Technik und Identität

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Blumenberg

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Technik und Identität​

Reflektiert man über den Titel des Essays, fallen zunächst die beiden Begriffe ins Auge, die hier noch ohne eine weitere Bestimmung nebeneinander gestellt sind. Dieser kleine Vortrag möchte sie als Ausgangspunkt nehmen. Zunächst haben wir die Begriffe der Technik bzw. der Technologie und der Identität, die einer begrifflichen Klärung bedürfen. Diese stellt, noch isoliert, den ersten und zweiten Punkt meiner Überlegungen dar und geht von der Frage aus, was heißt Technik und was heißt Identität in einem philosophischen Sinn. Danach möchte ich versuchen, die beiden nun präzisierten Begriffe in ein Verhältnis zueinander zu bringen.

Der Begriff der Technik als philosophisches Konzept.​
Bei dem Begriff Technik handelt es sich um ein so weites Feld, dass hier nur in aller Kürze ein bruchstückhafter Abriss gegeben werden kann, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, aber dabei helfen soll, näher zu bestimmen, was wir meinen, wenn wir von Technik bzw. Technologie reden. Betrachtet man die tradierte Bedeutung des Begriffs lässt sich in einer ersten klassischen Bestimmung der Begriff Technik auf seinen etymologischen Ursprung aus dem griechischen Wort techné zurückführen. Der Begriff bezeichnet in einer Art Doppelbestimmung einerseits das, was wir unter Herstellen im handwerklichen Sinn verstehen, andererseits schließt der Begriff den Bereich des Künstlerischen mit ein. Diese Doppelbedeutung hat ihren systematischen Ursprung in der antiken Abgrenzung zwischen den beiden wesentlichen Sphären Technik und Natur. Während Letztere prinzipiell dadurch bestimmt ist, dass sie die Dinge ohne Einflussnahme von außen selbst hervorbringt oder ins Werden setzt, d.h. das Prinzip ihrer Bewegung in der Natur selbst liegt, meint Ersteres die Dinge, die eines Anstoßes durch den Menschen bedürfen, damit aus Form und Materie ein Ding entsteht. Diese Unterscheidung lässt sich an einem Beispiel deutlicher machen. Das Werden einer Blume vom Samen über die Knospe bis hin zur Blüte ist als natürliches Prinzip bereits innerhalb der Pflanze selbst angelegt. Sie bedarf daher keines äußeren Formkonzepts, sondern trägt all ihre Formen bereits in sich. Dagegen liegt, um Martin Heideggers Beispiel der Silbernen Opferschale aufzugreifen, im noch nicht verarbeiteten Silber keineswegs bereits das Werden zur Schale, vielmehr wird die Idee der Form durch den Handwerker von außen an das Material herangebracht. Heidegger schreibt dazu in dem Aufsatz die Frage nach der Technik:

„Auch die physis, das von-sich-her Aufgehen ist ein Hervorbringen, ist poiesis. Die physis ist sogar poiesis im höchsten Sinne. Denn das physei Anwesende hat den Aufbruch des Hervorbringens, z.B. das Aufbrechen der Blüte ins Erblühen, in ihr selbst. Dagegen hat das handwerklich und künstlerisch Hervorgerbachte, z.B. die Silberschale, den Aufbruch des Hervorbringens nicht in ihm selbst, sondern in einem Anderen (en allo), im Handwerker und Künstler(15).“

Trotzdem bleiben in dieser ursprünglich zu nennenden Form eines Zugangs zur Technik Natur und Technik als hervorbringende Tätigkeiten eng aufeinander bezogen. Nach Aristoteles geht die Technik zwar über die Natur hinaus, indem sie etwas hervorbringt, was diese nicht aus sich selbst vollbringt, sie bringt aber nichts hervor, was nicht in der Natur bereits angelegt wäre.

Betrachten wir nun die moderne Technik. Nach wie vor handelt es sich bei dieser um eine Weise des Entbergens, d.h., sie entbirgt Wissen über die Dinge bzw. macht die Dinge im Zuge ihrer technischen Herstellung wissbar, allerdings geschieht dies auf eine andere Art als in der antiken techné. Während sich die antike Einstellung zur Technik dadurch auszeichnete, dass sie als ein Versammeln der Weisen des Produzierens in der hervorbringenden Tätigkeit die Wahrheit über das In-der-Welt-Sein und damit über den Menschen als hervorbringendes Wesen ent-barg, das zwar nicht als Naturzustand verstanden werden darf, wohl aber die enge Bindung an die Natur betrifft. Damit unterscheidet sich diese ursprüngliche Deutung der Technik von der modernen Form, die ich nun herausarbeiten möchte. Heidegger charakterisiert die moderne Technik, hier nicht im Sinne der Verbindung zur Kunst, nicht mehr als Hervorbringen, sondern als ein Herausfordern. Er schreibt: „Auch sie [die moderne Technik] ist ein Ent-bergen … Dasjenige Entbergen, das die moderne Technik durchherrscht, entfaltet sich nun nicht in ein Her-vor-bringen im Sinne der poiesis. Das in der modernen Technik waltende Entbergen ist ein Herausfordern, das an die Natur das Ansinnen stellt, Energie zu liefern, die als solche herausgefördert und gespeichert werden kann.“ (18). Da aber der Zugang zur Technik immer auch ein Zugang des Menschen zu seiner Umwelt ist, folgert Heidegger aus der Unterscheidung zwischen Hervorbringen und Herausfordern auch einen Wechsel im Zugang zur Natur. So wird, um ein Beispiel Heideggers aufzugreifen, aus dem Fluss, an den ein Wasserkraftwerk gebaut wird, ein Energiebestand, dem eine erwartbare Leistung abverlangt wird. Ich will an dieser Stelle nicht weiter auf die Technikkritik Heideggers eingehen, aber noch einen Punkt hervorheben, der mir für die weiteren Überlegungen wesentlich erscheint und der sich als Überleitung zu der folgenden Frage nach der Identität anbietet, nämlich dass der Zugang zur Technik immer auch ein Zugang zur Welt und damit auch zum eigenen In-der-Welt-Sein ist. Für die Stoßrichtung von Heideggers Modernekritik bedeutet der veränderte Zugang zur Welt gleichzeitig eine Verengung des Zugangs zu sich selbst, was er als Seinsvergessenheit bezeichnet.

„Nur insofern der Mensch seinerseits schon herausgefordert ist, die Naturenergien herauszufördern, kann dieses bestellende Entbergen geschehen. Wenn der Mensch dazu herausgefordert, bestellt ist, gehört dann nicht auch der Mensch, ursprünglicher noch als die Natur, in den Bestand? Die umlaufende Rede vom Menschenmaterial, vom Krankenmaterial einer Klinik spricht dafür. Der Forstwart, der im Wald das ausgeschlagene Holz vermisst und dem Anschein nach wie sein Großvater in der gleichen Weise dieselben Waldwege begeht, ist heute von der Holzverwertungsindustrie bestellt, ob er es weiß oder nicht. Er ist in die Bestellbarkeit von Zellulose bestellt, die ihrerseits durch den Bedarf an Papier herausgefordert ist, das den Zeitungen und illustrierten Magazinen zugestellt wird.“(21).

Man muss Heideggers Kritik an der Moderne nicht mitgehen, trotzdem stößt er in seiner Diagnose auf einen Punkt, der auch von anderen Heidegger-kritischen Philosophen wie beispielsweise Ernst Cassirer geteilt wird, der ebenfalls feststellt, dass der Mensch sich in der modernen Maschinentechnik selbst zum Bestand und Gegenstand gemacht hat, was er aber im Gegensatz zu Heidegger nicht als Seinsvergessenheit, sondern als Kulturleistung deutet. Festzuhalten bleibt, dass Technik für unser Welt- und Selbstverständnis konstituierend ist, und zwar unabhängig davon, ob man sie als Geschichte einer Seinsvergessenheit oder als etwas, das unserer Freiheit gemäß zu einer freien Naturbeherrschung beiträgt, betrachtet. Zeigen lässt sich dies mit Blick auf eine andere klassische Deutung, nach der Technik als Mittel zur Erreichung eines Zwecks charakterisiert wird. In einer solchen Deutung ist die Technik per se etwas Neutrales, erst in der Betrachtung der Zwecke, denen sie dient, erschließt sich der normative Gehalt. Dass ein solches Technikverständnis zu kurz greift, lässt sich unter Berücksichtigung des vorher Gesagten verdeutlichen. Wir hatten gesehen, dass Technik eine Form des Weltzugangs bedeutet, in einer technisierten Lebenswelt wohl eine wesentliche. So ist in einer Technikdeutung, die diese als neutrales Mittel begreift, beispielsweise für den Zweck des Privateigentums der Schlüssel bzw. das Schloss ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Er dient als Mittel bei der Abgrenzung von Innen und Außen oder im unserem Fall von privat und öffentlich. Dass aber ein technischer Gegenstand mehr als ein bloßes Mittel sein kann, lässt sich anhand des „Berliner Schlüssels“ erläutern. Bei diesem handelt es sich um einen Schlüssel ohne Griff, der stattdessen auf beiden Seiten einen Bart hat. Das Besondere daran ist, dass sich der Schlüssel nach dem Öffnen des Schlosses nicht herausziehen, sondern lediglich durch das Schloss hindurchschieben lässt. Erst wenn das Schloss von der anderen Seite wieder zugesperrt wurde, lässt er sich wieder abziehen. Nun wird deutlich, warum ich vorhin die Deutung der Technik als reines Mittel als verkürzt zurückgewiesen habe. Der Berliner Schlüssel nötigt seinen Benutzer, sich der technischen Vorrichtung anzupassen, womit dieser zum Mittel für den Zweck des technischen Funktionierens des Schlosses gemacht wird.

Die Frage nach der Identität und das Verhältnis zur Technik
Aus dem vorher Gesagten ergibt sich nun eine methodische Schwierigkeit, die zunächst aufgelöst werden muss. Wenn es sich bei der Technik um eine der grundlegenden Weisen unseres Weltzugangs, aber auch unseres Selbstvollzuges handelt, erscheint eine Betrachtung der Identität unter Ausschluss der Technik wenigstens problematisch. Dies wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass der Technikbegriff auch so genannte Selbsttechniken mit einschließt, worunter kulturelle Anpassungsprozesse verstanden werden. Egal ob wir nach einer kollektiven Identität in Form einer philosophischen Anthropologie oder nach der Identität eines konkreten Einzelselbst fragen, scheint die Frage nach dem Wesen des Menschen immer auch eine Frage nach dem Wesen der Technik zu sein und umgekehrt. Mit Alfred Nordmann gesprochen: „Der moderne Mensch ist das, was wir meinen, wenn wir über Technik sprechen.“ (59). So charakterisiert beispielsweise Hannah Arendt den Menschen neben seinen Bedingungen menschlicher Existenz wie Natalität, Mortalität oder Pluralität vor allem als das bedingte Wesen, das alles, was es vorfindet oder produziert, zur Bedingung seiner Existenz macht, weshalb sich der Mensch auch in einer technisierten Lebenswelt an die Normen seiner eigenen Gegenstände anpasst. Wir hatten das bereits vorhin am Beispiel des Berliner Schlüssels gesehen, es lassen sich aber ohne Schwierigkeiten weitere Beispiele finden. So verlangt etwa der Computer nach einer Anpassung an den Umgang mit ihm oder die E-Mail nach einer Anpassung der Nutzer an den beschleunigten Datenverkehr. Solche Selbsttechniken prägen aber unweigerlich auch das, was man als personale Identität auffassen könnte. Damit lässt sich ein meines Erachtens wesentliches Merkmal von Identität bestimmen:

Erstens erscheint Identität nicht als ein festes und damit unveränderliches Konzept, sondern weist eine prozessuale Struktur auf. Anders gesagt, prägt die von uns hergestellte Welt unser Bild von uns selbst.

Zweitens bestimmt sich das, was wir Individualität oder personale Identität nennen, nicht allein aus uns selbst heraus, sondern es besteht eine Wechselbeziehung zwischen Individualität und System. Ernst Cassirer hat die Bedeutung der Technik für dieses Zusammenspiel zwischen Innen- und Außenwelt in Anlehnung an Ernst Kapps These von der Organprojektion, also dem Verstehen von Werkzeug und Technik als Erweiterung der menschlichen Organe, analysiert unter dem Gesichtspunkt der Selbsterkenntnis durch Technik. Er schreibt:

„Damit ist die eigentliche und tiefste Bedeutung der Organprojektion noch nicht erschöpft. Sie tritt vielmehr erst hervor, wenn man erwägt, daß auch hier dem fortschreitenden Wissen um die leibliche Organisation ein geistiger Vorgang parallel geht; daß der Mensch vermittels dieses Wissens erst zu sich selbst, zu einem Selbstbewustsein gelangt. Jedes neue Werkzeug, das der Mensch findet, bedeutet demgemäß einen neuen Schritt nicht nur zur Formung der Außenwelt, sondern zur Formung seines Selbstbewußtseins.“ (S. 254). Damit ist für Cassirer die Technik als konstitutives Moment des menschlichen Selbstsein etabliert, was sie auch als konstitutives Element einer personalen Identität bestimmt, in der sich ja nichts anderes ausdrückt als das je individuelle Selbstsein.

Die Bestimmung als konstitutives Moment lässt allerdings eine gewisse Problematik in den Blick rücken, die ich als Nächstes kurz erläutern möchte. Die Einflussnahme der Außenwelt auf die Konstituierung unseres Selbst lässt sich nur dann als unproblematisch beschreiben, wenn die Anpassung aus einem Akt individueller Freiheit geschieht. Anders als beispielsweise Naturgesetze sind technische Handlungsspielräume menschengemacht und damit kontingent, also potenziell veränderbar. Dabei erscheint die These von der Eigenentscheidung fragwürdig, da Techniken immer auch Standards setzen und damit durch diese induzierte Änderungen des Handlungsspektrums verursachen, die zur Anpassung zwingen. Dabei könnte man zwei Momente unterscheiden, einen externen der sich im Bereich der Selbsttechniken ausdrückt, und einen internen, für den sich der Begriff Selbsttechnisierung anbietet. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass es sich auch bei Selbsttechniken um internalisierte Anpassungen handelt, deren technische Ursache aber außerhalb des Individuums liegt. Selbsttechnisierung meint dagegen, dass die Einwirkung auf unser Selbst ebenfalls internalisiert ist, wie beispielsweise leistungssteigernde Medikamente oder bestimmte (Neuro-)Technologien. Damit ist aber kein automatisches Werturteil verbunden. Es muss sich bei Selbsttechnisierungsprozessen nicht zwangsläufig um etwas Negatives handeln, vielmehr zeichnen sich beide Formen technischer Standards durch eine Duplizität aus. Die Anpassung des eigenen Handlungsspektrums an sie kann individuelle Freiheit fördern oder auch einschränken.

Damit haben wir, ohne es zu wollen, bereits Technik und Identität in ein Verhältnis zueinander gebracht, welches ich an dieser Stelle noch einmal kurz umreißen möchte. Technik und Identität hängen, so hatten wir gesehen, in der Weise zusammen, dass sich die Frage nach dem, was Technik ist, nur durch die Frage dessen, was der Mensch ist, beantworten lassen kann. Ebenso verweist die Frage nach dem, was der Mensch ist, bereits immer auch auf die Technik als eine grundlegende Konstituente unseres Selbst- und Weltverhältnisses.

Literatur:
- G. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1992.
- H. Arendt: Vita Acitva oder vom tätigen Leben. München 2013.
- E. Cassirer: Philosophie der Symbolischen Formen. Hamburg 2010.
- M. Heidegger: Die Frage nach der Technik, in: Ders. Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1984.
- O. Müller: Zwischen Mensch und Maschine. Vom Glück und Unglück des homo faber. Berlin 2010.
- O. Müller: Selbst, Welt und Technik. Berlin/Boston 2014.
- A. Nordmann: Technikphilosophie zur Einführung. Hamburg 2008.
 

Blumenberg

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Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus einem Vortrag, den ich bei einer interdisziplinären Veranstaltung über das Thema Ethical Aspects of Neurotechnology gehalten habe.
 
Liebe(r) Blumenberg,
da ich mich aus der akademischen Diskussion (im engen Sinne) verabschiedet habe, musste ich lange überlegen, welchen Sinn es haben könnte, zu Ihrer begrifflichen Klärung der ‚Gegenstände‘ Technik und Identität einige Gedanken beizusteuern. In gewisser Weise kehre ich Ihr Vorgehen um, setze im journalistischen Arbeitsfeld an – möchte damit aber keinesfalls von der ‚Anstrengung des Begriffs‘ (Adorno) ablenken.

Aktuell wirkte jetzt der Impuls eines Leitartikels von Arno Widmann zur „Debatte über das Deutschsein“ (FR 14.Sep. 2016) . Er schreibt: „Alles, aber auch alles hängt davon ab, dass wir uns gerade nicht einkesseln, dass wir nicht versuchen, unsere Identität festzuschreiben. Denn das geht einfach nicht. Ein paar Jahre geht das vielleicht schon: mit Mauerbau und Konzentrationslagern, mit Brandanschlägen und Bürgerkrieg. Niemals geht das mit Recht und Ordnung. So gerne die auch als Hausgötter angerufen werden“.

Widmann geht grundsätzlich auch vom dynamischen Charakter bürgerlicher Verhältnisse aus. In ihnen scheinen sich treibhausmäßig begrifflich-konzeptionelles und praktisches Tun zu einer Notwendigkeit zu entwickeln, dass unterschiedliche Formen von Selbstbewusstsein hervorgebracht werden. Die Tatsache, dass dieser Prozess eine Reihe von Eigensinnigkeiten aufkommen lassen muss (Freiheiten, Toleranz und ihre Gegensätze) wird auch heute wieder verstärkt von Intellektuellen als Ansatzpunkt benutzt, eigene politische Bestrebungen zu initiieren ( ‚identitäre Bewegung‘). Der Journalist sagt m.E. richtig, dass es in der realen Geschichte nur selten harmonisch und friedlich zugeht: „Kein Stein bleibt auf dem anderen“.

So können im geschichtlichen Entwicklungsprozess Deutschland und Europa nicht unmittelbar als festgefügte, ewige Tatsachen verstanden werden, sondern als Projekte (Träume?). Deswegen ist kritische Vorsicht geboten, wenn wir beobachten, dass rückwärts orientierte Kräfte in ihrer begrifflichen Borniertheit und Zerstörungssucht das politische System in seiner existierenden Form zu destabilisieren versuchen – und dabei die Identitätsproblematik für ihre Zwecke instrumentalisieren. Heute bedienen sie sich um des ‚politischen Erfolgs‘ willen des bekannten Tricks, sich hinter der Maske von Liberalität und Demokratie zu verstecken.

Widmann hält m.E. zurecht in seiner Schlussfolgerung ein notwendiges Moment unsrer heutigen Identitätsbildung fest, die im Zuge der ‚Flüchtlingskrise‘ unsere alltägliche Nachrichtenlage mit prägt: „Das Projekt Deutschland und das Projekt Europa hängen so zusammen, dass sie nur gemeinsam glücken oder gemeinsam scheitern können. Sie sind angewiesen auf die Träumer, die wissen, welch ein kostbares Gut Freiheit und Sicherheit sind. Auf die also, denen man alles genommen hat und denen die Deutschen und Europa helfen müssen, um sich vor sich selbst und der eigenen –und nicht nur der eigenen- Barbarei zu retten.“ Interessant wäre, ginge man diskursiv ins Detail, wo Merkel die realpolitische Grenze dieser Bestimmung ziehen würde. Ob hier eine qualitative Inhaltsanalyse entsprechenden Textmaterials hilfreich sein könnte, müsste ausprobiert werden.

Angesichts der „prozessualen Struktur“ nicht nur der Begriffe, sondern auch der Sachen Technik, Wissenschaften und Identität bringen Sie mit recht „eine gewisse Problematik“ zur Sprache, die im „Akt individueller Freiheit“ aufgerollt werden kann. An diesem Punkt waren sicher viele Autoren interessiert. Bei der Lektüre Ihres Textes fiel mir vor allem Sigmund Freud ein, der das Thema in ‚Massenpsychologie und Ich-Analyse‘, in der Forschung zur Traumdeutung und vor allem in ‚Unbehagen in der Kultur‘ bearbeitet hat. Freud hatte auch dezidiert am Komplex der Psychopharmaka, der Wirkung von Opiaten Interesse gezeigt. Das psychoanalytische Funktionsschema des ‚psychischen Apparates‘ sollte doch inzwischen ebenso weiter entwickelt worden sein wie die Technik auf vielen anderen Gebieten – oder? Wie gesagt, da bin ich doch ziemlich draußen.

Noch zwei Gedanken, die mir bei der Lektüre spontan einfielen und die ich jetzt in etwas roher Form einfach nur anfüge:
1.Je weiter wir zurückgehen in der Beschäftigung mit den Denkansätzen, die das Thema von den Bedingungen der menschlichen Emanzipation aus den Zwangsgesetzen der Natur betreffen, umso schemenhafter scheint sich überhaupt die Frage nach der Lösung der Widersprüche zu stellen und umso klarer stellt sich heutigen Generationen die Aufgabe der Selbstverpflichtung, eine eigene, angemessene Diagnose der Wirklichkeit zu erstellen. Bei Alfred Schmidt (1) fand ich einen sehr kursorischen Marx-Text (2), der die technische Entwicklung nicht für die unproblematische Lösung der Menschheitsprobleme hält, vergleicht man mit Äußerungen vieler seiner Zeitgenossen.
2.Bei Rudolf Walther (3) fand ich eine interessante Sentenz, die Aristoteles zugeschrieben wird und auf den tiefen Graben zwischen Denken und politischem Handeln verweist: „Wenn die Weberschiffe selber webten, … dann freilich bedürfte es für die Meister nicht der Gehilfen und für die Herren nicht der Sklaven.“ Es war wohl u.a. diese Stelle, die Jürgen Habermas veranlasste zu sagen, Marx habe in Begriffen des Aristoteles die Automation „antizipiert“, die, wohlgemerkt, kein geeigneter Faktor, wie die Lohnarbeit im allgemeinen, für emanzipative Identitätsbildung sein könne.
Meiner Ansicht nach ist dieses Thema längst nicht umfassend ausgeschöpft und schon gar nicht gegessen. Beste Grüße herbert schmelz
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(1)Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Frankfurt a.M. 1962, S1

(2) H a n d g r e i f l i c h e T a t s a c h e n ? (Erkenntnistheoretisch interessante Quelle)

„… Auf der einen Seite sind industrielle und wissenschaftliche Kräfte zum Leben erwacht, wie sie keine frühere Geschichtsperiode je ahnen konnte. Auf der anderen Seite machen sich Anzeichen eines Verfalles bemerkbar, der die viel genannten Schrecken aus den letzten Zeiten des römischen Reiches in Schatten stellt. In unserer Zeit scheint jedes Ding schwanger mit seinem Gegenteil. Die Maschine ist mit der wunderbaren Kraft begabt, die menschliche Arbeit zu verkürzen und fruchtbarer zu machen: Wir sehen, wie sie zu Hunger und Überarbeit führt. Die neu entfesselten Kräfte des Reichtums werden durch ein seltsames Spiel des Schicksals zu Quellen der Entbehrung. Die Siege der Kunst scheinen durch Einbuße an Charakter erkauft.
Die Menschheit wird Herr in der Natur, aber der Mensch wird Sklave des Menschen oder Sklave seiner eigenen Niedertracht. Sogar das reine Licht der Wissenschaft kann, so scheint es, nur vor dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit strahlen. Das Resultat aller unserer Erfindungen und unseres Fortschritts scheint zu sein, dass materielle Kräfte mit geistigem Leben ausgestattet werden und die menschliche Existenz zu einer materiellen Kraft verdummt. Dieser Antagonismus zwischen moderner Industrie und Wissenschaft hier, modernem Elend und Verfall dort; dieser Gegensatz zwischen den Produktivkräften und den sozialen Verhältnissen unserer Epoche ist eine Tatsache, eine handgreifliche, überwältigende und unbestreitbare Tatsache …“
Quellenhinweis
1. Der Textausschnitt stammt aus einer Rede von Karl Marx anlässlich der Feier zum vierjährigen Bestehen der Zeitung The People’s Paper, eine Übersetzung aus dem Englischen. Die übersetzte Überschrift in der Ausgabe der Zeitung vom 19. April 1856 lautet: Die Revolutionen von 1848 und das Proletariat. Die erste (bekannte) deutsche Version findet sich im Sammelband KARL MARX ALS DENKER, MENSCH UND REVOLUTIONÄR herausgegeben von D. Rjazanov im Verlag für Literatur und Politik (Dr. Johannes Wertheim) Wien – Berlin 1928 S.41-43
2. Aus dieser Quelle zitiert Alfred Schmidt in seiner Promotionsarbeit: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx Frankfurt/M 1962 S.1
3. Nachlesbar ist die Übersetzung (mit zusätzlichen Hinweisen) in der blauen Ausgabe von MEW Bd. 12 Berlin (DDR) 1963 S.3/4 ( Herbert Schmelz)

(3)Arbeit – Ein begriffsgeschichtlicher Überblick von Aristoteles bis Ricardo in LEVIATHAN Sonderheft 11/1990 Sozialphilosophie der industriellen Arbeit. Opladen 1990 S. 5 ff.
 

Blumenberg

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Lieber Herbert Schmelz,

zunächst noch einmal Entschuldigung für das durchrutschen lassen ihrer Anmerkungen.

Mir ging es meinem Text vor allem darum zu zeigen, dass die Frage nach der Identität niemals losgelöst von der Frage nach der Technik sinnvoll zu stellen ist, dass aber je nach Blickwinkel und Zeitalter durchaus diametral entgegenstehende Sichtweisen gerade auf die Technik und deren Gegenstände vorliegen. Dies findet sich bei Heidegger in seinem Aufsatz die Frage nach der Technik in grandioser Klarheit dargestellt.

Ihre Skepsis an der "problemlösenden Technik" vermag ich absolut nachzuvollziehen. Hier habe ich im Rahmen meines Vortrags zu den negativen Auswirkungen der engen Verbundenheit von Technik und Identität vor allem auf die Werke Günther Anders und dessen These, dass die Menscheit mehr herstellen könne, als sie sich vorzustellen vermag, verwiesen. Anders exemplifiziert dies anhand der Atombombe.(1)

Auf einer anderen Ebene findet sich bei Rahel Jaeggi ein Versuch die Kategorie der Verdinglichung als Analysebegriff für eine Untersuchung der Risiken des Zusammenhanges von Technik und Identität nutzbar zu machen.(2)

Beste Grüße

Blumenberg

(1) G. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1992.

(2)R. Jaeggi: Entfremdung – Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. Frankfurt am Main 2005
 

Blumenberg

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Vielen Dank für die anonyme Bewertung!
Vielleicht findet sich bei Gelegenheit ja Zeit für eine ausführlichere Anmerkung zu dem von mir aufgebrachten Thema.

Ich würde mich freuen.

Beste Grüße

Blumenberg
 

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