gelöscht – dass du Meinungen zu deinem Text haben willst, ergibt sich daraus, dass du ihn der LL eingestellt hast.
Bitte ergänze so bald wie möglich die folgenden Kapitel; nutze dabei die Post-Länge von bis zu 100.000 Anschlägen so weit wie möglich aus.

Es grüßt dich
jon
 

ahorn

Mitglied
Hallo Luis Vänster,
schön deine Worte hier in der LeLu zu lesen.
Gespannt und interessiert habe ich den Beginn deines Textes gelesen und muss sagen, es macht Spaß auf mehr.

Ein paar Worte zu deinem ersten Abschnitt, welcher für mich wichtig, da er das Tor zu deiner Welt ist und wer die Klinke nicht herunterdrückt, tritt nicht ein.

Ein Prolog ist eine Einleitung, Vorrede oder auch ein Vorwort, oftmals wird er als Vorgeschichte gewählt. Da habe ich mein Problem. Dein Prolog spielt im Jahr 2014 und ist im Präsens geschrieben, dagegen steht das erste Kapitel 2021 im Präteritum, somit in der Vergangenheit, obwohl es die Zukunft ist. o_O

Meine behandschuhten Hände umklammern das Smartphone
Das Smartphone ist dem Leser unbekannt. Es sollte erst in seinen Besitz übergehen, somit wäre mein zu wählen.

Der Moment ist gekommen, auf den ich fast fünf Jahre lang gewartet habe
Auf das 'lang' kannst du verzichten.
„Ich stoße eine zittrige Atemwolke.“ Wie zitterte eine Atemwolke und was ist dies? Mit zittrigem Atem stoße ich …

An der Haltestelle zögere ich kurz
Ändert das 'kurz' etwas an der Aussage?

Die gedankliche Vorbereitung der letzten Jahre hat nicht viel gebracht, merke ich.
Der Satz könnte von mir sein :). Einfacher ist oft besser.;)

Ich fühle mich wie überfahren und gleichzeitig wie elektrisiert.
Was will der Dichter uns damit sagen?

Die kalte Luft sticht in meiner Lunge, die Brille hüpft bei jedem Schritt auf meiner Nase und meine Stiefel patschen rücksichtslos durch Regenpfützen.
Die Stiefel haben ein Eigenleben? Toll! :D

„Die Tränen“ grammatisch korrekt, aber unlogisch. Es sind keine bestimmten, vorher definierten Tränen, sondern einfach nur Tränen, daher macht der bestimmte Artikel keinen Sinn.

Ich setze einen Fuß vom Gehsteig und überquere die Straße.
Setze vom Gehsteig? Okay kann ich mir noch vorstellen, aber dann, dann gleitet er rüber oder wie.
Ich setzte erst einen Fuß auf die Fahrbahn, dann überquere ich die Straße.

Sekundenbruchteile später steigen dunkelgraue Wolken aus einem dem Hausdach etwa hundert Meter von mir entfernt empor - auf.
entreiße mich den Griffen der Leute , die verhindern wollen, dass ich das Gebäude betrete.“
Ich gehe nicht davon aus, dass er in dieser Situation anfängt zu spekulieren. ;)

Gruß
Ahorn
 

Luis Vänster

Mitglied
Vielen Dank für die erste Kritik. Ich hab die Vorschläge übernommen.

Das mit den Jahreszahlen sollte ich vielleicht noch erklären: Da ich nicht davon ausgehe mit dem Projekt dieses Jahr noch fertig zu werden, habe ich das Manuskript auf 2021 datiert. Das bedeutet, es handelt sich um die Gegenwart bzw nahe Vergangenheit.

Ich habe den Beitrag jetzt um weitere drei Kapitel ergänzt.

LG Luis
 
Hallo Luis Vänster,
ich stimme ahorn zu, es macht Spaß, diese Geschichte zu lesen. Sie hat eine gewisse Leichtigkeit, so eine Mischung aus 'Bonnie and Clyde' und 'Mission impossible'. Kann es sein, dass Du Dich in den italienischen Metropolen ein wenig auskennst? Ich bin schon gespannt, wie es weiter geht.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

Luis Vänster

Mitglied
Danke, Rainer Zufall, da fühle ich mich schon ein bisschen geehrt... =D

Mittlerweile geht es weiter bis Kapitel 8. Ein neuer Schauplatz und eine neue Figur warten auf euch...
 

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