Trugschluss

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Penelopeia

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Trugschluss

Ich segele auf einer ruhigen Landstraße mit vielleicht knapp 70 dahin, höre entspannt Musik – eine faszinierende Aufnahme des 6. Brandenburgischen Konzertes mit den Freiburger Barocksolisten – und blinzele dem Kommenden entgegen; die Spätnachmittagssonne des Septembertages wärmt selbst durch die Heckscheibe meines Wagens, vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Auf jeden Fall spüre ich im Bereich meiner Lenden ein sehr angenehmes Kribbeln, das bis in den Schritt ausstrahlt. Ich ruckele ein wenig auf dem Sitz herum, lege die Hand auf den Hosenschlitz. Tatsächlich fühlt sich die Stelle wärmer an als sonst! Ich lächle in mich hinein, versuche mich abzulenken. Leuchtende Farben der Buchen- und Eichenwälder links und rechts des Asphalts, kein eiliger Termin vor mir, sondern ein verheißungsvolles Wiedersehen mit – ach ja: ich schwebe träumend durch das Paradies dem Paradies entgegen. Und schon –

finde ich mich wieder in irdischen Zwängen.

Im Rückspiegel sehe ich ein weißes SUV mit verdunkelten Scheiben. Es kommt näher. Fährt dicht auf. Ich behalte meine verbrauchs- und nervenschonende Geschwindigkeit bei. Mein ungeduldiger Hintermann gibt Lichtzeichen. Soll er doch überholen. Aber das geht wohl gerade nicht. Es herrscht starker Gegenverkehr, ein Fahrzeug nach dem anderen nimmt ihm die Möglichkeit, an mir vorbeizuziehen.

Ich beginne nachzudenken. Was hat der Mann es so eilig? Welche Vorteile sieht er in seinem Fahrstil? Mir fallen eine ganze Menge Punkte ein. Während er hinter mir mit seiner Stoßstange an meiner herumkratzt und dazu nun auch noch mit einer Art Schiffssirene des Waldes die ohnehin schon gestörte spätnachmittägliche Ruhe völlig zerfetzt – vielleicht will er ja ein Rehlein warnen, das sich irgendwo vor uns gerade der weichen Zitzen seiner Mama erinnert, die zufällig auf der anderen Straßenseite grast –, versuche ich Antworten auf die einzelnen Fragen zu finden.

  1. Hat er Freude am Gas geben? Nein, das kann es nicht sein. Denn, genau betrachtet, liegt bei einem gasfreudigen Fahrzeugnutzer ein kleiner Trugschluss vor: Er verwechselt die Kraft seines Boliden mit seiner eigenen, was an sich nicht nur ein kleiner Trugschluss, sondern ein lebensbedrohlicher Irrtum sein kann; man stelle sich vor: Das passierte ihm bei Glatteis in einer engen Kurve!
  2. Hofft er, Eindruck zu schinden? Nein, gewiss nicht. Denn ich bin keine schöne Frau und auch keiner schöner Mann, kein Sexualobjekt also, für das sich eine Pose der Männlichkeit oder Stärke lohnen würde. (Was ich im Übrigen auch, zusammen mit einem frech-breiten Grinsen, fortgesetzt zeige: Mein Gasfuß behält den sehr moderaten Druck, der mehr einem sanften Streicheln gleicht, bei; ich habe nicht die Absicht, mich aus dem Paradies vertreiben zu lassen und das Träumen und Segeln aufzugeben.)
  3. Will er mich klein machen, mir zeigen, was für ein armes Würstchen ich bin mit meinem Skoda Fabia 1,4 Tdi? Da liegt er falsch, aber komplett, denn ich fühle mich momentan riesenhaft, unbesiegbar, allen überlegen, weil ja, wie gesagt, ich in freudiger Erwartung eines paradiesischen Schäferstündchens bin. Wenn der wüsste, dieses arrogante Würstchen!
  4. Glaubt er, seinem Fahrzeug Gutes zu tun? Nein, auch diese Frage beantwortet sich von selbst. Es dürfte doch klar sein, dass Verschleiß und allgemeine Lebensdauer jeglicher Technik durch intensiven Gebrauch abnehmen.
  5. Denkt er über die Umwelt nach, über den Ressourcenverbrauch, über Stickoxide und Feinstaub? Ich weiß es nicht. Allerdings kann ich nicht ausschließen, dass er bereits über derlei Dinge nachdachte. Denn sein SUV hat doch höchstens 280 PS, er hätte sich beim Kauf ja auch für ein sports utility vehicle mit 500 PS und dem doppelten Gesamtgewicht entscheiden können, oder?
  6. Will er vielleicht dem kleinen Rehlein den Spaziergang über die Bundesstraße zum Gang über den Jordan machen, um seiner hungrigen Familie mit stolzgeschwellter Brust ein paar matschig-formlose, bluttriefende Fleischfetzen auf den Küchentisch zu legen, bei denen man nur noch die Abdrücke vom Reifenprofil erkennt? Nein, ich glaube, seine Familie bevorzugt abgepacktes, tiefgefrorenes Filet vom Supermarkt, quadratisch, praktisch, gut.
  7. Meint er, durch einen riskanten Überholvorgang Zeit zu gewinnen, um eine Minute eher bei seiner Liebsten zu sein? Nun, auch das kann ein gefährlicher Irrtum sein, ich kenne solche Fälle. Zum Beispiel hatte ich einen guten Bekannten, der es eines schönen Tages einmal zu eilig mit dem Nachhause kommen hatte und dummerweise seine Liebste mit ihrem schönen Fahrgestell unter einem anderen Driver fand.
  8. Aber vielleicht hat er keine Liebste, sondern ein treues Eheweib? Wenn ja, so macht es doch erst recht keinen Sinn, sich zu beeilen. Eine treue Frau ist treu und wartet, oder es ist keine treue Frau. Außerdem ist es doch eindeutig besser, das vorzeitige Hereinplatzen ins smarte home zu vermeiden, denn genau das könnte sie aus ihrer verantwortungsvollen Arbeit im Haushalt reißen – wie viele schmutzige Unterhosen und löchrige Socken würden liegen bleiben!?
Ich grüble und grüble und finde keine Antwort. Der Typ tut mir einfach nur leid. Als er dann doch eine Lücke im Gegenverkehr erwischt und mit einem kick down und quietschenden Reifen an mir vorbeizischt, lächle ich nur müde und ergehe mich weiter in meinen Träumen, durch die jetzt eine flüchtige Erinnerung weht:

Wir sind in einem Tanzlokal. Ich habe meine neue Eroberung ausgeführt. Genau dahin. Obwohl ich nicht tanzen kann. Die Musik ist laut, macht ein Gespräch fast unmöglich. Sie schaut mich an. Ja, sie möchte tanzen, was sollte sie hier auch sonst wollen? Aber ich zögere. Weiß ich doch: Ich laufe Gefahr, mich lächerlich zu machen. Plötzlich steht ein gut gebauter, braungebrannter Mann in einem hellen Anzug vor ihr. Fordert sie auf. Sie zögert nicht lange. Nach etlichen Runden bringt er sie zurück. Sie ist ziemlich durchgeschwitzt, lacht aber fröhlich. Der Fremde verabschiedet sich mit einem frechen Grinsen, verschwindet. Ich bin erleichtert. Bestelle den nächsten Drink.

Später, beim Gang über den Parkplatz, sehe ich ihn noch einmal. Er steigt in ein weißes SUV mit verdunkelten Scheiben. Gibt kräftig Gas, braust davon.


Am Ziel angekommen, parke ich in aller Ruhe. Angle mir den Strauß Rosen von den Hintersitzen, öffne meinen Hemdkragen um einen weiteren Knopf, atme tief durch und betrete die Hotellobby. Sicheren Schrittes steuere ich auf die Rezeption zu. Nenne meinen Namen, erwähne die Zimmerreservierung. Die Dame nickt. Ich frage nach Frau W. Sie müsse seit einiger Zeit hier sein, sei ja ebenfalls angemeldet; sicher sitze sie im Restaurant oder sei bereits auf ihrem Zimmer? – Ach, sagt die Dame, da käme ich wohl zu spät. Eine ganze Stunde habe hier eine junge Frau herumgesessen. Dann sei ein junger Mann in einem hellen Anzug gekommen, der habe sie stürmisch begrüßt. Unmittelbar darauf seien die zwei in einem weißen SUV davongefahren. Ein schönes Paar, die zwei!

Während meine Beine zu schlottern beginnen und mir der Unterkiefer auf die Brust fällt, erinnere ich mich meiner Fragen zu den möglichen Motiven des Rasers, der mir auf dem Weg hierher an der Stoßstange klebte. Ja, ich habe mich tatsächlich gefragt, ob der Typ durch einen riskanten Überholvorgang Zeit zu gewinnen glaube, dieser gelackte Affe! Und ich muss sagen: Die Frage war durchaus korrekt. Nur die Antwort muss ich korrigieren…
 

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