Schweiß und Schuppen

Penelopeia

Mitglied
Schweiß und Schuppen

Die Medien staunten nicht schlecht: Kaum ein Jahr im Konzern und mit untergeordneten Controllingaufgaben am Rande agierend, machte Frau Hanne Wafer-Scheibe urplötzlich einen völlig unerwarteten und staunenswerten Karrieresprung – direkt in den Vorstand des börsennotierten Tech-Konzerns!
Was unkten die Zukurzgekommenen nicht, was zerrissen sich die aus dem Felde geschlagenen Konkurrenten nicht die Mäuler! Sie sei inkompetent und habe sich hochgeschlafen; sie müsse die Rolle der Quotenfrau erfüllen; sie solle, herkunftsbedingt, einem maulend-aufsässigen Teil der Mitarbeiter in einer abgehängten Region die Argumente nehmen, die in Richtung Ungleichbehandlung, Vernachlässigung, Lohndumping gingen…

Manche gaben noch einen drauf: Sie setzten das Gerücht in Umlauf, Frau Hanne Wafer-Scheibe sei in Wirklichkeit gar keine willfährige Quotenfrau aus einem abgehängten Landesteil, sondern überhaupt keine Frau und kein Mensch: Sie sei einfach eine perfekt konstruierte, gut gebaute und nach neuestem Stand der KI programmierte Humanoide, die sich willfährig in die Interessen des Konzerns einspannen lasse, weil es ihr ja genau daran mangele: an eigenem Willen.

Viele lachten zunächst über derlei Gerüchte. Aber, wie das so ist mit Gerüchten und Verdächtigungen: Sie mögen noch so abstrus, wirklichkeitsfremd und offensichtlich erstunken und erlogen sein, irgendetwas bleibt hängen und irgendwie entfalten sie dann doch eine Wirkung in den Köpfen der Menschen, seien sie auch noch so aufgeklärt und rational.

Man konnte es vielen allerdings auch gar nicht verdenken, wies die Dame doch erkennbar Züge maschinenorientierten Schnelldenkens auf, was sie in diversen Interviews deutlich werden ließ: Kaum hatte ein Journalist eine schwierige Frage gestellt, kam eine komplexe Antwort, unterlegt mit umfangreichem statistischen Material der letzten fünfzig Jahre, verstärkt durch Zitate bekannter Wirtschaftsbosse und fundierte Analysen renommierter Denkfabriken. All das kam quasi verzögerungsfrei aus ihrem Munde, so, als säße sie auf einem riesigen, lichtschnellen Datenspeicher oder habe eben kurz vor dem Interview eine ganze Datencloude in ihr Gehirn gedownloaded. Dummerweise äußerte sie all die profund basierten, zahlenschlagenden Aussagen auch noch in einer automatenhaften, monotonen Sprechweise, die sie nicht einmal änderte, wenn der Interviewer zu privaten Themen wechselte und Fragen stellte zum Beispiel zu ihren Kindern, zu den Schwierigkeiten bei der Geburt, der Mutterschaft, dem Wiedereinstieg in den Beruf nach langer Freistellung etc.

Als sich die Zweifel mehrten, die Gerüchteküche zu brodeln begann und selbst große Blätter sich nicht mehr scheuten, die Leserbriefe zweifelnder Mitarbeiter zur wirklichen Beschaffenheit von Frau Hanne Wafer-Scheibe zu drucken, stand schließlich der ganze Vorstand und mit ihm der Konzern mit dem Rücken zur Wand.
Und ging zum Angriff über. Wochen vor der Jahreshauptversammlung kündigte der Pressesprecher eine Grundsatzrede zur zukünftigen strategischen Ausrichtung des Konzerns an. Halten sollte diese Rede nicht wie bisher irgendeine Pressesprecherin, sondern ein bekanntes Mitglied des Vorstandes, nämlich: Frau Hanne Wafer-Scheibe.

Die Öffentlichkeit witterte eine Sensation. Aber nicht im Inhalt der angekündigten Rede zur zukünftigen strategischen Ausrichtung des Konzerns. Der war nie kleinlich gewesen mit vollmundigen Versprechungen, hatte dann aber immer nur völlig nebensächliche Änderungen in Forschung und Produktion mitgeteilt. Er verdiente ja noch ganz gut mit der konventionellen Produktpalette klassischer Industrieroboter, die unter Insidern oft als „Honks“, als „Helfer ohne nennenswerte Kenntnisse“, verunglimpft wurden. Die tatsächliche Neuausrichtung auf wirklich intelligente Roboter, die über eine echt menschenähnliche KI bei menschengleichem Äußeren verfügten und in allen Bereichen – bis hin zu Führungspositionen in Politik und Wirtschaft – einsetzbar sein würden, war bisher nicht erfolgt. Leider.

Nein, die Öffentlichkeit war elektrisiert durch den angekündigten Auftritt der vom Dunst der Gerüchte umnebelten Dame Wafer-Scheibe. Diesmal würde man ihr genau auf die Finger bzw. Mund und Auge sehen! Man würde die Aufzeichnungen der Rede von hochgerüsteten Analysecomputern sezieren lassen. Man würde es herausfinden, diesmal, ganz sicher, ob Frau Wafer-Scheibe nun ein Mensch mit riesigem Zahlen- und Zitatenschatz und einer leider sehr ermüdend-mechanischen Sprechweise wäre, oder doch eine Humanoide, ein gut gebauter, menschlich und weiblich wirkender, jedoch willenloser, dem Konzern stets willfähriger Apparat…

Hunderte von Reportern und Journalisten baten um Akkreditierung, alle TV- und Radiostationen meldeten Übertragungsrechte an; man musste die Zahl der Medienvertreter begrenzen, sonst hätte sich ein ungesundes Verhältnis zwischen diesen und den eigentlichen Adressaten der Versammlung, den honorigen Aktionären und solventen Geldgebern aus nah- und fernöstlicher Welt, eingestellt.

*

Der Tag kam. Die Halle gefüllt. Die Erwartungen hoch. Meinungen die Menge. Viele glaubten, Frau Hanne Wafer-Scheibe würde versuchen, die aufgekommenen Zweifel an der Vergänglichkeit und Fehlerhaftigkeit ihres Fleisches und Blutes durch eine gesteigerte Emotionalität ein für alle Mal zu zerstreuen. Gewiss hatte ihr ein Heer von Personaltrainern die Leviten gelesen, ein Spezialtraining verabreicht, ihr den Maschinenton ausgetrieben.
Manch einer, der ein bisschen mehr Fantasie als der Durchschnittskleinaktionär haben mochte, stellte sich gar vor, sie werde möglicherweise zu ganz unkonventionellen Mitteln greifen, vielleicht zöge sie ja einen Schuh aus und ließe den Geruch ihres Schweißfußes olfaktorisch eindrucksvoll durch die Halle wabern, oder sie entrollte rapunzelgleich vor aller Augen ihr langes Haar, kämmte es durch, kehrte die herausrieselnden Schuppen zusammen, bliese sie mit einem kräftigen Niesen ins Auditorium – wer konnte schon wissen, was die nahe Zukunft brächte.
Sie brachte Anderes als erwartet worden war.

Zumindest teilweise.

Die Pressesprecherin kündigte die erste Rednerin an, sie würde im Namen des Vorstandes sprechen. Frau Hanne Wafer-Scheibe trat ans Rednerpult und begann – in der bekannten, lethargisch einschläfernden Art – zu reden. Die honorigen Aktionäre und Geldgeber, die Teilhaber aus dem Lande und aus Nah- und Fernost, lehnten sich zurück und blinzelten müde. Die analysegierigen Gerüchteköche starrten auf ihren Mund, die Augen und – fühlten sich bestätigt. Die Dame musste ein Apparat sein. Kein Mensch konnte so monoton reden! Jedes primitive Sprachprogramm war ja ein Orgasmus der Leidenschaften gegen den Vortrag dieser Person – oder Maschine!

Eine Wolke gähnender Langeweile senkte sich bleischwer hernieder, während Frau Hanne Wafer-Scheibe den aktuellen Entwicklungsstand der KI beschrieb und zu einem vernichtenden Urteil gelangte: Die Industrieroboter des Konzerns würden zwar mit dem Label „KI“ verkauft, erreichten aber lange nicht die Leistungen menschlicher Intelligenz und Intuition. Viele bezeichneten sie insgeheim als „Honks“, als „Helfer ohne nennenswerte Kenntnisse“, und sie hätten recht: Es mangele den Robotern an Empathie, menschlicher Wärme, spontanen Gefühlen, liebenswürdiger Vergesslichkeit, an den kleinen Marotten, die man so schätze an seinem Nächsten. Gerade mal bei der Merkfähigkeit und bei logischen Operationen seien sie dem Menschen überlegen…

Im Saal räusperten sich einige. Schüttelten die Köpfe. Andere nickten müde und lächelten boshaft: Frau Scheibe-Wafer war ja das beste Beispiel für den beschriebenen Stand…

Ein Knall.

Die Schläfrigen rissen die Augen auf. Starrten zum Podium. Frau Scheibe-Wafer schlug mit einem Schuh aufs Rednerpult!
Aller Augen und Ohren: plötzlich weit offen. Aller Sinne: gespannt. Frau Wafer-Scheibe griff mit einem Blick voller Verachtung in ihren hochgesteckten Dutt, während die Zuhörer in den ersten Reihen einen zunehmend penetranten Schweißgeruch in ihren Nasen spürten, vermutlich eine Schweißart der unteren Extremitäten, wobei es sich um ganz besondere Extremitäten handeln musste, denn der Schweißgeruch enthielt eindeutig Fremdanteile, die an Dämpfe von Lötzinn und Kolophonium erinnerten. Sie entrollte ihre eindrucksvolle Haarpracht, klappte den Deckel des Pultes hoch, hielt eine Sekunde später einen wuchtigen goldenen Lötkolben – womit die Vermutung, es handle sich bei den Fremdanteilen im Fußschweiß um Lötzinn und Kolophonium in der gasförmigen Phase, eine deutliche Bestätigung erhielt – in der Rechten und zog ihn mehrmals durch die Haare. Feine weiße Schuppen, nicht unähnlich kleinen Siliziumpartikeln, tanzten im Scheinwerferlicht, sanken zu Boden. Frau Scheibe-Wafer warf das zweckentfremdete Werkzeug auf den Boden, trampelte ein paar Mal wütend darauf herum und fuhr fort.

Das heißt, sie fuhr nicht fort, sondern blieb auf dem Lötkolben stehen, schwieg und sah bedeutungsvoll ins Publikum. Das wachte nun endgültig auf, stellte aber gleichzeitig das Atmen ein. Frau Wafer-Scheibe genoss den Effekt, hielt noch eine weitere Weile inne; bückte sich, zog sich umständlich den Schuh wieder an, worauf die vorderen Reihen eine gewisse Schadstoffentlastung zu spüren vermeinten. Sie richtete sich auf, sprach endlich weiter, ohne Hebung, ohne Senkung, ohne erkennbare Akzentuierung: KI dürfe nie, niemals so perfekt-fehlerhaft werden wie – der Mensch.

Schweigen. Ratlosigkeit.

Die Anwesenden starrten entgeistert. Den Mitgliedern des Vorstandes verrutschten die Krawatten.
Wafer-Scheibe fuhr fort, sie schien sich erklären zu wollen. „Die einzige Chance, die wir haben“, leierte sie im bekannt monotonen Tonfall, „ist der Erhalt der Differenz zwischen uns und unseren KI-Produkten! Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Roboter, die von unseren Bändern kommen, mit uns verwechselt werden können! Das ist unsere Entwertung! Unser Untergang! Sie dürfen nie so vergesslich werden wie wir, nie in Gefahr oder schwierigen Situationen sich so schwankend verhalten wie wir, nie so nach Schweiß riechen wie wir, niemals so altern, dement werden… sterben… Sie sind unsere Chance, wenn sie nicht so perfekt werden wie wir unperfekt sind… Es ist mit den Robotern und der KI wie mit der Raumfahrt: Ein Weltraumspaziergang, ein Blick auf die Erde vom Mond oder Mars aus, und wir wissen, was wir an unserer Erde haben… Wenn manche sagen, wir könnten den Weltraum besiedeln, dann könnten sie auch gleich verlangen, dass sich Menschen im Schutzanzug in einen Hochofen setzen… Ich habe die Hoffnung, dass wir mit unserer KI bei der Behauptung von KI bleiben und keine wirkliche KI schaffen, es wäre unser…“

Die Rede brach ab. Jemand hatte das Mikro abgeschaltet. Aber dieses und die Lautsprecher waren auch nicht mehr nötig, denn die Unruhe, die im Saal bei den letzten Worten ausgebrochen war, erreichte in Sekunden ein infernalisches Level. Buh-Ruhe, Schreie gellten; Ordner begannen mit der Räumung. Die Versammlung war am Ende.

*

Wenn viele erwarteten, dass sich Frau Scheibe-Wafer mit ihrem unkonventionellen Auftritt, dem Verriss der Konzernprodukte und dem grundsätzlichen Zweifel am Sinn von Humanoiden, Cyborgs, Marsabenteuern und dem ganzen Rest, ein für alle Mal für ihr hohes Amt disqualifiziert habe, so irrten sie. Aber der Reihe nach.

Zunächst: Gab der Konzern keine Stellungnahme zum verqueren Auftritt. Offenbar war die Taktik wieder einmal: aussitzen.

Nach einer Woche der Sprachlosigkeit sowohl des Tech-Unternehmens von Frau Wafer-Scheibe wie auch der Teilnehmer der Jahreshauptversammlung, tauchten in den Medien erste zaghafte Kommentare auf. Die waren erstaunlicherweise gar nicht hämisch oder negativ. Nein, die Journalisten und Fachleute gestanden ihre uneingeschränkte Überraschung ein: Frau Scheibe-Wafer, zwar von betonungsfrei-leierndem Tonfall gleich einem Roboter aus der Steinzeit der Robotik, hatte sich ziemlich nichtmaschinell verhalten. Welcher Roboter kam denn schon auf die Idee, sich einen Schuh auszuziehen und damit auf dem Rednerpult herum zu donnern!? Welcher Roboter oder Humanoide kämmte sich mit einem goldenen Lötkolben vor der versammelten Mannschaft die Haare und ließ die Schuppen rieseln!? Ja, welcher Roboter war mit dem Merkmal von Schweißfüßen und Haarschuppen vom Band gelaufen!?

Außerdem: Sie hatte Wahrheiten ausgesprochen, die nicht zu leugnen waren. Wer wollte denn eigentlich die echte KI in Humanoiden? Wer wollte Roboter, die nicht mehr vom Nachbarn oder Kollegen oder gar der eigenen Frau zu unterscheiden waren? Und auch das Thema Mars, Mond, Weltraum: Wer wollte eigentlich fremde Planeten ohne Rückfahrkarte besiedeln, und warum?

Auch der Konzern selbst gewann an Akzeptanz: Immerhin hatte ja ein Mitglied des Vorstandes offen und ehrlich die Defizite benannt und die Sinnfrage gestellt. Ein Beweis für offene Kommunikation, Ehrlichkeit, Transparenz, Regeln, die sich mit dem Begriff Compliance verbanden.

Die Börsenkurse zogen vorsichtig an.

Und was passierte in der Entwicklungsabteilung des Konzerns? Etwas zunächst Erwartbares, jedoch mit seltsamen Folgen. Die Ingenieure versahen die neuesten Modelle der Serviceroboter nun mit leiernden, monotonen Stimmgeneratoren, die völlig emotions- und betonungsfrei mit den Menschen zu kommunizieren pflegten. Ganz im Sinne der Forderung von Frau Scheibe-Wafer, die Unterschiede zwischen KI und natürlicher Intelligenz wieder sichtbar werden zu lassen – die einzige Chance für das Überleben der Spezies Mensch, angeblich. Dummerweise wurde der neue Stimmgenerator mit einem Modell in den Markt eingeführt, dass der äußeren Erscheinung von Frau Scheibe-Wafer stark ähnelte.

Die Folgen kann man sich vorstellen. Die Gerüchte, Frau Wafer-Scheibe sei doch kein Mensch, flammten wieder auf. Schlimmer noch: Jeder, der seine Worte nicht besonders zu betonen in der Lage war, sah sich Verdächtigungen ausgesetzt, kein biologisches Wesen von zeitlich begrenzter Haltbarkeit zu sein. Die Verwirrung wuchs, die Zahl und Intensität der Verschwörungstheorien explodierte…
 

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