Suchtdruck

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Isbahan

Mitglied
Es gibt Teile meines Lebens, über die ich selten spreche. Schreiben ist einfacher. Warum? Weil ich nicht in Augen schauen muss, die mich bemitleiden. Die mich forschend ansehen, als prüften sie, ob etwas von ihr auch in mir steckt. Na klar, ich bin ihre Tochter. Ich sehe ihr sogar ähnlich. Sind Depressionen, Suchterkrankungen erblich?
Meine Mutter ist mir peinlich. Immer noch. Obwohl sie längst gestorben ist. Immer noch gibt es Augenzeugen. Die mich in der Stadt anhalten und sagen: „Deine Mutter war ja auch ganz schön … schwierig!“
„Nicht schwierig", entgegne ich wütend, „sie war krank!“
Ich muss sie verteidigen. Immer noch. Obwohl es alle mitgekriegt haben. Unser Familiengeheimnis, das wir so lange vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen hielten. Doch zuletzt hatten es alle gewusst: Seit langem. Ihren guten Ruf hat sie im Laufe der Jahre selbst demontiert. Ihre schicke, teure Kleidung, der akkurate Haushalt … alles am Ende nur noch Fassade.
Wie oft hat mich meine Oma mit zittriger Stimme alarmiert: “Du musst kommen, ich halte das nicht mehr aus! Ich kann das nicht länger vor euch Kindern verheimlichen: Inge trinkt!“
Wie oft habe ich Hals über Kopf Urlaub genommen, mich krankschreiben lassen ... um meine Mutter volltrunken vorzufinden, gestürzt, bewusstlos oder eingeschlafen auf dem Klo, mit heruntergezogenem Schlüpfer. Die Wohnung verwahrlost, auf dem Teppich überall Flecken, die letzte Flasche umgekippt auf dem Tisch, der Aschenbecher randvoll …
Wie oft ihre eingenässte Bett- und Unterwäsche in die Maschine gestopft, mit vor Ekel gekräuselten Lippen, ihren Uringeruch in der Nase?
Wie oft hastig ihre Wohnung aufgeräumt, gesaugt, gespült, die Böden gewischt … bevor ich den Arzt angerufen habe?
Wie oft hat mich, frühmorgens, der Anruf eines Krankenhauses aus dem Schlaf gerissen : „Ihre Mutter ist heute Nacht bei uns eingeliefert worden …!“

In der Beschützerphase habe ich alles versucht, meiner Mutter diese Krankheit zu erklären: “Depression ist therapierbar, Mami. Mit den richtigen Medikamenten, einer adäquaten Therapie wird es dir sicher bald besser gehen ... “
„Lass gut sein, Kind“, hat sie geantwortet und :“ Ich habe das im Griff.“
In der Kontrollphase haben wir sie überwacht: Wie viel sie trinkt. Wann sie trinkt. Haben ihre Flaschen-Verstecke ausspioniert. Ihre Freunde belogen: „Mutter fühlt sich heute nicht so gut.“
Ich hatte mir angewöhnt, bei meinen Heimatbesuchen schnell und verdeckt ihre Wohnung auf Vordermann zu bringen, immer wenn sie einkaufen war oder aus dem Haus ging.
In der Anklagephase war meine Oma ein lebendiger Vorwurf, meine Schwester eine lebende Verachtung und ich eine hilflose Helferin. Ein Kessel Buntes aus Verzweiflung, Ablehnung, Ekel, Trauer, Wut, Abwehr, Groll machte sich in meiner Seele breit.
Sie war doch meine Mutter. Warum tat sie mir das an? Das Schlimmste: Im Herzen bleiben wir alle Kinder. Und glauben, wir sind Schuld. Und verantwortlich.
Also sind wir wütend und räumen trotzdem auf. Beseitigen Spuren der Verwahrlosung. Der Sucht.
Ein Teil von mir hasste das, was Depressionen aus Menschen machen. Ein anderer Teil hasste das, was Alkohol mit Menschen macht. Und ein anderer Teil von mir war Therapeutin und wusste: Nicht der Alkohol war das Problem. Mutter war das Problem.
Man konnte nicht einfach mit ihr drüber reden. Dann wurde sie wütend, leugnete, stritt alles ab ... selbst für wiederholte Krankenhaus-Einweisungen schuf sie alternative Fakten: Nur ein kleiner „Zusammenbruch“ oder eine „Nervenkrise“ - an der natürlich wir, die Familie, Schuld waren. Statt Krankheitseinsicht griff sie uns keifend an. Da wo es richtig weh tut. Solche Tiraden begannen mit: "Was glaubst du eigentlich, wer du bist?!“ und endeten meistens mit:“ Was du dir heraus nimmst, deiner Mutter gegenüber – gut, dass dein Vater das nicht mehr erleben muss, der hätte dich schon achtkantig rausgeschmissen, du undankbares Geschöpf …!“
Den Rest habe ich meistens nicht mehr mitgekriegt, weil ich bereits wutschnaubend aus der Tür war.

Danach herrschte monatelang Funkstille. Keine stundenlangen Anrufe mehr, wo sie mir in ihren manischen Phasen unaufhaltsame Logorrhöen ins Ohr schnatterte. Auch keine kurzen Anrufe mehr, in denen sie in ihren depressiven Phasen mit zittriger, kaum hörbarer Stimme: „Hallo, hier ist Mami ...“ ins Telefon schluchzte. Und dann auflegte. Und tagelang nicht mehr ans Telefon ging. Auch keine volltrunkenen Anrufe mehr, in denen sie streitsüchtig lallend auf Krawall aus war.
Keine Manipulationsversuche mehr. Keine Beschwichtigungsversuche. Und auch keine Lügen mehr.
Diese Zeiten fühlten sich wie Entlastung an. Dafür jede Menge schlechtes Gewissen. Darf ich es mir gut gehen lassen, obwohl es ihr so schlecht geht? Darf ich froh darüber sein, nichts von ihr, nichts über ihre Eskapaden zu hören? Darf ich das: Mich abgrenzen?
In Zeiten, in denen mir dies wirklich gelang: Abgrenzung – wurde meine Mutter sehr umtriebig und aktiv: Um andere in co- abhängiges Verhalten zu verstricken: Neue Umgebung, neue Freunde, neue Ärzte, neues Pflegepersonal, neue Therapeuten …
Und die meldeten sich wiederum bei mir und machten mir Vorwürfe: „Wie können Sie Ihre Mutter nur so vor den Kopf stoßen und den Kontakt abbrechen …!“
Irgendwann knickte ich immer wieder ein. Zu ihrem Geburtstag. Zu Weihnachten. Weil Omi starb …
Ich kümmerte mich. Ich zog sogar ihretwegen wieder in meine Geburtsstadt. Obwohl ich mich dort nicht wohlfühlte. Ich wollte die gute Tochter sein. Meine Mutter, ihre Krankheit und ihre Bedürfnisse waren wieder Mittelpunkt jedes Besuches, jedes Anrufes, jedes Gedankens. Und dabei vergaß ich mein eigenes Leben. Ich funktionierte nur noch. Schaffte es gerade noch, zu arbeiten. Ironie des Schicksals: In einem helfenden Beruf.
Helfersyndrom war mein Nachname. Mein Vorname: Kind.
Am Ende war ich am Ende: Burnout.
 
Zuletzt bearbeitet:

Isbahan

Mitglied
Danke @rainer Genuss, es ist eine schwierige Gratwanderung, für andere in einem Maße da zu sein, das nicht Raubbau an den eigenen Kräften betreibt.
Besonders, wenn man in helfenden Berufen arbeitet und psychisch erkrankte Angehörige hat.
 
G

Gelöschtes Mitglied 23262

Gast
Liebe Isbahan. Du hast sie sehr unverblümt beschrieben: Diese fiesen, kleinen Details. Wer das kennt, nickt mit dem Kopf. Ich finde ein Burnout ist ein wichtiges Gepäckstück; nicht nur, wenn man in helfenden Berufen unterwegs ist. Er warnt einen eindringlich vor dem so verlockendem Raubbau an den eigenen Kräften.
Viele Grüße
Judith
 

Isbahan

Mitglied
@PUCKPUCK, genau das ist es, was Angehörige aus Scham verschweigen: Diese fiesen, kleinen Details ...
Was den Burnout betrifft: Im Moment fehlen zweihunderttausend Pflegekräfte in allen öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Seniorenheimen etc.
Die meisten großen Einrichtungen haben überalterte Strukturen, nun gehen auch noch viele medizinische Fachkräfte in (Früh-)Rente.
Das Geld ist da - aber kaum jemand möchte sich in diesen helfenden Berufen noch so gesundheitlich aufreiben wie (zumeist Frauen) das Jahrzehntelang getan haben.
 

Oscarchen

Mitglied
Ja Isbahan,
Das geht uns sehr nahe, was du da beschrieben hast. Besonders Vor und Nachname....wir kennen da auch ein paar arme Wesen, die auch so heißen.
Dir noch einen schönen Abend und einen lieben Gruß von meiner Frau.
Fühl dich umarmt.
Oscarchen
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Isbahan,
sehr lebendige und gute Schilderung, die unter die Haut geht!

Ein flüchtiger Fehler:
"Diese Zeiten fühlten sich wie Entlastung an. Dafür jede Menge schlechtes Gewissen. Darf ich es mir gut gehen lassen, obwohl es ihr so schlecht geht? Darf ich froh darüber sein, nichts von ihr, nichts über ihre Eskapaden zu hören? Darf ich das: Mich abgrenzen?
In Zeiten, in denen mir dies wirklich gelang: Abgrenzung – wurde meine Mutter sehr Umtriebig und aktiv"

Am Ende würde ich minimal ändern:
"Helfersyndrom war mein Nachname. Mein Vorname hieß: Kind.
Am Ende war ich am Ende: Burnout."

liebe Grüße. wüstenrose
 


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