so ungefickt -> BACKGROUND

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Miro

Mitglied
Es ist unwirklich, unheimlich, unglaublich.

Ich war vier Jahre jünger als sie, habe sie vergöttert und habe gar nicht gewagt daran auch nur zu denken, dass sie mich küssen, dass sie mich lieben hätte können.

Zur entgültigen Entsorgung habe ich Festplatten aus alten PCs und Laptops ausgebaut. Die sollten eigentlich auch nur noch weggeworfen werden.

Zufall oder Schicksal – wie auch immer: ich habe einige der alten Festplatten nochmals angeschlossen und in den uralten Daten gestöbert. Es war eigentlich nur ein Spiel mit der Technik – der Versuch, ob das überhaupt noch funzt.

Dann habe ich gemerkt, dass es die HD von einem Rechner war, den sie benutzt hatte: ein schon damals alter Laptop, den ich ihr ausgeliehen hatte, als sie wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter wieder nach Deutschland gekommen war.

So viele alte Festplatten, die ich verschrotten wollte – aber diese eine und besondere habe ich gefunden – und darauf diesen Text. Ausgerechnet hier habe ich angefangen zu lesen.

Es ist mehr als zehn Jahre her, seit sie mir den alten Laptop zurück gegeben hat.

„Da wohin ich gehe brauche ich ihn nicht!“ hatte sie gesagt.
„Warum ?“
„Da ist ein Bleistift besser!“
„Wieso?“
„Weil der immer funktioniert!“

Nach dem Tod der Mutter ging sie weg. Irgendwo nach Afrika - und dort ist sie gestorben.
Irgendwer – gerne wäre ich es gewesen - hat eine Todesanzeige in unserem Blättchen geschaltet.
Sie war Ärztin bei „Medecins sans Frontieres“.
Sie hatte eine eigene Welt von Werten und Wichtigkeiten.
Sie war ein ganzes Leben lang eine ungewöhnliche Frau.

Auf der Festplatte vom alten Computer habe ich diesen Text gefunden, den ICH nun hier veröffentlicht habe mit dem Titel "so ungefickt".
Wollte für dieses Forum einen attraktiven Titel wählen, vielleicht trifft er aber nicht die Intention?



Immerhin: dieser Text, da bin ich mir ganz sicher: der betrifft mich, da schreibt sie über unsere gemeinsame Zeit, über unsere Jugend und die vertanen Chancen, die wir nie bemerkt, nie angenommen haben.

Dabei habe ich sie abgöttisch geliebt, hätte ich alles gegeben, eine andere Aufmerksamkeit zu finden, als so viele Sonntage ganz selbstverständlich mit ihr zusammen gewesen zu sein. Während ihres Studiums kam sie immer noch in unsere Gruppenstunde. Wir haben gefeiert, gelacht, meditiert und philosophiert - wir waren eine verschworene Gemeinschaft, haben „Frühschicht“ in der Kirche gemacht und vor dem Beginn des normalen Tages gebetet und dann zusammen gefrühstückt und uns einander sehr nahe gefühlt.

Eine Zeitlang waren wir zu viert ein besonders verschworener Kreis. Drei Jungs und sie.
Wir haben versucht, Gott zu verstehen und warum der die Welt so geschaffen hat, wie sie ist.
Wir wurden von subatomarer Physik überrascht, hatten bis dahin doch dem Dogma geglaubt, das Atom sei das kleinste Teilchen dieser Welt. Wir haben diskutiert, gestaunt und unsere Horizonte weiter entwickelt.

Wir waren unglaublich intensiv miteinander verwoben.
Wir waren irgendwie eine vergeistigte Gemeinschaft, und sie war das Licht , woran wir uns orientiert haben.
Sie hatte den Überblick, sie konnte neue Erkenntnisse integrieren und hat und alle in ihren Bann gezogen.
Wir haben nicht einmal auch Nächte miteinander verbracht, haben gelegentlich Wein getrunken.
Sie mochte kein Bier – das gab es nie!

Dass sie ein sexuelles Wesen sei, haben wir irgendwie verpennt.
Keiner von uns hätte sich getraut, sie zu berühren, sie anzufassen, sinnliche Erregungen zu äußern!

Wie schrecklich, nun zu lesen, dass sie es sich geradezu gewünscht hätte, dass genau dies eine weitere Erfahrung hätte sein können!

***

Nach dem Studium wohnte sie nicht mehr in unsererm Dorf. Wir haben uns viele Jahre aus den Augen verloren. Aber dann war ihre Mutter schwer krank – und plötzlich war sie wieder da.

Wir haben uns wieder getroffen - sie und ich.
Längst erwachsen, ich verheiratet, sie geschieden.
... Jahrzehnte sind vergangen


Sie hatte damals die Leselupe entdeckt, hat mir irgendwann davon erzählt – erst als sie mir den Computer zurückgegeben hat, hat sie mir ihren LL-Namen verraten.

Hatte gehofft, die würde sich da wieder melden, aber sie war nie wieder in Lupinien.

Jetzt aber habe ich auf dem alten Laptop den Anfang unserer Geschichte entdeckt.
ich erinnere mich:
Gelegentlich hatte ich ihre Blicke bemerkt, mit denen sie mich nur dann verfolgte, wenn sie meinte, ich sähe ganz woanders hin. Aber ich habe nie geahnt, dass sie je daran gedacht hatte, da gäbe es eine Chance für uns beide.

Ich hatte ihr damals den alten Computer ausgeliehen – das ist schon so etwa zehn bis zwölf Jahre her.
Sie hat mir, ehe sie ging den ausgeliehen Laptop zurück gegeben.

„Ich brauche keinen Computer - nur einen Bleistift ...“ hatte sie gesagt.
Was hatte sie nicht gesagt?
Welches Geheimnis werde ich auf diesem alten Computer noch finden?

Sie hatte ein leises Lächeln, eine unglaubliche Sanftheit, eine versteckte Traurigkeit.
Hätte sie geahnt, dass meine Frau nur wenige Monate später die Scheidung gesucht hat, wäre sie dann vielleicht geblieben?
Wäre sie vielleicht bei mir geblieben oder hätte sie mich mitgenommen nach Afrika?

Ich habe sie und hatte heimlich geliebt, schon viele Jahre zuvor, konnte sie nicht lieben, als wir uns wieder begegnet waren.

Jetzt finde ich – nach so vielen Jahren – dieses Textfragment auf ihrem Computer.
Ich habe noch einige andere Texte gefunden, die mich tief berühren.
Ich denke darüber nach, ich weiß noch nicht, was ich daraus machen werde.

Warum ich diesen Text veröffentlicht habe?
Weil ich mir vorstelle, dass sie hier und heute genau das gewollt hätte.
So war sie ...

Sie war selbst einmal in der Leselupe – vor vielen Jahren.
Sie hat mir davon erzählt, als sie ging.
Erst durch sie - meine Muse - habe ich ja überhaupt diese Zauberwelt (LL) entdeckt.

Ich tauche tief ein in die Erinnerungen, in ihre Geschichten, Gedichte und Ideenwelt.
Ich glaube, sie hat gewollt, dass ich das alles entdecken darf.

Es ist wie bei einem Märchen.
"Es war einmal" eine Autorin der Leselupe ...

und sie hatte damals geschrieben unter dem Pseudonym "Aceta".
 

Susi M. Paul

Mitglied
Offen gestanden wissen wir nicht so recht, was wir mit den beiden Texten "so ungefickt" anfangen sollen. Sollen wir den Background glauben? Dann wäre die Veröffentlichung des 1. Textes schon ein gewaltiger Vertrauensbruch, oder nicht? Übrigens auch, weil er ja nicht mehr überarbeitet wurde. Glauben wir den Background nicht, dann wäre es eine wirklich hochinteressante fiktionale Konstruktion. Allerdings hätten wir den Background-Text gleich hinter den vorgeblich authetischen gesetzt.
 

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