Schnürsenkel

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blackout

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Ich war zu klein, noch nicht Vier, ich wusste nichts. Nicht, dass Krieg war, nicht, warum mich jede Nacht die Sirene aus dem Schlaf riss. Noch heute zittere ich, wenn ich eine Sirene höre, eine mit auf- und abschwellendem Geheul. Dann steht die Mutter wieder vor meinem Bettchen, mit angsterfülltem Gesicht, hebt mich mit unsanftem Griff heraus, zieht mich mit fliegenden Fingern an. „Fliegeralarm, horch!"

Das Baby im Wäschekorb, meine Schwester, schreit. Die Mutter lässt mich auf Strümpfen stehen, beugt sich über das Baby und eilt in die Küche. Mir ist kalt. Ich muss warten, bis mir die Mutter die Schuhe anzieht. Langweilig so ein Warten. Und die Sirene heult und heult atemlos. Ich ziehe die Schuhe an, die Schnürsenkel stören mich, ich kann noch keine Schleifen binden. Ich ziehe sie heraus, um sie mir genau anzusehen.

Das zornige Gesicht der Mutter vor mir. „Göre!" Ich weine, warum der Katzenkopf, ich habe nichts Böses getan. Ich wollte mich doch nur allein anziehen.

Die Mutter stukt den Kinderwagen die Treppen herunter. Im Kinderwagen liegt das wichtigste Hab und Gut für den Bunkeraufenthalt, darauf die kleine Schwester. Auf der Straße muss ich an den Kinderwagen anfassen. Die Mutter rennt, es ist eher ein Fliegen, ich stolpere nebenher.

Die Sirene heult noch immer, auf der Straße ist sie noch lauter als in der Wohnung, ich habe Angst vor ihr. Ich bin wie betäubt. Über uns ein roter Himmel. Wie schön, denke ich. Die Mutter rennt und rennt, sie keucht. Ich habe keine Luft mehr, die Luft ist schneidend kalt, aber ich schwitze. Ich lasse mich fallen. Luft, Luft! Die Mutter rennt weiter, ich sitze allein auf dem Straßenpflaster, und über mir der rote Himmel. Wie schön.

Am Straßenrand liegt Schnee, der Himmel färbt ihn rosa. Ich denke, der Schnee ist etwas Süßes, und stecke mir eine Handvoll des schönen rosa Himmelsgeschenks in den Mund. Plötzlich die Mutter, sie reißt mich hoch, der Befehl: „Anfassen!" Wir rennen weiter, ich schnappe nur noch nach Luft.

Am Ende der Straße der Bunker. Ich weiß nicht, dass man dieses graue, runde Haus, das einmal ein Gasometer war, Bunker nennt. Das Wort Bunker habe ich öfter schon gehört, weiß aber nicht, was damit gemeint ist. Aber ich weiß: Drinnen ist es kalt und feucht, ich bin nicht gern in diesem Haus. Vor dem Bunkereingang eine Menschenmenge, ich lasse den Kinderwagen nicht los. Sonst gehe ich verloren, wie schon einmal.

In der Kabine drei Betten übereinander, ein kleiner Tisch und zwei Hocker. Mein Bett ist das ganz oben, die Kabinendecke scheint auf mich zu fallen. Langweilig, ich habe kein Spielzeug. Die Wand ist kalt und zittert. Ich sehe die Mutter am Tisch sitzen, das Baby im Arm, in die Ecke gedrückt.

Plötzlich Krach, woher? Es sind Bomben, die auf den Bunker fallen, aber das weiß ich nicht.
Die Wand zittert noch mehr als vorher, ich befühle sie, finde es komisch, dass eine Wand zittert wie ich, wenn mir kalt ist. „Sie wackelt ja, Mutti!"
Die Mutter antwortet nicht. Sie presst das Baby an sich. Ihre Augen sind unnatürlich groß.

Wieder zu Hause, sagt die Mutter zur Oma: „Diese Göre! Jedesmal bei Fliegeralarm! Was sie bloß gegen Schnürsenkel hat!"
 
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