Tabu und Gesellschaft

Sigurt Funk

Mitglied
Tabu und Gesellschaft

Nach vielen missglückten, nicht selten blutig endenden Versuchen, sei es dem Menschen nun endlich gelungen, sich von allen Einschränkungen und Bevormundungen zu befreien, wie man die Welt zu betrachten und wie man sich in ihr zu bewegen habe. Das versichern uns die Apologeten des menschlichen Fortschritts.

Ab nun sei es erlaubt, alles ohne Vorbehalte zu denken, zu schreiben und zu reden. Die finstere Periode mittelalterlicher Denkverbote sei überwunden!
Das Zeitalter der politischer Teilhabe, der sexuellen Revolution, der Befreiung der Frau aus des Mannes Unterjochung, das Zeitalter der Freiheit der Wissenschaft, der freien Wohnsitz- und Berufswahl, des freien Kapitalflusses, des Freien Marktes scheint in Form vorurteilsloser Moderne wie eine unaufhaltsame Urgewalt über den Menschen hereingebrochen zu sein.
Die „geistige Enge“ der Welt unserer Vorväter, so versichert man uns "den Modernen", sei endgültig überwunden. Im Grunde sei ab nun alles erlaubt!

Schon eine relativ oberflächliche Betrachtung zeigt uns aber, dass das alles nicht wirklich stimmt.
Viele gesellschaftliche Bereiche, viele Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen in ihrem Umgang auch heute noch einer strikten Reglementierung. Oft scheint genau festgelegt, wer, wo, wann, welche Themen zur Sprache bringen darf.
Ebenso festgelegt scheint, wie man mit besonders heiklen Themen umzugehen hat. Bestimmte Themen werden aus dem öffentlichen Diskurs nach wie vor rigide ausgeklammert. Das Schlagwort von der „political correctness“, die heute oft schon in einem das „freie Denken“ behindernden Übermaß an Konvention eingefordert wird, ist jedermann geläufig. Viele Themen werden schon allein deshalb gemieden, weil es sich eben nicht „schickt“, sie anzusprechen. Sie sind tabu.

James George Frazer (1854 - 1941), neben Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) und Marcel Mauss (1872 – 1950) wohl einer der wichtigsten Erforscher menschlicher Verhaltensweisen, den unsere Zeit hervorgebracht hat, sieht das „Tabu“ als eine Sonderform der Magie, welcher wiederum der Gedanke zugrunde liegt, dass sich alle Vorgänge in der Welt in einen vom Menschen beeinflussbaren Ursache- und Wirkungszusammenhang bringen lassen.

„In der Tat erscheint die ganze Lehre des Tabu, oder wenigstens ein großer Teil derselben, nur als eine besondere Anwendung der sympathetischen Magie mit ihren beiden Gesetzen der Ähnlichkeit und der Übertragung. […] Er (der Mensch) denkt, wenn er in einer bestimmten Weise handelt, werden sich unweigerlich bestimmte Folgen einstellen auf Grund des einen oder andern dieser Gesetze. Scheint es ihm nun als könnten ihm die Folgen einer bestimmten Handlung unangenehm oder gefährlich werden, so hütet er sich naturgemäß, so zu handeln, um sich diesen Folgen nicht auszusetzen. Mit anderen Worten, er vermeidet alles, was ihm nach seinen irrtümlichen Begriffen von Ursache und Wirkung schaden könnte. Kurz er unterwirft sich einem Tabu. Insofern ist also Tabu eine negative Anwendung der praktischen Magie.“
(James George Frazer, Der Goldene Zweig, Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Rowohlt, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.28; die zugrundeliegende Originalausgabe erschien 1922 unter dem Titel „The Golden Bough“)

Vormoderne Gesellschaften waren schon aufgrund ihrer geringen Größe und der darauf aufbauenden strengeren sozialen Kontrolle viel besser in der Lage, ein einheitliches, jedes Gesellschaftsmitglied einbindendes Wertesystem auszubilden, als das für unsere heutigen „modernen“ Gesellschaften gilt. Demgemäß waren auch die tabuisierten Bereiche dieser Gesellschaften einheitlicher und damit klarer erkennbar. Es gab kaum Zweifel darüber, was tabu war. Heute sind die Tabus weniger eindeutig.

Seit wenigen Tagen beherrscht ein „Fleischskandal“ die österreichische und die deutsche Presse. Der Hersteller von Tiefkühl-Fertig-Nahrung hatte in seine Produkte unerlaubt Pferdefleisch statt des eigentlich dafür vorgesehenen Rindfleisches verarbeitet und dieses Faktum nicht in der Produktbeschreibung ausgewiesen.
„Ein Skandal!“ Ein Skandal? Natürlich, aber warum?
Es ging, wie viele Interviews mit präsumtiven Konsumenten in den Medien zeigten, in erster Linie weniger darum, dass die betroffenen Produkte falsche Beschreibungen der Inhaltsstoffe aufwiesen, als darum, dass Menschen ohne ihr Wissen eine Art von Fleisch verzehrt hatten, das der Sitte nach als nicht zum Verzehr bestimmt klassifiziert ist.
Pferde gelten nicht nur in unserer mitteleuropäischen Kultur als „besondere Tiere“. Man nutzt sie seit altersher. Man verwendet sie als „Sportgerät“, tut ihnen dabei oft so manche Qual an, aber man verzehrt sie für gewöhnlich nicht! Sie genießen bei vielen Menschen ebenso wie Hunde und Katzen einen besonderen Status.
Diesen besonderen Status haben sie, obwohl man weiß, dass ein großer Teil der jährlichen Nachzucht, vor allem jener Anteil, der weder für die Zucht noch für den Sport geeignet erscheint, als Schlachtvieh ins Ausland verkauft wird; vornehmlich nach Italien. Diese Tatsache, bisher offensichtlich verdrängt, wurde jetzt bewusst.
Und dieses Bewusstwerden verunsichert.
Die Öffentlichkeit ist umso verunsicherter, je intensiver und erfolgreicher dieser Verdrängungsmechanismus seine Arbeit verrichtete.
Diese gesellschaftliche Verdrängungsleistung hilft den besonderen Status von Pferden aufrecht zu erhalten, sogar im Wissen, dass Pferde nicht nur geschlachtet sondern von manchen Menschen sogar gerne verzehrt werden.
Die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt dennoch eines deutlich: Pferdefleisch zu essen, gilt in unseren Breiten für die Mehrheit als Tabubruch!
„Andere Länder, andere Sitten!“ Tabuisierungen von Speisen von abenteuerlichsten Begründungen gestützt, finden sich an vielen Orten in der Welt.
Auf Madagaskar, so schreibt Frazer, ohne seine Informationsquelle offenzulegen, sei es Soldaten [höchstwahrscheinlich bis zum frühen 20.Jahrhundert; Anm.d.Verf.] strikte verboten gewesen, Igel zu essen. Dies deswegen, weil man fürchtete, dass dieses Tier durch seine Neigung, sich zu einem Ball zusammenzurollen, wenn es erschrickt, auf diejenigen, welche es genießen, eine schreckhafte, furchtsame Gesinnung übertragen könnte und so ihre Kampfkraft zu beeinträchtigen imstande wäre.

Die Analyse dieser Beobachtung zeigt einerseits eine Art von „homöopathischer Magie“ (Gleiches wird durch Gleiches hervorgerufen) andererseits aber auch Merkmale „sympathetischer Magie“, weil es dabei auch um eine Art von Übertragung durch Berührung geht, die sich im speziellen Fall durch das „Verspeisen“ des Tieres manifestiert.
Diese Speisenvorschrift wird von Frazer letztlich als Tabuisierung gedeutet; als „negative Anwendung praktischer Magie“.

Die Aufregung der Menschen rund um den „ unfreiwilligen Pferdefleischverzehr“ in Österreich, Deutschland und Großbritannien lässt auf eine starke gesellschaftliche Verankerung dieses Tabus schließen.

In unseren heutigen von differenzierten Wertesystemen getragenen pluralistischen Gesellschaften ist die Sache mit den Tabus allerdings kompliziert geworden. Nicht immer genügen Konventionen, damit Tabus auch wirklich eingehalten werden. Manchmal bedarf es massiver Drohungen. Andererseits können nicht alle Tabubrüche mit tiefgreifenden Sanktionen bedacht werden. Hin und wieder müssen sogar „Ausreißer“ geduldet werden, weil sich jede Gesellschaft, wenn sie sich in andauernde Sanktionierungen verstrickt, selbst aufreiben würde. Das beschränkte Gewähren tolerabler „Tabubrüche“ erfolgt also durchaus auch in gesellschaftlichem Eigeninteresse. Andererseits kann sich keine Gesellschaft erlauben, dass ihre Tabus nach Belieben gebrochen werden, ohne dass Sanktionen folgen. Verzichtet sie darauf, auf Einhaltung ihrer Vorschriften zu drängen, so ist sie in ihrem Bestand gefährdet. Es ist also eine Frage des Maßes, und es ist eine Frage der Möglichkeiten.

Die Relevanz, die einem Tabu von der Gesellschaft zugeschrieben wird, lässt sich einerseits an der Härte der zu erwartenden Sanktionen messen, die bei Verletzungshandlungen zu erwarten sind, andererseits stellt auch die Anzahl der dem Tabu unterworfenen Menschen eine Maßzahl für seine Bedeutung dar.
So finden sich einerseits Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder einer Gemeinschaft gelten - das „Tötungsverbot“ für Artgenossen beispielsweise - daneben aber auch solche, die nur für bestimmte Gruppen in Geltung sind. Am Karfreitag Fleisch zu essen, stellt für evangelische Christen beispielsweise kein Tabu dar, für katholische hingegen schon. Manche Tabus gelten sogar nur für einzelne Personen; es herrscht innerhalb der politischen Community Österreichs grundsätzlich Einigkeit darüber, dass eine einseitige Parteinahme des österreichischen Bundespräsidenten in Fragen des politischen Tagesgeschäfts einem Tabu unterworfen ist.

Die Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten, sind – wie oben angedeutet – meistens mit gesetzlich geregelten Sanktionen abgesichert, während gruppenspezifische Tabus meist nur an Konventionen gekoppelt sind.

Tabus und ihre Einhaltung spielen eine wichtige die Gesellschaft stabilisierende Rolle.
Die Paradoxie, die die dem Tabu zugrunde liegende Stabilisierungsfunktion betrifft, zeigt sich aber dann besonders deutlich, wenn man die Folgen von erfolgreichen Tabubrüchen untersucht. In vielen Fällen zeigt sich nämlich, dass das Brechen von Tabus für eine Gesellschaft nicht nur destabilisierende Wirkungen zeigt, sondern sogar für die Weiterentwicklung und Erneuerung von Gesellschaften von großer Bedeutung sein kann.

Einer der einprägsamsten und wohl bekanntesten Tabubrüche im Bereich der Wissenschaft dürfte dem Astronomen Galileo Galilei gelungen sein, der sehr zum Missfallen der Kirche das herrschende Weltbild seiner Zeit, das die Erde als Mittelpunkt des Universums sah, so ins Wanken brachte, dass letztlich die Idee der bevorzugten Stellung des Menschen im „göttlichen Schöpfungsgeschehen“ aufgegeben werden musste und die Theologie die ihr zugewiesene Vormachtstellung im Wissenschaftsbetrieb verlor.

Galileis Mut, das Tabu seiner Zeit rund um das geozentrische Weltbild zu ignorieren, war ein wichtiger Schritt hin zur Befreiung des wissenschaftlichen Denkens von theologischen Zwängen und sollte Ansporn sein, zukünftigen Tabubrüchen mit Hoffnung entgegen zu sehen.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Am Rande:

Ich bin nicht sicher, ob Pferdefleisch-Essen (bei uns) wirklich für die Mehrheit ein Tabu ist. Jedenfalls nicht im Sinne von "das gehört sich nicht". Das gibt es auch, oft sogar. Wenigstens genauso stark ist es aber reine Entwöhnung, weil Pferdefleisch (ähnlich wie Ziege) geschmacklich schon "eher speziell" ist und deshalb so wenig nachgefragt wurde, dass es gewissermaßen in unserer Küche kaum noch stattfindet. Echtes Tabus in dieser Hinsicht sind Hund und Meerschwein.
Die Aufregung über die "Zumischung" von Pferdefleisch rührt sicher auch von der Idee her, Pferdefleisch sei minderwertiger. Was es ursprünglich wahrscheinlich sogar war, denn Pferde wurden nicht als Schlachttiere gehalten, wenn sie altersbedingt unters Messer kamen, bekam man nicht gerade zarte Braten. Heute wird das zwar schon wegen der üblichen Tiermedizin anders gehandhabt und es gibt ausgesprochene Schlachtpferde (nicht zu verwechseln mit Schlachtrössern ;) ), aber das Image ist (bei uns) geblieben.

PS: So mancher schwört auch hierzulande, dass ein echter Sauerbraten vom Pferd zu sein hat.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Textarbeit

Hallo Sigurt,

für mich fühlt sich der Text sehr sperrig an. Die Sprache ist nicht wirklich kompliziert, aber irgendwie fließt es nicht. Es klingt für mich wie ein eingeübter Stil, nicht wie einer, der gewissermaßen organisch aus Autor und Thema erwächst. Vielleicht liegt es an der Struktur der Sätze, die oft nicht nur "ein- oder zweizügig" sind. Ich kann es nicht zuordnen – immer, wenn ich es an einem Abschnitt festmachen will, erweist sich dieser kurze Ausschnitt als durchaus "rund". Ich weiß, das hilft dir nicht wirklich, ich wollte es trotzdem erwähnt haben. Ich glaube, das ist eine Sache, die man über die Schreibstimmung "regeln" kann: Mehr Bauch beim Schreiben, weniger Ablaufplan im Kopf. Klingt das für dich, als sei ich auf einer brauchbaren Fährte?




Details:


Nach vielen missglückten, nicht selten blutig endenden Versuchen, sei es dem Menschen nun endlich gelungen, sich von allen Einschränkungen und Bevormundungen zu befreien, wie man die Welt zu betrachten und wie man sich in ihr zu bewegen habe. Das versichern uns die Apologeten des menschlichen Fortschritts.
Klang: Man kann lange Sätze am Anfang machen, vor allem, wenn man sie wie hier mit einem kurzen Satz „pointiert". Trotzdem sollte man so eng wie möglich an einer Aussage bleiben. Hier stecken zwei Aussagen drin: Einschränkung (also etwas eher objektives) und Bevormundung (also etwas sehr subjektives). Und neben "wir sind es los" wird auch noch die Härte des Weges dahin betont. Letzteres kann man durch Streichen des dramatisierenden "blutig endend" beheben. Bei ersterem ist es nicht so einfach: Der Nebensatz bezieht sich ganz klar auf "Bevormundung", das Verb "gelingen" passt eher zu "Einschränkungen".
Rechtschreibung/Grammatik: Kein Komma nach "Versuchen".

Ab nun sei es erlaubt, alles ohne Vorbehalte zu denken, zu schreiben und zu reden. Die finstere Periode mittelalterlicher Denkverbote sei überwunden!
Semantik: „alles reden" gibt es nicht, „alles sagen“ ist die korrekte Wortgruppe.
Grammatik/Klang: Wenn ich das Ausrufezeichen als solches lese, komme ich mir komisch vor, weil ich weder den Enthusiasmus oder die Empörung vom Text her mitbekomme, die ein (Aus)Rufen rechtfertigt.

Das Zeitalter der politischer Teilhabe, der sexuellen Revolution, der Befreiung der Frau aus des Mannes Unterjochung, das Zeitalter der Freiheit der Wissenschaft, der freien Wohnsitz- und Berufswahl, des freien Kapitalflusses, des Freien Marktes scheint in Form vorurteilsloser Moderne wie eine unaufhaltsame Urgewalt über den Menschen hereingebrochen zu sein.
Die „geistige Enge“ der Welt unserer Vorväter, so versichert man uns "den Modernen", sei endgültig überwunden. Im Grunde sei ab nun alles erlaubt!
Klang: Der erste Satz ist mir zu lang und z.T. sogar zu verkünstelt.
G/Klang: Ausrufezeichen fühlt sich falsch an (wie oben)

Schon eine relativ oberflächliche Betrachtung zeigt uns aber, dass das alles nicht wirklich stimmt.
Stil: Sowas wie "nicht wirklich" sollte man meiden. In der Umgangssprache oder wenn man innerhalb einer Diskussion nicht die 1000-%-Argumente auspacken will, hilft der relativierende Klang. Hier ist "nicht wirklich" ein reines Füllsel: Entweder "Im Grunde ist alles erlaubt!" stimmt oder es stimmt nicht.
Stil: Ganz ähnlich gilt das auch für "Entschuldigungsworte" wie "relativ". Nimmt man das Wort ernst, müsste man immer ein"relativ wozu?" angeben. So, wie es hier benutzt wird, meint es aber „für die Leser, die das nicht oberflächlich finden, tu ich mal so, als sei es tatsächlich nicht oberflächlich, ohne denen, die es oberflächlich finden, gegenüber behaupten zu müssen, es wäre ein tiefer Blick in die Materie".

Viele gesellschaftliche Bereiche, viele Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen in ihrem Umgang auch heute noch einer strikten Reglementierung. Oft scheint genau festgelegt, wer, wo, wann, welche Themen zur Sprache bringen darf.
Semantik: Weder gesellschaftliche Bereich noch Themen haben einen Umgang. Der Mensch hat einen Umgang (geht mit etwas um).
Stil: Bereiche und Themen so gleichzusetzen, vermengt Kategorien. Es gibt Bereiche (z. B. "Familie") und darin gibt es Themen (z. B. "Ab wann spricht man von Familie?", "Wie erziehe ich Kinder richtig?")
Inhalt: „Etwas zu Sprache bringen dürfen“ ist nur ein kleiner Ausschnitt aus „Alles ist mach-, denk- und sagbar". Das als (so klingt es durch die Absatzgestaltung) DAS Beispiel für Reglementierung zu nennen, greift zu kurz. Dass - durch den Absatz als neuer Gedanke gekennzeichnet – dann noch andere Elemente genannt werden, entschärft das zwar, löst es aber nicht.

Das Schlagwort von der „political correctness“, die heute oft schon in einem das „freie Denken“ behindernden Übermaß an Konvention eingefordert wird, ist jedermann geläufig. Viele Themen werden schon allein deshalb gemieden, weil es sich eben nicht „schickt“, sie anzusprechen. Sie sind tabu.
Klang: Der erste Satz hier ist ein wenig sperrig.
Inhalt: Sollen das zwei Aspekte des "ausgeklammert" sein? Wenn nicht, dann reicht eines davon. Wenn ja (was ich annehme), wäre es hilfreich, die Differenzierung zu benennen.

James George Frazer (1854 - 1941), neben Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) und Marcel Mauss (1872 – 1950) wohl einer der wichtigsten Erforscher menschlicher Verhaltensweisen, den unsere Zeit hervorgebracht hat,
Am Rande: … "unsere Zeit" wird nur von wenigen schon vor 1945 angesetzt ;)


Vormoderne Gesellschaften waren schon aufgrund ihrer geringen Größe und der darauf aufbauenden strengeren sozialen Kontrolle viel besser in der Lage, ein einheitliches, jedes Gesellschaftsmitglied einbindendes Wertesystem auszubilden, als das für unsere heutigen „modernen“ Gesellschaften gilt. Demgemäß waren auch die tabuisierten Bereiche dieser Gesellschaften einheitlicher und damit klarer erkennbar. Es gab kaum Zweifel darüber, was tabu war. Heute sind die Tabus weniger eindeutig.
Der Absatz gefällt mir sehr gut. Ich wäre von hier aus nur schneller zu „Alles ist erlaubt?" zurückgekehrt, das Pferdefleischbeispiel schweift doch (zwar nicht sehr weit, aber) recht lange ab.

Seit wenigen Tagen beherrscht ein „Fleischskandal“ die österreichische und die deutsche Presse. Der Hersteller von Tiefkühl-Fertig-Nahrung hatte in seine Produkte unerlaubt Pferdefleisch statt des eigentlich dafür vorgesehenen Rindfleisches verarbeitet und dieses Faktum nicht in der Produktbeschreibung ausgewiesen.
G: in seinen Produkten
Stil: Das "unerlaubt" ist überflüssig. Das ist auch nicht das Problem, denn erlaubt ist das Verarbeiten von Pferdefleisch schon. Es muss nur gekennzeichnet werden und DAS hat er nicht getan. Auch die Wortgruppe „eigentlich dafür vorgesehenen“ bläht den Satz nur unnötig auf.

„Ein Skandal!“ Ein Skandal? Natürlich, aber warum?
Klang: Ich glaube "Natürlich. Aber warum?" würde stärker wirken.

Es ging, wie viele Interviews mit präsumtiven Konsumenten in den Medien zeigten, in erster Linie weniger darum, dass die betroffenen Produkte falsche Beschreibungen der Inhaltsstoffe aufwiesen, als darum, dass Menschen ohne ihr Wissen eine Art von Fleisch verzehrt hatten, das der Sitte nach als nicht zum Verzehr bestimmt klassifiziert ist.
Stil: "Präsumtiv" musste ich erstmal nachsehen. Danach verstand ich nicht, warum nur die Wortmeldungen "mutmaßlicher Konsumenten" hier herangezogen werden. Wer sowas sowieso nicht isst, dessen Meinung ist irrelevant? Oder der hatte meistens nicht diese Meinung? Oder meinst du, nur die wurden gefragt? Wonach richteten sich die Interviewer bei der Mutmaßung und warum nahmen sie diese Sortierung überhaupt vor?
Am Rande: Die Meinungen, die ich im TV hörte, waren nicht so klar auf "Ih, das isst man doch nicht!" gepolt. Es gab das auch, aber es dominierte nicht. Oder sehe ich nur seriöse Sender, die das "Ih!"-Tabu nicht noch bedienen wollten? :D


Diesen besonderen Status haben sie, obwohl man weiß, dass ein großer Teil der jährlichen Nachzucht, vor allem jener Anteil, der weder für die Zucht noch für den Sport geeignet erscheint, als Schlachtvieh ins Ausland verkauft wird; vornehmlich nach Italien. Diese Tatsache, bisher offensichtlich verdrängt, wurde jetzt bewusst.
Inhalt: Ich glaube nicht, dass die "Pferde sind edle Tiere, die isst man nicht!"-Fraktion das weiß. Was ich meine: Du suggerierst es mit diesem Satz und stellst diese Leute als scheinheilig hin. Tatsache ist aber, dass es verdrängt wird, dass "man" es eben nicht weiß. Was man "denen" vorhalten kann, ist, dass sie es (vermutlich) auch nicht wissen wollen.


Diese gesellschaftliche Verdrängungsleistung hilft den besonderen Status von Pferden aufrecht zu erhalten, sogar im Wissen, dass Pferde nicht nur geschlachtet sondern von manchen Menschen sogar gerne verzehrt werden.
Das Wort heißt "gern".
Komma nach "geschlachtet", wenn ich mich nicht irre.


„Andere Länder, andere Sitten!“ Tabuisierungen von Speisen von abenteuerlichsten Begründungen gestützt, finden sich an vielen Orten in der Welt.
Der Sprung von den Pferden hierher sollte eigentlich eine Leerzeile mit sich bringen. Ich habe aber ohnehin den Eindruck, die Entscheidung zwischen Absatz und Abschnitt hast du eher willkürlich (nach Optik?) getroffen. Am einfachsten wäre es, alles gleich zu behandeln - soooo massive Sprünge sind es ja nun wirklich nicht.

Auf Madagaskar, so schreibt Frazer, ohne seine Informationsquelle offenzulegen, sei es Soldaten [höchstwahrscheinlich bis zum frühen 20.Jahrhundert; Anm.d.Verf.] strikte verboten gewesen, Igel zu essen. Dies deswegen, weil man fürchtete, dass dieses Tier durch seine Neigung, sich zu einem Ball zusammenzurollen, wenn es erschrickt, auf diejenigen, welche es genießen, eine schreckhafte, furchtsame Gesinnung übertragen könnte und so ihre Kampfkraft zu beeinträchtigen imstande wäre.
Das Wort heißt "strikt".
… was für ein Schachtelsatz!

Die Analyse dieser Beobachtung zeigt einerseits eine Art von „homöopathischer Magie“ (Gleiches wird durch Gleiches hervorgerufen) andererseits aber auch Merkmale „sympathetischer Magie“, weil es dabei auch um eine Art von Übertragung durch Berührung geht, die sich im speziellen Fall durch das „Verspeisen“ des Tieres manifestiert.
Diese Speisenvorschrift wird von Frazer letztlich als Tabuisierung gedeutet; als „negative Anwendung praktischer Magie“.
… ok. Und nun zurück zum Pferdefleisch: Sollte nicht – nach diesem Einschub – eher logisch sein, dass Pferd gegessen werden SOLL (weil man dann auch so schön und schnell wird)? Was ich meine: Warum hast du dieses Beispiel gewählt und dann zwischen den Pferde-Teil geschoben?

Die Aufregung der Menschen rund um den „ unfreiwilligen Pferdefleischverzehr“ in Österreich, Deutschland und Großbritannien lässt auf eine starke gesellschaftliche Verankerung dieses Tabus schließen.
Sorry, aber im Prinzip hast du das doch vor dem Igel-Beispiel schon mal lang und breit mitgeteilt, oder? Eigentlich kannst du den Absatz weglassen und so harmonischer von der eher schlichten homöopathischen Magie auf "heute komplizierter" überleiten.

In unseren heutigen von differenzierten Wertesystemen getragenen pluralistischen Gesellschaften ist die Sache mit den Tabus allerdings kompliziert geworden. Nicht immer genügen Konventionen, damit Tabus auch wirklich eingehalten werden. Manchmal bedarf es massiver Drohungen. Andererseits können nicht alle Tabubrüche mit tiefgreifenden Sanktionen bedacht werden. Hin und wieder müssen sogar „Ausreißer“ geduldet werden, weil sich jede Gesellschaft, wenn sie sich in andauernde Sanktionierungen verstrickt, selbst aufreiben würde. Das beschränkte Gewähren tolerabler „Tabubrüche“ erfolgt also durchaus auch in gesellschaftlichem Eigeninteresse. Andererseits kann sich keine Gesellschaft erlauben, dass ihre Tabus nach Belieben gebrochen werden, ohne dass Sanktionen folgen. Verzichtet sie darauf, auf Einhaltung ihrer Vorschriften zu drängen, so ist sie in ihrem Bestand gefährdet. Es ist also eine Frage des Maßes, und es ist eine Frage der Möglichkeiten.
Den Absatz mag ich, auch wenn mir der Übergang von "was ist Tabu" zu "Sanktionen" ein klein wenig unvermittelt kommt.


In vielen Fällen zeigt sich nämlich, dass das Brechen von Tabus für eine Gesellschaft nicht nur destabilisierende Wirkungen zeigt, sondern sogar für die Weiterentwicklung und Erneuerung von Gesellschaften von großer Bedeutung sein kann.
MOOOMENT! Für die eine Gesellschaft, in der das Tabu gilt, wirkt der Bruch eines wesentlichen Tabus immer destabilisierend. Dass dann aus dieser eine anders geformte Gesellschaft wird, ändert daran nichts – diese Gesellschaft geht zugrunde. (Erneuerung heißt hier ja nicht Rekonstruktion des Gehabten sondern Neugestaltung.)


Galileis Mut, das Tabu seiner Zeit rund um das geozentrische Weltbild zu ignorieren, war ein wichtiger Schritt hin zur Befreiung des wissenschaftlichen Denkens von theologischen Zwängen und sollte Ansporn sein, zukünftigen Tabubrüchen mit Hoffnung entgegen zu sehen.
… etwas lang her, um darauf bauend in die Zukunft zu hoffen. Als sei inzwischen nichts Vergleichbares geschehen. Darwin war auch nicht übel, oder? Oder Einstein, um mal in der Wissenschaftsecke zu bleiben. Oder der olle Zuse …
 

Sigurt Funk

Mitglied
Kritik

Eine wirklich nette, ausführliche Kritik. Ich werde den Text in den nächsten Tagen mit derselben Ernsthaftigkeit Zeile für Zeile durchgehen. Schon beim ersten, oberflächlichen Lesen musste ich bisweilen zustimmend nicken und lächeln. Das spricht sehr für die Kritik! (.-))
Nochmals danke.
lg
Sf
 

Sigurt Funk

Mitglied
Tabu und Gesellschaft

Nach vielen missglückten, nicht selten blutig verlaufenden Versuchen sei der Mensch mit Hilfe der Aufklärung aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgetreten. Er bediene sich nun seines Verstandes ohne die Anleitung anderer zu bedürfen. Den Ballast mystisch verklärter Weltsicht habe er zu Gunsten einer offenen Weltinterpretation hinter sich gelassen. Die Periode mittelalterlicher Denkverbote sei überwunden.

Endlich wären wir im Zeitalter der politischen Teilhabe, der freien wissenschaftlichen Forschung, der sexuellen Revolution, im Zeitalter der Gleichstellung der Frau angekommen.
Der „Freiheit in Vernunft“ sei keine Grenze mehr gesetzt. Eine vorurteilslose Moderne sei angebrochen und die „geistige Enge“ der Welt unserer Vorväter endgültig überwunden.
Das versichern uns die Apologeten des menschlichen Fortschritts.

Weit gefehlt!

Viele Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen auch heute noch sprachlichen und gedanklichen Reglementierungen. Oft scheint genau festgelegt, wer, wo, wann, welche Themen in welcher Form zur Sprache bringen darf. Bereiche der Wohlstandsicherung und Einkommensverteilung, Bereiche des Aufeinanderprallens kultureller Unterschiede, die Akzeptanz ethnischer Minderheiten, die Integration von Ausländern scheinen nicht nur besonders heikel zu sein, sondern zahlreichen Tabuisierungen zu unterliegen.
Das Schlagwort von der „political correctness“, die heute oft schon in einem den freien Gedanken behindernden Übermaß eingefordert wird, ist jedermann geläufig.
Während die Formen dieser „Sprechvorschriften“ von „pressure groups“ ausgestaltet und kontrolliert zu werden scheinen, gibt es auch Konventionen der Sprache und des Denkens, die sich darauf gründen, dass es sich – wie der Volksmund sagt - „nicht schickt“. Die Begründung ist im zweiten Fall meist in der Tradition zu finden.
Beide Male handelt es sich um Tabuisierungen.

James George Frazer (1854 - 1941), neben Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) und Marcel Mauss (1872 – 1950) wohl einer der wichtigsten Erforscher menschlicher Verhaltensweisen, den die jüngere Vergangenheit hervorgebracht hat, sieht das „Tabu“ als eine Sonderform der Magie, welcher wiederum der Gedanke zugrunde liegt, dass sich alle Vorgänge in der Welt in einen vom Menschen beeinflussbaren Ursache- und Wirkungszusammenhang bringen lassen.

„In der Tat erscheint die ganze Lehre des Tabu, oder wenigstens ein großer Teil derselben, nur als eine besondere Anwendung der sympathetischen Magie mit ihren beiden Gesetzen der Ähnlichkeit und der Übertragung. […] Er (der Mensch) denkt, wenn er in einer bestimmten Weise handelt, werden sich unweigerlich bestimmte Folgen einstellen auf Grund des einen oder andern dieser Gesetze. Scheint es ihm nun als könnten ihm die Folgen einer bestimmten Handlung unangenehm oder gefährlich werden, so hütet er sich naturgemäß, so zu handeln, um sich diesen Folgen nicht auszusetzen. Mit anderen Worten, er vermeidet alles, was ihm nach seinen irrtümlichen Begriffen von Ursache und Wirkung schaden könnte. Kurz er unterwirft sich einem Tabu. Insofern ist also Tabu eine negative Anwendung der praktischen Magie.“
(James George Frazer, Der Goldene Zweig, Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Rowohlt, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.28; die zugrundeliegende Originalausgabe erschien 1922 unter dem Titel „The Golden Bough“)


Vormoderne Gesellschaften, das Spezialgebiet Frazers, waren schon aufgrund ihrer geringen Größe und der darauf aufbauenden strengeren sozialen Kontrolle viel besser in der Lage, ein einheitliches, jedes Gesellschaftsmitglied einbindendes Wertesystem auszubilden, als das für unsere heutigen „modernen“ Gesellschaften gilt. Demgemäß waren auch die tabuisierten Bereiche dieser Gesellschaften einheitlicher und damit klarer erkennbar. Es gab kaum Zweifel darüber, was tabu ist. Heute sind die Tabus weniger eindeutig.

Seit wenigen Tagen beherrscht ein „Fleischskandal“ die österreichische und die deutsche Presse. Der Hersteller von Tiefkühl-Fertig-Nahrung hatte in seine Produkte Pferdefleisch statt des Rindfleisches verarbeitet und dieses Faktum nicht in der Produktbeschreibung ausgewiesen.

Ein Skandal? Natürlich. Aber warum?

Es geht, wie viele Interviews in den Medien zeigten, in erster Linie weniger um die unzutreffende Produktbeschreibung, als darum, dass die Menschen durch die falsche Deklarierung dazu gebracht wurden, unwissentlich eine Art von Fleisch zu verzehren, das „der Sitte nach“ als nicht zum Verzehr bestimmt klassifiziert ist.
Pferde gelten nicht nur in unserer mitteleuropäischen Kultur als „besondere Tiere“. Man nutzt sie seit altersher zur Arbeit, schwärmt aber auch von ihrer Schönheit und Eleganz. Poeten sehen sie gar „dem Wind gleich“. Manchmal werden sie, den vielen Serien-Vorbildern im Fernsehen folgend, sogar als „Freund“ bezeichnet. Man gibt ihnen das „Gnadenbrot“ und wartet geduldig auf ihr Ableben. Werden sie krank und ist gar keine Hilfe mehr möglich, schläfert man sie möglichst schmerzlos ein. Ganz auserwählte „Lieblinge“ ihrer Besitzer bekommen sogar ein Grab. Andererseits aber verwendet man sie auch rücksichtslos als „Sportgerät“ und tut ihnen dabei oft so manche Qual an, aber:
Sie verspeisen? Für Pferdefreunde undenkbar!
Diesen besonderen Status, der weit über den des „Nichtfleischlieferanten“ hinausreicht, haben sie, obwohl man weiß, dass ein großer Teil der jährlichen Nachzucht, vor allem jener Anteil, der weder für die Zucht noch für den Sport geeignet erscheint, als Schlachtvieh verkauft wird. Diese Tatsache wurde durch den aktuellen „Skandal“ auch jenen wieder bewusst gemacht, die das gern weiterhin verdrängt hätten. Und dieses Bewusstwerden verunsichert umso mehr, je intensiver und erfolgreicher dieser Verdrängungsmechanismus seine Arbeit vorher verrichtete.

Wie heißt es? „Andere Länder, andere Sitten!“ Tabuisierungen von unterschiedlichen Speisen oft von abenteuerlichsten, einander widersprechenden Begründungen gestützt, finden sich an vielen Orten in der Welt.
Auf Madagaskar, so schreibt Frazer, ohne seine Informationsquelle für diesen Fall offenzulegen, sei es Soldaten [höchstwahrscheinlich bis zum frühen 20. Jahrhundert; Anm. d. Verf.] verboten gewesen, Igel zu essen. Man fürchtete, die Schreckhaftigkeit der Igel und ihre Gewohnheit, sich bei drohender Gefahr zu einem Ball zusammenzurollen, könne sich auf die Soldaten übertragen und ihren Mut schwächen.
Die Analyse dieser Beobachtung zeigt einerseits eine Art von „homöopathischer Magie“ (Gleiches wird durch Gleiches hervorgerufen) andererseits aber auch Merkmale „sympathetischer Magie“, weil es dabei auch um eine Art von Übertragung durch Berührung geht, die sich im speziellen Fall durch das „Verspeisen“ des Tieres manifestiert.
Diese Speisenvorschrift wird von Frazer als „negative Anwendung praktischer Magie“ als Tabuisierung bezeichnet.

Was aber hat diese Kategorisierung mit der angeblichen Tabuisierung des Pferdefleischs zu tun?

Wenn man schon „Übertragung“ von Eigenschaften fürchte, wie oben beschrieben, so bestehe doch, könnte man dem entgegenhalten, überhaupt kein Anlass zu Befürchtungen. Pferde seien schnell, schön, ausdauernd, elegant und sogar in den klassischen Mythologien präsent. Die Furcht vor „Übertragung“, homöopathische oder sympathetische Magie spielen in diesem Fall offensichtlich kaum eine Rolle.
Hier geht es um etwas anderes. Hier geht es um ein Phänomen, das die ansonsten treffende Frazersche Kategorisierung nicht einschließt.

Es gibt gute Gründe, einen anderen Aspekt der Tabubegründung zu untersuchen. Vielleicht geht es um Freundschaft und ihre Sublimierung?
Als Beleg für diese Annahme könnte ins Treffen geführt werden, dass es Zeichen unserer technologistisch - urbanen Gesellschaften zu sein scheint, eine unerfüllte Sehnsucht nach Natur ausleben zu wollen. Auch die zunehmende Vereinsamung der Stadtbevölkerung könnte ins Treffen geführt werden. Die Anzahl der Tierhalter in den Großstädten wächst jedenfalls beständig.
So könnte ein Erklärungsmodell Berechtigung erlangen, das die Tabuisierung des Pferdefleischs durch einen Teil der Bevölkerung mit einem Mangel an Naturerlebnis und menschlicher Zuwendung in Zusammenhang stellt.
An die Stelle des Freundes tritt das (imaginierte) Pferd und deckt so beides ab, das Naturerlebnis und die menschliche Zuwendung. Und einen „Freund“ verzehrt man nicht, nicht einmal dann, wenn er nur in Form eines „Stellvertreters“ in Erscheinung tritt.

Wie man sieht, in unseren heutigen von differenzierten Wertesystemen getragenen pluralistischen, urban-technologistischen Gesellschaften ist auch die Sache mit den Tabus und ihrer Einhaltung komplizierter geworden.

Nicht immer genügen Konventionen, damit Tabus auch wirklich eingehalten werden. Manchmal bedarf es massiver Drohungen. Andererseits können nicht alle Tabubrüche sofort mit tiefgreifenden Sanktionen bedacht werden. Hin und wieder müssen sogar „Ausreißer“ geduldet werden, weil sich jede Gesellschaft, wenn sie sich in andauernde Sanktionierungen verstrickt, selbst aufreiben würde. Das beschränkte Gewähren tolerabler „Tabubrüche“ erfolgt also durchaus auch in gesellschaftlichem Eigeninteresse. Keine Gesellschaft aber kann sich erlauben, dass ihre Tabus nach Belieben gebrochen werden, ohne dass Sanktionen folgen. Verzichtet sie darauf, auf Einhaltung ihrer Vorschriften zu drängen, so ist sie in ihrem Bestand gefährdet. Es ist also eine Frage des Maßes, und es ist eine Frage der Möglichkeiten.

Die Relevanz, die einem Tabu von der Gesellschaft zugeschrieben wird, lässt sich einerseits an der Härte der zu erwartenden Sanktionen messen, die bei Verletzungshandlungen zu erwarten sind, andererseits stellt auch die Anzahl der dem Tabu unterworfenen Menschen eine Maßzahl für seine Bedeutung dar.
So finden sich einerseits Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder einer Gemeinschaft gelten - das „Tötungsverbot“ für Artgenossen beispielsweise - daneben aber auch solche, die nur für bestimmte Gruppen in Geltung sind. Am Karfreitag Fleisch zu essen, stellt für evangelische Christen beispielsweise kein Tabu dar, für katholische hingegen schon. Manche Tabus gelten sogar nur für einzelne Personen; so herrscht innerhalb der politischen Community Österreichs grundsätzlich Einigkeit darüber, dass eine einseitige Parteinahme des österreichischen Bundespräsidenten in Fragen des politischen Tagesgeschäfts einem Tabu unterworfen ist.
Die Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten, sind – wie oben angedeutet – meistens mit gesetzlich geregelten Sanktionen abgesichert, während gruppenspezifische Tabus meist nur an Konventionen gekoppelt sind.

Tabus und ihre Einhaltung spielen, wie gezeigt wurde, auch in „aufgeklärten Gesellschaften“ eine wichtige die Gesellschaft stabilisierende Rolle.
Die Paradoxie, die die dem Tabu zugrunde liegende Stabilisierungsfunktion betrifft, zeigt sich aber dann besonders deutlich, wenn man die Folgen von erfolgreichen Tabubrüchen untersucht. In vielen Fällen zeigt sich nämlich, dass das Brechen von Tabus für eine Gesellschaft nicht nur gefährliche, destabilisierende Wirkungen zeigt, sondern sogar für die Weiterentwicklung und Erneuerung von Gesellschaften von positiver Bedeutung sein kann.
Einer der einprägsamsten und wohl bekanntesten Tabubrüche im Bereich der Wissenschaft dürfte dem Astronomen Galileo Galilei gelungen sein, der sehr zum Missfallen der Kirche das herrschende Weltbild seiner Zeit, das die Erde als Mittelpunkt des Universums sah, so ins Wanken brachte, dass letztlich die Idee der bevorzugten Stellung des Menschen im „göttlichen Schöpfungsgeschehen“ aufgegeben werden musste und die Theologie die ihr zugewiesene Vormachtstellung im Wissenschaftsbetrieb verlor.
Die Wichtigkeit und die Aktualität dieser längst vergangenen Tabubrüche lassen sich auch daran erkennen, dass die Kirche bis zum Jahr 1992, also fast 400 Jahre Bedenkzeit für die Rehabilitation Galileis benötigte und die Evolutionslehre Darwins immer noch in Konkurrenz mit der in vereinzelten Kirchengemeinden der USA vertretenen „Intelligent-Design-Theorie“ steht. Galileis Mut, das Tabu seiner Zeit rund um das geozentrische Weltbild zu ignorieren, aber auch Charles Darwins Erkenntnisse, die die Menschheit zwangen, den „Schöpfungsakt“ in einem neuen Licht zu sehen, waren wichtige Schritte hin zur Befreiung des wissenschaftlichen Denkens von theologischer Bevormundung und sollten trotz ihres „historischen Charakters“ weiterhin Ansporn sein, zukünftigen Tabubrüchen mit Hoffnung entgegen zu sehen.
 

Sigurt Funk

Mitglied
Tabu und Gesellschaft

Nach vielen missglückten, nicht selten blutig verlaufenden Versuchen sei der Mensch mit Hilfe der Aufklärung aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgetreten. Er bediene sich nun seines Verstandes, ohne die Anleitung anderer zu bedürfen. Den Ballast mystisch verklärter Weltsicht habe er zu Gunsten einer offenen Weltinterpretation hinter sich gelassen. Die Periode mittelalterlicher Denkverbote sei überwunden.

Endlich sei er im Zeitalter der politischen Teilhabe, der freien wissenschaftlichen Forschung, der sexuellen Revolution, im Zeitalter der Gleichstellung der Frau angekommen.
Der „Freiheit in Vernunft“ sei keine Grenze mehr gesetzt. Eine vorurteilslose Moderne sei angebrochen und die „geistige Enge“ der Welt seiner Vorväter endgültig überwunden.
Das versichern uns die Apologeten des menschlichen Fortschritts.

Weit gefehlt!

Viele Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen auch heute noch sprachlichen und gedanklichen Reglementierungen. Oft scheint genau festgelegt, wer, wo, wann, welche Themen in welcher Form zur Sprache bringen darf. Bereiche der Wohlstandsicherung und Einkommensverteilung, Bereiche des Aufeinanderprallens kultureller Unterschiede, die Akzeptanz ethnischer Minderheiten, die Integration von Ausländern scheinen nicht nur besonders heikel zu sein, sondern zahlreichen Tabuisierungen zu unterliegen.
Das Schlagwort von der „political correctness“, die heute oft schon in einem den freien Gedanken behindernden Übermaß eingefordert wird, ist jedermann geläufig.
Während die Formen dieser „Sprechvorschriften“ von „pressure groups“ ausgestaltet und kontrolliert zu werden scheinen, gibt es auch Konventionen der Sprache und des Denkens, die sich darauf gründen, dass es sich – wie der Volksmund sagt - „nicht schickt“. Die Begründung ist im zweiten Fall meist in der Tradition zu finden.
Beide Male handelt es sich um Tabuisierungen.

James George Frazer (1854 - 1941), neben Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) und Marcel Mauss (1872 – 1950) wohl einer der wichtigsten Erforscher menschlicher Verhaltensweisen, den die jüngere Vergangenheit hervorgebracht hat, sieht das „Tabu“ als eine Sonderform der Magie, welcher wiederum der Gedanke zugrunde liegt, dass sich alle Vorgänge in der Welt in einen vom Menschen beeinflussbaren Ursache- und Wirkungszusammenhang bringen lassen.

„In der Tat erscheint die ganze Lehre des Tabu, oder wenigstens ein großer Teil derselben, nur als eine besondere Anwendung der sympathetischen Magie mit ihren beiden Gesetzen der Ähnlichkeit und der Übertragung. […] Er (der Mensch) denkt, wenn er in einer bestimmten Weise handelt, werden sich unweigerlich bestimmte Folgen einstellen auf Grund des einen oder andern dieser Gesetze. Scheint es ihm nun als könnten ihm die Folgen einer bestimmten Handlung unangenehm oder gefährlich werden, so hütet er sich naturgemäß, so zu handeln, um sich diesen Folgen nicht auszusetzen. Mit anderen Worten, er vermeidet alles, was ihm nach seinen irrtümlichen Begriffen von Ursache und Wirkung schaden könnte. Kurz er unterwirft sich einem Tabu. Insofern ist also Tabu eine negative Anwendung der praktischen Magie.“
(James George Frazer, Der Goldene Zweig, Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Rowohlt, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.28; die zugrundeliegende Originalausgabe erschien 1922 unter dem Titel „The Golden Bough“)


Vormoderne Gesellschaften, das Spezialgebiet Frazers, waren schon aufgrund ihrer geringen Größe und der darauf aufbauenden strengeren sozialen Kontrolle viel besser in der Lage, ein einheitliches, jedes Gesellschaftsmitglied einbindendes Wertesystem auszubilden, als das für unsere heutigen „modernen“ Gesellschaften gilt. Demgemäß waren auch die tabuisierten Bereiche dieser Gesellschaften einheitlicher und damit klarer erkennbar. Es gab kaum Zweifel darüber, was tabu ist. Heute sind die Tabus weniger eindeutig.

Seit wenigen Tagen beherrscht ein „Fleischskandal“ die österreichische und die deutsche Presse. Der Hersteller von Tiefkühl-Fertig-Nahrung hatte in seine Produkte Pferdefleisch statt des Rindfleisches verarbeitet und dieses Faktum nicht in der Produktbeschreibung ausgewiesen.

Ein Skandal? Natürlich. Aber warum?

Es geht, wie viele Interviews in den Medien zeigten, weniger um die unzutreffende Produktbeschreibung, als darum, dass die Menschen durch die falsche Deklarierung dazu gebracht wurden, unwissentlich eine Art von Fleisch zu verzehren, das „der Sitte nach“ für viele als nicht zum Verzehr bestimmt klassifiziert ist.
Pferde gelten nicht nur in unserer mitteleuropäischen Kultur als „besondere Tiere“. Man nutzt sie zwar seit altersher zur Arbeit, schwärmt aber auch von ihrer Schönheit und Eleganz. Poeten sehen sie gar „dem Wind gleich“. Manchmal werden sie, den vielen Serien-Vorbildern im Fernsehen folgend, sogar als „Freund“ bezeichnet. Man gibt ihnen das „Gnadenbrot“ und wartet geduldig auf ihr Ableben. Werden sie krank und ist gar keine Hilfe mehr möglich, schläfert man sie möglichst schmerzlos ein. Ganz auserwählte „Lieblinge“ ihrer Besitzer bekommen sogar ein Grab. Andererseits aber verwendet man sie auch rücksichtslos als „Sportgerät“ und tut ihnen dabei oft so manche Qual an, aber:
Sie verspeisen? Für Pferdefreunde undenkbar!
Diesen besonderen Status, der weit über den des „Nichtfleischlieferanten“ hinausreicht, haben sie, obwohl man weiß, dass ein großer Teil der jährlichen Nachzucht, vor allem jener Anteil, der weder für die Zucht noch für den Sport geeignet erscheint, als Schlachtvieh verkauft wird. Diese Tatsache wurde durch den aktuellen „Skandal“ auch jenen wieder bewusst gemacht, die das gern weiterhin verdrängt hätten. Und dieses Bewusstwerden verunsichert umso mehr, je intensiver und erfolgreicher dieser Verdrängungsmechanismus seine Arbeit vorher verrichtete.

Wie heißt es? „Andere Länder, andere Sitten!“ Tabuisierungen von unterschiedlichen Speisen oft von abenteuerlichsten, einander widersprechenden Begründungen gestützt, finden sich an vielen Orten in der Welt.
Auf Madagaskar, so schreibt Frazer, ohne seine Informationsquelle für diesen Fall offenzulegen, sei es Soldaten [höchstwahrscheinlich bis zum frühen 20. Jahrhundert; Anm. d. Verf.] verboten gewesen, Igel zu essen. Man fürchtete, die Schreckhaftigkeit der Igel und ihre Gewohnheit, sich bei drohender Gefahr zu einem Ball zusammenzurollen, könne sich auf die Soldaten übertragen und ihren Mut schwächen.
Die Analyse dieser Beobachtung zeigt einerseits eine Art von „homöopathischer Magie“ (Gleiches wird durch Gleiches hervorgerufen) andererseits aber auch Merkmale „sympathetischer Magie“, weil es dabei auch um eine Art von Übertragung durch Berührung geht, die sich im speziellen Fall durch das „Verspeisen“ des Tieres manifestiert.
Diese Speisenvorschrift wird von Frazer als „negative Anwendung praktischer Magie“ als Tabuisierung bezeichnet.

Was aber hat diese Kategorisierung mit der angeblichen Tabuisierung des Pferdefleischs zu tun?

Wenn man schon „Übertragung“ von Eigenschaften fürchte, wie oben beschrieben, so bestehe doch, könnte man dem entgegenhalten, überhaupt kein Anlass zu Befürchtungen. Pferde seien schnell, schön, ausdauernd, elegant und sogar in den klassischen Mythologien präsent. Die Furcht vor „Übertragung“, homöopathische oder sympathetische Magie spielen in diesem Fall offensichtlich kaum eine Rolle.
Hier geht es um etwas anderes. Hier geht es um ein Phänomen, das die ansonsten treffende Frazersche Kategorisierung nicht einschließt.

Es gibt gute Gründe, einen anderen Aspekt der Tabubegründung zu untersuchen. Vielleicht geht es um Freundschaft und ihre Sublimierung?
Als Beleg für diese Annahme könnte ins Treffen geführt werden, dass es Zeichen unserer technologistisch - urbanen Gesellschaften zu sein scheint, eine unerfüllte Sehnsucht nach Natur ausleben zu wollen. Auch die zunehmende Vereinsamung der Stadtbevölkerung könnte ins Treffen geführt werden. Die Anzahl der Tierhalter in den Großstädten wächst jedenfalls beständig.
So könnte ein Erklärungsmodell Berechtigung erlangen, das die Tabuisierung des Pferdefleischs durch einen Teil der Bevölkerung mit einem Mangel an Naturerlebnis und menschlicher Zuwendung in Zusammenhang stellt.
An die Stelle des Freundes tritt das (imaginierte) Pferd und deckt so beides ab, das Naturerlebnis und die menschliche Zuwendung. Und einen „Freund“ verzehrt man nicht, nicht einmal dann, wenn er nur in Form eines „Stellvertreters“ in Erscheinung tritt.

Wie man sieht, in unseren heutigen von differenzierten Wertesystemen getragenen pluralistischen, urban-technologistischen Gesellschaften ist auch die Sache mit den Tabus und ihrer Einhaltung komplizierter geworden.

Nicht immer genügen Konventionen, damit Tabus auch wirklich eingehalten werden. Manchmal bedarf es massiver Drohungen. Andererseits können nicht alle Tabubrüche sofort mit tiefgreifenden Sanktionen bedacht werden. Hin und wieder müssen sogar „Ausreißer“ geduldet werden, weil sich jede Gesellschaft, wenn sie sich in andauernde Sanktionierungen verstrickt, selbst aufreiben würde. Das beschränkte Gewähren tolerabler „Tabubrüche“ erfolgt also durchaus auch in gesellschaftlichem Eigeninteresse. Keine Gesellschaft aber kann sich erlauben, dass ihre Tabus nach Belieben gebrochen werden, ohne dass Sanktionen folgen. Verzichtet sie darauf, auf Einhaltung ihrer Vorschriften zu drängen, so ist sie in ihrem Bestand gefährdet. Es ist also eine Frage des Maßes, und es ist eine Frage der Möglichkeiten.

Die Relevanz, die einem Tabu von der Gesellschaft zugeschrieben wird, lässt sich einerseits an der Härte der zu erwartenden Sanktionen messen, die bei Verletzungshandlungen zu erwarten sind, andererseits stellt auch die Anzahl der dem Tabu unterworfenen Menschen eine Maßzahl für seine Bedeutung dar.
So finden sich einerseits Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder einer Gemeinschaft gelten - das „Tötungsverbot“ für Artgenossen beispielsweise - daneben aber auch solche, die nur für bestimmte Gruppen in Geltung sind. Am Karfreitag Fleisch zu essen, stellt für evangelische Christen beispielsweise kein Tabu dar, für katholische hingegen schon. Manche Tabus gelten sogar nur für einzelne Personen; so herrscht innerhalb der politischen Community Österreichs grundsätzlich Einigkeit darüber, dass eine einseitige Parteinahme des österreichischen Bundespräsidenten in Fragen des politischen Tagesgeschäfts einem Tabu unterworfen ist.
Die Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten, sind – wie oben angedeutet – meistens mit gesetzlich geregelten Sanktionen abgesichert, während gruppenspezifische Tabus meist nur an Konventionen gekoppelt sind.

Tabus und ihre Einhaltung spielen, wie gezeigt wurde, auch in „aufgeklärten Gesellschaften“ eine wichtige die Gesellschaft stabilisierende Rolle.
Die Paradoxie, die die dem Tabu zugrunde liegende Stabilisierungsfunktion betrifft, zeigt sich aber dann besonders deutlich, wenn man die Folgen von erfolgreichen Tabubrüchen untersucht. In vielen Fällen zeigt sich nämlich, dass das Brechen von Tabus für eine Gesellschaft nicht nur gefährliche, destabilisierende Wirkungen zeigt, sondern sogar für die Weiterentwicklung und Erneuerung von Gesellschaften von positiver Bedeutung sein kann.
Einer der einprägsamsten und wohl bekanntesten Tabubrüche im Bereich der Wissenschaft dürfte dem Astronomen Galileo Galilei gelungen sein, der sehr zum Missfallen der Kirche das herrschende Weltbild seiner Zeit, das die Erde als Mittelpunkt des Universums sah, so ins Wanken brachte, dass letztlich die Idee der bevorzugten Stellung des Menschen im „göttlichen Schöpfungsgeschehen“ aufgegeben werden musste und die Theologie die ihr zugewiesene Vormachtstellung im Wissenschaftsbetrieb verlor.
Die Wichtigkeit und die Aktualität dieser längst vergangenen Tabubrüche lassen sich auch daran erkennen, dass die Kirche bis zum Jahr 1992, also fast 400 Jahre Bedenkzeit für die Rehabilitation Galileis benötigte und die Evolutionslehre Darwins immer noch in Konkurrenz mit der in vereinzelten Kirchengemeinden der USA vertretenen „Intelligent-Design-Theorie“ steht. Galileis Mut, das Tabu seiner Zeit rund um das geozentrische Weltbild zu ignorieren, aber auch Charles Darwins Erkenntnisse, die die Menschheit zwangen, den „Schöpfungsakt“ in einem neuen Licht zu sehen, waren wichtige Schritte hin zur Befreiung des wissenschaftlichen Denkens von theologischer Bevormundung und sollten trotz ihres „historischen Charakters“ weiterhin Ansporn sein, zukünftigen Tabubrüchen mit Hoffnung entgegen zu sehen.
 
Sigurt Funk, ja, mit dem Thema Tabu und Gesellschaft scheint mir ein breiter, fruchtbarer Ansatz gefunden (ähnlich die Themen Bildung und Arbeit, Evolution und Kultur) von wo aus in der heutigen Zeit eines risikoreichen Umbruchs ziemlich viele Aspekte der Wirklichkeit in’s Blickfeld geraten, einer vielschichtigen Wirklichkeit.

Nach Auschwitz war es notwendig, die Aufklärung, auch im Sinne Kants, einer selbstkritischen Analyse zu unterziehen. Denn alle standen auf ihrem Boden, mochten sie sich auch noch so sehr dagegen stemmen. Einen Punkt erwähnst du m.E. mit voller Berechtigung, bevor du auf das Thema Tabu bzw. Tabuisierung überleitest. Dass uns die „Apologeten des menschlichen Fortschritts“ immer wieder versichern, wir lebten in einem selbstverständlich freien, auch „ideologiefreien Zeitalter“, dem Vernunftregiment seien keine Grenzen mehr gesetzt u.ä.m.

Mir ist klar, dass man als Zeugen gegen die flache Apologie Frazer, Malinowski, Mauss bemühen kann. Ich selbst wäre vielleicht zuerst auf deren Zeitgenosse Freud (Totem und Tabu) gekommen, der von seinem psychoanalytischen Ansatz her in einem Kooperationszusammenhang mit den Kulturanthropologen steht.

Aber mir liegt ein anderes Problem im Magen, das mir bei eigenen Untersuchungen immer wieder in die Quere kommt: Wie rücksichtsvoll soll man mit den „Apologeten des menschlichen Fortschritts“ umgehen? Sie entwickeln ja jede Menge Aggressionen, wenn sie „den (technischen) Fortschritt“ gehemmt, die Bornierung auf den sogenannten nationalen oder internationalen Standpunkt oder auch nur den „Profit“ gefährdet sehen.

Schließlich können sie sich, wie du schreibst, auf die „weniger eindeutigen“ Tabus zurückziehen und zusätzlich noch ein „Körnchen Wahrheit“ in die Debatte werfen. Ihnen stünde eine beliebig manipulierbare Welt zur freien Verfügung (ein verschwörungstheoretischer Mega-Krimi!)

Am Beispiel des Pferdefleisch-Skandals (Jede Lapalie ist heute ein Skandal) wären an der Tabuisierung des Verzehrs von Pferdefleisch jene Gruppen interessiert, denen Freundschaft, menschliche Wärme und frisches Naturerlebnis in der urbanen, differenzierten Wertewelt fehlt. Sie müssen diesen Mangel verkraften, vielleicht können sie ihn sogar sublimieren. Andere läßt die Möglichkeit des Verzehrs von Pferdefleisch womöglich kalt.

Und jetzt kommen die Fortschrittsapologeten (Wie soll man 7 Milliarden Menschen ernähren?), die ein leidenschaftliches Plädoyer halten für eine großindustriell, wissenschaftlich und finanziell durchorganisierte Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Sie outen sich als die heutigen Galileis; die selbstbewussten Tabubrecher, denen allerdings die Hände gebunden sind. Denn auf den heutigen Märkten ist es einfach unpraktikabel, die hohe Qualität der Waren in allen Einzelheiten auf die Packung zu schreiben.

Unsre heutigen Tabubrecher, die insgeheim die Bevölkerung für dumm verkaufen müssen, drängen mit großem Ernst und aller Macht auf die weltweite Durchsetzung genveränderter Großkulturen, eine monopolistisch strukturierte Lebensmittelindustrie und Handel. Aus Sicht des Konsumenten ist das Ergebnis, dass er nicht weiß, was er sich einverleibt. Mit einem solchen Entwicklungsgang habe ich meine Probleme. Ist da vielleicht eine von Grund auf erneuerte Aufklärung nötig?
 

Sigurt Funk

Mitglied
Lieber Herbert Schmelz,

ich habe mich sehr über Deine ausführlichen Bemerkungen und gescheiten Gedanken gefreut.
Es ist tatsächlich ein breiter Ansatz, dessen Bearbeitung in dieser kurzen Form natürlich immer lückenhaft und ergänzungsbedürftig ist. Freud ins Treffen zu führen, ist mehr als berechtigt, vielleicht ergibt sich sogar noch die eine oder andere Möglichkeit ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen, das Thema ist ja bei weitem nicht ausgeschöpft, nicht einmal richtig „angerissen“.(Ich habe auch vor es fortzusetzen.)
Ich gebe Dir recht, die „Vernunft“ wurde schon von vielen bemüht, obgleich ich mich innerlich dagegen wehre, sie den Nazi-Mördern und ihrem System zuzubilligen, worauf Du hinweist, wie ich aus Deiner Andeutung zu erkennen glaube. Vielleicht sollte man da doch noch eine „feinere Unterscheidung“ zwischen „rational, rationell und vernünftig“ treffen. Aber das wäre sicher eines eigenen Themas wert, über das nachzudenken sich lohnte.
Warum ich mich mit dem Thema Tabu beschäftige, liegt – glaube ich - in erster Linie daran, dass ich eine vermehrte Zuwendung zu „Irrationalitäten“ in der Gesellschaft zu bemerken glaube. (Auch eines Themas wert…) und zweitens vielleicht auch deswegen, weil ich erst unlängst Altamira besucht habe und dort (wenn auch leider nur in Nachbildung) die wunderbaren paläolithischen Zeichnungen bewundern konnte, die ja viel mit Magie zu tun haben.

Die Frage, wie man mit den Apologeten des menschlichen Fortschritts umgehen soll, kann ich so „aus dem Ärmel“ natürlich auch nicht beantworten; die Tatsache, die Du ansprichst, dass eine Menge Aggressionen frei werden, wenn man den „Technokraten“ etwas in den Weg legt, muss man wohl bestätigen.

Zum „Pferdefleischskandal“: Du hast auch hier natürlich recht, wenn es ein Skandal ist, dann keiner wegen des Pferdefleischs, sondern allein deswegen, weil man als Konsument immer wieder „übers Ohr gehauen“ wird. Die Geschäftemacherei blüht, und der „Markt regelt wieder einmal nichts selbst, so wie es von den Anhängern eines "ungezügelten Wirtschaftsliberalismus" immer wieder versprochen wird!“
Wieder muss der Staat her und Betrügereien hintan halten.

Dass Menschen nicht deswegen verhungern, weil zuwenig Nahrungsmittel produziert werden, darüber müssen wir uns glaube ich nicht unterhalten.

Die Nahrungsmittelindustrie ist jedenfalls (auch) ein Zweig, bei dem man keinesfalls auf die „Selbstregulierungskräfte des Marktes“ vertrauen sollte. Dort, wo der Mensch den anderen übervorteilen kann, tut er es, leider – und er tut es solange, solange es ihm gelingt. Nicht zuletzt deswegen, sollte man das Gebot Adam Smiths, dahingehend, dass der Staat die „Rahmenbedingungen“ des Wirtschaftens garantieren muss, bei aller Liebe zur Freiheit nicht vergessen.

Nochmals herzlichen Dank für Deine Anregungen,
mit besten Grüßen
S.F.
 

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