Spanische Falle

Seid gegrüßt, oh, Freunde der Kurzgeschichte,

a star is born (grins!). Heute ist es mir tatsächlich gelungen, die aller erste Kurzgeschichte meines Lebens zu schreiben. Habe also Neuland betreten und mich von vielen eurer größtenteils wirklich faszinierenden Kurzgeschichten und Tatsachenberichte inspirieren lassen. Nun bin ich sehr gespannt, was ihr zum ersten Teil meiner ebenfalls auf Tatsachen beruhenden „Spanischen Odyssee“ zu sagen habt. Je nach Resonanz, sprich Mutmache oder Daumen runter, werde ich bald schon den zweiten Teil einstellen. Er wird, und das verspreche ich, spannender sein als der erste, zumal es dann wirklich um Leben und Tod geht. Harrsträubend, aber wahr!

Nehmt um Himmels Willen kein Blatt vor den Mund, haut, wenn es sein muss, ruhig feste drauf, nur so wäre mir wirklich geholfen. Zwar hatte ich viel Spaß beim Schreiben als ich die 33 Jahre alten Bilder wieder hervor kramte, bin mir aber, was Stil, Aufbau, Form usw. betrifft, noch recht unsicher. Wie lang darf eigentlich eine Kurzgeschichte sein?

Ich danke allen im Voraus, die sich zu einer konstruktiven Kritik aufraffen können, und jetzt lege ich einfach mal los...


Spanische Falle, oder mein zweiter Geburtstag

Ein Tatsachenbericht - Teil I -


Während meiner ersten Marokkofahrt raffte am 3. April 1968 ein heimtückischer Kolbenfresser den Motor unseres mit viel Aufwand aufgepäppelten Safaribusses im ungünstigsten Moment dahin. Die Warnlampe, die einen eventuellen Ölmangel hätte anzeigen sollen, war ausgefallen.

Aber der Reihe nach.

Während es an vielen Universitätsstädten Deutschlands gärte und aufgebrachte Studenten die ersten Demos abhielten, hatten wir uns, mein damaliger Freund Harro und ich, entschlossen, den Empfehlungen des seinerzeit in Düsseldorf amtierenden Marokkanischen Vizekonsuls, mit dem wir eng befreundet waren, zu folgen.

Habib, so sein Name, erzählte uns immer wieder von traumhaften Verdienstmöglichkeiten für deutsche Bauingenieure in seinem Land und von hilfreichen Beziehungen, die er über diverse Mitglieder seiner Großfamilie zu sämtlichen Ministerien in Rabat habe. Viele seiner Brüder, Onkel und Cousins säßen dort auf hohen und höchsten Posten, ließ er uns wissen, und jeder von ihnen würde uns nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern auch fördern und protegieren.

Außerdem hatte uns die eindrucksvolle Erzählkunst seiner deutschen Frau, Ingrid mit Namen, die uns oft und gerne über die verborgenen Schätze dieses geheimnisvollen Morgenlandes im Maghreb zu berichten wusste, bereits derartig in ihren Bann gezogen, dass wir eigentlich gar nicht mehr anders konnten.

Harro beschloss dennoch, im Oktober 1967 eine zweiwöchige Flugreise nach Marokko zu unternehmen, um sich vor Ort über all diese einzigartigen Aussichten ein Bild zu machen. Da ich erst im September 67 meine erste Stelle als graduierter Ingenieur in einem Architekturbüro angetreten hatte, erhielt ich natürlich noch keinen Urlaub. Um so gespannter harrte ich Harros Rückkehr.

Er konnte sich vor lauter Begeisterung gar nicht mehr beruhigen, so fantastisch sei alles gewesen. Wie einen Fürsten habe man ihn behandelt, in der ganzen Benachmouch-Familie Habibs sei er herumgereicht worden und sei von einer Einladung zur nächsten getaumelt. Und unsere Chance, in einem der Ministerien eine dauerhafte Position zu bekommen sei quasi verbürgt

Daraufhin belegten wir sofort zwei Abendkurse pro Woche und erlernten den ganzen Winter über mit großem Eifer die französische Sprache, deren Eleganz mich schon immer fasziniert hatte.

Wie sich allerdings bald schon heraus stellen sollte, hatte dieser Entschluss für mich weitreichende Folgen.

Meine Odyssee von Düsseldorf nach Rabat (etwa 2.300 km), sollte ganze sechzehn Tage in Anspruch nehmen, nur um die geringste aller Schwierigkeiten anzudeuten, die mich auf diesem Horrortrip erwarteten.

Harro, der schon zwei Tage vor mir mit unserem „Startkapital“, einem alten aber gut erhaltenen Mercedes-Benz 250, nach Rabat aufgebrochen war, hatte unseren gemeinsamen Freund Reiner mit an Bord. Dieser wollte, so wie meine damalige Freundin Christine, die mich begleitete, nur drei Wochen Urlaub in Marokko verbringen. Beide wollten anschließend gemeinsam nach Düsseldorf zurück fliegen.

Zuvor hatte es uns große Überredungskünste gekostet, Chrissis äußerst besorgten und ziemlich konservativen Eltern davon zu überzeugen, dass wir auf ihre damals mit zwanzig Jahren noch minderjährige Tochter, ihr einziges Kind, sehr gut aufpassen würden. Schließlich hatten wir es geschafft und sie willigten ein.

Plötzlich war nach wochenlangen teils sehr hektischen Vorbereitungen der Tag unserer Abreise gekommen. So sehr ich mich auch auf dieses Abenteuer gefreut hatte, beim Abschiednehmen kämpfte ich dann doch arg gegen die Tränen an, zumal fast alle an diesem verregneten Sonntagmorgen mit dem Himmel um die Wette heulten. Seither hasse ich Abschiede.

Nach unserer ersten Zwischenstation in Genf kamen wir am Montagabend fast bis Barcelona, wo uns am nächsten Morgen das herrlichste Sonnenwetter entgegenlachte. Wir waren bestens gelaunt. Alles schien perfekt zu laufen.

Bis auf unsere Schlafstatt hatten wir den VW-Bus mit Gepäckstücken aller Art, nützlichem Hausrat, sowie mit Büroeinrichtungsgegenständen vollgestopft. Sogar einen Ersatzmotor hatten wir dabei, man konnte ja nie wissen!

Erwartungsfroh brachen wir in Richtung Alicante auf. Kurz hinter Valencia studierte ich noch einmal die Straßenkarte und mir schien, dass wir einiges an Wegstrecke einsparen konnten, wenn wir der gelben Landstraße folgten, die von der Küste ein Stück ins Hinterland führte. Welch ein Trugschluss!

Die zunächst ziemlich normal wirkende Landstraße verwandelte sich schon bald in eine von unzähligen Schlaglöchern übersäte Schotterpiste, die nach und nach, je höher wir in die Berge hinauf kamen, in einen holprigen Feldweg überging, bis schließlich nur noch nackter Fels und Geröll übrig blieben. Ich war gerade drauf und dran zu wenden, um zur Küstenstraße zurück zu kehren, als ich plötzlich ein mahlendes Geräusch aus dem Motorraum vernahm. Sofort hielt ich an, sprang aus dem Wagen, riss die Heckklappe auf und starrte entsetzt auf den qualmenden Motor. Aus, wusste ich, rien ne vas plus. Verdammter Kolbenfresser. Ausgerechnet hier in dieser absoluten Einöde und kurz vor Sonnenuntergang musste er seinen Geist aufgeben. „Scheiße“ brüllte ich in meiner Verzweiflung die völlig unschuldigen Berge an.

„Wie soll es jetzt weitergehen“ fragte Christine plötzlich ganz verzagt neben mir und riss mich aus meinen Gedanken. Die Frage war weiß Gott berechtigt. Weit und breit kein Mensch, geschweige denn eine Ortschaft oder gar eine Telefonzelle, nichts.

Indem ich noch vor der geöffneten Heckklappe hockte und mit finsteren Blicken den qualmenden Motor fixierte, hörte ich plötzlich hinter mir eine engelsgleiche weibliche Stimme, die mir auf deutsch die in diesem Moment wundervollste aller möglichen Fragen stellte: „Hallo, können wir euch helfen? Ich heiße Anne, habt ihr euch auch verfranzt?“

Ungläubig blickte ich mich wie in Trance langsam um und gewahrte gegen die tiefstehende Sonne eher schemenhaft eine in wehende Hippigewänder gekleidete junge Frau, die ihre prächtige dunkle Haarmähne mit einem indianischen Stirnband zu bändigen suchte. Sie stand vor einem ungleich moderneren VW-Bus als dem unseren und lächelte uns unverwandt an.

„Oh, ja, ja, natürlich, und ob“ fing ich schließlich an zu stottern „Wenn Sie uns bis zur nächsten Werkstatt abschleppen könnten, wären wir gerettet.“ Mit staubtrockener Kehle fügte ich noch schnell hinzu: „Aber nur, wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht“. Du verlogener Hund, beschimpfte ich mich innerlich, wie kann man in dieser Situation nur so heucheln.

„Aber natürlich“, sagte sie und rief über ihre Schulter in Richtung ihres VW-Busses:“Hey, Hamish, would you please come over here“. Hinter ihr trat jetzt eine Männergestalt mit einem kleinen etwa sechsjährigen Jungen an der Hand auf uns zu und sagte lächelnd: “Hi, my name is Hamish, Hamish Hunter, I’m from Vancouver, Canada, what happened to you”?

Wie sich herausstellte waren die Drei auf einer Art Honeymoonreise ins Blaue. Anne, wie sie hieß, hatte Hamish nach ihrer Scheidung in München kennen gelernt. Jetzt waren sie zusammen mit ihrem Sohn Michael auf einem längeren Spanientrip ohne festes Ziel, außer dass sie vielleicht noch nach Portugal wollten.

Abwechselnd erzählten Christine und ich unser Vorhaben, während Hamish bereits seinen Bus vor den unseren setzte, beide mit einem Abschleppseil verband und kurz darauf zu uns herüber rief: „Hey, come on, let’s go, I fixed every thing, it’s okay.“

Unsere Retter in höchster Not hatten genau wie wir die vermeintliche Abkürzung genommen und waren die ganze Zeit nur wenige Minuten hinter uns her gefahren, welch glücklicher Zufall für uns.

Hamish, ein sympathischer sportlicher Typ mit dunkelbraunem Vollbart schleppte uns dann über beinharte Pisten wieder in Richtung Küste, bis wir nach rund 60 Kilometern endlich erschöpft in Alicante ankamen. Dass wir gleich zu Beginn des ersten Vorortes eine Autowerkstatt fanden, die um diese vorgerückte Stunde noch nicht geschlossen hatte, erschien uns schon wie ein Wunder. Noch größer war unser Erstaunen allerdings als uns „el Jefe“, der Werkstattbesitzer, in lupenreinstem hessischem Dialekt begrüßte und uns kurz darauf erzählte, dass er fünfzehn Jahre lang als Mechaniker bei Opel in Rüsselsheim geschafft habe und er erst kürzlich diese Werkstatt mit seinen Ersparnissen eröffnen konnte.
Zum Glück hatten wir ja einen kompletten VW-Ersatzmotor dabei, ebenso ein Zweimannzelt mit voller Campingausrüstung, so dass uns der Hinweis des kleinen schnauzbärtigen Alonso nicht weiter schockte, der uns zu verstehen gab, dass der Motoraustausch doch eine ganze Arbeitswoche in Anspruch nehmen würde; schließlich arbeite er zur Zeit nur mit einem Helfer, fügte er entschuldigend hinzu.

Also fuhren wir im VW-Bus unserer neuen Freunde zum nächst gelegenen Campingplatz, schlugen dort rasch unser Zelt auf und tranken anschließend noch eine Flasche vom feinsten Rioja, bis uns die Müdigkeit übermannte und wir in sämtliche Kojen fielen. Was für ein Tag, dachte ich noch vor dem Einschlafen, morgen früh muss ich gleich Harro in Rabat anrufen und ihn über unser Missgeschick sowie die einwöchige Verspätung verständigen.

Während des fröhlichen Umtrunks hatten sich Anne und Hamish spontan dazu entschlossen, uns auf der Weiterreise nach Marokko zu begleiten. Allerdings wollten sie nicht die ganze Woche mit uns in Alicante auf den Bus warten, sondern gleich am nächsten Morgen nach Andalusien aufbrechen, um sich die dortigen maurischen Sehenswürdigkeiten in aller Ruhe anschauen zu können, vor allem die einzigartige Alhambra in Granada. Nach einer Woche würden wir uns zu einer bestimmten Zeit im Hafen von Algeciras wieder treffen, von wo wir dann gemeinsam die Fähre nach Tanger nehmen wollten.

Nach ihrer Abreise rief ich schnell vom nächsten Postamt aus Harro in Rabat an, dem ich unsere Panne mit ihren Folgen berichtete. „Ach, mach Dir doch keinen Kopf“ sagte er beschwichtigend, „so was ist halt Pech. Dann kommt Ihr eben erst nächsten Dienstag hier an, so what“.

Erleichtert hängte ich auf.

Wird (vielleicht)fortgesetzt
 
R

Rote Socke

Gast
Hallo Dietmar,

vorweg: Ich mag besonders Schreiber die nicht stets einen spüren lassen, dass sie sich in allem auskennen. Darum bewundere ich sehr, dass Du sagst, Du hättest noch nie eine Kurzgeschichte geschrieben und dazu stellst Du den ersten Versuch gleich in LL ein. Sehr gut Dietmar.

Ich bin auch kein Profi von Kurzgeschichten, darum solltest Du meine folgende Kritik mit dem gewissen Abstand betrachten.

1. Die Spannung der Kurzgeschichte ist zu Beginn verpufft mit der Bekanntgabe, dass irgendwann während der Story der Motor den Geist aufgibt.
Du solltest am Anfang nur etwas Spannung aufbauen, die zum weiterlesen ermutigt. Der Kolbenfresser sollte dann später erst erscheinen, damit der Leser dann erst unruhig wird und sich die spannende Frage stellt. Oh wei, wie geht's jetzt weiter?

2. "Aber der Reihe nach" das muss rausfliegen. So ein Satz törnt ab. Ist so ähnlich als würdest Du die Pointe eines Witzes am Anfang bekanntgeben und dann sagen: Aber stopp, erst muss ich noch etwas anderes erzählen.

3. "...des seinerzeit in Düsseldorf amtierenden Marokkanischen..."
Nee Dietmar, das ist etwas umständlich und lang formuliert, der ganze Absatz.

4. Ab dann wird die Geschichte flüssiger, gut so.

5. Im 13. Absatz: "Nach unserer ersten..."
Das ist so berichtsmäßig formuliert. Der Absatz beginnt mit einem ellenlangen Satz und es folgen zwei sehr kurze Sätze. Das find ich auch nicht so harmonisch.

6. Die englischen Sätze, nun, das ist wohl Geschmackssache. Musst halt nur bedenken, dass nicht jeder englisch versteht.

So Dietmar, das wären so meine Anmerkungen zu Deinem Text. Denk einfach an den guten alten Schulaufsatz: Einleitung, Hauptteil und Schluss. Noch einiges umformulieren und dann ist Dein wirklich interessanter Text auch spannungsreicher und flüssiger.

Hoffentlich prügelt jetzt niemand Rote Socke, weil er so viel kritisiert hat obwohl er selber kein Kurztext-Profischreiber ist.

Gruss
RS
 
L

leonie

Gast
hallo dietmar

ich kann mich rote socke nur anschließen. auch mir hat deine geschichte gut gefallen und wenn du sie noch etwas überarbeitest wird sie im ganzen stimmiger. Freue mich schon auf die fortsetzung.
ganz liebe grüße leonie

@ rote socke
niemand prügelt auf dich ein, wir kochen alle nur mit wasser.
ganz liebe grüße leonie
 
R

Rote Socke

Gast
Hallo Dietmar...

...was leonie sagt kannst Du als Leitfaden benutzen. Leonie ist Profi in Kurztexten. Siehe dazu: Schreibwerkstatt. :)
 
Musenkuss

Halte deine Freude wach
am Schreiben von 1000 Geschichten
Lass sie fließen, ich schweig derweil
und ströme mit dem Äther in deine Hand
um mit dir die neuen Kinder zu begrüßen

hallo Ditmar, bin gespannt auf die Fortsetzung...

Eufemia :)
 
Hallo, Rote Socke und leonie,

@ RS, herzlichen Dank für deine aufmunternden Worte, vor allem auch für deine sehr hilfreiche Kritik. Werde sogleich an die Umarbeit gehen und mich u.a. auch um kürzere Sätze bemühen, eine ziemlich alte Krankheit von mir. Stelle danach wieder ein.

Alles, was du anführst hat Hand und Fuß, ist einleuchtend und somit für mich sehr wertvoll, Genau so wünscht man sich Hilfestellung als Anfänger, weiter so!

@ leonie, auch dir herzlichen Dank für die konstruktive Kritik. Freue mich sehr, dass ich bei dir (laut RS) auf eine Expertin für Kurzgeschichten gestoßen bin, da kann ich hoffentlich eine Menge lernen. Bleib' mir bitte auf den Versen (grins!).
Lieb grüßt euch einer, der der Spanischen Falle entkommen konnte. Dietmar
 
Liebe eufemia,

für deine wundervollen poetischen Reflexe habe ich mich soeben schon unter "Dichters Schicksal" bedankt, was einer Wiederholung an dieser Stelle aber keinen Abbruch tut.

Herzlich dankt dir Dietmar
 

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