Sex, in echt

Als sie zum ersten Mal mit Hahit im Bett lag, wusste Roswitha: Was bisher war, waren Experimente. Nach kindischen Schweinereien endlich the real thing. Kein Schnullen am Sack, kein Anpissen, kein Ziehen an den Haaren, kein Zwicken in die Brustwarzen, kein Blick in den Spiegel, kein Sperma outside, das man sich vom Gesicht wischen muss, keine Zunge zwischen ihren Beinen, keine Tätowierungen, kein Sexspielzeug, kein Pipifax-SM, das nicht wehtun darf, kein sich scheinbar Verweigern, kein dramatisches Innehalten, kein sich selbst von außen zusehen, kein kritischer oder narzisstischer Blick auf den eigenen Körper, kein Kampf.

Kein Spontanfick tagsüber auf der Waschmaschine, sondern immer abends im Bett. Keine Vermischung, keine erotische Aufladung des Alltags, kein ständiger Mind-Fuck, sondern zwei getrennte Welten, die sich aufs Perfekteste ergänzen.

Der Sex, der jeden Abend auf einen wartet. Der abgeschlossene Bereich, der einen verlässlich tröstet.

Vor vier Wochen hat sich Roswitha als sexuelles Wesen aus dem öffentlichen Raum verabschiedet. Es waren die besten Wochen ihres Lebens.

Sie sieht ja gut aus, trotz Kopftuch, eine schöne, junge Frau, das kann jeder sehen. Aber sie sendet keine sexuellen Signale aus. Ihre Schönheit, so empfindet es Roswitha, ist jetzt etwas Bescheidenes, Zurückhaltendes, Demütiges, Gutes. Es ist die Einstellung aller Kampfhandlungen. Die bösen Blicke haben keine Macht mehr, und die guten Blicke werden mehr. Wer sie sieht und nicht das Kopftuch als Symbol, sieht eine Frau, von der keine Bedrohung ausgeht. Sondern Liebe.

Roswitha zieht sich nicht zurück. Hahit ist kein Macho, er unterdrückt sie nicht, aber er will auch nicht mit ihr kämpfen. Tagsüber macht er seines (Mitarbeiter einer Gebäudeschutzfirma) und sie ihres (Studium der Biologie). Der muslimische Glauben und die Regeln der Gemeinde sind ein Thema, aber kein großes. Sie halten sich an Regeln, aber längst nicht an alle.
 

Tula

Mitglied
Hallo Jürgen
So richtig weiß ich nicht, wie ich deinen Text deuten soll. Riecht alles sehr nach schwarz-weiß. Dass die Bedürfnisse einer Frau (und die des Mannes!) sich nicht über 'kindische Schweinereien' definieren lassen, liegt auf der Hand. Die Qualitäten Hahits erschöpfen sich leider darin, dass er die deutsche Roswitha (zumindest dem Namen nach) mit Kopftuch nicht unterdrücken will. Kuschelsex ist nichts Neues. Wer da jegliche spontanen Initiativen ablehnt, ist ebenso keine Ausnahme. Ansonsten fehlt da etwas im Text: hat Hahit etwas, das ihn in der 'echten, körperlichen Liebe' oder überhaupt als Geliebten auszeichnet? Der Text reduziert sich in der Aussage mehr darauf was er NICHT ist.

Der 'Mitarbeiter der Gebäudeschutzfirma' und die Biologie-Studentin, die die Machos dick hat. Hm ... und was hat das alles mit dem Islam zu tun? Ich steige da nicht hinter.

Klingt mir alles sehr irrealistisch. Vielleicht liegt darin die Absicht und ich verstehe hier die Botschaft des Textes nicht. Oder nur die eher offensichtliche Hälfte davon.

LG
Tula
 
Zuletzt bearbeitet:
Sehr nachvollziehbar Deine Einwände, Tula! Worum es in dem Text im Kern geht, ist nicht Kuschelsex, sondern: eine Art Anti-Instagram-Lebensmodell. Statt alles auszustellen und zu gewinnen: Rückzug als Befreiung. Aber um nicht falsch verstanden zu werden: das hier ist natürlich Rollenprosa und kein Besinnungsaufsatz.
 

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