Schwarz Rot Gold

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SCHWARZ ROT GOLD

1
Abendessen und Appell sind vorüber und ich habe Zeit zum Schreiben, bis das Licht gegen zweiundzwanzig Uhr gelöscht wird. Überdies gehört es im Rahmen der Resozialisierung zu meinen Pflichten, meinen Fall schriftlich aufzuarbeiten, und bevor dieses Schriftstück zu den Akten geht oder zur Veröffentlichung freigegeben wird – was ab und zu vorkommt, jedoch nur bei einigen wenigen exemplarischen Fällen, zu denen der meinige, wie ich doch hoffe, nicht zählt –, wird es selbstredend auf sachliche Fehler, reumütige Gesinnung und unerwünschte beschönigende bis apologetische Darstellungen geprüft.
Nun denn, irgendwo muss ich anfangen, und so rufe ich mir etliche Geschichten ins Gedächtnis, die mit der – häufig lediglich ungefähren – Angabe der Tageszeit beginnen, vermutlich um rasch einen Einstieg in die Geschichte zu finden, ihr sozusagen den Startschuss zu geben, ohne gleich eingangs unangemessen viel Fantasie zu verbrauchen. Nicht, dass der genauen Tageszeit stets eine wichtige oder gar unerlässliche Voraussetzung für den Handlungsfaden oder die Motive der Akteure zu Grunde liegen würde: Ob eine Geschichte am Morgen, gegen Mittag, abends oder nachts beginnt, entscheidet der Autor meist nach Gutdünken, ausgenommen natürlich bei einem Bericht über eine wahre Begebenheit wie dieser. Hat man sich jedoch einmal auf eine Tageszeit festgelegt, so stattet man diese zwangsläufig mit den dazugehörigen, erprobten Adjektiven, Metaphern und Analogien aus. In der Hauptsache sollte es dabei um Uhrzeit und Wetter gehen, und, wie gesagt, irgendwo muss ich ja anfangen.
Diese Geschichte beginnt also an einem Montagmorgen im Juni, zwischen halb sieben und sieben Uhr, und es war ein schwarz-rot-goldener Morgen. Der von meinem Fenster aus sichtbare Teil der Straße – Fenstersimse, Häuserwände, Gartenzäune, Autoscheiben- und Rückspiegel – war schwarz-rot-gold bemalt, bekleidet oder verhängt. Überall sah man schwarz-rot-golden blinkende Lichterketten an Zäunen und Fenstersimsen und ebensolche Fahnen weit aus Fenstern und von Balkonen flattern, sowie auf improvisierten Masten in Vorgärten aufgezogen oder, je nach Länge der an ihnen befestigten Stangen, direkt in die Erde gepflanzt. Selbst der Regen – hatte ich schon erwähnt, dass es regnete? – schien schwarz-rot-golden gefärbt, wenn man nur lange genug versuchte, durch ihn hindurchzusehen.
Ich weiß, dies hört sich merkwürdig an, nichtsdestotrotz schienen sich jene auffallenden Farben tatsächlich im Regen zu spiegeln, ganz so, als hätten offizielle Stellen beschlossen, die Gunst der schwarz-rot-goldenen Begeisterung zu nutzen, um selbst das Wetter zur patriotischen Werbung und Erbauung zu bemühen. Als wären das tägliche Jubelgebrüll aus offenen Fenstern und Gärten, das Gegröhle aus einem nahegelegenen Biergarten, die Böllerschüsse, Tröten, Glocken und Sirenen nicht schon schrecklich genug für mich gewesen! Nicht der Anblick der Vorgärten, mit ihren symmetrisch ausgerichteten Blumenreihen und Rabatten, den Gartenzwergen, Plastikbambis, Goldfischteichen, kitschigen Nachbauten von Burgen und Schlössern – bevorzugt Hohenzollern und Neuschwanstein – sowie der hölzernen Skulptur der Ex-Kanzlerin in Originalgröße, die jener Idiot von Nachbar, von dem noch die Rede sein wird, direkt neben seinem Garteneingang platziert hat (und die ihn eine schöne Stange Geld gekostet haben muss). Nein, als wäre dies alles nicht genug gewesen, hatte jener Nachbar am vorherigen Abend eine bestimmt einen Meter fünfzig durchmessende, mit Luft oder Helium gefüllten Kugel in Gestalt eines Fußballs aus Plastik (oder einer Art Gummi) aufgestellt und an Gartenzaun und umstehenden Sträuchern vertäut. Jener Ball bestand an Stelle der üblichen schwarz-weißen Flecken aus solchen in schwarz-rot-gold und war die ganze Nacht über von innen beleuchtet. Als die Beleuchtung dieser monströsen Geschmacklosigkeit kurz nach Einbruch der Dunkelheit eingeschaltet wurde, glaubte ich für einen Moment, ich hätte schon zu viel getrunken. Aber nein! Der Ball war real, mir wurde geradezu schwindelig bei seinem Anblick, und er brachte für mich das Fass zum Überlaufen, und vielleicht lassen sich so die folgenden Ereignisse wenigstens ansatzweise erklären, wenn auch nicht rechtfertigen.
Beim ersten Büchsenlicht des Montagmorgens legte ich mir mein Luftgewehr zurecht und mich selbst auf meinem im zweiten Stock gelegenen Balkon auf die Lauer, um auf meinen Nachbarn zu warten, wenn er die Zeitung holen oder zur Arbeit gehen würde. Neben mir hatte ich einen CD-Spieler mit integrierten Lautsprechern aufgestellt, darin eine CD mit einer karnevalistisch verbrämten Darbietung der (bundes-) deutschen Nationalhymne eingelegt – Einigkeit und Recht und Freibier –, bereit sie mittels der Wiederholungstaste nonstop abzuspielen.
Mein Nachbar ließ jedoch auf sich warten, und da ich kein geduldiger Mensch bin und obendrein starke Kopfschmerzen hatte, schaltete ich gegen sieben Uhr kurzerhand das Gerät ein, aktivierte die Wiederholungsfunktion und spielte die CD mit maximaler Lautstärke ab.
Rasch kamen mehrere Bewohner der umliegenden Häuser – in der Mehrzahl Rentner – in die Vorgärten gestürmt, blickten sich irritiert und miteinander gestikulierend um, bevor sie mit offenen Mündern und wütenden Mienen zu mir hochsahen. Was sie mir dabei zuriefen, konnte ich der Musik wegen nicht verstehen; einer schien mir jedoch tatsächlich stramm zu stehen und die vermeintliche Nationalhymne mitzusingen! Mir war dieses große Publikum gar nicht recht, aber als kurz darauf mein Zielobjekt aus seiner Haustüre trat, konnte ich nicht mehr zurück. Er starrte zu mir herauf, schüttelte eine Faust in meine Richtung und schrie etwas, das sich wie blinde (oder linke) Sau anhörte, und da begann ich eben zu schießen.
Zuerst nahm ich mir die Außenspiegel seines Autos vor, welches gegenüber von meinem Balkon geparkt war. Die Spiegel waren auf Grund der albernen schwarz-rot-goldenen Schutzhülle ein wichtiges Ziel und zersplitterten schon beim ersten Schuss, obwohl ich kein besonders guter Schütze bin. Ungläubig starrte mein Nachbar zu mir hoch; er konnte es wohl nicht unmittelbar fassen, was sich da getan hatte, obwohl ich aufrecht stand und als Schütze gut auszumachen war. Bevor er jedoch irgendetwas unternehmen konnte, wand ich mich der hölzernen Skulptur zu: Zwei Treffer; einer trennte ein Stück der Nase der Ex-Kanzlerin ab. Danach machte ich mich über den Fußball her. Der zerplatzte wunschgemäß – er muss wohl aus sehr dünnem, billigem Material bestanden haben –, und der Knall übertönte sogar die Musik. Als mein Nachbar sich umwand, um die Bescherung zu begutachten, hätte ich ihm beinahe eine Kugel in seinen Hintern verpasst.
Jedoch verließ mich dafür der Mut – ich hatte mein Ziel erreicht und meine Wut war inzwischen weitgehend verraucht – und ich beschloss, wenn er sich mir wieder zuwenden würde, ihm in einer letzten verhöhnenden Geste vor die Füße zu schießen, wie ich es von Westernfilmen her kannte. Das tat ich auch, als er plötzlich wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzte. Siedend heiß wurde mir klar, dass ich ihn ernster verletzt haben musste, obwohl ich nicht hatte erkennen können, wohin mein Schuss tatsächlich traf. Obendrein war ich zu erschrocken, um genau nachzusehen, wie er schreiend zu Boden ging. Also schaltete ich rasch den CD-Spieler aus und rannte vom Balkon ins Wohnzimmer um mich zu verstecken, was mir umgehend albern erschien, da etliche Leute mich und mein Gewehr deutlich gesehen haben durften. Draußen herrschte inzwischen ein lautstarkes Durcheinander aus Stimmen und Sirenen, und so ging ich, vorsichtig gebückt, nach ein paar Minuten wieder auf den Balkon, um mir ein Bild der Lage zu verschaffen. Konnte der Idiot eventuell sogar tot sein? Aber er lag schon nicht mehr an der Stelle, an der er umgefallen war, und ich dachte und hoffte, dass auf diese Entfernung ein Luftgewehr wie das meinige eigentlich keinen großen Schaden hätte anrichten dürfen, jedenfalls nicht bei einem Menschen.
Eine knappe halbe Stunde später wurde ich festgenommen und schon einen Tag später, am Dienstag, angeklagt und vor Gericht gestellt, zu meinem Erstaunen lediglich wegen Verunglimpfung von Amtspersonen in Tateinheit mit der gezielten Verhöhnung von Symbolen des Staates. Wie es sich herausstellte, hatte ich den Idioten nur am Oberschenkel gestreift, sodass er lediglich wegen einer pfenniggroßen, jedoch harmlosen Fleischwunde behandelt werden musste. Da mir die Absicht eines gezielten Schusses auf einen Menschen wohl nur schwer nachzuweisen gewesen wäre – es hätte ja ebenso gut ein Querschläger der Schüsse auf Außenspiegel und Plastikkugel sein können; überdies gab es keine verlässlichen Angaben über die Anzahl der von mir abgegebenen Schüsse –, ließ man eine mögliche Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar versuchten Totschlags fallen. Wie mir mein Pflichtanwalt erklärte, seien die Gerichte überdies seit geraumer Zeit dazu angehalten, kleinere Gewaltdelikte, wie sie zum Beispiel bei Schlägereien und familiären Auseinandersetzungen vorkommen, lediglich als Ordnungswidrigkeiten zu behandeln. Wenn nicht eine schwere Verletzung oder gar ein Todesfall vorlägen, gälte es vordringlich die Verhältnismäßigkeit zwischen dem angerichteten Schaden, dem zu erwartenden Strafmaß und den Kosten des jeweiligen Verfahrens im Auge zu behalten.
Nun verstand ich auch die Äußerung des Justizministers unserer Einparteienregierung, die er kürzlich in einem Interview getätigt hatte, die da sinngemäß lautete, dass in schwierigen Zeiten auch ein gewisses großzügiges Augenmaß seitens der Justiz und der Politik von Nöten sei, innerhalb dessen man der Bevölkerung gewissermaßen ein Ventil zugestehe, damit diese ihren Frust zum Beispiel über ständig steigende Abgaben und wachsende Arbeitslosigkeit abreagieren könne, solange dies in einem vertretbaren Rahmen bliebe, in den zum Beispiel leichtere Fälle von Körperverletzungen eben zu fallen hatten. Bei Angriffen auf Symbole des Staates würde man allerdings kein Pardon kennen, und ich müsse dafür, so mein Anwalt, mit einer Freiheitsstrafe rechnen, wahrscheinlich abzusitzen in einer der sogenannten Umerziehungsanstalten.
Ein Wort zu meinem Anwalt: Schon seit längerem gibt es in unserem Land unterhalb der Schwelle der Kapitalverbrechen weder einen Wahlverteidiger noch eine formelle Untersuchungshaft mehr, da es neuerdings ausschließlich zum Aufgabengebiet der Ermittlungsorgane gehört, eine Anklage zu formulieren und beim Staatsanwalt einzureichen, dem lediglich noch die Aufgabe obliegt, diese Anklage so rasch wie möglich dem Gericht zu übergeben und diese im Lauf der Verhandlung kurz zusammenzufassen. Man war im Parlament mit großer Mehrheit übereingekommen – die Opposition vereinigt nur noch knapp dreißig Prozent der Abgeordneten auf sich und ist traditionell zerstritten –, dass kleinere Delikte den Aufwand nicht wert seien, zumal das Strafmaß für jene klar festgelegt ist und deshalb keinen Spielraum für anwaltliches Engagement lässt. Überdies beschränken sich die Aufgaben und Möglichkeiten des Pflichtverteidigers ohnehin auf rein formale Dinge wie die Überwachung der korrekten, buchstabengetreuen Durchführung des Gerichtsverfahrens und die Bereitstellung eventuell benötigter persönlicher Unterlagen oder Aussagen der jeweiligen Mandanten.
So stand ich also vor Gericht – die Verhandlung bestand weitestgehend aus dem Verlesen meines Geständnisses – und wurde zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe wegen vorsätzlicher Schmähung des Staates (bzw. seiner Symbole) verurteilt, abzusitzen in einer für derlei Delikte eingerichteten Umerziehungsanstalt, ganz wie mein Anwalt vorhergesehen hatte.

2
Ich bin, denke ich, ein leidlich gebildeter Mann von ebensolcher Intelligenz, und trotz meines ungeduldigen, bisweilen hitzigen Temperaments eher bequem, und so habe ich mich recht gut in das Leben hinter Gittern eingefügt, das man alles in allem nicht als unbequem bezeichnen kann, hat man sich erst einmal an die tägliche Routine gewöhnt.
Der Morgen beginnt – nach dem Frühstück, dem Appell und anschließenden dreißig Minuten Gymnastik – mit dem sogenannten staatsbürgerlichen Unterricht, in dem es in der Hauptsache um die Geschichte unseres Landes seit den Unruhen vor dreiunddreißig Jahren geht. Jene Unruhen (nebst den darauffolgenden Parlamentswahlen) haben zum weitgehenden Verschwinden von drei der ehemals vier großen Parteien geführt, die sich in der Folge ihrer katastrophalen Wahlniederlagen in eine Reihe kleinerer Parteien zersplitterten, von denen nur drei die vorgeschriebene Zehn-Prozent-Hürde überspringen konnten. Durch mutige, optimistische Wahlversprechen sowie geschicktes Taktieren gelang es der schon damals größten Partei im Vorfeld jener Wahlen nämlich, mit beinahe siebzig Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit der zu vergebenden Mandate zu erringen und von diesem Zeitpunkt an den Kanzler bzw. die Kanzlerin zu stellen. Nämliche Frau hatte sich diese Ehre durch langjährige, treue Parteiarbeit redlich verdient, und kaum jemand bezweifelte ihre Fähigkeiten, das Land erfolgreich durch schwierige Zeiten zu navigieren. Um dies zu gewährleisten, änderte das neue Parlament unter anderem – die dafür nötigen Mehrheiten waren nun vorhanden – die Dauer einer Regierungsperiode von vier auf zehn Jahre.
Weitere bedeutende Veränderungen respektive Reformen sollten folgen, wie die des Justizwesens, der Wahlgesetze – Einführung der Zehn-Prozent-Klausel für Parteien; Wegfall der Verhältniswahl – und der Medienwelt, für die lediglich noch drei Nachrichtensendungen pro Tag und Sender vorgesehen waren, politische Magazine eingeschlossen. (Analog hierzu eine bis drei Seiten in den Printmedien.) Insgesamt gilt ein Höchstanteil von fünfundzwanzig Prozent für alle Beiträge, die nicht zum Unterhaltungssektor inklusive Werbung gerechnet werden können. Dies gilt für alle Medien und entsprechend für jede einzelne Publikation oder einzelnen Sender. Ebenso wurden Finanzbranche, Wirtschaft sowie das Arbeitsrecht von Grund auf reformiert und liberalisiert, um die Wirtschaft von unnötigen Fesseln wie zum Beispiel der Tarifautonomie zu befreien und dergestalt ein ungehindertes, regelmäßiges Wachstum nebst dem entsprechenden notwendigen Profit zu ermöglichen.
Zwei Jahre vor Ende ihrer dritten Amtszeit trat die Kanzlerin aus Altersgründen von ihrem Amt zurück, und ihre Partei, die seither unangefochten mit Wählerstimmen zwischen fünfundsechzig und fünfundsiebzig Prozent regiert hatte, nominierte die älteste Tochter der Kanzlerin als Nachfolgerin. Diese wurde bei der letztjährigen Wahl mit einem Stimmenanteil von knapp siebzig Prozent im Amt bestätigt – mit achtundvierzig Jahren damit jüngster Regierungschef unseres Landes –, was sicherlich auch ein Ausdruck der Beliebtheit ihrer Mutter war und man davon ausgehen durfte, dass die Tochter die Regierungsgeschäfte ganz im Sinne der Mutter, die ihr in beratender Funktion weiterhin zur Seite steht, weiterführen wird.
Der oben erwähnte staatsbürgerliche Unterricht ist auf vierteljährige Kurse ausgelegt und wird danach zur Vertiefung regelmäßig wiederholt, damit auch Neueinsteiger nichts verpassen. Informativ und nützlich, ist es ein Bisschen wie in der Schule, nur dass Leute wie ich, die bisher zu gleichen Teilen unwissend und blauäugig waren, mehr Nützliches fürs Leben lernen können, als es unser reguläres Schulsystem anbietet. –

Nach dem Mittagessen arbeitet man in den verschiedenen Werkstätten, wo in der Hauptsache Haushalts-, Büro- und Geschenkartikel hergestellt werden, als da wären: Fähnchen, Wimpel, Schals, Mützen, Buttons zum Anstecken, Tassen, Teller, Aschenbecher, Besteck, Briefpapier, Radiergummis, Bleistifte, Kugelschreiber; alles mit schwarz-rot-goldenen Emblemen versehen, wahlweise mit den Portraits der Ex-Kanzlerin und ihrer Tochter. Man braucht für diese Arbeiten keine speziellen handwerklichen Fähigkeiten; in den meisten Fällen handelt es sich um reine Druck- und Imprägnier Vorgänge, bei denen lediglich Maschinen zu bedienen sind. Zwar ist es eine anspruchslose, wenig abwechslungsreiche Tätigkeit, aber sie ist für die Volkswirtschaft von Nutzen und wird obendrein bezahlt, wenn auch nicht wie in der freien Wirtschaft, obwohl die Stundenlöhne in Gefängnissen und Umerziehungsanstalten seit der letzten Gesetzesreform erfreulich gestiegen sind. Die Arbeit wird überdies als nützlich für die Rehabilitation bzw. Resozialisierung von Straftätern angesehen, deren Vergehen auf persönliche Probleme mit eben jenen schwarz-rot-goldenen Symbolen unseres Landes zurückzuführen sind. (
Probleme: So werden Vergehen oder Straftaten wie die meinigen hierorts genannt.)
Die Wochenenden sind Besuchstage, sofern man keine Anlässe für Klagen oder Bestrafungen gegeben hat und die Besucher als gesetzes- und linientreu gelten. Ich habe weder Angehörige noch nähere Bekannte und bekomme deshalb keinen Besuch. Meine ehemaligen Trinkkumpane waren eher zufällige Bekanntschaften und haben – wie auch meine Ex-Frau – keinen Anlass für einen solchen Besuch, zumal der eine oder andere sicherlich nichts von meinem derzeitigen Aufenthaltsort weiß, und wenn doch, bestimmt wenig Lust verspürt, sich möglicherweise in irgendeiner Form zu kompromittieren.
Die Abende in der Zelle sind naturgemäß die ruhigste Zeit des Tages, aber auch die langweiligste. Man kann sich, so man keinen Zellengenossen hat, mit wenig mehr als mit Lesen oder Briefeschreiben beschäftigen, und die erlaubte Lektüre beschränkt sich in der Regel, neben reiner Unterhaltungskost aus den Bestseller-Listen, auf wenige Bände staatsbürgerlicher Fachliteratur, die man wöchentlich zugeteilt bekommt und rasch ausgelesen hat. Ich habe seit ein paar Tagen einen Zellengenossen, über den ich mich durchaus gefreut habe, da er mir ein netter Kerl zu sein schien. Das ist er sicherlich auch auf seine Art – wenn er denn nur nicht so geschwätzig wäre! Ständig erzählt er mir aus seinem bisherigen Leben, beinahe von Geburt an (womit er übrigens am ersten Abend schon fertig war, bevor er aufs Neue damit begann, unter ständig wechselnden Ausschmückungen und Korrekturen), und fragt mich unablässig nach meinem aus. Er sitzt für volle drei Jahre ein, weil er Wahlplakate der neuen Kanzlerin mit obszönen, despektierlichen Kritzeleien verunstaltet und in Kneipen unflätige Reden gehalten hatte; jedenfalls ist es das, was er mir erzählt. Ich bin nicht sicher, ob er nicht etwa ein Spitzel ist; andererseits ist es mir relativ egal, da ich nichts (mehr) zu verbergen und keinen Grund habe, meine geläuterte Gesinnung zu verschweigen.

3
Für die allermeisten Insassen ist der wichtigste Tag jedoch der Freitagnachmittag.
Hier ruht die Arbeit, da die wöchentlichen Sitzungen mit den Anstaltspsychologen- und Psychiatern anstehen. Jene sind letztlich dafür verantwortlich, ob man vor Ablauf seiner Strafe auf Bewährung entlassen wird oder länger einsitzen muss, sollte man keine oder nur geringe Fortschritte bei der Bewältigung der Probleme, die einen hierher gebracht hatten, erzielt haben, und demzufolge eine Prognose, die vor jeder Entlassung auszustellen ist, ungünstig ausfällt. (Manchmal erinnert mich die Sache an den ehemaligen Idiotentest – man verzeihe mir die respektlose Bezeichnung, aber so spricht der Volksmund eben –, den man etwa nach einem Alkoholdelikt im Straßenverkehr zu absolvieren hatte, bevor man wieder eine Fahrerlaubnis erteilt bekam. Diese Prozedur wurde zum Glück schon vor Jahren abgeschafft und durch – allerdings hohe – Geldstrafen ersetzt.)
In der Anstalt sollen an die fünfzig Psychologen und Psychiater arbeiten, mehr als das gesamte Wach-, Küchen- und Aufsichtspersonal, woran man auch erkennen kann, wie viel Bedeutung man der Korrektur der gesellschaftlichen Einstellung und damit der Wiedereingliederung der Insassen beimisst. Die Mehrzahl der Psychologen sind Frauen; warum dies so ist, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich ist es einfach so, dass sie in ihrem Beruf besser als Männer sind und die Häftlinge ihnen gegenüber aufgeschlossener reagieren, was wiederum nicht verwundern dürfte, bekommt man ansonsten außerhalb der Besuchszeiten keine Frauen zu Gesicht.
Die mir zugewiesene Psychologin ist eine angenehme, vollschlanke Endvierzigerin, die viel freundliche Geduld mit mir aufbringt und sich dabei aufrichtig Mühe gibt, mir mein Fehlverhalten bewusst zu machen. Dies beeindruckt mich umso mehr, als mir jenes Fehlverhalten anfangs gar nicht einsichtig war bzw. ich das Strafbare meiner Handlungen abwechselnd rechtfertigte und beschönigte, zumal mein vermeintlich schlimmstes Vergehen – attestierter Missbrauch einer Schusswaffe in Tateinheit mit Körperverletzung – ja nicht einmal vor Gericht stand. So war ich lange Zeit davon überzeugt, dass meine Wut ausschließlich jenem Idioten von Nachbarn galt, den ich ohnehin schon lange vorher auf dem Kieker hatte. Auch war mir nicht klar, dass karnevalistisch angehauchte Aktionen – zugegeben, es war kein Karneval an jenem Tag – wie die morgendliche Ruhestörung meiner Wohnstraße durch ausgerechnet jene CD ein schlechtes Licht auf meine staatsbürgerliche Gesinnung geworfen haben mochten.
Als erstes brachte mir die Psychologin mittels einfacher Konzentrationsübungen bei, die negativen Impulse, die sie mir bescheinigt, besser zu kontrollieren. (Mit Erfolg, denke ich, wie man unter anderem auch an diesem Aufschrieb erkennen müsste.) Diese Impulse, die in der Hauptsache aus Frust und Wut bestehen, suchen sich eben meist, so meine Psychologin, ein beliebiges, zufälliges Ziel, welches mit der Ursache, dem Ursprung jener Impulse, rein gar nichts zu tun haben mag. Die Psychologin erklärte mir weiterhin, dass besagtes Ziel nun stellvertretend für mein unausgeglichenes, frustriertes Innerstes herhalten müsse, also lediglich als Ventil dafür diene, dass ich mit mir und meiner Umwelt hadere. Einfacher ausgedrückt: Meine Wut, die sich an meinem Nachbarn und an den schwarz-rot-goldenen Symbolen des Staates sowie an Abbildungen seiner Führung austobte, existiert letztlich nur deshalb, weil ich mich aus Unwissenheit und Ignoranz nicht als Teil jenes Staates, jener Symbole begreifen mag. Habe ich jedoch erst einmal verstanden, dass jene Symbole eben auch mich als Einzelperson repräsentieren, so stünde einer geläuterten und damit gesellschaftlich nützlichen Existenz nichts mehr im Wege. –

Mittlerweile habe ich vierzehn Monate – beinahe zwei Drittel; die Marke, ab welcher man für eine frühzeitige Entlassung auf Bewährung in Frage kommt – meiner Strafe abgesessen und, wie ich glaube, gute Fortschritte gemacht. Ich lernte nicht nur den eigentlichen, tieferen Grund für mein Fehlverhalten kennen, sondern bin mittlerweile dazu imstande, nämliches Verhalten mir wie anderen gegenüber aufrichtig einzugestehen. Außerdem verstehe ich meine Rolle in unserer modernen, Konfliktbeladenen, dennoch zur Hoffnung anregenden – mahnenden – Gesellschaft mit jedem Tag ein wenig besser.
Die Probleme unserer Tage werden nicht von Heute auf Morgen verschwinden, aber sie werden gelöst werden, dessen bin ich mir gewiss, und zwar von uns allen, von der Schicksalsgemeinschaft unseres Vaterlands, Mann und Frau, Kind und Kindeskind, Werktätiger und Rentner, Arm und Reich, alle versammelt unter der einen Fahne, die es zu ehren und lieben gilt. Und so sehe ich mit Freude und Spannung meinem neuen Leben in der Mitte der Gesellschaft entgegen.

 


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