Tage zwischen gestern und heute- ein gelungenes Debüt

Rezension zu:

Andreas von Flotow, Tage zwischen gestern und heute, DVA 2014, ISBN 978-3-421-04635-2

Ein ganz erstaunlicher Roman ist hier anzuzeigen, der unter den diesjährigen Erstlingen bisher auf eine besondere Weise inhaltlich und sprachlich herausragt und mich schon nach wenigen Seiten in seinen Bann zog und überzeugte.

Es ist eine Adoleszenzgeschichte, die da von einem mittlerweile erwachsenen Mann erzählt wird, dessen Eltern im Jahr 2005 das Opfer eines Anschlags wurden, den der Onkel, der Halbbruder der Mutter auf die beiden verübt hat. Der Vater war nach dreizehn Schüssen sofort tot und seine Mutter starb fünf Jahre später.

Doch schon vor diesem Anschlag war die Kindheit des Jungen keine einfache. Seine Mutter, eine berühmte Sängerin, die überall in der Welt auf Tournee geht, hat kaum Zeit für ihr Kind. Und auch der Vater, ein besessener Leser, hat wenig Kontakt zu dem Jungen, denn er lebt nicht bei seiner Familie. Die Bücher, in denen der Junge immer wieder liest nach dem Tod des Vaters, hat von Flotow am Ende aufgelistet. Eine beeindruckende Sammlung von mehreren hundert Titeln mit genauen bibliographischen Angaben.

Deshalb ist Helen, sein Kindermädchen seine wichtigste Bezugsperson. Die Erzählung „ist eine kurze, hier und da bebilderte Chronologie meiner Kindheit bis zum Tod meiner Mutter. Ich erzähle der Reihe nach und behalte die Natur jeder Ordnung im Hinterkopf: Sie ist ein Phänomen der Oberfläche, darunter ist es wüst und leer.“

Mit großer sprachlicher Kraft und Genauigkeit und einer tiefen Empathie für das Lebensschicksal des Jungen, lässt Andreas von Flotow ihn seine Geschichte erzählen, eine Geschichte voller Verlorenheit und Verstörtheit. Er lässt sie im Jahr 2031 spielen und es gelingt ihm ganz hervorragend, die große Distanz zwischen dem erzählenden Erwachsenen und dem Jugendlichen, der dies alles erlebt, zu überbrücken.

Neben der eigentlichen den Leser berührenden Erzählung geht es zwischen den Zeilen auch immer darum, ob und wie es möglich ist, Erinnerungen sprachlich einzufangen, Erlebnisse mit Worten wahrhaftig wiederzugeben und so das Wesentliche aus dem Sein herauszufiltern.

Ein gelungenes Debüt. Der Rezensent hofft auf einen Nachfolger.
 

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