Still life

blackout

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Wir leben in bedeutenden Zeiten.

Die Herrscher der Welt sind im Geschäft.
Sie drucken und drucken, sie versinken fast im Meer
des frischen Geldes. Kaum, dass es ihnen gelingt,
diesen erfreulichen Geldrausch der Welt zu erklären.
Die Regierungen registrieren dies in
banger Zufriedenheit. Sie vermeiden das böse Wort
Casinokapitalismus und tanzen
vorsichtig auf den Tischen.

Unglücklicherweise kam unverhofft
ein tödliches Virus über die Welt, das alles, alles
veränderte.

Die Regierungen tun jetzt erschrocken,
was sie sich unter Umgehung der Verfassungen
herauszunehmen wagen. Und sie wagen sich
sehr viel, denn sie lieben ihre Völker, sie sind
im Krieg. Die Situation, so sagen sie auch, ähnele der
nach dem zweiten Weltkrieg.

Sie beweisen den Völkern
die entsetzliche Gefährlichkeit des Virus,
ordnen Ausgangssperrungen an, schließen
Ländergrenzen und erklären, ihr Samaritergewissen
verlange diese ihre Maßnahmen aus Sorge
um das Weiterleben der Menschheit.

Die Völker, gehorsam in Panik und Angst erstarrt,
beschwören das Virus, es möge sich in Nichts auflösen.
Populäre Virusverflucher haben bemerkenswerte
Fernsehauftritte. Es sei eine religiöse Pflicht, sagen sie,
dem Virus das Flüchten beizubringen.

Die Völker trauern
um ihre Toten, ratlos fragen sie, woher ihnen
das Unheil kam. Und die Regierungen blicken
in großer Sorge auf das Schicksal der in den Heimen
einsam sterbenden Alten.

Und mit ihnen
verröcheln zu Recht einzelne Proteste Linksextremer,
und man hört, die Völker seien sehr zufrieden mit ihren derzeit
unglaublich besorgten Regierungen. Es sei deshalb
mit größeren Wahlerfolgen zu rechnen.

Fern in Amerika
spendet ein Milliardär großen Pharmafirmen
Millionen Dollar und treibt sie zur Eile an,
einen Impfstoff für alle Menschen der Welt zu entwickeln,
so beweisend, dass auch Milliardäre ihren hart erarbeiteten Reichtum
zum Wohle der Menschhheit opfern können.

Die Medien verkünden,
an den Börsen sei ein leichter, kaum merklicher Anstieg
der Aktien zu verzeichnen, ein vorsichtiger Lichtstrahl.
Auch stünden in den deutschen Kliniken
ausreichend Intensivbetten bereit.

23.4.20
 

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