Sócrates - Film von Alexandre Moratto

2018 brachte der junge Alexandre Moratto seinen ersten Spielfilm „Sócrates“ auf den Markt. Das Werk fand rasch international Verbreitung und Anerkennung. Auf zwei befremdliche Aspekte der Werbung für den Streifen gehe ich später noch ein.

Der Film erinnert an Werke des italienischen Neorealismus, doch ist er in Farbe gedreht und spielt im Brasilien von heute. „Sócrates“ heißt ein Fünfzehnjähriger, der mit seiner Mutter vor dem gewalttätig evangelikalen Vater geflüchtet ist. Am Filmanfang steht Sócrates verzweifelt vor der Leiche seiner Mutter und am Ende verstreut er ihre Asche am Meeresstrand. Dazwischen liegt eine Passionsgeschichte, die in kurzen Episoden zeigt, wie der Junge bei seinen Versuchen der Selbstbehauptung immer wieder scheitert. Wohnen können, Arbeit suchen, persönliche Bindungen eingehen, das sind für ihn unlösbare Aufgaben. Der nur 71 Minuten lange Film wechselt häufig den Schauplatz: in buntem Wechsel Stadtzentrum, zumeist heruntergekommene Außenbezirke, Küstenlandschaft. Sócrates begegnet einer Vielzahl von Menschen, die ihm nicht helfen können. Bei ihrer Zeichnung vermeidet der Film jedes Schwarz-Weiß-Schema. Die Lebensverhältnisse sind, wie sie sind, und lassen solide Existenzen, Lebensglück gar, kaum zu. Dass der Teenager schwul ist, begründet nicht seine Misere, doch es verschärft sie.

Moratto hat seinen Film mit einem Mini-Budget und armen jungen Leuten aus einem von der UNICEF finanzierten Sozialprojekt gedreht. Das Ergebnis dieser Arbeit ist mehr als ansehnlich, ist ein Glücksfall. Wesentlich trägt dazu die vorzügliche Besetzung der Hauptrolle bei. Wie der so fotogene wie schauspielerisch talentierte Christian Malheiros als Sócrates auf seine Mitwelt schaut, wie er leidet, kämpft, unterliegt, aber nicht untergeht, das bleibt hängen.

In den Texten über den Film, von der New York Times bis zu sissymag.de, wird unisono behauptet, der Film spiele und sei gedreht worden in und am Rand von São Paulo. Tatsächlich handelt es sich um die Hafen- und Großstadt Santos im Bundesstaat São Paulo. Zwischen beiden Städten erstreckt sich eine unbebaute Bergregion von etwa 30 Kilometern Breite, die bis auf 1200 Meter über den Meeresspiegel ansteigt. Würde man etwa von einem in Philadelphia spielenden Streifen behaupten, sein Schauplatz sei New York? Gewiss nicht. Das Detail zeigt, wie gering in Zeiten manchmal aufgeregter Dekolonialisierungsdebatte das tatsächliche Interesse der Konsumenten an einem realen Drittweltland eingeschätzt wird.

Noch krasser sind zwei Fehler im Text der edition salzgeber auf deren DVD-Cover. Es heißt da: „ … die frühere Chefin seiner Mutter verweigert ihm das ausstehende Gehalt …“ Tatsächlich leitet dort in der WC-Anlage ein Mann den Betrieb. Sócrates gibt zuerst vor, seine Mutter sei kurzfristig krank, und übernimmt tageweise ihre Putzarbeit. Zu Recht will der Manager den Lohn nicht an den Minderjährigen, sondern nur an die Mutter auszahlen. Als er von ihrem Tod erfährt, gibt er sogleich unaufgefordert das Geld dem Jungen. Die verfälschende Darstellung soll vielleicht eine antikapitalistische Note ins Sozialdrama bringen – oder der Texter hat den Film gar nicht oder nur flüchtig angesehen. Wie Manfred Salzgeber, der Gründervater der Firma, auf solchen Umgang mit einem lohnenden, seriösen Werk reagiert hätte? Vielleicht sarkastisch, vielleicht resigniert.
 

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