Schlaflosigkeiten

Penelopeia

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Die Schlaflosigkeit der ehemaligen Schauspielerin und Operndiva Angelina Ortolani-Mancini hatte eine lange Geschichte, die übrigens mit Schlaflosigkeit zu einem guten Ende kam, mit völliger und absoluter, muss man an dieser Stelle ergänzen. Aber der Reihe nach.

Frau Ortolani-Mancini war äußerst begabt, sie konnte sich in kürzester Zeit in fast jeden beliebigen Menschen verwandeln. Sie konnte die Gefühls- und Gedankenwelt eines kleinen, unschuldigen Mädchens genauso gut nachempfinden wie die einer stolzen Königin aus dem Mohrenlande, einer Prostituierten aus der Herbertstraße oder einer erfundenen römischen Senatorengattin, die zur Zeit des Neuen Testaments in Jerusalem lebt, blind und mit einem absolut hässlichen, missgestalteten Senator namens Arcesius verheiratet ist (zum Glück war auch der eine reine Kopfgeburt aus dem Geiste eines fantasiebegabten Librettisten).

Auf Grund ihrer hervorragenden Kompetenzen in Angelegenheiten der Empathie, sicher auch in anderen Bereichen der Schauspiel-, Körper- und Minnekunst, konnte sie sich bereits frühzeitig die Rollen aussuchen. So spielte sie vor Jahrzehnten am Stadttheater – da war sie auch nicht mehr die Jüngste und ein Kind schon gar nicht – die Rolle der Alice im Wunderland. In einer für damalige Verhältnisse revolutionär neuen Oper namens „The death and the powers“ verkörperte sie abwechselnd die beiden Hauptprotagonisten, einen kurz nach Beginn der Handlung versterbenden und in Form eines wackelnden Kronleuchters erneut ins Leben tretenden Milliardär namens Simon Powers, und dessen Ehefrau Evy. Vor allem mit diesem Stück lieferte sie ein Beispiel für ihre Wandlungsfähigkeit, sang sie doch in der Fassung des städtischen Theaters, das auf überwiegend nicht sonderlich drängende Fragen zu diversen Verschiebungen der Geschlechterrollen schnelle Antworten über die Bühne ins Publikum zu schieben müssen meinte, die Frau mit Männerstimme, aber verkleidet als Mann, der eine Frau spielt…

Mit zunehmendem Erfolg nahm allerdings ihre Lebensqualität nicht unbedingt in gleicher Weise zu. Denn Frau Ortolani-Mancini beugte sich der Erwartungshaltung des Publikums und ihrer Regisseure und spielte und sang in immer mehr Rollen. Sie absolvierte an manchen Tagen fünf Auftritte, im Jahr kam sie auf mehrere hundert Vorstellungen.

Was darunter litt, war ihr Privatleben. Vor allem: der Schlaf. Frau Ortolani-Mancini schlief kaum noch. Sie hastete von Auftritt zu Auftritt, lernte dazwischen ihre Rollen, fühlte sich in die extrem unterschiedlichen Protagonisten ein, gab unzählige Interviews, stand regelmäßig zu Werbeaufnahmen für verschiedene Kosmetik-, Büroartikel- und Baustoffhersteller vor der Kamera und so weiter. Verbrachte sie in den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit vielleicht fünf oder sechs Stunden im Bett, verkürzte sich diese Zeit im Laufe der Jahre auf drei bis maximal vier Stunden.

Frau Ortolani-Mancini verlor an Kraft, ihre Haut begann zu altern, ihr Gedächtnis warf die vielen Rollen durcheinander. So konnte es schon einmal vorkommen, dass sie als blinde Senatorengattin Myrtocle auf der Bühne stand und einem Kronleuchter ein Liebeslied sang, der in einem anderen Stück den verstorbenen Milliardär Simone Powers darstellte und als Teil einer intelligenten Haustechnik zu neuem Leben gelangt war.

Dabei lag Frau Ortolani-Mancini nicht einmal ganz daneben, will sagen: sie entsprach durchaus dem Zeitgeist mit ihrer fortlaufenden Reduktion der mit Schlaf verschwendeten Zeit.

Denn die Zeit des Schlafens, des Träumens, des Nichtstuns also, wurde vor wenigen Jahrzehnten zunehmend als nutzlose Vergeudung wertvoller menschlicher Ressourcen begriffen. Nichts entstand ja in dieser Zeit, und nichts konnte erlebt werden! Und was gab es Besseres, als sein Leben mit jeder Minute, jeder Sekunde aktiv zu gestalten, Werte zu schaffen, die Schönheiten der Welt auf sich wirken zu lassen, die Genussmöglichkeiten in vollen Zügen auszukosten? (Die Abwendung vom Schlaf begann übrigens recht früh, heute vermutet man, der Point of no sleep sei mit der Niederschrift eines Satzes in den späten Fünfzigern des letzten Jahrtausends gesetzt worden, es handelt sich dabei allerdings um ein fast unlesbares Buch voller Wiederholungen, in dem ein paar Bekloppte von der Ost- zur Westküste der damaligen Vereinigten Staaten von Amerika rasen und wieder zurück und wieder hin und so weiter. Einer der rastlos Reisenden soll damals, aus Gier nach ununterbrochenen Erlebnissen und aus der Angst heraus, nur ein Quentchen davon zu verpassen, beschlossen haben, „ab dem heutigen Tage nicht mehr zu schlafen“.)

Er lag damit übrigens nicht falsch: die allgemeine zivilisatorische Entwicklung beförderte ja die allmähliche Abschaffung des Schlafes. Nicht nur die Städte leuchteten und strahlten dauerhaft vor sich hin, nicht nur die Büros erglänzten im blauen LED-Licht der Monitore, auch der letzte Kuhstall im allerletzten Provinznest erhielt eine nächtliche Illumination, von Hühnerställen ganz zu schweigen: es ist immer noch eine der leichtesten Übungen, dem Federvieh Tageszeiten vorzugaukeln, die so nicht existieren; sie folgen dem Licht mit ihrer Legeleistung wie die Entwicklungsabteilungen der Pharmakonzerne, die flexibel auf die Neubewertung minimaler Abweichungen von der gesundheitlichen Norm reagieren: schnell sind die passenden Medikamente designt und unverzichtbar…

Parallel dazu kam es zur flächendeckenden Einführung von Schichtarbeit und Mailverkehr: Jeder war zu jedem Zeitpunkt erreichbar, ein Zustand, der als Teil einer äußerst fortschrittlichen Entwicklung gesehen wurde.

Schlaf galt immer weniger bzw. immer mehr als Ärgernis für die Dauerkonsumkultur. Das Leben bot ja viel mehr, und wer es verschlief, war seines Unglückes eigener Schmied!

Die Menschen begannen aus der sich entwickelnden Entwertung des Schlafes heraus entsprechend zu reden und zu handeln: Man protzte, wer mit wie wenig Schlaf auskomme. Je weniger, umso fitter! Je fitter, umso wertvoller!

Wettbewerbe wurden ins Leben gerufen; es gewann, wer am längsten ohne Schlaf durchhielt. Der Rekord, so steht es auf den Webseiten zur Geschichte der Entwertung des Schlafes, wurde von einem gewissen Randy Gardner erzielt, er soll 1964 264,4 Stunden ohne Schlaf ausgekommen sein! Ein Bild des Mannes nach diesem Rekord ist leider nicht überliefert, er verschlief vermutlich das sich anschließende Fotoshooting.

Die Pharmaindustrie gab sich große Mühe, den Schlaf als eine Art neuer Krankheit zu definieren, um sofort die passenden neuen Mittel zu präsentieren: Provigil, ein Medikament der amerikanischen Firma Cephalon, um die Jahrtausendwende entwickelt und ursprünglich verschrieben gegen Narkolepsie – das plötzliche Wegnicken oder Wegschlafen, im Prinzip eine unstatthafte Flucht aus der schönen neuen Welt – , wurde zur Modedroge; Börsenmakler, Sportler, Entertainer usw. konnten mühelos auch noch nach der vierzigsten Stunde ihre Aufgaben zur Mehrung des Reichtums bestimmter kleinerer Kreise und der Belustigung und Ablenkung einer Mehrheit ausüben.

Irgendwann traten allerdings unvorhergesehene Folgen auf. Böse Folgen. Bei den Kurz- und Kaum-noch-Schläfern stieg der Blutdruck; es stellten sich nervöse Zustände ein; Anfälle von Heißhunger häuften sich, die Folge war eine explosionsartige Zunahme von Fettsucht, Adipositas, Magengeschwüren, Herzrhythmusstörungen…

Wer konnte schon ahnen, dass der Schlaf – und ein paar andere Dinge wie das Schweigen oder Ladenschlusszeiten – doch eine Bedeutung hatte?

Versuche der Betroffenen, diese Entwicklung zurückzudrehen, waren leider auch nicht von Erfolg gekrönt: Ein- und Durchschlafstörungen, nervöse Zustände mit allen Risiken bis hin zu Depressionen, Diabetes und vorzeitigem Tod schienen, einmal erworben, irreversibel zu sein und zu bleiben.

Eine Zeitlang versuchte man mit diversen Hilfsmitteln, die fatalen Folgen der Kurz- und Kürzestschlafkultur zu mindern. In Mode kamen für eine begrenzte Zeit Schlafstudios in den Zentren der Großstädte: dauerwache und demzufolge irgendwie dauermüde Angestellte, Manager, Banker und sonstige Geistesschaffende, konnten gegen einen kleinen Obolus für zehn, zwanzig, dreißig Minuten ein Bett oder eine Hängematte in einem Schlafstudio mieten und sich eine Prise des gering geschätzten Regenerationsmittelchens einverleiben. Eine andere Idee, die sich jedoch nicht so recht durchsetzen konnte, war der Verkauf von „Schlaf to go“: In Speiseeis, Döner oder Kaffee mischte man Kurzzeitnarkoleptika; die Hoffnung war, dass sich diese im Gehen entfalten und zu einer kurzen, aber erholsamen Schlafphase führen würden. Im Prinzip funktionierte das auch, die Kunden nickten ein und liefen weiter, ohne dass sie es selbst bemerkten. Leider verloren sie zwar auf diese Weise keine Zeit beim Leben und Dauerkonsumieren, doch die Richtung schon. Es passierte häufig, dass sie mit entspannten Gesichtern und halb- oder vollkommen geschlossenen Augen gegen Laternenmasten oder Hauswände knallten!

Fast war man drauf und dran, von der grundsätzlichen Meinung abzurücken, der Schlaf sei wertlos und vergeudete Zeit in einer Kultur des Konsums. Glücklicherweise kam es nicht zur Entwertung des Unwert-Überflüssigen und damit zur Aufgabe eines bei breiten Teilen zur Gewohnheit gewordenen Lebensprinzips.
Denn am Horizont ward neue Hoffnung sichtbar. Die Rettung aus der misslichen Situation kam, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, mit einer unbeabsichtigten Entwicklung aus den Laboren fleißiger Forscher. Die fanden in den Zwanzigern dieses Jahrtausends durch reinen Zufall inmitten einer schlaflosen Nacht eine Möglichkeit, das verhängnisvolle, zeitraubend-unproduktive Bedürfnis des Schlafens und Träumens, das bis zu diesem Zeitpunkt der Menschheit einen wesentlichen Teil ihrer knappen, kostbaren, unwiederbringlichen Zeit geraubt hatte, ganz zu eliminieren.

Bei der neuen Methode kamen keine Drogen wie Coffein, Medikamente wie Provigil oder irgendwelche ranzigen Amphetamine zum Einsatz. Die Wissenschaft hatte ja Fortschritte gemacht, sie war bereits seit Jahren in der Lage, mit der Implementierung eines Spezialchips die Funktionen der Zirbeldrüse zu beeinflussen; der neue Anti-Sleep-Chip nun trickste mit einem in der erwähnten Nacht zufällig entdeckten revolutionären Funkwellenmuster die Produktion von Melatonin und derlei überflüssigen Hormonen aus. Das neue Muster benutzte dabei als Rohstoff ganz gewöhnliche Hip-Hop-Produkte aus den Hitparaden, die mit diversen neutönerischen Kompositionen und einer riesigen Menge möglichst inhaltsloser Sprach- und Textnachrichten – von Whatsapp, Twitter und ähnlichen Messengern – vermengt und wieder zerlegt wurden, um sie danach erneut zu koppeln; das Verfahren ist bis heute geheim.

Die Wirkung war immens, die Träger des neuen Chips genossen nun einen dauerhaften Wachzustand ohne – und das war das Erstaunlichste an der neuen Entwicklung – die geringsten Nebenwirkungen!

Frau Ortolani-Mancini zögerte nicht lange, als sie von der neuen Entwicklung erfuhr. Sie stellte sich auf eine fast heldenhafte Art als Versuchsperson für eine Testserie des neuen Anti-Sleep-Chips zur Verfügung. Leider kam die Entwicklung für sie irgendwie zu spät, denn ihre aktive berufliche Laufbahn lag zum Zeitpunkt der Versuchsreihe schon ein paar Jahre hinter ihr. Sie hatte sich von der Bühne und dem rauschenden, fast schon so gut wie schlaflosen Tag- und Nachtleben mit dem Vorsatz verabschiedet, es nun ruhiger angehen zu lassen und einfach den verpassten Schlaf nachzuholen. Aber das funktionierte nicht! Sie konnte einfach nicht einschlafen, und wenn doch, schlief sie nur Minuten und sprang hellwach wieder aus dem Bett. Es war, als knipse jemand in ihrem Kopf in unregelmäßigen Abständen ein intensives blaues Licht an – so beschrieb sie ihren Zustand gegenüber den wenigen Freunden, die ihr nach dem Abschied von der Bühne die Treue hielten, der Heizungsbaumeister Rohrgebauer zählte zu diesem Kreis.

Dem war es ähnlich ergangen, nur in einem völlig anderen Metier. Gebauer besaß einmal eine mittelständische Sanitär- und Heizungsbaufirma. Die lief nicht schlecht, es gab genügend Aufträge, er begann zu expandieren.

Doch die Technik entwickelte sich. Die Anlagen wurden komplizierter, der Anteil der Steuerungs-, Regelungs-, Messtechnik nahm stetig zu. Was ursprünglich als Mittel zur Beherrschung der Technik gedacht war, entpuppte sich zunehmend als Störfaktor: Die Ausfälle der Anlagen häuften sich, die Kunden beherrschten immer weniger die immer umfangreicheren Features der Steuerungszentralen ihrer Heizungs- und Warmwasserversorgungsanlagen, die ja aus komplexen Teilanlagen bestanden, aus Kombinationen von Brennstoffzellen, Wärmepumpen, Fotovoltaikanlagen, thermischen Kollektoren, Batteriepuffern, Windrädern…

Gebauer hielt dagegen. Erweiterte seinen Notrufservice. Mehrmals. Bis er einen Dauerservice hatte. Rund um die Uhr nahmen nun er, seine Frau, die Kollegen von der Bereitschaft, die Störungen entgegen und organisierten Abhilfe.

Leider kündigten innerhalb kurzer Zeit mehrere erfahrene Monteure und Meister ihren Vertrag. Die Arbeit blieb an Gebauer hängen, vor allem der Aufwand für den Notrufservice. Augen zu und durch, sagte sich Gebauer und schob Nachtschichten.

Dass er sich übernahm, merkte er zu spät. Als die Banken keinen Vorschuss mehr für Materialkäufe gaben und Aufträge ausblieben, glaubte Gebauer immer noch, er müsse nur wacher sein und bleiben und mehr Zeit den wichtigen Prozessen in der Firma widmen.

Aber es war zu spät. Er schlief so gut wie nicht mehr, die Firma arbeitete mit den paar verbliebenen Hilfsmonteuren so ineffektiv wie nie, die Beschwerden, Mängelanzeigen und Garantieforderungen erreichten einen Höchststand, die Kunden zahlten die Rechnungen nicht mehr.

Mit dem letzten Geld ließ sich Gebauer den neuen Anti-Sleep-Chip einsetzen. Als er von der Operation zurück in die Firma kam, verwehrte ihm ein Konkursverwalter den Zutritt. Gebauer erlitt einen Nervenzusammenbruch bei vollem Bewusstsein, also im neu erlangten Zustand der Dauerwachheit. Mit Herzkammerflimmern, hyperventilierender Atmung, Schaum vor dem Mund und irrem Blick ins Nichts gab ihn der Rettungsdienst in der Notaufnahme des nächsten Krankenhauses ab. Ein paar Tage später reifte ihn ihm die Erkenntnis, sein Lebenswerk sei vernichtet, er ginge am Besten in ein Seniorenheim.

Was er dann auch tat.

Im Heim traf er Frau Ortolani-Mancini; sie erkannten ihre Seelenverwandtschaft auf den ersten – überwachen – Blick.
 

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