Sie zeigen unsere Nacktheit – Trump, AFD & Co.

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen
BITTE NICHT NOCH EINEN TRUMPTEXT

Kennen Sie* das? Sie arbeiten im Beruf nur mit halber Kraft und keiner merkt´s? Sie parken „mal eben schnell“ auf dem Behindertenparkplatz und werden nicht erwischt? Sie sagen an der Kinokasse „Student“ - obwohl Sie schon lange raus sind - und zahlen nur die Hälfte? Sie gehen fremd und Ihr Mann oder Ihre Frau merken nichts? Sie verschieben eine unliebsame Verabredung, weil Sie „krank“ sind?

Das alles sind diese kleinen dunklen Seiten in uns, die so gar nicht zu unserem Selbstbild passen und dennoch leben wir sie immer wieder aus. Das ist es, was uns an Trump so stört. Er erinnert uns an diese dunklen Seiten in uns. Er verkörpert das Unzivilisierte, das Asoziale in uns. Er zeigt uns den Neandertaler in uns. Und wie er sich bewegt und wie er spricht, der ganze Habitus. Es ist nur peinlich. Und es macht uns wütend, weil wir uns ihm ausgeliefert fühlen. Er ist der laute, prollige, nationalistische Onkel.

Dieser helle Mann verkörpert das Dunkle. Der andere, der dunkle, der Obama. Der steht für das Helle.

Der bewegt sich leichtfüßig, der ist zivilisiert, der kann lächeln und reden. So möchten wir uns auch bewegen, so möchten wir auch reden, so möchten wir auch lächeln.

Das alles hat weniger mit Politik, als mit unserer Wahrnehmungsbereitschaft zu tun. Wir wussten, dass der Friedensnobelpreis gleich zum Anfang einer Präsidentschaft etwas hochgegriffen ist. Wir wissen, dass Obama das schreiende Unrecht in Guantanamo nicht beendet hat. Wir wissen, dass niemals zuvor so viele Drohneneinsätze genehmigt wurden, bei denen hunderte, wenn nicht gar tausende unschuldige Zivilisten ums Leben kamen. Wir wissen, dass er gespannt zusah, als Osama bin Laden ermordet wurde. Doch obzwar wir das alles wissen, wollten wir den netten Obama sehen. Wenn Trump den Neandertaler in uns projeziert, ist Obama der parfümierte und gepuderte Barockfürst, der sich zwar nicht wäscht, aber Haltung zeigen kann.

Obama beherrschte das Spiel, wie es uns beigebracht wurde. Trump nicht oder er will es aus Gründen nicht spielen. Die Gründe brauchen uns gar nicht weiter interessieren. Interessant ist eher, was Menschen vom Schlage wie Trump oder Politikerinnen und Politiker der AFD in uns auslösen.

Sie erinnern uns daran, dass wir uns bereitwillig auf die bisherige Interpretation unseres Gesellschaftsmodells eingelassen haben. Die meinungsführenden Teile unserer Gesellschaft ticken eher linksliberal und weltoffen. Das ist an und für sich nichts Negatives und die meisten von uns befürworten eine gleichberechtigte, weltoffene, der Chancengleichheit verpflichtete Gesellschaftsform. Der Haken dabei ist, dass wir zu sehr wegschauen, wenn diese hehren Ansprüche unter die Räder kommen. Wir schauen weg, wenn Migrationskinder auch in der dritten Generation schlechter an einen Ausbildungsplatz oder einen Job kommen, nur weil sie dunkler sind oder einen fremdklingenden Namen tragen. Wir schauen weg, wenn Alte Flaschen sammeln müssen, weil die Rente vorne und hinten nicht reicht. Wir schauen weg, wenn wir Soldatinnen und Soldaten in die Welt schicken, um „unsere Freiheit am Hindukusch oder sonstwo“ verteidigen zu lassen.

Zu Recht wird jetzt eingeworfen, dass doch von Wegschauen nicht die Rede sein kann, da die oben genannten Probleme bekannt und benannt sind. Das ist richtig. Doch grundlegende Änderungen werden nicht vorgenommen. Eher findet ein Durchwurschteln statt.

Dieses Durchwurschteln, dieses Lächeln, dieses Reden von „Alternativlosigkeit“ wird jetzt in Frage gestellt. Finger werden in offene, unbehandelte Wunden gelegt. Und denen, die diese Wunden mit zu verantworten haben, fällt wenig ein, als diejenigen, die darauf zeigen, des Populismus` zu verdächtigen. „Dank“ dieser Populisten melden sich Menschen bejahend zu Wort, die wir so seit langem nicht mehr wahrgenommen haben. Sie erinnern uns an unser Wegschauen, sie machen deutlich, dass „unsere“ Themen an vielen Stellen nicht deren Themen sind. Sie sind an vielen Stellen die Kinder, die nur mal kurz erwähnen, dass der Kaiser nackt ist. Wir selbst wissen das doch auch, haben aber oft verlernt, es ergebnisoffen zu artikulieren.

Das ist die Situation der Stunde. Was folgt daraus? Wir werden dies ertragen müssen, wir werden unser Handeln überdenken müssen. Es wird sich einiges ändern. Das hat es aber immer. „Wir“ waren immer besorgt, wenn Neues kam. Denn „Wir“ haben zwar Frauenwahlrecht, Homehe, langhaarige Männer, Sex vor der Ehe, Hochzeit zwischen Protestanten und Katholiken, Zivildienst, Willy Brandt, etc. schlussendlich akzeptiert, aber nie proaktiv befördert.

Wir sollten dankbar sein für Trump und AFD, die uns unsere dunklen Seiten aufzeigen. Und wir werden möglicherweise politischer, interessierter und engagierter werden, als wir es zuvor waren.


*wenn in diesem Text die Rede von „Ihnen“, von „uns“ die Rede ist, bezieht sich das auf die weltoffenen liberalen Menschen, die „unsere“ Gesellschaft im Prinzip mittragen, aber substantiell noch große Risiken für ihr Gelingen eingegangen sind.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Schön flüssig zu lesen und konsistent und „spannend“(*) gebaut. Aber dort
Trump nicht oder er will es aus Gründen nicht spielen. Die Gründe brauchen uns gar nicht weiter interessieren.
fehlt ein "zu" nach "weiter" und stört mich das modische "aus Gründen“. Das ist insofern inhaltsleer als jeder, der etwas will, Gründe dafür hat; genau genommen haben Menschen für so ziemlich alles, was sie tun, Gründe (ob sie ihnen in dem Moment nun bewusst sind oder nicht) - das muss also nicht gesagt werden. "Gute Gründe" ist eine sinnvolle Aussage oder "seltsame Gründe" und sogar "seine Gründe" – aber da das laut Text nicht interessiert, ist "aus Gründen" schlichtweg völlig überflüssig.

Den Schluss der Fußnote zu „Sie“ und „ihnen“ verstehe ich nicht.
Die ganze Einschränkung durch die Fußnote finde ich unglücklich. Zum einen müsste man vor dem Lesen des Textes erstmal ganz runter, um ihn „richtig zu verstehen“ (es sei denn, man braucht die Erklärung zum Verstehen nicht, dann ist die Einschränkung aber überflüssig), zum anderen weiß ich nicht, warum du überhaupt einschränkst und damit z. B. Lesern, die du de facto durch das „Sie“ ansprichst, zu sagen, dass sie gar nicht als Leser erwünscht sind. Die Leser, die du mit dem „Sie“ nicht meinst, grollen sowieso spätestens dann, wenn du die AfD mehr oder weniger direkt als Horde Neandertaler bezeichnest.

(* Damit meine ich diesen Aspekt, der einen „im Text" hält.)
 
Hallo Schreibensdochauf,

als ich vor kurzem begann, hier auf Leselupe.de zu schreiben, in der Hoffnung einige meiner vielen Unzulänglichkeiten beim Schreiben ablegen zu können, habe ich schnell gemerkt, wie weit der Weg für mich zu den guten und besten Schreibern hier ist.

Du gehörst nach diesem Beitrag für mich zu den Besten.

Das mit der halben Kraft im Beruf kenne ich (leider?) nicht, in einem Urlaubshotel als erfolgreicher Küchenchef zu arbeiten, erfordert den Anspruch jeden Tag das Essen zu einem Erlebnis und einer Freude zu machen, es außerdem zügig, pünktlich und frisch bereitzustellen. Beim Fernstudium kann ich mir ebenfalls keine Nachlässigkeiten erlauben. In der winzigen verbleibenden Zeit versuche ich noch der Vorstellung von einem Schriftsteller ein bisschen näher zu rücken.

Deine Klasse beim Schreiben drückt sich für mich besonders darin aus, das ich mir völlig im unklaren bin, ob dein Kommentar satirischer oder ernsthafter Natur ist. Ist er satirisch, dann ist es die umgekehrt proportional beste aller Herausforderungen an jeden, der selbst für sich in Anspruch nimmt ein "Gutmensch" zu sein, ohne jemals selbst aktiv etwas für Hilfsbedürftige und Schwache in der eigenen Gesellschaft oder darüber hinaus unternommen zu haben. MEINE Definition von "Gutmensch" war und ist immer noch die Beschreibung eines Menschen, der außer seine Steuern zu zahlen, nie etwas aktiv zur Demokratie oder Verbesserung von Lebensbedingungen wirklich Armer/Bedürftiger/Schwacher oder Verfolgter beigetragen hat.

Wäre dein Text ernsthafter Natur, also die Aufforderung zur Toleranz und Inaktivität der bisher Inaktiven gegenüber den Diktatur-Befürwortern, Nationalismus und Faschismus dann ist es genau das, was ich aus den Köpfen von Mitgliedern meiner Familie, von Freunden und in meinem Umfeld vertreiben möchte. Es setzt sich immer mehr die Auffassung durch, das so ein bisschen Faschismus als Druckmittel vielleicht gar nicht verkehrt ist.

Natürlich sehen sich die AfD-Sympathisanten völlig zu recht in der Rolle des "Gutmenschen". Sie haben mit ihren Steuern genau das bezahlt und mitgetragen was jeder, der ebenfalls nichts anderes getan hat (nur schöner daher geredet) auch getan hat. Ich kann und muss mit der Abschaffung der Gleichheit von Frau und Mann, der Wiedereinführung der Verfolgung gleichgeschlechtlicher Liebe, der zwangsweisen Durchsetzung christlicher Rituale, Wiederaufrüstung und Militarismus, der Bestrafung von Hilfsbereitschaft und Solidarität leben, wenn es der demokratische Wille der Mehrheit unseres Volkes ist.

Trump, die AfD und Co. machen aber keinen Hehl daraus, das sie sich gern demokratisch wählen lassen, aber das sie zur weiteren Durchsetzung ihrer Interessen die Grundvoraussetzungen für die Demokratie abzuschaffen gedenken. Und das, bekämpfe ich für meinen Teil jetzt mit der Feder und mit unendlichen Diskussionen und nochmals verstärkter Hilfsbereitschaft in meinem gesamten Umfeld.
Die Abschaffung der Demokratie, das heißt die Abschaffung der Möglichkeit, die bereits gemachten und die bevorstehenden Fehler und Rückschritte unserer gesellschaftlichen Entwicklung durch Einsicht und freie Wahlen korrigieren zu können, werde ich mit allen Mitteln (also nicht nur Gandhi`s Weg)bekämpfen. Wäre auch dumm, wenn ringsherum nur nationalistische Gesellschaften existieren.

Mir gefällt besonders dein Schlusswort. Die Unmenschlichkeit (der Elch) steckt in jedem von uns und hat schon mehr als einmal die Oberhand gewonnen. Sie birgt die Entscheidung, dankbar für diese Unmenschlichkeit sein, oder dankbar dafür zu sein, das man sie als falsch erkennen kann.

Ob nun satirisch oder ernst gemeint, ich fühle mich durch deinen Beitrag in meinem Engagement bestätigt. Vielen Dank!
 
BITTE NICHT NOCH EINEN TRUMPTEXT

Kennen Sie das? Sie sagen "stimmt nicht", obwohl Sie wissen, dass Sie mit Müll runter tragen dran waren? Sie bringen im Job manchmal nur 50 Prozent und glücklicherweise merkt´s der Chef nicht? Sie parken „mal eben schnell“ auf dem Behindertenparkplatz und werden nicht erwischt? Sie sagen an der Kinokasse „Student“ - obwohl Sie schon lange raus sind - und zahlen nur die Hälfte? Sie gehen fremd und Ihr Mann oder Ihre Frau merken nichts? Sie verschieben eine unliebsame Verabredung, weil Sie „krank“ sind?

Das alles sind diese kleinen Lässlichkeiten in uns, die doch so gar nicht zu unserem Selbstbild passen und dennoch leben wir sie immer wieder aus. Und schon sind wir bei Trump und dem, was uns so stört. Er erinnert uns an diese Widersprüchlichkeiten in uns. Er verkörpert das Unzivilisierte, ja manchmal sogar das Asoziale in uns. Er zeigt den Neandertaler in uns. Wie er sich bewegt, wie er spricht, wie er poltert, wie er im Unrecht auf seinem Recht beharrt, der ganze Habitus. Es ist nur peinlich. Und es macht uns wütend, weil wir uns diesem Spiegel unserer Selbst ausgeliefert fühlen. Er ist der laute, prollige, nationalistische Teil unserer Existenz.

Dieser helle Mann verkörpert das Dunkle. Der andere, der dunkle, der Obama. Der steht für das Helle.

Der bewegt sich leichtfüßig, der ist zivilisiert, der kann lächeln und reden. So möchten wir uns auch bewegen, so möchten wir auch reden, so möchten wir auch lächeln.

Das alles hat weniger mit konkretem politischen Handeln, als mit unserer Wahrnehmungsbereitschaft zu tun. Unserer eigenen und der unserer langjährigen politischen und medialen Sprachrohre. Wir wussten, dass der Friedensnobelpreis gleich zum Anfang einer Präsidentschaft etwas hochgegriffen ist. Wir wissen, dass Obama das schreiende Unrecht in Guantanamo nicht beendet hat. Wir wissen, dass niemals zuvor so viele Drohneneinsätze genehmigt wurden, bei denen hunderte, wenn nicht gar tausende unschuldige Zivilisten ums Leben kamen. Wir wissen, dass er gespannt zusah, als Osama bin Laden ermordet wurde. Doch obzwar wir das alles wissen, wollten wir den netten Obama sehen. Wenn Trump den Neandertaler in uns projeziert, ist Obama der parfümierte und gepuderte Barockfürst, der sich zwar nicht wäscht, aber Haltung zeigen kann.

Obama beherrschte das Spiel und dessen Regeln, wie es uns beigebracht wurde. Trump beherrscht es nicht oder, interessanter, er will es nicht (mehr) spielen. Und er ist nicht der Einzige. Sie werden ihre Gründe haben, die wiederum in ihrer eigenen (Selbst)Wahrnehmung liegen.

Interessant ist eher, was Menschen vom Schlage wie Trump oder Politikerinnen und Politiker der AFD in uns auslösen.

Sie erinnern uns daran, dass wir uns bereitwillig auf unser derzeitiges Gesellschaftsmodell eingelassen haben, mit seinen Stärken und Schwächen. Doch wer hat die Kraft, Schwächen ernsthaft anzugehen? Die meinungsführenden Teile unserer Gesellschaft ticken eher linksliberal und weltoffen. Das ist an und für sich nichts Negatives und die meisten von uns befürworten eine gleichberechtigte, weltoffene, der Chancengleichheit verpflichtete Gesellschaftsform. Der Haken dabei ist, dass wir zu sehr wegschauen, wenn diese hehren Ansprüche unter die Räder kommen. Wir schauen weg, wenn Migrationskinder auch in der dritten Generation schlechter an einen Ausbildungsplatz oder einen Job kommen, nur weil sie dunkler sind oder einen fremdklingenden Namen tragen. Wir schauen weg, wenn Alte Flaschen sammeln müssen, weil die Rente vorne und hinten nicht reicht. Wir schauen weg, wenn wir Soldatinnen und Soldaten in die Welt schicken, um „unsere Freiheit am Hindukusch oder sonstwo“ verteidigen zu lassen.

Zu Recht wird jetzt eingeworfen, dass doch von Wegschauen nicht die Rede sein kann, da die oben genannten Probleme bekannt und benannt sind. Das ist richtig. Doch grundlegende Änderungen werden nicht vorgenommen. Eher findet ein Durchwurschteln statt.

Dieses Durchwurschteln, dieses Lächeln, dieses Reden von „Alternativlosigkeit“ wird jetzt in Frage gestellt. Finger werden in offene, unbehandelte Wunden gelegt. Und denen, die diese Wunden mit zu verantworten haben, fällt wenig ein, als diejenigen, die darauf zeigen, des Populismus` zu verdächtigen. „Dank“ dieser Populisten melden sich deren Gefolgsleute bejahend zu Wort, die wir so seit langem nicht mehr wahrgenommen haben. Sie erinnern uns an unser Wegschauen, sie machen deutlich, dass unsere Themen an vielen Stellen nicht deren Themen sind. Sie sind an vielen Stellen die Kinder, die nur mal kurz erwähnen, dass der Kaiser nackt ist. Wir selbst wissen das doch auch, haben aber oft ver- oder nie gelernt, es ergebnisoffen zu artikulieren.

Das ist die Situation der Stunde. Was folgt daraus? Wir werden dies ertragen müssen, wir werden unser (Nicht)Handeln überdenken müssen. Es wird sich einiges ändern. Das hat es aber immer. Wir waren immer besorgt, wenn Neues kam. Denn wir haben zwar Frauenwahlrecht, Homehe, langhaarige Männer, Sex vor der Ehe, Hochzeit zwischen Protestanten und Katholiken, Zivildienst, Willy Brandt, ja sogar Dosenpfand und Mülltrennung schlussendlich akzeptiert, aber nie proaktiv befördert.

Wir sollten dankbar sein für Trump und AFD, die uns unsere dunklen Seiten aufzeigen. Und wir werden möglicherweise politischer, interessierter und engagierter werden, als wir es zuvor waren.

-----------------

Anmerkung, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn in diesem Text die Rede von "Wir" und "Uns“ die Rede ist, bezieht sich das auf die weltoffenen liberalen Menschen, die „unsere“ Gesellschaft im Prinzip mittragen, aber substantiell noch keine große Risiken für ihr Gelingen eingegangen sind.
 
Danke Jon

Deine Anmerkungen haben mich motiviert, noch einmal gründlich über den Text zu gehen. Es ist gar nicht so einfach, Worte für etwas zu finden, was in einem gärt. Einen schönen Tag noch.
 
Lieber Daginius

Danke für Deine ausführlichen Zeilen. Zunächst, manches beschreibe ich gerne satirisch oder sarkastisch. Bei diesem Text ist es mir bitterernst. Es geht mir auch gar nicht so sehr darum, dass "wir" nichts tun. Natürlich engagieren sich viele von uns. In Vereinen, in der Kirche, im Gemeinwohl. Doch an all diesen Orten sind wir immmer wieder mit den gesellschaftlichen Widersprüchen konfrontiert, die wir doch mehr oder weniger hinnehmen. Dieses "Weiter so". Jetzt sind die erstarkt, die das Undenkbare tun: Sie sagen: "Nein, nicht weiter so". Und ob sie recht haben oder nicht, ist erstmal egal. Sie hebeln einfach mal den Konsens aus, in dem wir uns seit Jahrzehnten eingerichtet haben. Und es fällt verdammt schwer, darauf kraftvoll! zu reagieren und das zu verteidigen, was uns wichtig ist. Viel einfacher ist eben die Ablehnung und es gibt ja auch genug, was man bei diesen Herrchaften ablehnen muss. Aber das reicht offenbar nicht (mehr).
 
BITTE NICHT NOCH EINEN TRUMPTEXT

Kennen Sie das? Sie sagen "stimmt nicht", obwohl Sie wissen, dass Sie mit Müllruntertragen dran waren? Sie bringen im Job manchmal nur 50 Prozent und glücklicherweise merkt´s der Chef nicht? Sie parken „mal eben schnell“ auf dem Behindertenparkplatz und werden nicht erwischt? Sie sagen an der Kinokasse „Student“ - obwohl Sie schon lange raus sind - und zahlen nur die Hälfte? Sie gehen fremd und Ihr Mann oder Ihre Frau merken nichts? Sie verschieben eine unliebsame Verabredung, weil Sie „krank“ sind?

Das alles sind diese kleinen Lässlichkeiten in uns, die doch so gar nicht zu unserem Selbstbild passen und dennoch leben wir sie immer wieder aus. Und schon sind wir bei Trump und dem, was uns so stört. Er erinnert uns an diese Widersprüchlichkeiten in uns. Er verkörpert das Unzivilisierte, ja manchmal sogar das Asoziale in uns. Er zeigt den Neandertaler in uns. Wie er sich bewegt, wie er spricht, wie er poltert, wie er im Unrecht auf seinem Recht beharrt, der ganze Habitus. Es ist nur peinlich. Und es macht uns wütend, weil wir uns diesem Spiegel unserer Selbst ausgeliefert fühlen. Er ist der laute, prollige, nationalistische Teil unserer Existenz.

Dieser helle Mann verkörpert das Dunkle. Der andere, der dunkle, der Obama. Der steht für das Helle.

Der bewegt sich leichtfüßig, der ist zivilisiert, der kann lächeln und reden. So möchten wir uns auch bewegen, so möchten wir auch reden, so möchten wir auch lächeln.

Das alles hat weniger mit konkretem politischen Handeln, als mit unserer Wahrnehmungsbereitschaft zu tun. Unserer eigenen und der unserer langjährigen politischen und medialen Sprachrohre. Wir wussten, dass der Friedensnobelpreis gleich zum Anfang einer Präsidentschaft etwas hochgegriffen ist. Wir wissen, dass Obama das schreiende Unrecht in Guantanamo nicht beendet hat. Wir wissen, dass niemals zuvor so viele Drohneneinsätze genehmigt wurden, bei denen hunderte, wenn nicht gar tausende unschuldige Zivilisten ums Leben kamen. Wir wissen, dass er gespannt zusah, als Osama bin Laden ermordet wurde. Doch obzwar wir das alles wissen, wollten wir den netten Obama sehen. Wenn Trump den Neandertaler in uns projeziert, ist Obama der parfümierte und gepuderte Barockfürst, der sich zwar nicht wäscht, aber Haltung zeigen kann.

Obama beherrschte das Spiel und dessen Regeln, wie es uns beigebracht wurde. Trump beherrscht es nicht oder, interessanter, er will es nicht (mehr) spielen. Und er ist nicht der Einzige. Sie werden ihre Gründe haben, die wiederum in ihrer eigenen (Selbst)Wahrnehmung liegen.

Interessant ist eher, was Menschen vom Schlage wie Trump oder Politikerinnen und Politiker der AFD in uns auslösen.

Sie erinnern uns daran, dass wir uns bereitwillig auf unser derzeitiges Gesellschaftsmodell eingelassen haben, mit seinen Stärken und Schwächen. Doch wer hat die Kraft, Schwächen ernsthaft anzugehen? Die meinungsführenden Teile unserer Gesellschaft ticken eher linksliberal und weltoffen. Die meisten von uns befürworten eine gleichberechtigte, weltoffene, der Chancengleichheit verpflichtete Gesellschaftsform. Der Haken dabei ist, dass wir zu sehr wegschauen, wenn diese hehren Ansprüche unter die Räder kommen. Wir schauen weg, wenn Migrationskinder auch in der dritten Generation schlechter an einen Ausbildungsplatz oder einen Job kommen, nur weil sie dunkler sind oder einen fremdklingenden Namen tragen. Wir schauen weg, wenn Alte Flaschen sammeln müssen, weil die Rente vorne und hinten nicht reicht. Wir schauen weg, wenn wir Soldatinnen und Soldaten in die Welt schicken, um „unsere Freiheit am Hindukusch oder sonstwo“ verteidigen zu lassen.

Zu Recht wird jetzt eingeworfen, dass doch von Wegschauen nicht die Rede sein kann, da die oben genannten Probleme bekannt und benannt sind. Das ist richtig. Doch grundlegende Änderungen werden nicht vorgenommen. Eher findet ein Durchwurschteln statt.

Dieses Durchwurschteln, dieses Lächeln, dieses Reden von „Alternativlosigkeit“ wird jetzt in Frage gestellt. Finger werden in offene, unbehandelte Wunden gelegt. Und denen, die diese Wunden mit zu verantworten haben, fällt wenig ein, als diejenigen, die darauf zeigen, des Populismus` zu verdächtigen. „Dank“ dieser Populisten melden sich deren Gefolgsleute bejahend zu Wort, die wir so seit langem nicht mehr wahrgenommen haben. Sie erinnern uns an unser Wegschauen, sie machen deutlich, dass unsere Themen an vielen Stellen nicht deren Themen sind. Sie sind an vielen Stellen die Kinder, die nur mal kurz erwähnen, dass der Kaiser nackt ist. Wir selbst wissen das doch auch, haben aber oft ver- oder nie gelernt, es ergebnisoffen zu artikulieren.

Das ist die Situation der Stunde. Was folgt daraus? Wir werden dies ertragen müssen, wir werden unser (Nicht)Handeln überdenken müssen. Es wird sich einiges ändern. Das hat es aber immer. Wir waren immer besorgt, wenn Neues kam. Denn wir haben zwar Frauenwahlrecht, Homehe, langhaarige Männer, Sex vor der Ehe, Hochzeit zwischen Protestanten und Katholiken, Zivildienst, Willy Brandt, ja sogar Dosenpfand und Mülltrennung schlussendlich akzeptiert, aber nie proaktiv befördert.

Es ist nicht so, dass wir nichts tun. Natürlich engagieren sich viele von uns in Vereinen, in der Kirche, im Gemeinwohl. Doch an all diesen Orten sind wir immmer wieder mit den gesellschaftlichen Widersprüchen konfrontiert, die wir doch mehr oder weniger hinnehmen. Dieses "weiter so". Jetzt sind die erstarkt, die das Undenkbare tun. Sie sagen bockig, "nein, nicht weiter so". Sie hebeln einfach mal den Konsens aus, in dem wir uns seit Jahrzehnten eingerichtet haben. Und es fällt verdammt schwer, darauf kraftvoll zu reagieren und das zu verteidigen, was uns wichtig ist.

Wir sollten dankbar sein für Trump und AFD, die uns unsere dunklen Seiten aufzeigen. Und wir werden möglicherweise politischer, interessierter und engagierter werden, als wir es zuvor waren.

-----------------

Anmerkung, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn in diesem Text die Rede von "Wir" und "Uns“ die Rede ist, bezieht sich das auf die weltoffenen liberalen Menschen, die „unsere“ Gesellschaft im Prinzip mittragen, aber substantiell noch keine große Risiken für ihr Gelingen eingegangen sind.
 

Oben Unten