Stützrad (Sonett)

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Antagonist

Mitglied
Dad schubste meine schmalen weichen Hüften
An einem grauen warmen Frühlingstag
Das kleine Kinderrad nahm auf die Fahrt
Links hinten hing ein kleineres zum Stützen

Vorbei an Mauern Fenstern Eingangstüren
Entlang an Autos Dreck und Lärm bis ich
Mich selbst im Dasein spürte fürchterlich
Doch war mir klar ich werd mich niemals spüren

Du kannst alleine fahren dachte ich
Wohin Du willst ein paar Minuten blieb
Ich weinend stehen suchte mir ein Ziel

Zurück zu Papa der doch nur in sich
Die Fehler der Vergangenheit zerrieb
Das Stützrad hinten links vom Eisen fiel



 

petrasmiles

Mitglied
Hallo Antagonist,

ein melancholischer Blick in einen prägenden Moment.

bis ich
Mich selbst im Dasein spürte fürchterlich
Doch war mir klar ich werd mich niemals spüren
Mich schaudert bei dem Gedanken, dass ein kleines Kind schon wissen können soll, dass es sich niemals spüren werde.
Ich halte das für wenig glaubwürdig, aber vielleicht habe ich einfach ein schlichteres Gemüt.
Aber hier:
Zurück zu Papa der doch nur in sich
Die Fehler der Vergangenheit zerrieb
ist es definitv der Erwachsene, der diese Situation bewertet, nicht das Kind, das erspürt.

Trotzdem gelungen, etwas zum Nachdenken.

Liebe Grüße
Petra
 

Antagonist

Mitglied
Liebe Petra,

Deine Kritik ist vollkommen berechtigt, die von Dir angesprochene Stelle ist schwach, ein unglücklicher Einfall beim Schreiben. Im Schach will ich auch manchmal von der Theorie abweichen und erleide gegen starke Gegner dann oft Schiffbruch.

Ich habe den Text nochmals überarbeitet mit folgendem Resultat:


Dad schubste meine schmalen weichen Hüften
An einem grauen warmen Frühlingstag
Das kleine gelbe Rad nahm auf die Fahrt
Links hinten hing ein kleineres zum Stützen

Vorbei an Mauern Fenstern Eingangstüren
Entlang an Autos Läden bis der Weg
Zu Ende war am lauten Kreisverkehr
Das Stützrad unterwegs leis abgefallen

Du kannst alleine fahren dachte ich
Wohin Du willst ein paar Minuten
blieb
Ich schwebend stehen suchte mir ein Ziel

Zurück an Mauern Fenstern Eingangstüren
Von weitem sah ich Papa vor dem Haus
Er winkte mir mit beiden Armen zu


 

Samoth

Mitglied
Dad schubste meine schmalen weichen Hüften
An einem grauen warmen Frühlingstag
Das kleine Kinderrad nahm auf die Fahrt
Links hinten hing ein kleineres zum Stützen

Vorbei an Mauern Fenstern Eingangstüren
Entlang an Autos Dreck und Lärm bis ich
Mich selbst im Dasein spürte fürchterlich
Doch war mir klar ich werd mich niemals spüren

Du kannst alleine fahren dachte ich
Wohin Du willst ein paar Minuten blieb
Ich weinend stehen suchte mir ein Ziel

Zurück zu Papa der doch nur in sich
Die Fehler der Vergangenheit zerrieb
Das Stützrad hinten links vom Eisen fiel




Das Original ist korrekt. Kinder müssen nicht dumm und unwissend sein (es sei denn, sie werden es).
 

Antagonist

Mitglied
Lieber Thomas,

ich hatte in der Schule mitunter starke Schwierigkeiten im Aufsatz, da ich dazu neigte, eigenes Erleben und Lesefrüchte ins Thema zu verweben.

Ich erinnere mich noch an einen Sommermorgen mit Oberstudienrat Müller, der mich während eines Aufsatzes über ein Gedicht von Trakl fragend musterte. Sein Blick sagte: Aron, bitte bleib beim Thema!

Vielleicht ist es ja hier ähnlich.
 

Samoth

Mitglied
Lieber Thomas,

ich hatte in der Schule mitunter starke Schwierigkeiten im Aufsatz, da ich dazu neigte, eigenes Erleben und Lesefrüchte ins Thema zu verweben.

Ich erinnere mich noch an einen Sommermorgen mit Oberstudienrat Müller, der mich während eines Aufsatzes über ein Gedicht von Trakl fragend musterte. Sein Blick sagte: Aron, bitte bleib beim Thema!

Vielleicht ist es ja hier ähnlich.
Aron, wir sollten nicht Scharade betreiben.
 

petrasmiles

Mitglied
Kinder müssen nicht dumm und unwissend sein (es sei denn, sie werden es).
Das hat mit dumm oder unwissend nichts zu tun. Ein Kind, das gerade Fahrradfahren lernt, denkt nicht in Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, sondern im Jetzt. Es spürt im Moment, dass der Vater nicht locker ist, aber dass er eine Vergangenheit zerreibt, reflektiert es eher nicht.
@Antagonist
Wenn Du das Gedicht 'entschärfen' möchtest, ist das Deine Sache, aber ich fand die Wahrnehmung dessen, dass etwas nicht stimmt in der Welt der Erwachsenen, vollkommen in Ordnung. Meine Rückmeldung sollte nicht dazu führen, dass Du die Tiefe Deines Textes zurück nimmst. Entschuldige, ich wollte Dich nicht verunsichern :(

Liebe Grüße
Petra
 

Samoth

Mitglied
Lieber Thomas,

der Mann war sogar Oberstudiendirektor. Was meinst Du mit Scharade?
Aron, ich meine, in der virtuellen Welt und dort Draußen vollziehen sich Einflüsse --> Scharade (hier Weitergabe von Rätsel), eine Definition von mehreren Möglichkeiten.

Mir erging es ebenso. Im Aufsatz schreiben verlor ich nach Meinung der Deutschlehrerin den Faden zum eigentlichen Werk bzw. wurde meine Ausarbeitung mit noch viel mehr Raum versehen - meinem Eigenen.
 

Samoth

Mitglied
Das hat mit dumm oder unwissend nichts zu tun. Ein Kind, das gerade Fahrradfahren lernt, denkt nicht in Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, sondern im Jetzt. Es spürt im Moment, dass der Vater nicht locker ist, aber dass er eine Vergangenheit zerreibt, reflektiert es eher nicht.
Schon okay, Petra.

Als ich drei Jahre alt war, hatte ich wiederholende Träume vom Ende der Welt.
Nun, 45 Jahre später wohne ich sogar immernoch dort, wo dies geschieht.
Die Doktoren damals meinten, das alles Einbildung sei. Kinder sind ohne Wissen.
 

petrasmiles

Mitglied
Dann verstehe ich Dich jetzt besser - Du reagierst da manchmal ein bisschen empfindlich. Ja, die lieben Ärzte ... gibt es überhaupt eine Begriffsbestimmung von 'Einbildung'? Das sagt doch gar nichts aus... Man sagt manchmal, ich bilde mir ein, ich hätte die Tür zugemacht, aber da weiß man, man hat in Gedanken den Wunsch als Tat abgespeichert und sich schlicht geirrt. Das kann es bei einem kleinen Kind nicht sein...
Mal schauen, was Antagonist sagt. Mir hatte der Wahrnehmungsaspekt von Zwischentönen nämlich gut gefallen.

LG Petra
 

Samoth

Mitglied
Dann verstehe ich Dich jetzt besser - Du reagierst da manchmal ein bisschen empfindlich. Ja, die lieben Ärzte ... gibt es überhaupt eine Begriffsbestimmung von 'Einbildung'? Das sagt doch gar nichts aus... Man sagt manchmal, ich bilde mir ein, ich hätte die Tür zugemacht, aber da weiß man, man hat in Gedanken den Wunsch als Tat abgespeichert und sich schlicht geirrt. Das kann es bei einem kleinen Kind nicht sein...
Mal schauen, was Antagonist sagt. Mir hatte der Wahrnehmungsaspekt von Zwischentönen nämlich gut gefallen.

LG Petra
Empfindlichkeit war die Diagnose, Petra.
 

petrasmiles

Mitglied
Empfindlichkeit war die Diagnose, Petra.
Das ist ja jetzt erst recht Murks. Oh je.
Ja, man hat als sensibler Mensch manchmal eine doppelte Bürde - die manchmal überwältigenden Eindrücke von außen und möglicherweise das Unverständnis der Umwelt obendrauf.
Auch dafür schreiben wir :)
Liebe Grüße
Petra
 

Antagonist

Mitglied
Lieber Samoth,

ich denke schon, Menschen wie Du und all unsere Lupianer begreifen schon ganz gut meine Erzeugnisse, sind jedoch genervt durch meine ständige Gegenwart in den oberen Charts.

Im Ungereimten hatte ich vor kurzem "mouches volantes" gebracht - der Text ging klanglos unter. Also bin ich auch sterblich.

An dieser Stelle Dank an Otto Lenk und unsere Redaktion für die ehrenamtliche Arbeit auf unserer Leselupe!
 



 
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