Sein letztes Konzert

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Ciconia

Mitglied
Vielleicht hatte ich zu viel erhofft. Bis zu jenem Abend war ich in diesem Urlaub aber nicht enttäuscht worden. Das sonnige Herbstwetter bot ideale Bedingungen zum Wandern, die Kurkonzerte wirkten wunderbar entspannend, und an diesem Sonntagabend konnte ich mich auf ein ganz besonderes Schmankerl freuen.

Das kleine Kurstädtchen in den Bergen feierte ein Jubiläum, das mit einem Konzert der Philharmoniker ausklingen sollte. Voller Vorfreude betrat ich den festlich geschmückten Saal des Kurhauses und machte es mir auf meinem Platz bequem. Während ich noch einmal den Programmzettel überflog, schwoll das dezente Gemurmel im vollbesetzten Saal langsam ab. Da hörte ich es zum ersten Mal: Pfffffffft ... - ein unangenehm pfeifendes Geräusch direkt hinter mir.

Irritiert schaute ich mich um. Mein Blick blieb an dem alten Herrn in der Reihe hinter mir hängen. Durch einen dünnen Schlauch war er mit einem Beatmungsgerät verbunden, das ihm in gleichmäßigen Abständen Sauerstoff spendete. Jeder Stoß endete mit einem langgezogenen Pfffffffftt. In einem Kurort waren solche Apparaturen nichts Außergewöhnliches, ich hatte sie schon oft gesehen, sogar im Biergarten, aber im Konzertsaal?

Neben mir begann man zu tuscheln. „Unerhört!“ zischte eine Dame ihrem Begleiter zu und blickte missbilligend auf den alten Herrn. ‚Wie kann man bei einem klassischen Konzert eine derartige Störung zulassen‘, stimmte ich insgeheim zu. Der alte Herr verzog indes keine Miene.

Festredner eröffneten mit allerlei wichtigen Worten das Programm. Nach einer halben Stunde erklangen endlich die ersten Takte der Musik. Ich hätte gern entspannt gelauscht, aber das regelmäßige Pfeifgeräusch übertönte sogar die fröhlichsten Strauß-Walzer. Diesen Abend hatte ich mir anders vorgestellt! Unruhig und unkonzentriert rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her, meine Gedanken kreisten ausschließlich um den Störenfried:

Der alte Herr hat sich vor Beginn der Veranstaltung in einer fremden Sprache mit seiner Begleiterin unterhalten. Vielleicht ist er ein geladener Ehrengast, der eine besondere Beziehung zu diesem Städtchen hat.

Ein nochmaliger verstohlener Blick über die Schulter zeigte mir, dass die Kleidung des Mannes zwar nicht ungepflegt, doch ein wenig ärmlich aussah.

Kann er sich kein besseres, leiseres Gerät leisten? Wäre es vielleicht möglich gewesen, ihm einen Platz in einem entfernteren Teil des Saales anzubieten, wo er andere Besucher nicht stört? Andererseits: Darf man einen kranken Menschen so ausgrenzen?

Die letzten Takte vor der Pause verklangen, und ich grübelte immer noch. Bei einem Gläschen Sekt fand ich dann eine Lösung. Ich wandte mich hilfesuchend an einen Saaldiener und schilderte ihm mein Unbehagen. Der freundliche Mann zeigte mir einen freien Sitz in einer der hinteren Reihen. Egal, für einen ungestörten Konzertgenuss gab ich gern meinen teureren Platz auf. Dem zweiten Teil des Konzertes konnte ich nun ohne Störungen lauschen. Die richtige Stimmung wollte allerdings nicht mehr aufkommen.

In den folgenden Tagen musste ich oft an den Abend im Konzert denken, so auch eines Spätnachmittags auf dem Weg durch den Kurpark. Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne saß ein alter Mann - mit einem Sauerstoffgerät. Ich erkannte ihn sofort. Unschlüssig ging ich auf ihn zu, grüßte etwas verlegen und fragte ihn dann, einer spontanen Eingebung folgend, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Er deutete neben sich und lächelte. „Ja, natürlich!“ Da er sich neulich in einer fremden Sprache mit seiner Begleiterin unterhalten hatte, fragte ich vorsorglich, ob er Deutsch spreche. „Ich kann es versuchen“, antwortete er freundlich. Er wirkte sehr vertrauenserweckend und erinnerte mich bei genauerem Hinsehen ein wenig an meinen Großvater.

„Ich muss gestehen, ich war am Sonntag ziemlich wütend auf Sie“, begann ich zögerlich, „weil dieses Gerät mir den ganzen Musikgenuss kaputtgemacht hat. Ich hatte mich wochenlang sehr auf das Konzert gefreut, und dann sitzt ausgerechnet hinter mir jemand mit so einem störenden Gerät!“.

Er sah mich trotz dieser Anklage verständnisvoll an.

„Aber als ich später darüber nachdachte, habe ich mich sehr geschämt. Ich bin gesund, ich habe das halbe Leben noch vor mir“, - jetzt musste ich aufpassen, keinen Fehler zu machen - „während manch anderer doch arg eingeschränkt ist im Alltag“, rettete ich mich im letzten Augenblick.

Seine Stimme klang erstaunlich jung, als er langsam, nach den richtigen deutschen Begriffen suchend, zu erzählen begann:

„Ja, das erlebe ich oft. Wissen Sie, ich komme jedes Jahr aus Israel zur Kur hierher. Hier kann meine Hypoxie am besten therapiert werden. Mein Körper hat nicht mehr genügend Sauerstoff. Aber irgendwann hab ich gedacht, ich kann doch nicht die kurze Zeit, die mir noch bleibt, auf alles verzichten! Deshalb muss mein Apparat jetzt ständig mitkommen, auch wenn es manchmal recht unangenehm für die Leute ist.“

Er legte eine kurze Pause ein und atmete schwer durch.

„Zu dem Konzert am Sonntag war ich von einer alten Bekannten eingeladen worden. Sie musste mich wirklich überreden, trotz des Gerätes mitzugehen. Es war ein sehr schöner Abend mit wundervoller Musik!“, seufzte er versonnen, und in seinem faltigen Gesicht lag ein Ausdruck tiefster Zufriedenheit.

„Wer weiß, ob ich nächstes Jahr wieder reisen kann! Man wird ja nicht jünger.“, fuhr er verschmitzt lächelnd fort. „Wissen Sie, was ich mir diesmal mit nach Hause nehme? Einen neuen Apparat! Der ist wesentlich leiser!“ Er klang fast ein wenig stolz.

Dann plauderten wir eine ganze Weile über Urlaube in den Bergen. Ja, gewandert war er früher auch immer gern, bevor er krank wurde. Ich schwieg. Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, fasste er wie selbstverständlich meine Hände, drückte sie vorsichtig und sagte leise: „Es war schön, mit Ihnen zu sprechen. Machen Sie das Beste aus Ihrem Urlaub und genießen Sie Ihr Leben, solange es Ihnen gesundheitlich möglich ist ...“

Auch ich wünschte ihm „Alles Gute“, mehr gab meine belegte Stimme im Moment nicht her. Ich half ihm beim Aufstehen, dann verschwanden wir in entgegengesetzten Richtungen in der Dämmerung. Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehte, sah ich, wie er mit Trippelschrittchen das kleine Hotel am Kurpark ansteuerte. Das Sauerstoffgerät zog er mühsam hinter sich her. In diesem Moment ahnte ich, dass er die beschwerliche Reise im nächsten Jahr nicht mehr schaffen würde.
 

Ciconia

Mitglied
Vielleicht hatte ich zu viel erhofft. Bis zu jenem Abend war ich in diesem Urlaub aber nicht enttäuscht worden. Das sonnige Herbstwetter bot ideale Bedingungen zum Wandern, die Kurkonzerte wirkten wunderbar entspannend, und an diesem Sonntagabend konnte ich mich auf ein ganz besonderes Schmankerl freuen.

Das kleine Kurstädtchen in den Bergen feierte ein Jubiläum, das mit einem Konzert der Philharmoniker ausklingen sollte. Voller Vorfreude betrat ich den festlich geschmückten Saal des Kurhauses und machte es mir auf meinem Platz bequem. Während ich noch einmal den Programmzettel überflog, schwoll das dezente Gemurmel im vollbesetzten Saal langsam ab. Da hörte ich es zum ersten Mal: Pfffffffft ... - ein unangenehm pfeifendes Geräusch direkt hinter mir.

Irritiert schaute ich mich um. Mein Blick blieb an dem alten Herrn in der Reihe hinter mir hängen. Durch einen dünnen Schlauch war er mit einem Beatmungsgerät verbunden, das ihm in gleichmäßigen Abständen Sauerstoff spendete. Jeder Stoß endete mit einem langgezogenen Pfffffffftt. In einem Kurort waren solche Apparaturen nichts Außergewöhnliches, ich hatte sie schon oft gesehen, sogar im Biergarten, aber im Konzertsaal?

Neben mir begann man zu tuscheln. „Unerhört!“ zischte eine Dame ihrem Begleiter zu und blickte missbilligend auf den alten Herrn. ‚Wie kann man bei einem klassischen Konzert eine derartige Störung zulassen‘, stimmte ich insgeheim zu. Der alte Herr verzog indes keine Miene.

Festredner eröffneten mit allerlei wichtigen Worten das Programm. Nach einer halben Stunde erklangen endlich die ersten Takte der Musik. Ich hätte gern entspannt gelauscht, aber das regelmäßige Pfeifgeräusch übertönte sogar die fröhlichsten Strauß-Walzer. Diesen Abend hatte ich mir anders vorgestellt! Unruhig und unkonzentriert rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her, meine Gedanken kreisten ausschließlich um den Störenfried:

Der alte Herr hat sich vor Beginn der Veranstaltung in einer fremden Sprache mit seiner Begleiterin unterhalten. Vielleicht ist er ein geladener Ehrengast, der eine besondere Beziehung zu diesem Städtchen hat.

Ein nochmaliger verstohlener Blick über die Schulter zeigte mir, dass die Kleidung des Mannes zwar nicht ungepflegt, doch ein wenig ärmlich aussah.

Kann er sich kein besseres, leiseres Gerät leisten? Wäre es vielleicht möglich gewesen, ihm einen Platz in einem entfernteren Teil des Saales anzubieten, wo er andere Besucher nicht stört? Andererseits: Darf man einen kranken Menschen so ausgrenzen?

Die letzten Takte vor der Pause verklangen, und ich grübelte immer noch. Bei einem Gläschen Sekt fand ich dann eine Lösung. Ich wandte mich hilfesuchend an einen Saaldiener und schilderte ihm mein Unbehagen. Der freundliche Mann zeigte mir einen freien Sitz in einer der hinteren Reihen. Egal, für einen ungestörten Konzertgenuss gab ich gern meinen teureren Platz auf. Dem zweiten Teil des Konzertes konnte ich nun ohne Beeinträchtigungen lauschen. Die richtige Stimmung wollte allerdings nicht mehr aufkommen.

In den folgenden Tagen musste ich oft an den Abend im Konzert denken, so auch eines Spätnachmittags auf dem Weg durch den Kurpark. Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne saß ein alter Mann - mit einem Sauerstoffgerät. Ich erkannte ihn sofort. Unschlüssig ging ich auf ihn zu, grüßte etwas verlegen und fragte ihn dann, einer spontanen Eingebung folgend, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Er deutete neben sich und lächelte. „Ja, natürlich!“ Da er sich neulich in einer fremden Sprache mit seiner Begleiterin unterhalten hatte, fragte ich vorsorglich, ob er Deutsch spreche. „Ich kann es versuchen“, antwortete er freundlich. Er wirkte sehr vertrauenserweckend und erinnerte mich bei genauerem Hinsehen ein wenig an meinen Großvater.

„Ich muss gestehen, ich war am Sonntag ziemlich wütend auf Sie“, begann ich zögerlich, „weil dieses Gerät mir den ganzen Musikgenuss kaputtgemacht hat. Ich hatte mich wochenlang sehr auf das Konzert gefreut, und dann sitzt ausgerechnet hinter mir jemand mit so einem störenden Gerät!“.

Er sah mich trotz dieser Anklage verständnisvoll an.

„Aber als ich später darüber nachdachte, habe ich mich sehr geschämt. Ich bin gesund, ich habe das halbe Leben noch vor mir“, - jetzt musste ich aufpassen, keinen Fehler zu machen - „während manch anderer doch arg eingeschränkt ist im Alltag“, rettete ich mich im letzten Augenblick.

Seine Stimme klang erstaunlich jung, als er langsam, nach den richtigen deutschen Begriffen suchend, zu erzählen begann:

„Ja, das erlebe ich oft. Wissen Sie, ich komme jedes Jahr aus Israel zur Kur hierher. Hier kann meine Hypoxie am besten therapiert werden. Mein Körper hat nicht mehr genügend Sauerstoff. Aber irgendwann hab ich gedacht, ich kann doch nicht die kurze Zeit, die mir noch bleibt, auf alles verzichten! Deshalb muss mein Apparat jetzt ständig mitkommen, auch wenn es manchmal recht unangenehm für die Leute ist.“

Er legte eine kurze Pause ein und atmete schwer durch.

„Zu dem Konzert am Sonntag war ich von einer alten Bekannten eingeladen worden. Sie musste mich wirklich überreden, trotz des Gerätes mitzugehen. Es war ein sehr schöner Abend mit wundervoller Musik!“, seufzte er versonnen, und in seinem faltigen Gesicht lag ein Ausdruck tiefster Zufriedenheit.

„Wer weiß, ob ich nächstes Jahr wieder reisen kann! Man wird ja nicht jünger.“, fuhr er verschmitzt lächelnd fort. „Wissen Sie, was ich mir diesmal mit nach Hause nehme? Einen neuen Apparat! Der ist wesentlich leiser!“ Er klang fast ein wenig stolz.

Dann plauderten wir eine ganze Weile über Urlaube in den Bergen. Ja, gewandert war er früher auch immer gern, bevor er krank wurde. Ich schwieg. Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, fasste er wie selbstverständlich meine Hände, drückte sie vorsichtig und sagte leise: „Es war schön, mit Ihnen zu sprechen. Machen Sie das Beste aus Ihrem Urlaub und genießen Sie Ihr Leben, solange es Ihnen gesundheitlich möglich ist ...“

Auch ich wünschte ihm „Alles Gute“, mehr gab meine belegte Stimme im Moment nicht her. Ich half ihm beim Aufstehen, dann verschwanden wir in entgegengesetzten Richtungen in der Dämmerung. Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehte, sah ich, wie er mit Trippelschrittchen das kleine Hotel am Kurpark ansteuerte. Das Sauerstoffgerät zog er mühsam hinter sich her. In diesem Moment ahnte ich, dass er die beschwerliche Reise im nächsten Jahr nicht mehr schaffen würde.
 
E

eisblume

Gast
Hi Ciconia,

sag mal, hattest du die Geschichte hier nicht schon mal eingestellt? Na, vielleicht hab ich sie auch woanders gelesen, allerdings, wenn ich mich recht erinnere, in einer etwas kürzeren Form.

Wie auch immer, ich hätte dazu eine Frage.
Du schreibst:
Sein letztes Konzert
und
In diesem Moment ahnte ich, dass er die beschwerliche Reise im nächsten Jahr nicht mehr schaffen würde.
Das heißt also, der alte Mann ist im Lauf des Jahres verstorben oder sein Gesundheitszustand hat sich soweit verschlechtert, dass er eben nicht mehr reisen kann?
Nur, wenn dem so ist, woher weiß das LI das schon bei ihrem Zusammentreffen mit dem Mann? So wie du das schreibst, verstehe ich das als eine feststehende Tatsache, von der das LI aber wiederum nur wissen kann, wenn sie eine entsprechende Info erhalten hat. Das müsste dann aber aus dem Text erkennbar sein. Insofern kann sie nur vermuten, dass dem so sein wird, daher meine ich, dass „ahnte ich“ hier nicht korrekt ist und in die falsche Richtung geht, da die Ahnung in dem Fall eine Art Bestätigung erfahren müsste, die aus dem Text aber nicht hervorgeht. Auch müsste der Titel dann anders lauten.

Insgesamt finde ich deinen Text aber recht gut gelungen.

LG
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Eisblume,
sag mal, hattest du die Geschichte hier nicht schon mal eingestellt?
das ist richtig, und zwar am 01.09.12 als Kurzprosa unter dem Titel „Der Konzertbesucher“. Da mir der Text damals von Euch ziemlich um die Ohren gehauen wurde, habe ich ihn gelöscht und, wie angekündigt, nun eine Erzählung daraus gemacht. Die Geschichte endete damals mit dem Ende des Konzertes. Aber erst mit dem zweiten Teil, dem Gespräch im Park, wird sie meines Erachtens richtig rund.

Denselben Titel wollte ich nicht noch einmal vergeben, deshalb habe ich einen neuen gewählt. Mag sein, dass „Sein wahrscheinlich letztes Konzert“ besser gewesen wäre – aber das ändert doch nichts an der Geschichte.

Gruß Ciconia
 
M

mehrkornprosa

Gast
Hey

Ich finde diesen Text rund und ziemlich gelungen. Deine Schreibe fesselt mich. Jetzt muss ich mir mal deine anderen Sachen ansehen. Demnächst.
 

Val Sidal

Mitglied
Von einer Begegnung gut lesbar erzählt:

Einige Bemerkungen:

Vielleicht hatte ich zu viel erhofft.
Den Satz würde ich streichen - leistet nicht viel.

Voller Vorfreude betrat ich den festlich geschmückten Saal des Kurhauses und machte es mir auf meinem Platz bequem.
Natürlich macht man sich an seinem Platz bequem - müsste nicht erwähnt werden. Es sei denn, du würdest hier erkennen lassen, dass er ein guter, teuerer Platz war.

Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne saß ein alter Mann - mit einem Sauerstoffgerät. Ich erkannte ihn sofort.
[blue]Die Formulierung wirkt gebastelt. Warum nicht einfach: Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne erkannte ich den alten Mann mit seiner Sauerstoffpfeife.[/blue]

In diesem Moment ahnte ich, dass er die beschwerliche Reise im nächsten Jahr nicht mehr schaffen würde.
Der Satz stolpert tatsächlich. Etwas, wie:
[blue]Die beschwerliche Reise würde er im nächsten Jahr nicht mehr schaffen, fürchte ich.[/blue]

würde mir besser gefallen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Val Sidal,

herzlichen Dank dafür, dass Du Dich mit meiner Geschichte befasst hast. Ich freue mich, dass sie Dir im Großen und Ganzen gefällt.

Es ist immer sehr schwierig, den eigenen Text gegen Verbesserungsvorschläge anderer zu verteidigen. Man kommt leicht in den Verdacht, Anregungen nicht annehmen zu wollen. Aber man muss schließlich überzeugt sein von den Vorschlägen, und ich erkläre Dir deshalb, warum ich mich in diesem Fall nicht damit anfreunden kann:
Vielleicht hatte ich zu viel erhofft.
Den Satz würde ich streichen - leistet nicht viel.
Ich würde ihn gern stehen lassen, weil damit schon von vornherein deutlich wird, dass die Erzählerin sich sehr auf diesen Abend gefreut hatte und dann umso mehr enttäuscht wurde.
Natürlich macht man sich an seinem Platz bequem - müsste nicht erwähnt werden. Es sei denn, du würdest hier erkennen lassen, dass er ein guter, teuerer Platz war.
Gerade das wollte ich damit ausdrücken: Ein guter, teurer Platz, den sie dann aber später aufgibt, um auf einem „schlechteren“ Platz Ruhe zu haben. In meiner ersten (gelöschten) Version hatte ich darüber noch ein wenig ausführlicher geschrieben, dies ist nun in der Überarbeitung weggefallen.
Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne saß ein alter Mann - mit einem Sauerstoffgerät. Ich erkannte ihn sofort.

Die Formulierung wirkt gebastelt. Warum nicht einfach: Auf einer Bank im fahlen Licht der Herbstsonne erkannte ich den alten Mann mit seiner Sauerstoffpfeife.
Gebastelt? Mir gefällt die Formulierung.
In diesem Moment ahnte ich, dass er die beschwerliche Reise im nächsten Jahr nicht mehr schaffen würde.
Der Satz stolpert tatsächlich.
Mir gefällt er nach wie vor, ich würde ihn gern genau so stehen lassen.

Ich würde mich freuen, wenn Du trotz unterschiedlicher Meinungen ab und zu vorbeischauen würdest!

Gruß Ciconia
 

Val Sidal

Mitglied
quote:Vielleicht hatte ich zu viel erhofft.
Den Satz würde ich streichen - leistet nicht viel.

Ich würde ihn gern stehen lassen, weil damit schon von vornherein deutlich wird, dass die Erzählerin sich sehr auf diesen Abend gefreut hatte und dann umso mehr enttäuscht wurde.
Aber da sehe ich das Problem: sie ist zwar während des Konzerts verärgert - aber enttäuscht? Ich sehe die Protagonistin nachdenklich, betroffen vielleicht sogar besorgt aus der Geschichte gehen. Welche Textstelle sollte mir die Enttäuschung vermitteln?


quote:Natürlich macht man sich an seinem Platz bequem - müsste nicht erwähnt werden. Es sei denn, du würdest hier erkennen lassen, dass er ein guter, teuerer Platz war.

Gerade das wollte ich damit ausdrücken: Ein guter, teurer Platz, den sie dann aber später aufgibt, um auf einem „schlechteren“ Platz Ruhe zu haben.
Was in der Textpassage sollte mir das, was du ausdrücken wollteset verdeutlichen?

Den anderen Anmerkungen entgegnest du mit dem Geschmacksargument - das kann ich nicht weiter kommentieren.

Grundsätzlich: In keiner meiner Bemerkungen quer über LL nehme ich für mich in Anspruch, das Richtige zu erkennen und das Falsche berichtigen zu müssen. Wenn ich gelegentlich einen Textvorschlag mache, dann nur um meine Position und Perspektive an der Sache zu verdeutlichen.
Ob ich deine Texte lese/kommentiere oder nicht hat ausschließlich mit den Texten selbst was zu tun und nicht mit deiner Reaktion auf meine Kritik.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Val Sidal,
Ob ich deine Texte lese/kommentiere oder nicht hat ausschließlich mit den Texten selbst was zu tun und nicht mit deiner Reaktion auf meine Kritik.
Da bin ich ja beruhigt. Leider denken nicht alle so!
Welche Textstelle sollte mir die Enttäuschung vermitteln?
Vielleicht diese:
und an diesem Sonntagabend konnte ich mich auf ein ganz besonderes Schmankerl freuen.
Diesen Abend hatte ich mir anders vorgestellt!
Ich war der Meinung, dass hier auch ein wenig Enttäuschung mitschwingt. Aber vielleicht habe ich das nicht genügend herausgearbeitet. Ich werde noch einmal darüber nachdenken.
Was in der Textpassage sollte mir das, was du ausdrücken wollteset verdeutlichen?
Ich schrieb weiter unten:
Egal, für einen ungestörten Konzertgenuss gab ich gern meinen teureren Platz auf.
Danke nochmals für Deine Beschäftigung mit dem Text!

Gruß Ciconia
 

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