Shanghai fern von wo - Ursula Krechels erster großer Roman

Rezension zu:

Ursula Krechel, Shanghai fern von wo, Jung und Jung 2009, ISBN 978-3-902497-44-4


Nach der Pogromnacht am 9.11.1938 war es für viele deutsche und österreichische Juden endgültig klar. Sie mussten schnellstens das Land verlassen, um der Deportation in die Konzentrationslager zu entgehen. Viele tausend Mal ist seit dieser Zeit beschrieben worden die Tragik von Flucht, Ausreiseverhandlungen, Passierscheinen und Ablehnungen derselben. Viele suchten in Nord- und Südamerika Zuflucht, andere auch in den europäischen Nachbarländern, die sich dann aber oft als nicht sicher erwiesen, weil sie im Laufe des im September 1939 von Hitler begonnenen Zweiten Weltkrieges von den Nazis besetzt und sofort mit ihren entsprechenden Judengesetzen überzogen wurden. So wurden Länder wie Holland, Norwegen und Frankreich oft zu tödlichen Zufluchtsfallen für viele Juden.

Der vorliegende Roman der Schriftstellerin und Lyrikerin Ursula Krechel erzählt von einem historischen Zeitfenster, das insgesamt 18.000 Juden aus Deutschland und Österreich eine schnelle und nur kurz andauernde Möglichkeit bot, ihr Leben zu retten. In ihrem Buch "Von Wien nach Shanghai" hat Vivienne Jeanette Kaplan 2006 schon davon berichtet, wie ihre Familie bei dieser einmaligen Gelegenheit ihr Überleben sicherte.

1938 hatten die Japaner Shanghai besetzt und so total vom Festland abgeschirmt. Vom Meer aber war es ohne Visum erreichbar und diese Gelegenheit war für 18.000 Menschen jüdischer Abstammung lebensrettend. Sie hatten kurzfristig eine Schiffspassage nach Shanghai ergattert und sahen ihrer neuen Zukunft mit großer Hoffnung entgegen. Zu Hause in Wien oder Berlin wurde Shanghai schnell zur "Arche Noah", dem alten Bild der Rettung vor einer vernichtenden Flut.

Dass sie bei ihren unfreiwilligen und völlig ahnungslosen Gastgebern nicht gerade willkommene Gäste waren, war für alle nicht nur überraschend, sondern ein Schock. Wenn man den vorliegenden Roman liest, spürt man fast auf jeder Seite, das sich die zu Hause so schön imaginierte "Arche Noah" als ein Zufluchtsort herausstellte, in dem unsägliche Not und nacktes Elend, beißender Hunger, schlimme Krankheiten und totale Unfreiheit herrschte.

Ursula Krechel hat für dieses wirklich großartige Romanprojekt, in dem sie das Schicksal jüdischer Emigranten in Shanghai detailliert beschrieben hat, viele Jahre recherchiert. Das Buch hat sie auf eine auch sprachlich und künstlerisch gelungene Weise aus zahllosen authentischen Berichten zusammengefügt, die sie vor allem in der Wiener Library in London, aber auch in vielen anderen Archiven gefunden hat.

"Was ist Tausig für ein Mensch ?" So beginnt ein 500 - seitiger Roman, der nicht nur die Geschichte jenes jungen Rechtsanwaltes aus Temesvar, Tausig, und seiner Frau Franziska erzählt, sondern auch die seines Freundes Ludwig Lazarus, den er auf der Flucht kennen lernt, ein Berliner Buchhändler. Es wird erzählt von Uhrmacher Kronheim, dem Kunsthändler Brieger und den Rosenbaums, die mit einem Koffer voller Lederhandschuhe nach Shanghai gekommen sind, weil sie dort einen Handel beginnen wollen.

Mittendrin hat Ursula Krechel wie in einer Art künstlerischem Selbstgespräch Stellen eingeflochten, wo sie große Künstlerschicksale beschwört, etwa als sie Lothar Brieger Briefe an Walter Benjamin nach Paris schreiben lässt, die allerdings unbeantwortet bleiben, oder indem sie Virginia Woolfs Selbstmord erwähnt und Gertrude Steins Hund. Die Autorin begleitet auf eine ganz eigene Weise ihre Protagonisten zwischen 1938 und 1948 durch einen Abgrund. Dabei erfindet sie ziemlich wenig, stützt sich immer wieder auf Briefe und Berichte, und schreibt auch über den vom damaligen jungen Rundfunkattache Erwin Wickert geleiteten NS-Propagandasender.

Besonders die Rückkehr der Protagonisten nach Deutschland ist genauestens dokumentiert. Es treibt einem die Tränen in die Augen zu lesen, wie diese Menschen wie Ludwig Lazarus, Ernst Kronheim und Lothar Brieger damals behandelt und "entschädigt" wurden.

Ursula Krechel hat viele Details in ihren Roman einfließen lassen und viele politische Anmerkungen gemacht. Entstanden ist ein wunderbarer, großer und ernster Roman, der sich liest wie ein Geschichtsbuch und der in der Reihe der Literatur des jüdischen Exils nach 1938 einen ganz besonderen Platz einnehmen und auch behalten wird. Da ist sich der Rezensent sicher.
 

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