Sexismusdebatte – wie geil ist das denn

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Berlusconi hat eine Minderjährige gevögelt? „Alter krass, voll abgefahren, kack die Wand an, boh.“ Riesenwelle in Indien gegen Frauenvergewaltigung: „Wow, ich werd nicht mehr, fuck.“ Protest von Pussy Riots in der Kirche und Kritik an Putin? „Geile Scheiße Rock´n Roll.“

Egal welches Thema in den Ring geworfen wird, eine zynische und ausgelaugte Medienmeute schafft es, jedes Thema zu Brei zu schlagen. Der Kongress tanzt. Themen werden per se nicht ernst genommen, weil der Masse der so genannten Journalisten und Tinnen jegliche intellektuelle Fähigkeit fehlt, ein Thema einzuordnen. Arabischer Frühling, Mali, Eurorettung, Steinbrück oder Merkel, überall Bildungswüste. Themen werden nicht mehr recherchiert, Themen werden durchgejagt, abgeschrieben, totgeritten.

Die Hauptrechercheleistung besteht nur noch darin, Themen auf das jeweilige Einzugsgebiet des dort erscheinenden Mediums "herunterzubrechen". Dann reicht es, wenn das Bottroper Tageblatt einen Bottroper auftut, der auch schon mal im australischen Dschungel war und „unseren Lesern exklusiv erzählt, wie es da WIRKLICH ist“. Der Rest wird abgeschrieben, abgekupfert. Entweder pro oder contra Dschungelcamp, je nach Lust und Laune und Stuhlgang des Leitenden.

Das Dschungelcamp ist zu Ende, die Sexismusdebatte ist da. Geile Scheiße! Der Saal rockt. Schmeiß Dein Thema in den Ring und dann Bingo!, wenn sich Menschen ernsthaft berufen fühlen, darauf einzugehen, am besten in diesem Twitter.

„Drucken Sie mir das aus Hase“, ergeht dann der Befehl des altsackigen, immer zu einem lüsternen Streich aufgelegten Chefredakteurs an sein weibliches Faktotum, das sich in der Kaffeerunde mit den Kolleginnen einig ist, „den neuen Volontär schmeiß ich auch nicht von der Bettkante, hi hi.“

Es gibt natürlich Menschen, denen Sexismus wirklich ein Thema ist, die sich mit den Vorgängen im Nahen Osten befassen, die wissen wollen, wie es in den USA jetzt in der zweiten Amtszeit Obama weitergeht. Diese Menschen sitzen aber nicht in den Redaktionsstuben. Da sitzen Menschen, die es „geil finden, was mit Medien zu machen“. „Meinung zu machen“.

Wer eine Atmosphäre erleben will, in der die Luft testosterongeschwängerter ist als in Redaktionsstuben, kann es vielleicht noch auf dem Bau versuchen. Männliche Hierarchien bis ins dritte Glied, durchsetzt mit weiblichen Sprengseln der hübschen (geile Schnitte) oder der engagierten (alte Lesbe) Art.

Seit Twitter, Facebook und Co. kommt endlich wieder Leben in die Bude. „Die Demokratisierung der Medien“ findet ihren Ausdruck in den so genannten sozialen – aber doch so oft asozialen - Medien. Hier findet der Redakteur Content – früher hieß das "Inhalt" – und kann das genüsslich ausschlachten, abschreiben, auswerten. Hier findet er oder sie „Volkes Stimme“.

Auf der Strecke bleibt die Wahrheit, auf der Strecke bleibt die Erwartung der Ernsthaften, dass sich wirklich etwas ändern könnte.

Wird es aber nicht, weil der nächste #Aufschrei sowieso kommt. „Hase was ist dieses kurze Zeichen vor dem Wort?“
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Laut gebrüllt, Löwe! Aber gut? Nicht wirklich.

Ich bin nicht sicher, was du mit dem Text aufs Korn nehmen willst. Der Anfang klingt, als ärger dich die Sensationsgier (wobei die Zuordnung nicht stimmig ist, oder?). Dann hüpft das Thema von "Überzogen bis zum Nervt!-Effekt" sofort zu “Schlecht/Nicht recherchiert". Kleiner Schlenker zurück zur "Hauptsache Stoff!"- Einstellung und dann – raztfatz – eine "Analyse" der Sexismus-Lage in Medien-Redaktionen und auf Baustellen. (Was hat diese Lage mit den oben genannten Problemen zu tun??) Dann kommst du schnell zurück zu "Recherche – was ist das?" und der abschließende Generalvorwurf fehlt auch nicht. Und das alles ist gespickt mit Behauptungen und Klischees. Wütendes Rumgebrülle eben.

Versteh mich nicht falsch, dieses Aufspringen auf "aktuelle" Themen und das "Markantsein" um den Preis der fundierten Information stören mich auch. Dein Text vermanscht das aber mit einem dieser gerade aktuellen Themen (ohne, dass der Zusammenhang klar wird) und geifert um sehr, sehr Vieles schlimmer rum, als es die (angeblich) sachlich informierenden Medien tun. Welcher Leser – und ich meine nicht den Stammtisch-Schimpfer, der sich mit Themen nicht beschäftigt, sondern sie nur als Ventil für seine "gerechte Empörung" nutzt – kann so einen Text ernst nehmen? Das ist aber die Voraussetzung für Veränderung.


So viel zum generellen Eindruck, den ich hatte. Hier noch ein paar SDetails:


Berlusconi hat eine Minderjährige gevögelt? „Alter krass, voll abgefahren, kack die Wand an, boh.“ Riesenwelle in Indien gegen Frauenvergewaltigung: „Wow, ich werd nicht mehr, fuck.“ Protest von Pussy Riots in der Kirche und Kritik an Putin? „Geile Scheiße Rock´n Roll.“
Transportier(t)en die Medien wirklich das Wow! für die umfangreichen Proteste in Indien oder eher für das, wogegen protestiert wurde? Und meinten sie wirklich, der Auftritt sein "geil" geweseen oder hatte man nicht doch eher die "unmäßige Bestrafung" zur Nachricht gemacht?


Themen werden per se nicht ernst genommen, weil der Masse der so genannten Journalisten und Tinnen jegliche intellektuelle Fähigkeit fehlt, ein Thema einzuordnen. Arabischer Frühling, Mali, Eurorettung, Steinbrück oder Merkel, überall Bildungswüste. Themen werden nicht mehr recherchiert, Themen werden durchgejagt, abgeschrieben, totgeritten.
Der erste Satz hier ist eine faustdicke Massen-Beleidigung - damit diskreditierst du dich nur selbst. (Ich teile den Verdacht zwar, würde ihn aber weder auf die meisten Journalisten ausdehnen noch würde ich es wie ein geistiges Manko formulieren, es hat vermutlich eher mit der Prägung durch die" Anforderungen" an Medien heute zu tun.) Der zweite Satz beschreibt zwar sehr gut das, was ich auch wahrzunehmen glaube, aber es ist mitnichten ein Beweis für die eben unterstellte Intelligenz-Lücke.
Gerade bei solchen Wut-Texten sollte man wenigstens cool und bei Sinnen genug erscheinen, um die Sprache noch korrekt zu beherrschen: Journalisten und -tinnen

Die Hauptrechercheleistung besteht nur noch darin, Themen auf das jeweilige Einzugsgebiet des dort erscheinenden Mediums "herunterzubrechen". Dann reicht es, wenn das Bottroper Tageblatt einen Bottroper auftut, der auch schon mal im australischen Dschungel war und „unseren Lesern exklusiv erzählt, wie es da WIRKLICH ist“. Der Rest wird abgeschrieben, abgekupfert. Entweder pro oder contra Dschungelcamp, je nach Lust und Laune und Stuhlgang des Leitenden.
Das Wort Rechenleistung ist unglücklich gewählt, denn du forderst ja eben mehr als simple "Rechenleitung".

Das Dschungelcamp ist zu Ende, die Sexismusdebatte ist da. Geile Scheiße! Der Saal rockt. Schmeiß Dein Thema in den Ring und dann Bingo!, wenn sich Menschen ernsthaft berufen fühlen, darauf einzugehen, am besten in diesem Twitter.
Das Wort "dein" wird klein geschrieben.
In Twitter? Bei Twitter, oder?

„Drucken Sie mir das aus Hase“, ergeht dann der Befehl des altsackigen, immer zu einem lüsternen Streich aufgelegten Chefredakteurs an sein weibliches Faktotum, das sich in der Kaffeerunde mit den Kolleginnen einig ist, „den neuen Volontär schmeiß ich auch nicht von der Bettkante, hi hi.“
Komma nach "das aus"
(… das dürfen die Kolleginnen in der Kaffeerunde auch sagen, ohne gleich sexistisch zu sein. Sexistisch wird es, wenn sie Schnucki lediglich Post austragen lassen, weil ja – z. B. – bekanntlich Kerle mit so viel in der Hose nicht viel im Kopf haben. – Was ich sagen will: Das hier ist noch schlechter zum Thema recherchiert als alles, was ich bisher dazu in den Medien las/hörte.)

Es gibt natürlich Menschen, denen Sexismus wirklich ein Thema ist, die sich mit den Vorgängen im Nahen Osten befassen, die wissen wollen, wie es in den USA jetzt in der zweiten Amtszeit Obama weitergeht. Diese Menschen sitzen aber nicht in den Redaktionsstuben. Da sitzen Menschen, die es „geil finden, was mit Medien zu machen“. „Meinung zu machen“.
Es kann mir ein Anliegen sein oder für ein (wichtiges) Thema.
Wieder so eine Pauschal-Watsche …

Seit Twitter, Facebook und Co. kommt endlich wieder Leben in die Bude.
Den Sprung versteh ich nicht. Wann war denn mal kein Leben in der Bude? (Und was hat das mit der männlichen Hierarchie zu tun? Oder meinst du, Frauen wären einfach nicht so doof, einfach nur abzuschreiben, sie würden lieber selbst denken? ;) )

„Die Demokratisierung der Medien“ findet ihren Ausdruck in den so genannten sozialen – aber doch so oft asozialen - Medien. Hier findet der Redakteur Content – früher hieß das "Inhalt" – und kann das genüsslich ausschlachten, abschreiben, auswerten. Hier findet er oder sie „Volkes Stimme“.
Volkes Stimme ist doch nicht schlecht. – Die Argumentationskette, die du benutzt, sagt: "Der Red schreibt ab! Er guckt auf Volkes Stimme, der Schlimme!". Das Problem ist aber: "Der Red schaut auf Volkes Stimme und schreibt DIE ab – zu oft unreflektiert und einseitig."


Wird es aber nicht, weil der nächste #Aufschrei sowieso kommt. „Hase was ist dieses kurze Zeichen vor dem Wort?“
Komma nach "Hase"
Das verstehe ich nicht. (Es scheint jedenfalls recht sexistisch gemeint zu sein.) Erstens: Gibt es auch lange Zeichen? Soll das also ein Beispiel für männliche Doofheit sein? Zweitens: Warum steht wo (außer bei Tippfehlern) eine Raute vor einem Wort? Wenn das ein Bespiel für männliches Nichtwissen ist, dann sollte ich hier dezent darauf hinweisen, dass ich als Frau es auch nicht weiß. Willst du sagen, Männer stellen die falschen Fragen (oder nützt es ihm etwas, zu wissen, dass das eine Raute ist?)? Oder ist das doch noch anders gemeint? Wenn ja: Wie?
 
Antwort Jon

Hach, man darf auch keine Polemiken mehr schreiben. War nur ein Stoßseufzer Jon, ich gehe also ein:

Warte, ich mache es kompakt. Diese ordinäre Reaktion auf Berlusconi, Indien, etc. bezieht sich auf die Haltung der Journalisten und Journalistinnen. Pauschalvorwurf? Natürlich, aber das macht die Gegenseite auch.

Ich will sagen und glaube mir, ich weiß wovon ich spreche: Die Themen sind den meisten Journalisten wirklich egal, weil sie kein Gespür mehr haben, was sie anrichten oder nicht anrichten. Nicht umsonst gibt es die "Initiative Nachrichtenaufklärung", wo in jedem Jahr, nach amerikanischem Vorbild, die Themen gewählt werden, die in den "Massenmedien" zu kurz kamen. Für mich sind die Meinungsmedien von Belang, da sie die Mehrheit erreichen. Natürlich kann ich alles differenziert in Spezialmedien und - portalen nachlesen, aber das ist nicht ausschlaggebend.

Meinungsmedien: Nehmen wir Bild und Spiegel, die berichten oft das Gleiche, nur gibt der Spiegel noch so eine Attitüde dazu, nach dem Motto, 2hier darfst Du das mit gutem Gewissen konsumieren, in der Bild ist es fürs Prekariat." Der Spiegel hat intensiv auf Online über das Dschungelcamp berichtet. Und nicht in der Rubrik "Panorama" - also Buntes, sondern unter "Kultur", ha, ha, das ist doch auch wieder so ein "was - sind wir akademisch - ironisch" Schmunzler

Die so genannte vierte Gewalt kann machen, was sie will. Hier wird auf anderen Blogs differenziert genug darauf hingewiesen, ich möchte es etwas gröber. Z.b. Osterkorn/Sternchefred. sagt auf die Frage: "Was ist denn der Unterschied zwischen Brüderle und Ihren Tittentitelseiten": "Das ist was anderes". Fertig und er kommt durch damit.

Noch mal, was mir Sorgen macht, ist diese unglaubliche Egalheit in den Medien, "Thema ist durch" fertig.So sprunghaft wie ich manchmal schreibe, springen die von Thema zu Thema.

Und jetzt kommts dicke, das habe ich ja auch geschrieben: Es gibt ja Menschen, die sich ernsthaft Gedanken machen. Die werden dann von den Medien aufgesaugt, als authentisch dargestellt und verheizt.

Und letzter Satz zu dem # - Zeichen. Das ist ein Hashtag in der Twittersprache. Das muss auch nicht jeder kennen, aber Journalisten, die über all dies schreiben und mir erzählen, "igitt, Twitter und Facebook, da würde ich nie reingehen". Ja da redet der Blinde dann vom Licht und das kotzt(sic) mich an.

Und deswegen liebe Jon habe ich den großen Knüppel rausgeholt und im nächsten Schritt werde ich die Rechtschreibfehler ausmerzen.

LG
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo schreibensdochauf,

Polemik ist immer riskant, der Text geht aber noch zwei Schritte weiter und geifert wild. Was mich viiiiiel besser erreicht hat, ist deine Antwort. Da spürt man auch den Frust (er kann in einem polemischen Text ja auch durchaus noch deutlicher werden als in der Antwort), aber das Ganze ist eben unterfüttert mit Fakten (z. B. die Vereinigung, die "seltsame" Zuordnung der Dschungelcamp-Berichte) und "Fakten" (meint Behauptungen, die du aus deiner Erfahrung heraus verallgemeinerst). Mit etwas kühlerem Kopf(*) gelingt es dir auch, klar zu sagen, wen du eigentlich angreifst (bei dem Anfang auf "Journalisten rasten aus" zu kommen, ist wirklich schwer). Das ist es, was "greift".
(* Die besten Flamm-Reden sind eiskalt kalkuliert.)

In der Sache sind wir - wie man so unschön sagt – "beeinander". Aber das sagte ich, glaube ich, schon mal.

PS: … tatsächlich sind nicht mal die Sender/Sendungen/Medien, die ich für Sachlichkeit und Informationstiefe schätz(t)e, vor diesem Kaspertheater für bezahlende Kunden gefeit. (Ich sag nur "nano" – seufz.)
 
D

Dominik Klama

Gast
Es kommt selten vor, doch an dieser Stelle würde ich eher Jon beipflichten.

Bin gerade von Schreibensdochaufs Thread „Himmelwärts“ hergekommen. Gerade „Himmelwärts“, aber dieses hier eigentlich auch, zeigt, dass Schreibensdochauf jemand ist, der ausgesprochen (und wirklich nicht schlecht) wie ein Journalist schreibt. Wie genau die Journalisten, die wir in der heutigen deutschen Presselandschaft haben. „Himmelwärts“ ist exakt die Art von Reportage, wie sie jederzeit in der Wochenendbeilage irgendwo drinstehen oder im Rundfunk gesendet werden könnte. Abgesehen von den kritischen Einschüben zur US-Außenpolitik unter den Administrationen Bush und Obama, von denen aber sowieso unklar bleibt, was sie in der Erweckungskirchenreportage zu suchen haben.

Eine ganz klebrige, eine im Grunde ja kriminelle Zeitung ist Bild. Der immer wieder zu beobachtende Gestus von Leuten, die sich mit Bild kritisch auseinandersetzen, ist, dass sie dem Publikum erklären wollen, wie klebrig und kriminell Bild in Wahrheit doch sei. Die netten, guten, braven, dem Guten auf der Welt zuarbeitenden Deutschen und wie sie verblendet werden von dieser abgefeimten Zeitung. Dabei macht man sich anscheinend nicht klar, dass wir in einer kapitalistischen Marktwirtschaft leben, wo auf Dauer jene Produkte nicht verkaufen können, die eine Nachfrage nicht passend erfüllen. Und dass es in so einem System aber auch nicht darum geht, Qualität nach objektiv messbaren Maßstäben zu erzeugen und zu verkaufen, sondern das, was der Kunde abkauft. Wie wir allmählich mitbekommen, stirbt eine Zeitung nach der anderen - und das wird auch noch eine gute Weile so weitergehen. Die Zeitungen sind nicht mehr in der Lage gewesen, ihren Käufern das zu liefern, was diese einkaufen wollten. Aber Bild stirbt nicht. „Die Welt“ wäre längst gestorben, wenn Bild den Umsatz nicht bringen würde, der „Die Welt“ einstweilen noch am Leben erhält. Bild liefert also, was der deutsche Konsument will. Und darum ist Bild gut. Bild ist kein Stück böser als der deutsche Konsument, der genau deswegen, weil Bild so böse ist, Bild kauft.

Es gibt auf Deutschlandradio Kultur nachts zwischen 1 und 2 Uhr diese Höreranrufesendung, wo in sechs Nächten der Woche über ein jeweils am Vorabend zwischen 17.30 und 18.00 Uhr bekannt gegebenes aktuelles Thema gesprochen wird. Das solltet ihr euch mal eine Weile reinziehen. Abgesehen davon, dass sic h dort die ewig gleichen, von nichts wirklich was verstehenden, aber über alles, was es nur gibt, Bescheid wissenden Stammtisch-Babbler vernehmen lassen (die gebildetere Sorte von Stammtisch-Babblern, mehr so die pensionierten Lehrerinnen, aber wer sonst würde jede Nacht aufbleiben, damit er um halb zwei der Nation auch mal erklären darf, wie die Welt zu retten wäre?), werdet ihr wieder und wieder hören: „Die Medien!“ „Ja, die Medien wollen es halt so.“ „Diese Medien verdummen das Volk.“ „Es wurde in den Medien auch ganz einseitig dargestellt.“ „Die Leute verstehen es leider nicht, weil sie den Medien glauben.“ „Das ist ein Sturm im Wasserglas. Die Medien brauchen jede Woche eine neue Sau, die sie durchs Dorf treiben.“ Und so weiter. Die Medien, die Medien, die Medien, die dummen und die bösen und die dämlichen Medien! Es benutzen dort pausenlos irgendwelche älteren Herrschaften ein Massenmedium, um dem Volk zu verklickern, dass die Medien keine Ahnung haben, sie, die jeweiligen älteren Herrschaften, aber ganz genau begriffen hätten, wie es ist und wie es sein müsste.

Und genau wie eine solche Äußerung liest sich dieser Text von Schreibensdochauf.

Bei der erwähnten Offenes-Telefon-Sendung fällt auch auf, dass die meisten Anrufer genau mit der Menge Wissen argumentieren, die gerade in den tagesaktuellen Medien zu vernehmen war. Sie schimpfen also einerseits über die Medien wie die Rohrspatzen, verfolgen dieselben aber ständig und beziehen von dort die Informationsgrundlage zu ihren Meinungen. Nicht ganz ausgeschlossen ist, kommt aber so oft gar nicht vor, dass jemand zu einem Thema etwas aus eigenem Erleben beisteuern kann oder dass jemand ein, zwei oder gar mehrere Bücher darüber gelesen hätte. Jedoch der Wissensstand der allermeisten bewegt sich auf Tageshöhe mit Bild, Tagesschau, Startseite GMX, Spiegel und Frankfurter Allgemeine. Oft ja auch nicht, dann greifen die Moderatoren ein und stopfen die Beiträge mit dem 18-Uhr-Infolevel von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur aus, damit man nicht nur ins Blaue palavert.

„Sex sells“ und „Crime sells“, wir wissen das und es war wohl nie anders und wird nie anders werden. Daher ist ganz sinnlos, den Medien ständig vorzuhalten, sie wären mit Sex-and-Crime-Storys angefüllt. Die Medien haben einfach auch ein Recht darauf, das zu bringen, was die Leute lesen möchten, das zu bringen, was die Leute kaufen. Die Medien haben auch ein Recht darauf, gekauft oder eingeschaltet zu werden, wie ihre Konkurrenz das gerade wird. Aber ja nicht nur Sex und Verbrechen, nein, nein, die einzig ziehenden Themen sind dies keineswegs, sondern da gibt es noch: Unglücksfälle und Naturkatastrophen, Krankheiten, Kinder, Tiere, Hinweise, wie man Geld verliert und wie man welches gewinnt oder behält, Prominenz als Selbstzweck. (Letzteres soll heißen: Vorgestern war Paris Hilton jeden Tag in den Medien, gestern Harald Glööckler, morgen vielleicht Jon, wer weiß, es ist noch nicht aller Tage Abend.)

All das bisher Gesagte kann man den Medien nicht vorwerfen. So ist das eben. So war das. So wird das bleiben. Dass sie jede Woche ihre neue Sau brauchen. Dass sie im Viereck jauchzen, wenn ein prominenter Modeschöpfer Spenden für ein kleines Mädchen sammelt, dem ein besoffener Porschefahrer das Bein abgefahren hat und dessen Mutter Aids hat, weil sie jahrelang mit Pornofilmen ihr Brot verdiente.

Was wirklich krank ist an den Medien und was immer noch kränker wird, ist, dass sie mehr oder weniger und nahezu alle nur noch verlauten. Da ist durchrationalisiert worden, Personal wurde eingespart. Der Kunde hat außerdem sowieso die Zeit nicht mehr, sich auf Hintergrundinformation einzulassen. Die Medien haben auch keine mehr, welche zu beschaffen, denn die Hintergründe, sagen wir mal, von den Straßenkrawallen und Plünderungen in England, interessieren in Deutschland kein Schwein mehr, wenn Westerwelle, de Maizière und die Kanzlerin aktuell darüber beraten, in welchem Umfang das deutsche Militär den Franzosen in Mali zur Hilfe eilt. Und es bringt einfach auch gar nichts, irgendwas zu recherchieren, was der politischen Linie von der Partei zuwider läuft, bei der der Verleger eingeschriebenes Mitglied ist. Sollten irgendwelche investigativen Wirtschaftsredakteure herausfinden, dass Euro-Rettungsschirm und Fiskalpakt Kappes sind, dann bringt das gar nichts, darüber eine Artikelserie zu schreiben, wenn es eine CDU-Zeitung ist. Und wenn es eine SPD-Zeitung ist, auch nicht. In den TV- und Radioanstalten sieht es bei der parteipolitischen Determiniertheit der Rundfunkräte nicht wesentlich anders aus.

Ergebnis: Journalisten finden nichts mehr heraus. So geht es nur noch in den Hollywood-Melodramen zu. Nein, Journalisten finden sogar was heraus, das berichten sie aber nicht, sie behalten es für sich. Journalisten überbringen. Sie überbringen die Botschaften, die man an sie verlauten ließ. Ist ja auch eine Lebensaufgabe. Medium sein. Da ist auf der einen Seite jemand, der hat was, das er den Leuten sagen will. Auf der anderen Seite sind die Leute, denen was gesagt werden soll. Dazwischen bin ich, das Medium, und überbringe. Nett irgendwie.

Veranstalten wir mal ein kleines Gedankenspiel! Stellen wir uns genau die Medien vor, die wir heute haben, in all ihrer Vielfalt, mit genau den Medienmenschen, die wir kennen. Die packen wir jetzt aber in eine Zeitmaschine und lassen sie in St. Petersburg im Jahr 1903 ankommen - oder im New Orleans von 1858 - im München von 1937 - im Paris von 1785 - im Wien von 1913. Würden wir diesen unseren Medien dann entnehmen können, was Sache ist? Was wirklich abgeht in der Welt? Was demnächst auf uns zukommt? Was der Hintergrund einiger zugegebenermaßen existierender und von den Medien ja auch laufend berichteter Ereignisse ist?
Nein, nicht doch! Wir würden eher etwas bekommen in der Art von:
„Griechenland: Schäuble verhalten optimistisch“
„Merkel erinnert an die Machtergreifung der Nazis vor 80 Jahren“
„Ausbau der Westtangente auf Eis gelegt“
„Bundespräsident zeichnet Ehrenamtler mit Verdienstmedaille aus“
„Brüderle findet Möpse im Dirndl geil: Sexistisch?“
„Brad Pitt und Angelina Jolie: Wie die Traumehe zerbrach“
„Tsunami in Java: Schon 5 Millionen deutsche Spenden“
„SPD für NPD-Verbot“
„Arbeitslosenstatistik: Frostige Winterzahlen“
 
Dominik

Habe Deinen Ausführungen wenig hinzuzufügen.

Natürlich ist mein Text geifernd, natürlich, Jon, ist kühl kalkulierend besser.

Erinnert Ihr Euch an die Wutausbrüche von Vater und Onkel in den Siebzigern, der eine SPD der andere CDU? Da haben die Menschen noch geglüht (ob das immer so super war, sei dahin gestellt). Ich mag das.

Unsere Gesellschaft / und damit auch die Medien (also keine Sorge Dominik, ich mache sie nicht hauptverantworltich, sie sind nur so ein hässliches Zeichen unserer sarkastischen Verwahrlosung) hat ihren Kompass spätestens 1990 irgendwo abgegeben und stiert jetzt in ihr Bier.

In einem bin ich mir aber sicher: Sich öffentlich äußernde sind auf ihre 20 Sekundenstatement in den Medien dressiert und diese wollen auch gar nichts herausfinden (Pauschalvorwurf klar, die Ausnahme bestätigt aber die Regel). Das ist ein Teufelskreis, vielleicht erleben wir irgendwann wieder die Debatte um die Sache und nicht den Versuch des, "wie komme ich am besten weg". Von dem Medien können wir das nicht erwarten, die reiten jedes Pferd tot (s. 5 Talkshows im Ersten) Es liegt an den Menschen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, zurückzukehren zur...weiß nicht...Ernsthaftigkeit?
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
"Es liegt an den Menschen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, zurückzukehren zur...weiß nicht...Ernsthaftigkeit?"
Amen!
 

 
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