Tabu - Kunst und Gesellschaftskritik

Sigurt Funk

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Tabu - Kunst - Gesellschaftskritik

Das Tabu ist nach James George Frazer, wie bereits in „Tabu – eine allgemeine Betrachtung“ ausgeführt wurde, eine im Bereich der „negativen praktischen Magie“ angesiedelte „Vermeidungshandlung“.
Es handelt sich mehr oder weniger um ein gesellschaftliches „Verbot“, ein bestimmtes Thema anzusprechen oder bestimmte Handlungen zu setzen. Diese Verhaltensregeln werden teilweise bewusst, teilweise unbewusst über die Sozialisation, durch Erziehung, durch Nachahmung an die nächste Generation weitergegeben und meist unwidersprochen hingenommen.
Die Wirkung der Sozialisation kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Streit darüber, ob wir in erster Linie Ergebnisse unserer Veranlagung oder Ergebnisse unserer Erziehung sind, soll hier nicht entschieden werden. Der Mensch kann sich den gesellschaftlichen Tabus seines Kulturkreises jedenfalls nur schwer entziehen.
Anders als herkömmliche Vorschriften wirken Tabus in einer „stillen“ Weise. Manchmal sogar so „still“, dass wir uns des Tabus nicht einmal bewusst sind.
Wir tun bestimmte Dinge nicht, weil wir gar nicht daran denken, dass man diese Dinge überhaupt tun könnte. Viele Tabus sind uns jedoch bewusst: Wir tun dann diese Dinge eben nicht, weil wir wissen, dass wir sie nicht tun dürfen.
Daneben gibt es die Möglichkeit, die Dinge, die einem Tabu unterliegen „trotzdem“ zu tun. Und als Steigerung dessen eine weitere, von der im Folgenden besonders die Rede sein wird: Man kann die tabuisierten Dinge „gerade deswegen“ tun, weil man sie nicht tun soll.

Die beiden letztgenannten Möglichkeiten scheinen besonders für den Bereich der Kunst und die Künstler von Bedeutung zu sein.
Künstler sind aber nicht nur Künstler sondern auch „normale“ Menschen und damit denselben physischen Gegebenheiten und psychischen Verlockungen ausgesetzt wie alle anderen auch. So scheint auch für Künstler der Grundsatz zu gelten, der schon unseren Vorfahren im Paradies zum Verhängnis geworden sein soll: „Verbotene Früchte“ strahlen einen ganz besonderen Reiz aus.

Kunst und Tabubruch

Da gerade dem Künstler jede Form von Freiheit heilig sein muss und die „Freiheit der Kunst“ in den westlichen Demokratien ihm meist sogar verfassungsmäßig zugesichert ist, liegt der Gedanke nicht fern, dass er diese Freiheit nicht nur in der Kunst auszuleben beabsichtigt, sondern auch auf andere Bereiche, insbesondere auf den der Lebensführung auszudehnen bestrebt ist.
„Totale“, uneingeschränkte Freiheit birgt aber nicht zu unterschätzenden Gefahren in sich, wie Èmile Durkheim in „Le Suicid“ zeigt. Sie kann in anomisches Verhalten und sogar in den Selbstmord führen. Der Mensch – so Durkheims These - braucht Grenzen, um sich zu orientieren, um Sicherheit zu erlangen.
Der Künstler braucht diese Grenzen auch, einerseits um nicht in Anomie zu enden, andererseits, um diese Grenzen immer wieder zu überwinden und sich dieser Grenzen im Akt ihres Überwindens besonders bewusst zu werden.
Der Grundsatz des„Das-macht-man-nicht!“, mit dem traditionelle Tabus meist begründet sind, ist für den freiheitsliebenden Künstler eine überaus starke Verlockung, diese Form von Verboten zu missachten, umso mehr, als die Wirkung von Tabubrüchen oft in allgemeiner gesellschaftlicher Empörung gipfelt, an der sich der Tabubrecher erfreut. Auch die Tatsache, dass dem Tabubrecher dabei oft keine ernsten Sanktionen drohen, scheint seinen Eifer zu beflügeln, althergebrachte Konventionen nicht nur zu missbilligen, sondern auch plakativ zu missachten.

Die Fälle in der Kunst, in denen Tabubrüche „strafrechtlich relevante Handlungen“ darstellen, wie es beispielsweise bei der sogenannten „Uni-Ferkelei“ der Wiener Aktionisten der Fall war, sind die Ausnahme.
Den jüngeren Lesern sei diese „Aktion“ folgendermaßen ins Bewusstsein gerufen:
Ein wesentlicher Teil dieser Aktion war „ die Pissaktion Muehls“, bei der drei nackte Männer um die Wette urinierten. Die erreichten Weiten wurden gemessen und an der Tafel notiert.
Die Aktionen wurden von der Presse als Skandal dargestellt und führten schließlich zu Haftstrafen für Brus, Muehl und Wiener. Brus wurde wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“ verurteilt und flüchtete daraufhin nach Berlin.
Aber auch Hermann Nitsch „aktionierte“.
Bei der Aktion von Hermann Nitsch wurde ein Schwein geschlachtet und dabei Blut, Urin und Kot über eine nackte Frau geschüttet; dazu wurden Weihnachtslieder gespielt.
Legendär ist auch die Straßen-Aktion der „Künstlerduos“ Valie Export und Peter Weibl. Weibl wurde dabei von Export wie ein Hund an der Leine „auf allen Vieren“ durch die Straßen „äußerln“ geführt. Ein Tabubruch, der die damaligen familiären Machtverhältnisse thematisierte, ausgeführt in einer Zeit, in der der Mann noch als Oberhaupt der Familie galt und die Frau, um einen Beruf auszuüben, noch der Zustimmung des Mannes bedurfte. Heute würde man einer solchen Aktion bestenfalls humoristisches Potential zubilligen. Strafrechtliche Relevanz besaß die Aktion auch damals nicht.
Für den unaufgeregten Beobachter ist auffällig, dass sich die Tabubrüche trotz der Jahrzehnte sexueller Aufklärung, religiöser Toleranz und fortschreitender Säkularisierung der Gesellschaft hauptsächlich in den eben genannten Bereichen bewegen und aller Popularisierung der Freudschen Thesen zum Trotz, sich immer noch im Bereich der Analkultur und Fäkalienbehandlung ausdrücken. Als Beispiel sei das künstlerische Schaffen des Kärntner Künstlers Cornelius Kolig erwähnt.
Die Darstellungen von Nacktheit, von Sexualität, von Exkrementen, von Selbstverstümmelung in der Kunst wirken immer noch dermaßen intensiv, dass wir von Tabubruch sprechen, obwohl wir in einer Welt leben, in der die Medien Nacktheit und Sexualität, Gewalt und Tod bis zum äußersten, gerade noch erträglichen Maß bemühen, ohne dass man ebenso erregte Reaktionen wahrnehmen könnte, wie sie die Darstellungen der Kunst hervorrufen.
Sieht man davon ab, dass auf diese Weise Regionen im Menschen angesprochen werden können, die wohl zu den ältesten und am tiefsten in ihm verankerten gehören, also Regionen ansprechen, die mit anderen Worten grundlegende „Urinstinkte“ in ihm zum Brodeln bringen, die vom heutigen „modernen“ Leben ins Abseits geschoben werden, ohne gleichzeitig bewältigt zu sein, lassen sich für den psychologisch an diesem Phänomen weniger Interessierten auch andere Gründe finden.

Der Tabubruch als Instrument der sozialen Veränderung?

Der Künstler, besonders der sich der Avantgarde zuzählende, nimmt, in seinem Bestreben sich im künstlerischen Tun weder ästhetischen noch inhaltlichen Zwängen zu unterwerfen und auch sein Alltagsleben in größtmöglicher Freiheit in Bezug auf moralische Vorgaben zu gestalten, für sich in Anspruch, Fehlentwicklungen einer Gesellschaft und den daraus resultierenden Reformbedarf zu erkennen. Traditionelle, aus seiner Sicht „veraltete“, nicht selten durch Tabus abgesicherte Lebensformen anzugreifen, scheint das Ziel zu sein. Niemand sonst sei dazu besser geeignet als der Künstler, die „personalisierte Freiheit“. Keinen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, lebt er sein Leben. Ein idealisiertes, quasi-anarchistisches Freiheitsideal, das des ungebundenen, sich keinerlei Konvention beugenden Bohèmien, gilt es zu erfüllen.
Zugegeben, dies ist ein Bild, das vor allem für die Sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts zutrifft. Eine Periode, die ihre heute noch lebenden Zeitgenossen gerne als eine des „ Aufbruchs zu neuen Ufern“, der politischen Emanzipation, „der studentischen Befreiung vom alten Uni-Mief“, der „Flower-Power-Bewegung“, der „sexuellen Befreiung“ charakterisieren.
Niemals mehr war eine Zeit dermaßen politisiert wie damals. Wen sollte es wundern, dass auch die Kunst sich dieser Politisierung nicht entziehen konnte.
Viele sahen im gesellschaftsverändernden Wirken ihren eigentlichen künstlerischen Auftrag. Das galt vor allem für jene Künstler, die sich als „politische Künstler“ verstanden; jene also, die ihre Kunst in den Dienst einer revolutionären, einer politischen Sache stellen wollten, wie es für die Künstler des „Wiener Aktionismus“ zutraf.

Künstler sind anders?
Künstler begreifen sich in ihrem Bemühen, aus der Masse des Durchschnittlichen herauszuragen, gerne als Menschen, die kraft ihres Künstlerseins besonders dazu geeignet sind, gesellschaftliche Prozesse nicht nur objektiv zu beurteilen, sondern auch in besonderem Maße zu erkennen, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickeln soll. Sie begreifen sich damit als „besondere Spezies“, die ihren Blick auf die Gesellschaft von einem außerhalb der Gesellschaft liegenden Standort zu richten in der Lage sei. Wobei meist unklar bleibt, wo dieser Standort tatsächlich beheimatet sein könnte bzw. was diese „Künstlerexistenz“ ihrem Wesen nach ausmacht.
Hat man deswegen den klareren Blick, weil man Künstler ist oder ist man deswegen Künstler, weil man den klareren Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse hat?
Eine befriedigende Klärung dieser Frage steht aus.

Ohne sich allzu große kunstgeschichtliche Kenntnisse anmaßen zu wollen, wird man wohl behaupten können, dass einer der herausragendsten (Bildenden) Künstler, für den das Attribut „zeitkritisch“ in besonderem Maß Geltung haben könnte, Honorè Daumier war, der mit seinen Zeichnungen der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts einen entlarvenden Spiegel vorhielt.
Natürlich soll damit nicht in Abrede gestellt werden, dass sich schon früher zeitkritische Werke finden lassen und die gesellschaftlichen Verhältnisse immer schon in den Werken der Künstler widerspiegelten; aber dass Werke mit einem so ausdrücklichen inneren Auftrag der Gesellschaftskritik und gesellschaftsverändernden Impetus ausgestattet geschaffen wurden, wird wohl erst für die „Moderne“ gelten.

Sozialkritik und Kunst

Lange war die Funktion der Gesellschaftsanalyse und der darauf aufbauenden Gesellschaftskritik mehr oder weniger den Philosophen vorbehalten, die allein ihrer Ausbildung wegen, auch heute noch das bessere kognitive Rüstzeug für diese Kritik mitbringen, als das Künstler für sich in Anspruch nehmen können. Gleichzeitig muss zugegeben werden, dass auch andere als die kognitiv-analytischen Fähigkeiten der Philosophen wie emotional-ästhetische Ansätze gesellschaftlicher Kritik, wie sie von der Kunst auch geäußert werden, wichtig und notwendig sind.
Aber nicht jeder, der sich ein „Weltbild zusammenzimmert“, ist deswegen auch schon ein Philosoph. Jeder, der sich über Dinge außerhalb seines Fachgebietes äußert, sollte sich bewusst sein, dass ihm dabei nicht mehr als die Stellung eines dilettierenden Laien zukommt. Nur ganz selten stimmen Selbsteinschätzung und objektive Gegebenheiten überein. Nicht alles, was an Gedanken geäußert wird, ist eine Philosophie, umso mehr, als selbst das eine oder andere Möbelhaus, der eine oder andere Weinbauer und Apfelstrudelerzeuger von sich behauptet, er habe eine „Philosophie“ entwickelt.

Der Künstler schafft Kunst! Das ist sein Metier, dort liegt seine „Meisterschaft“!

Die Frage, ob es bestimmte Gruppen von Menschen gäbe, die sich als außerhalb der Gesellschaft stehend verstehen dürften, wie das Künstler oft tun und ob es Menschen gäbe, die darüber hinaus für sich in Anspruch nehmen dürfen, einen „unvoreingenommenen“ Blick auf die Verhältnisse der Gesellschaft werfen zu können, ist nicht neu.

Die freischwebende Intelligenz

Karl Mannheim hat in seinem Werk „Utopie und Ideologie“ treffend darauf hingewiesen, dass unser Erkennen, dass unser Weltbild von unserem „Sein“ von unseren Lebensverhältnissen maßgeblich beeinflusst wird. Er prägte in diesem Zusammenhang den Begriff von der „Seinsgebundenheit des Wissens“. Diese Seinsgebundenheit könne nur in Ausnahmefällen von einer ganz außergewöhnlichen Spezies Mensch und nur unter großen Mühen überwunden werden. Diese außergewöhnliche „Spezies“ nannte er „freischwebende Intelligenz“. Sie allein wäre in der Lage aufgrund ihrer Fähigkeit den eigenen Vorurteilen, ihren im Unterbewussten lauernden Denkhindernissen, ihren ideologischen Fesseln zu entkommen, die gesellschaftlichen Verhältnisse - quasi „von oben“ - unbeeinflusst von herrschenden Konventionen und Denkströmungen zu erkennen und zu kritisieren.
Niemandem, keinem Philosophen, keinem Künstler, fällt diese Fähigkeit wie von selbst in den Schoß.

Man könnte die These von der „freischwebenden Intelligenz“ natürlich auch als Argument für die Künstler ins Treffen führen und ihre angeblich „freie Existenz“, ihre Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Zwängen geltend machen und ihren „unverstellten“ objektiven Blick damit zu begründen versuchen.
Sieht man sich aber die lebensweltlichen Gegebenheiten der Künstler an, überprüft man ihre angebliche Unabhängigkeit von den gesellschaftlichen Verhältnissen, dann zeigt sich, dass es mit dieser vielfach beschworenen Unabhängigkeit nicht weit her ist.
Entweder sie gehören zu denen, die von ihrer Kunst nicht „leben“ können, was für die große Mehrheit der Künstler gilt, so sind sie in diesem Fall in dieselben gesellschaftlichen, beruflichen und finanziellen Verhältnisse, in sogenannte „Brotberufe“ verstrickt wie alle anderen auch. Gehören sie aber zu der äußerst kleinen, privilegierten Gruppe derjenigen, die von ihrer Kunst „leben“ können, sind sie zu einem großen Teil in Abhängigkeit von Galerien, Museumsdirektoren und Sammlern.
Künstler sind Menschen wie alle anderen auch. Sie sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten auf einem speziellen Gebiet: der Kunst. Im Bereich der Fähigkeit gesellschaftliche Verhältnisse zu analysieren, verfügen sie über keinerlei bevorzugtes Instrumentarium, das sie über die Stufe laienhafter Gesellschaftskritik hinausbrächte.

Warum aber dann diese ausgeprägte Vorliebe mancher Künstler, Tabus zu brechen und dabei zu behaupten, damit die Fortentwicklung der Gesellschaft betreiben zu können?

Conclusio

Eine der möglichen Antworten wurde oben bereits angedeutet.
Es könnte einerseits die Sehnsucht nach einer einschränkenden Ordnung sein, die immer im Verbund mit der Sehnsucht nach unbeschränkter Freiheit auftritt und Sicherheit gibt, vielleicht sogar ein gewisses selbstbefriedigendes Bedürfnis nach gesellschaftlicher Sanktionierung, möglicherweise aber auch eine unbewusste Furcht vor schrankenloser Freiheit, die hin und wieder selbst im freiheitsliebendsten Künstler aufblitzt und ihn so vor den Gefahren der Anomie warnt.
Andererseits gibt es im öffentlichen, im medialen Leben jedes Künstlers ein Zusammenspiel von „Bekanntheit“ und ihm entgegengebrachter „Aufmerksamkeit“. Das Brechen von Tabus verschafft dem Künstler vermehrt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist der Lohn der Kunst! Je mehr Aufmerksamkeit ein Künstler in der Vergangenheit errungen hat, desto mehr Aufmerksamkeit wird ihm auch in Hinblick auf einen Tabubruch zu teil werden. „Dort wo Tauben sitzen“, sagt der Volksmund, „fliegen Tauben zu! Dieses soziologische Phänomen wurde von Robert K. Merton ausführlich beschrieben und als „Matthäus-Effekt“ bezeichnet.

Durch Tabubrüche Aufmerksamkeit zu erringen, wird aber auch für Künstler zunehmend schwieriger, denn die Bevölkerung reagiert auf derartige Provokationen schon lange nicht mehr so aufgeregt wie noch vor fünfzig Jahren.
Auch Tabus nützen sich ab.
 

 
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