Schwarzer Mond

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Ciconia

Mitglied
„Wie heißt du?“, fragt mich der schwarze Mann, dessen kugelrundes Gesicht durch die blaue Schutzhaube noch betont wird. Er steht am Fußende des OP-Tisches und lacht mich freundlich an.

Ich kenne ihn, er hat mich letztes Jahr auch schon geduzt. Ich bin ja nicht zum ersten Mal hier. Er duzt alle.

Grinsend nenne ich meinen Namen und sehe die Anwesenheit des schwarzen Mannes als gutes Omen an. Beim letzten Mal ist schließlich auch alles gutgegangen.

„Was soll gemacht werden?“

Er muss das fragen, obwohl der Stationsarzt bereits gestern ein großes schwarzes Kreuz auf die zu operierende Stelle gemalt hat. Während ich kurz und bündig antworte, zeige ich sicherheitshalber noch einmal auf die richtige Seite.

Von hinten nähert sich ein Grüngekleideter und macht sich an der Kanüle auf meinem Handrücken zu schaffen.

„Ich beginne jetzt mit der Einleitung“, sagt er leise. Ich nicke ergeben. Der schwarze Mann lächelt beruhigend. Dann geht der Mond unter, und Sekunden später versinke ich in der Dunkelheit.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo ciconia,

Nun habe ich lange gewartet, ob jemand hier etwas zu schreibt, da ich den Text nicht richtig verstehe.

Anscheinend befindet sich der/die Prot in einem OP Saal.

Am Fussende des OP tisches steht ein schwarzer Mann, der anscheinend die OP durchführen wird.

Der Grüngekleidete setzt die Kanüle an.

Der schwarze Mann lächelt.

Dann geht der Mond unter.

Und Prot versinkt in der Dunkelheit.

So, der Text.

Was ich nicht verstehe:

Welcher Mond? Im OP Saal?

Soweit ich weiss, gibt es in OP Säle keine Fenster und vom OP Tisch aus, blickt der Patient nur noch auf eine riesige OP Leuchte.

Ich habe versucht, einen Zusammenhang zu finden, zwischen dem schwarzen Mann, dem Mond, etc...

Komm aber auf keinen grünen Zweig.

Mit Gruss, Ji
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

wenn das so schwierig ist, habe ich wahrscheinlich zu viel vorausgesetzt – nicht jeder hat schon mal eine OP gehabt.

Ich hätte erwähnen müssen, dass die geschilderte Situation vor dem OP stattfindet, denn dort wirst Du noch einmal befragt und dann anästhesiert. Dort wird nicht der Chirurg anwesend sein, sondern eventuell ein Anästhesieassistent oder eine Hilfskraft, die noch einmal den Zustand des Patienten kontrolliert. Der Mann, der letztlich die Narkoseeinleitung vornimmt, ist dann der Anästhesist selbst. Vom Operationssaal bekommst Du dann nichts mehr mit. Soweit jedenfalls meine Erfahrungen.

Der schwarze Mann hat ein kugelrundes Gesicht – das Wort Mondgesicht habe ich mir absichtlich verkniffen.

Hilft das?

Gruß, Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,
nein, ich habe noch nie eine OP gehabt. War aber mal bei einer dabei. Die Patientin wurde von niemanden mehr befragt - und es lief ganz anders ab. Aber das war in den Achtzigern in Spanien und auch da, wird es heute wahrscheinlich eher so sein, wie du es beschreibst.

Also verbindet die Prot. das kugelrunde dunkle Gesicht des Mannes mit einem imaginären untergehenden Mond. Dann hab ich es jetzt verstanden. ;)
Mit Gruss, Ji
 

Ciconia

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Danke auch hier für Deinen Kurzbesuch, Ralph. Für ein Gespräch am Krankenbett hat es ja leider nicht mehr gereicht.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

Du Glückliche! Dann war es wahrscheinlich auch schwierig, diesen Text zu verstehen. Aber Du fragst wenigstens immer – so soll es sein. Erst so merkt der Autor, dass er zu viel vorausgesetzt hat.

Mit einem Grinsen im Gesicht in die Narkose zu versinken, ist sicherlich nicht das Schlechteste. Und die letzten Wahrnehmungen vor dem Einschlafen müssen nicht immer ganz der Realität entsprechen. :rolleyes:

Gruß, Ciconia
 

Vagant

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Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Der oder die Protagonist*in jedenfalls nicht.
Ich habe ähnliche Situationen eigentlich immer anders empfunden, da dominierte eher eine ängstliche Unruhe, weniger Gelassenheit. Das erzählende Ich geht hier doch recht distanziert zur Sache und verbleibt bei einer nüchternen Beschreibung der Szene. Ich habe die Szene zwar auf Anhieb verstanden, konnte aber - wie JiRina hier schon erwähnte - auch nicht auf Anhieb den Zusammenhang zwischen Krankenpfleger und untergehenden Mond herstellen.
Was ich eigentlich sagen wollte: Das Präsens sehe ich hier als Problem. Es suggeriert mir hier eine zeitliche Einheit von Erleben und Berichten, die aber, da dem Erzählenden am Ende sogar noch der Mond untergeht, so eigentlich gar nicht gegeben sein kann. Ich habe es beim zweiten Lesen mal im Präteritum versucht und die Worte des Narkosearztes in die indirekte Rede gesetzt, und fand: die Sätze wurden melodischer und manch einer bekam sogar einen Hauch von Poesie.
Also, um mal mit wenigen Worten auf den Punkt zu kommen, so rundum angekommen ist der Text auch bei mir nicht.
Gruß, Vagant.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Vagant,

danke für deine Analyse, auf die ich Dir noch eine Antwort schuldig bin.

Ich habe mal für mich versucht, den Text ins Imperfekt zu setzen – aber ich muss sagen, für mich hat das nicht funktioniert. Ich meine, mit dem Präsens ist man näher dran am Geschehen. Es geht ja schließlich nur um eine Kurzszene, einen Vorgang von Minuten. Da kann (oder muss man sogar) schon mal ganz nah herangehen – und das geht am besten im Präsens.

Dass man einer solchen Situation auch mit Gelassenheit begegnen kann, ist sicher auch eine Frage des Schon-mal-Dagewesenen. Der Prota steht ja offensichtlich zum wiederholten Mal eine OP bevor, vielleicht ist man dann nicht mehr ganz so unruhig, zumal, wenn man kurz vor dem Eingriff bekannte Gesichter sieht. :)

Gruß, Ciconia
 

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