Sinnloses Trumm

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sohalt

Mitglied
Staubfänger

Etwas das man nicht braucht. Wie das gute Porzellan zum Beispiel.

Aber aufpassen muss man darauf. Man muss, muss, muss. Weil es ja so leicht kaputt geht. Weil es ja so teuer ist. Und überhaupt, eine Zumutung ist das, wie so was Achtung! Aufpassen! verlangt. Aber was soll man machen? Da ist es nun mal. Sicher in der Vitrine, nutzlos, fängt Staub.

Man könnte es natürlich auch hervorholen, für besondere Anlässe, ja, man würde das tatsächlich tun, zu besonderen Anlässen. Aber besondere Anlässe sind nie.

Man könnte natürlich trotzdem. Vielleicht wird es dann ja sogar gerade dadurch ein besonderer Anlass, wer weiß. Es gibt eigenartige Wechselwirkungen in diesen Angelegenheiten, wer weiß, was sich tut unter den Wassern, wer weiß, welche Strömungen sich treffen in den Tiefen, niemand. Und deswegen, genau deswegen, schwebt der Dunst einer Möglichkeit über dem Wasserspiegel in manchen Momenten und das ist das Problem. Die Hoffnung als Dunst.

Denn man kann natürlich nicht. Man kann nicht einfach den Gästen das Kostbarste vorsetzen, ungefragt. Manche würden das ja tun und sich so wahnsinnig großzügig vorkommen dabei, ja klar. Aber die denken nicht nach. Wer nachdenkt, der sieht ein: es ist im Grunde die feinste Rücksichtslosigkeit. Denn wenn das schon zu dir so nach Achtung! Aufpassen! schreit, wie dann erst zum Gast! Und wenn du schon ächzt, unter der Zumutung, wie dann erst dein Gast! Er kann es nie ersetzen, wenn er es zerbricht, das weiß er doch, na, da wird er sich ja wohl fühlen damit. Ein vergnüglicher Abend wird das dann.

Lass also die Vitrine in Frieden, schiel am besten nicht einmal in ihre Richtung. Der vorsichtige Gast würde es bemerken, und sich bemüßigt fühlen, abzuwinken.
"Lass nur, zahlt sich gar nicht aus. Und so lang bleib ich auch gar nicht."

Lass die Vitrine in Frieden und schau was passiert. Schau, was passieren muss, wenn man etwas ehrfürchtig unberührt lässt. Ein Schrein wird daraus, und ein Schrein braucht eine Reliquie, ein Schrein braucht die Überreste von etwas Totem. Ein Platz für den Tod in deinem Wohnzimmer. Hübscher Effekt, nicht?

Es hilft ein bisschen, die Vitrine nicht zu putzen, aber nur insofern, als dass der Gast hinter den schmutzigen Scheiben die Wertsache nicht erkennt und sich nicht wundern muss, was es denn damit auf sich hat. Das erspart zumindest peinliche Fragen. Die schmutzigen Scheiben helfen sonst nicht besonders viel, denn du selbst weißt ja, was dahinter ist.

Am besten wäre also, du würdest das Klumpert los. Es verströmt so penetrant seine vorwurfsvoll spinnwebenverhangene Präsenz, die macht dir dein Heim direkt ungemütlich. Und es nimmt auch so viel Platz weg. Was man alles stattdessen hineinstellen könnte in die Vitrine, Bücher, wichtige Gedanken, Gedanken, die einen weiter bringen! (Wohin, wohin? Egal. Raus. Raus in die frische Luft). Aber das hier, das erzählt dir immer nur die gleichen alten Geschichten, nein, weiter bringt dich das nicht.

Also weg damit! Weg! Ab in den Müll und nie wieder dran gedacht.

Aber das geht nicht. Nicht so lang es noch ganz ist. Es wäre eine Sünde. Ja. Das hier sogar wirklich. Das hier wäre sogar wirklich eine Sünde.

So ist das eben: Du darfst es nicht weg schmeißen, so lange es ganz ist.

Macht sich also bitte wer die Mühe und bricht es?
 
Gefällt mir. Ob allerdings die nördlich von Österreich wohnenden deutschen Muttersprachler alle wissen, was ein "Trumm" oder ein "Klumpert" ist, bezweifle ich.
Diese Worte kamen gerade in der internen Diskussionsgruppe meiner Firma auf, konkret "Trumm" wurde von den Norddeutschen Kollegen nicht verstanden.

Marius
 

sohalt

Mitglied
Hmm.

Berechtigter Einwand. Aber erschließt es sich nicht aus dem Kontext?

(Übrigens: Wow. Extra flottes Feedback! Danke)
 

sohalt

Mitglied
Drüber geschlafen und festgestellt: Der Titel ist wirklich nicht gut. Wie wär's mit "Staubfänger"? Besser?

Am Klumpert häng ich aber. Könnte man natürlich auch durch Gerümpel ersetzen. Notwendig?

lg
sohalt
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
…nicht ersetzen, bitte! Aus dem Zusammenhang erschließt sich "Klumpert" einwandfrei. Vor allem aber: Gerümpel klingt eher nach "Schrott" (, ist es inhaltlich nicht, ich weiß), nach "Müll", nach einem “Berg Unnützes". Was du beschreibst ist aber eher das eine „Detail“, das einen wahhhnsinnig stört, weil es noch da ist, eben noch nicht beim Gerümpel gelandet ist.
 

sohalt

Mitglied
Ja, ich war sowieso sehr für das Klumpert.

Andere Frage: Erstaunlich viele Reaktionen, die ich anderweitig auf diesen Text bekomme, beziehen sich tatsächlich auf Geschirr. Ist da was schief gegangen?

lg
sohalt
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
…das liegt sicher an der an der Stelle
Man könnte es natürlich auch hervorholen, für besondere Anlässe, ja, man würde das tatsächlich tun, zu besonderen Anlässen.
und dem später auftauchenden "Gäste benutzen es und fühlen sich unwohl dabei", was ja (fast) nur mit Geschirr (oder Gläsern, Besteck, vielleicht noch mit Vasen) wirklich Sinn ergibt.



PS: Gedanke am Rande: Wenn man Gäste erwartet, macht man alles schön. Wenn man aus der Vitrine was rausnimmet, ist die Vitrine nicht mehr "schön" (, wenn es so wirkt, dann war sie es vorher schon nicht schön, denn wenn man von etwas "Perfektem" was wegnimmt, muss ein "Loch" entstehen). Wenn man also nicht gerade – zusätzlich zu all den andern Vorbereitungen zu diesem besonderen Anlass – auch noch die Vitrine neu dekorieren will, lässt man sie halt, wie sie ist. Und tatsächlich: Man holt das "gute Geschirr" eher hervor, wenn es sonst im Schrank und nicht als „Dekostück“ rumsteht.
 

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