Tütken - Flucht vorm Ministerium - Des einen Freud, des anderen Leids

ahorn

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Band 1 Flucht über die Nordsee

Tütken


Flucht vorm Ministerium


Allein auf dem Eiland


Die ersten Tage, Wochen, Monate vergehen wie im Flug, wenn des Entdeckers Nase, Ohren Neues, Unbekanntes erspähen.
Jedoch allein ist sogar das Paradies der Hölle nah, und es wird Zeit, gen Horizont zu sehen.


Des einen Freud, des anderen Leids

Letzter Halt Hölle

Wie all die letzten Tage, Monate, Jahre, saß sie auf ihrer Pritsche und starrte die Wand ihrer Zelle an. Wenngleich sie die Wand nicht sah, wusste sie, dass sie da war, wie all die letzten Tage, Monate, Jahre.
Nachts war es am schlimmsten. Die Schreie aus den Nachbarzellen, die für sie noch schauerlicher klangen, soweit das spärliche Tageslicht, welches in ihre Zelle fiel, verschwand, schreckten sie auch nach all den Jahren hoch. An Schlaf war meistens nicht zu denken. Erst recht, wenn die Schließer Neuzugänge einwiesen, wie sie es nannten. An ihr ging damals diese Einweisung vorbei. Allerdings verlangten sie von ihr, dabei zu sein. Den Neuen die Hand zu halten, ihnen, wie sie es ihr befahlen, beizustehen.
Ihnen beizustehen, während man sie schlug, misshandelte. Dabei standen die weiblichen Schließer ihren männlichen mitnichten nach. Mit dem Unterschied, dass die Frauen ihren Schlagstock benutzen. Es waren Tiere.
Einmal hielt sie es nicht mehr aus. Sie schnappte sich den Schlagstock einer Wächterin, drosch so lange auf sie ein, bis diese blutüberströmt zu Boden ging. Zwei ihrer Kollegen lachten, machten sich über die auf dem Boden liegende lustig, während die anderen die Neue vergewaltigen. Seitdem war sie in Einzelhaft.
Ein Vorteil hatte für sie ihre Isolation. Sie brauchte ihren Zinkeimer mit keiner zu teilen.

Dennoch war seitdem ihr Leben kein Zuckerschlecken mehr, obwohl es dieses zuvor gleichfalls nicht war. Einmal die Woche oder Monat, was war für sie Zeit, besuchte sie die von ihr verprügelte Wächterin mit zwei ihrer Kollegen. Diese hörte mit ihren Schlägen ihren Tritten erst auf, wenn sie kurz vor der Bewusstlosigkeit auf dem Boden lag. Dann schleifte diese sie zum Arzt, wie er hieß, wusste sie nicht.
Alle nannten ihn nur Doc und er war wie sie weißer Hautfarbe. Beim ersten Mal war sie noch froher Hoffnung, einen Menschen an ihrer Seite zu wähnen, der keine Bestie war. Er pflegte ihre Wunden, gab ihr zu essen, ein Essen, mehr als ein schleimiger Brei, wies ihr ein Nachtlager zu. Ein Lager, ein richtiges Bett mit weicher Matratze und ein Kopfkissen zum Versinken. Am Abend ließ es seine Maske fallen. Er kroch zu ihr, befummelte sie, küsste sie, drang in sie ein, spritze in ihr ab.
Wenn es daneben ging, die Biologie ihren Tribut forderte, dann zelebrierte er selbst die Abtreibungen. Sie konnte es nicht zählen, wie oft sie den Gedanken hatte, sich das Leben zu nehmen. Aber diese genugtun wollte sie ihnen nicht überlassen.

Sie war nicht immer allein. Es war im ersten, im zweiten Jahr ihrer Isolation. Was war für sie Zeit? Sie saß, wie immer auf ihrer Pritsche starrte die Wand an, hörte das Schreien ihrer Mitgefangenen. Da vernahm sie, wie jemand ihre Zellentür aufschloss.
Wie sie ihr es beigebracht hatte, sprang sie auf, salutierte, nannte ihren Namen, der nicht der ihre war, rief ihre Nummer.
Allerdings zu ihrer Verwunderung trat nicht die Wärterin mit ihren Kollegen ein, sondern eine Fremde stolperte unter den Schlägen einer Wärterin in ihre Zelle. Viel sah sie nicht. Sie sah nachts nie viel.
Denn einzig eine Glühlampe erhellte den Gang vor ihrer Zelle. Die Wärterin befahl der Neuen, sich auf den Boden zu legen und still zu sein. Die Neue kam für sie mitnichten aus dem Land, in dem sie einsaß. Die Wärterin befahl auf Englisch.
Nachdem ihre Zellentür zugeschlagen war, die Finsternis sie wieder einfing, hörte sie nur ein Wimmer und Weinen, welches von Zeit zu Zeit die anderen Frauen mit ihren Schreien übertönten.
Erst am Morgen sah sie das Häufchen Elend. Ihre schwarzen Haare, die verfilzt über ihre Schultern hingen, hatte sie ihr noch nicht genommen. Ihr kindliches Gesicht war aufgequollen. Ihre Arme, ihre Beine von Hämatomen, Striemen überzogen. Nach mehrmaligen Fragen nannte sie ihr ihren Namen. Tita.

Gleich jedem Morgen schob eine Mitinsassin den Teller mit Brei unter dem Türflügel hindurch. Worauf Tita aufsprang und sich über dieses hermachte. Ihre Dreistigkeit verschlug ihr zuerst die Sprache, bevor sie Tita anpfiff, dass eine gewisse Hygiene sogar in einem Kerker einzuhalten wäre.
Sie zog sich aus, wusch sich, soweit dieses mit dem von ihrer Ration abgesparten Wasser möglich war, reichte danach Tita ihre Schüssel. Tita zerrte sich ihr Kleid über ihren Kopf.
Sie traute ihren Augen nicht, schlief sie, träumte sie. Vor ihr stand kein Mädchen, nicht einmal etwas Weibliches. Ein Junge, ein Jüngling wusch sein Gesicht, seine Hände und das, was ihn zum Jungen machte. Sie sprach ihn, nein, sie an, denn sie behauptete, ein Mädchen zu sein, bekam jedoch keine weitere Antwort.
Tita gab nie ein Wort von sich. Sie saß tagsüber zusammengekauert, still in einer Ecke und nachts weinte sie. Nach Tagen teilte sie mit Tita ihr Lager.
Es war zu zweit eng auf ihrer Pritsche. Aber allemal besser als in den anderen Zellen, in denen die Frauen zu dritt auf einer Liege kampierten, wenn sie überhaupt einen Platz ergatterten.

Eines Nachts, Tita war wie immer am Weinen, brach sie ihr Schweigen. Sie erzählte ihr eine Geschichte, die für sie absolut absurd war. Ihr war es klar, dass diese erlogen war. Ein Stricher war sie. Ein Stricher, der sich in Mädchengewänder hüllte, um die perversen Fantasien ihrer Freier zu erfüllen.
Nur den Rest von Titas Geschichte nahm sie für bare Münze. Dass sie bis zu ihrer Verhandlung in einem Männergefängnis eingesessen hatte und, dass der Richter ihr die Option ließ, entweder für drei Jahre in einem Männerknast oder für fünf Jahre in einem Frauenknast zu verweilen. Oder war es umgekehrt? Es spielte keine Rolle. Eins stand für sie fest, kein Jahr hätte Tita bei den Männern überlebt.
Sie päppelte Tita auf, nahm sie als ihre Tochter an. Wenngleich dieses aus rein biologischer Sicht sogar für sie unmöglich war. Was sie wunderte, war, dass Tita weder einen Bartwuchs noch, abgesehen von ihren Kopfhaaren, kein einziges Haar an ihrem Körper trug. Inwieweit sie in einem alter verweilte, indem dieses nicht sprießten, schloss sie aus. Kinder steckten nicht einmal diese Tiere in eine Zelle, jedenfalls ohne ihre Mütter.
Tita antwortete ihr bloß, sie hätte keine, wäre ein Mädchen. Mit welchen extremen Praktiken hatten sie Tita gefolterter?

Allerdings die Zweisamkeit, die sie genoss, verflüchtigte sich bald.
Ihre Lieblingswächterin stürmte in ihre Zelle, warf ein weißen Rüschenkleid sowie eine Bürste auf ihre Pritsche und befahl, sie solle Tita herrichten. Der Zoodirektor würde sie empfangen.
Sie hatte den Gefängnisdirektor nie zu Gesicht bekommen, kannte nur seinen Ruf, der genauso abartig war, wie alles in diesem Knast. In einem Gefängnis, in dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde. Wenn? Wenn sie nicht irgendjemand befreie. Dies gestand sie Tita, während sie ihr schwarzes Haar frisierte.
Nie hatte sie wieder etwas von Tita gehört. Tita war einfach weg. Sie erneut allein.

Sie starrte weiterhin auf ihre Zellenwand, zählte die Striche, die sie in an den ersten Tagen, Wochen, Monaten hinterlassen hatte, die Furchen. Sehen brauchte sie diese nicht. Sie hatte jene bereits unzählige Male gezählt.

Das Scheppern eines Schlüsselbundes an ihrer Zellentür ließ sie auffahren, das Zählen unterbrechen. Sie sprang auf, salutierte, nannte ihren Namen, der nicht der ihre war, zu dem sie dennoch ein Bild besaß, rief ihre Nummer. Die Zellentür schwang auf, doch niemand trat hinein.
Ein Zischen vernahm sie. Ein Zischen als rufe sie jemand. Mal etwas Neues dachte sie sich. Im Gang hatten sie nie verprügelt, halb totgeschlagen. Zumindest musste sie dann nicht ihr Blut vom Boden kratzen, nachdem sie Doc aus seinen Fängen entlassen hatte. Mit kurzen Schritten tapste sie zur Zellentür. Erneut erklang das Zischen, gefolgt von einem Flüstern: „Tita.“ Sie lugte um die Türlaibung herum.
„Tita.“ Der Name erklang aus dem Mund eines Wärters. Ein Wärter, dessen Gesicht sie nicht kannte. Sie kannte jedes, obwohl es ihr am Anfang schwerfiel, die dunkelhäutigen Gesichter voneinander zu unterscheiden.
„Tita“, flüsterte er erneut.
Sie überlegte zuerst, ob sie das Missverständnis aufklären solle, verwarf jedoch diesen Gedanken. Sie war eher froh darüber, dass Tita lebte. Sicherlich hatte sie sich danebenbenommen und man hatte sie gleichfalls in Einzelhaft gesteckt. Dort war sie zumindest zeitweise sicher.
„Tita, komm!“
Sie folgte ihm, ging an den Zellen ihrer Mitgefangenen vorbei, die so weit sie es sah, zu schlafen schienen. Denn keine Tür schirmte sie vor den Blicken der Wächter ab. Gitter trennte ihre Zellen vom Gang ab.

Er blieb, an dem Tisch mit dem Stuhl auf dem immer eine Wärterin, ein Wärter saß, stehen und befahl ihr: „Ziehe dich aus.“
Der Typ war wirklich neu. Derart naiv konnte keiner sein, dachte sie sich. Glaubte er etwa, dass allein seine Uniform ausreichte.
„Ein Bett mit weicher Matratze und ein Kissen zum Versinken ist das Mindeste.“ Sie klopfte auf den Tisch. „Das Ding wackelt schon beim Hinsehen. Da wirst du keine Freude haben, wenn du mich vögelst.“
Er schüttelte sich und flüsterte: „Ich bin doch nicht … und sei leise, wenn uns jemand hört“ und mit Nachdruck, „Ziehe dich endlich aus!“
Sie kniff ein Auge zu. Dann sollte er sie eben anglotzen, taten die anderen gleichfalls, wenn sie sich entkleidete, sobald die Hitze in ihrem Verlies unerträglich war. Sie zuerst das weiße ihrer Augen im Türschlitz erspähte, dann das Rücken von Stühlen hörte, bis ihre Zellentür aufschwang und sie sich füllte, als wäre sie im Theater. Gleich dieser Situation murmelte sie: „Anfassen kostet extra“, bevor sie sich ihr Kleid über den Kopf zerrte.
Er zuckte zurück und flüsterte: „Du bist eine Frau?“
Sie wandte ihren Kopf von ihm ab, lehnte sich zu ihm vor und kniff erneut, diesmal das Auge, das ihm am nächsten war, zu. „Was dachtest du? Hat dir niemand erzählt, dass du in einem Frauenknast arbeitest?“
Erst nachdem sie ihre eigenen Worte vernommen hatte, klickerte es bei ihr. Tita war ein Junge. Sie griff an ihren Schritt. „Geiles Sanatorium hier, echt die Wellnessoase und erst der Arzt eine Koryphäe seines Faches. Die machen alles, was du willst.“ Sie ging auf ihn zu, schaute zu ihm herauf, bis ihre Nase fast sein Kinn berührten. „Die Wärterinnen waren alles Männer, als sie hier anfingen.“
„Ist mir egal. Auftrag ist Auftrag.“ Er erfasste einen Beutel, der über der Rückenlehne des Stuhles baumelte, zog dieses herab und leerte dessen Inhalt auf den Tisch aus. „Zieh an!“

Sie schnappte sich die Jeans, stieg hinein und wunderte sich. Die Hose war weit geschnitten, dennoch hatte sie das Gefühl, diese schnüre sie ein. Außer einem Kleid trug sie seit Jahren nichts, nicht einmal, wenn sie bei Doc war. Wenngleich sie bei ihm nicht ihr graues Knastkleid, sondern ein leichtes Sommerkleid mit Blumenmotiven anhatte.
Nachdem sie das T-Shirt sich übergezogen hatte, zog er etwas aus seiner Gesäßtasche, überreichte ihr dieses. „Steck ein. Sicher ist sicher.“
Sie mussten ihn nicht fragen, was es war. Der Adler auf bordeauxrotem Grund verriet es ihr. Neugierig klappte sie den Reisepass auf. Ob das Licht im Gang zu fahl, oder ihre Augen durch die regelmäßigen Schläge an Sehschärfe verloren hatten, wusste sie nicht. Sie strengte sich an. Außer einem Namen vermochte sie nichts zu lesen oder zu erkennen. „Stephen Dohnhöfer?“, flüsterte sie. Der Name war ihr vollkommen unbekannt. War dies Titas Pass? Hieß sie Stephen?
Der Typ, der ihr gegenüberstand, sie anzuglotzen schien, war kein Wärter, eher ein Fluchthelfer. Tita beabsichtigte er herausholen, nicht sie. Der Dumpfbacke klarzumachen, dass sie nicht Tita war, dann herauszufinden, in welcher Zelle diese steckte, kostete sicher mehr Zeit, als sie hatten. Und dass er zwei mit herausnahm, schloss sie aus. Inwieweit sich Tita erkenntlich zeigen würde ihr, danach die Flucht zu ermöglichen, bei deren Geisteszustand für sie fragwürdig.
Sie zwinkerte ihm zu. „Es war ein Witz. Ich war eine Frau als ich hereinkam.“ Sie kniff ein Auge zu. Dieser Sachverhalt entsprach zwar der Wahrheit, allerdings widersprach es der Tatsche, dass Tita dieses nicht war.
Die hellste Leuchte schien der Typ nicht zu sein und damit er nicht zweifelte, schoss sie hinterher: „Investition verstehst?“, dabei strich sie mit ihrer Handkante über ihr Becken. „Nutten haben mehr Möglichkeiten, machen mehr Schotter als Stricher.“
„Es ist mir einerlei, weswegen du dir dein Schwanz abgetrennt hast. Wir müssen. Das Zeitfenster ist knapp.“
Kaum hatte er den Satz beendet, zog er sich seine Pullover aus, stülpte ihn diesen über. „Viel Busen hast du nicht, aber das sieht ein Blinder und mach das Maul nicht auf, sollte uns jemand entgegenkommen. Nur ich rede. Klar!“

Sie machten sich vom Acker, schlichen durch die Gänge, bis auf den Hof. Es war still, dunkel. Auf der anderen Seite erblickte sie den Wachturm, den Lichtkegel, der dessen Scheinwerfer in die Finsternis warf. Zu ihrem Glück jedoch nicht in ihre Richtung. Sie eilten über den Hof.
Sie waren beinahe am anderen Ende angelangt, da glitt der Lichtkegel über sie hinweg, fing sie ein. Der Atem stockte ihr. Ihr Begleiter legte, als wäre er ihr bester Kumpel seinen Arm um ihre Schulter, klopfte auf diese und wies mit der andern zurück. Dann winkte er den Wächtern zu, deutete auf sie und kreiste sodann mit einem Arm in der Luft. Der Lichtkegel schwenkte ab.
„Das wäre geschafft“, murmelte der Mann, dessen Name sie nicht kannte. Sie betraten ein Gebäude, in dem sie, seit ihrer Inhaftierung nie wieder gewesen war. Keine einzige Wache erspähte sie. Erneut betraten sie einen Hof, an dessen andere Seite sich ein Tor befand.
Das Tor befand. Das Tor zur Freiheit. Ein Wächter, wer er war, erkannte sie nicht, öffnete das Tor. Bloß, dass er weiblich war, erahnte sie, denn er trug Rock. Als sie dermaßen dicht an diese herankam, dass sie erfasste, stockte ihr erneut ihr Atem. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Es war ihre Lieblingswächterin. Ihr Befreier ging auf sie zu, überreichte ihr ein Kuvert, dessen Inhalt sie überprüfte. Sie nickte, worauf er ihr zuwinkte.
Ihr Herz raste, als sie die Wächterin passierte. In Atemnähe schaute sie ihre Schänderin ein letztes Mal an. Diese strich mit der Handkante an ihrer Kehle entlang und zischte: „Draußen. Draußen bekommen wir dich.“
Dann ging alles schnell. Er erfasste ihre Hand, zerrte sie zu einem Land Rover, öffnete die Beifahrertür und stieß sie hinein. Dann spurtete er zur Fahrerseite, sprang, gleichzeitig die Tür öffnend, auf den Fahrersitz startetet den Motor und presste das Gaspedal bis zu dessen Anschlag herab.



Flucht aus der Hölle

Mit jeder Meile, die sie sich von der Haftanstalt entfernten, atmete sie freier durch. Sie kurbelte das Beifahrerfenster hinunter, streckte ihren Kopf hinaus und ließ den Fahrtwind über ihr Gesicht gleiten. Freiheit.
Nachdem sie wieder ihren Kopf hereingezogen hatte, dachte sie nach. Sie dachte darüber nach, was sie gerade erlebt hatte. Sie war der Hölle entkommen. Der Hölle? Die Geste, die Worte, der Wärterin, dessen Name sie nicht kannte, die sie wie alle Wärter, ob männlich oder weiblich nur mit Sir angesprochen hatte, ließ Doc für sie in einem anderen Licht erscheinen.
Er war ein Schwein, ein widerliches Schwein, sogar grausamer als alle anderen. Dennoch hatte sie ihm ihr Leben zu verdanken. Nein. Er war kein Guter. Er war pervers aus Überzeugung, konnte als weißer Arzt hingehen, wo er wollte. Alle anderen waren die Gefangenen und es spielte für sie keine Rolle, auf welcher Seite der Gitterstäbe sie standen. In einem Land, in dem viele Analphabeten waren, an Hunger litten, von Bürgerkriegen und Machtkämpfen der Eliten gepeinigt, ihr Leben fristeten. Gewalt. Gewalt, erst recht an Frauen geduldet wurde. Sie waren alle die Opfer. Die wahren Schuldigen waren die Kolonialmächte, die diesen wunderschönen Kontinent ausgebeutet hatten. Immer noch taten. Aus ihren Machtzentren die Despoten unterstützten, diese an deren Macht hielten.

Sie wandte sich ihrem Fahrer zu. „Wie heißt du?“
Er zuckte mit seinen Achseln. „Du kannst mich Sam nennen. Viele nennen mich Sam, oder John, wenn du willst. Und du?“ Er schlug sich an seine Stirn und schmunzelte. „Tita. Klar.“
Sie überlegte, ob es an der Zeit wäre, das Missverständnis aufzuklären. Sie kniff ein Auge zu. Damit er sie herauswarf? Nein. Sie blieb dabei.
„Sam finde ich gut. Ich heiße wirklich Tita.“ Sie schwang ihren Kopf, während sie an den Pass dachte. „Alle nenne mich Tita. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, meinen Namen ändern zu lassen. Ich musste erst einmal Knete schaufeln. Weißt, so eine Operation kostete, hatte Schulden.“
„Weswegen saßest du ein?“
Sie überlegte, dachte an Tita.
„Ich soll einem Soldaten die Brieftasche geklaut haben. Hatte ich gar nicht nötig. In einer Woche habe ich mehr Knete gescheffelt, als ein Soldat in einem Monat verdient. Deswegen bin ich mit den südafrikanischen Truppen nach Lesotho. Truppenversorgung. Verstehst? Sauer verdientes Geld. Da hast du schon mal ein Dutzend Freier am Tag.“
„Das ist doch widerlich.“
„Das musst du als Mann gerade sagen. Du warst nie im Puff, wie, oder?“
Das Grummeln, welches er von sich gab, bestätigten ihr die Frage.
„Männer! Ihr wisst nicht, wie sich eine Frau dabei fühlt. Ihr steckt euren Schwanz hinein, spritz ab und seit der Ansicht mit euren Kröten etwas Gutes zu tun. Warum wichst ihr nicht einfach? Macht ist euer Antrieb, nicht mehr.“
„Aber?“
„Rede dich nicht aus. Ich weiß von was ich spreche. Immerhin war ich früher auf der anderen Seite.“
Es verlangte sie nach frischer Luft.

Nachdem sie wieder mal ihren Kopf in den Fahrtwind gesteckt hatte, wandte sie sich ihm erneut zu. „Halt an!“
„Du bist verrückt, vor der Grenze halte ich nicht.“
Das Wort Grenze hallte in ihr wider, als wäre es das Tor der Haftanstalt. Lesotho war eine Insel im Meer von Südafrika. Sie riss vor Schreck ihre Augen auf.
„Mache dir keine Sorgen, wir gehen über die grüne Grenze. Ich kenne mich aus.“
Die weitere Fahrt verbrachten sie schweigend, bis er irgendwann anhielt.
„Ich dachte wir halten nicht?“
„Schau heraus?“
„Es ist dunkel.“
„Das ist der Grund. Bis du schon einmal im Finstern über die Berge. Ich sage es dir, lasse es. Mache deine Augen zu. Ich passe auf dich auf.“

Das Rumpeln des Wagens ließ sie erwachen, sie sah, wie die Sonne über die Berge stieg. Sie den Anblick genoss. Dann? Dann sah sie einen Ort, welchen sie verdrängt hatte. Sie erblickte eine Schirmakazie, die mit ihren Partnerinnen eine Allee bildete. An deren Ende eine Bretterhütte stand, die kaum größer war als die Fläche einer Standardgarage. Sie sah den Mann, welcher hingestreckt, blutüberströmt auf dem Sofa lag. Eine Schrotflinte ergriffen.
Es war nicht der Mann, den sie aufsuchen wollte, für sie ein Fremder. Sie wollte feststellen, ob er noch lebte, legte deshalb die Schrotflinte beiseite. Sekunden später führte die Polizei sie ab.

Sam hielt an und seine Stimme holte sie aus ihrem Grübeln. „Steig aus! Ab jetzt geht es zu Fuß weiter.“
„Zu fuß?“
„Die südafrikanischen Truppe haben nach ihrem Rückzug die Piste zerstört.“
„Rückzug?“
„Woher sollst du das wissen. Du warst weg gesperrt. Die haben dich bestimmt vergessen.“
„Vergessen?“
„Wenn du einem Südafrikaner die Brieftasche gestohlen hast, dann …“
„Habe ich nicht.“
„Dir es zur Last gelegt wurde“. Er verdrehte seine Augen. „Glaubst du die hatten einen Knast dabei. Verstehst?“
Sie verstand nichts. Immerhin hatte sie die Geschichte, die sie ihm aufgebunden hatte, bloß mit der von Tita verknüpft.
Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Wenn ein Teil von Titas Bericht stimmte, dann war sie in Hoffnung, dass man sie holte. Sie hatte auf verrückt gespielt. Zu gut gespielt. Sogar sie war von Titas Spiel überzeugt gewesen. Dermaßen überzeugt, dass sie glaubte in dem Körper, der für sie eindeutig männlich war, die Seele einer Frau steckte.
Übelkeit überkam ihr. Wenn dieser Gefängnisdirektor nur halb so pervers war, wie Doc? Sie wollte sich das Szenario nicht ausmalen. Sie musste so schnell wie möglich zurück und, sie dachte wieder an den Reisepass, Stephen aus den Fängen des Zoodirektors befreien.
Sam klopfte an die Beifahrertür. „Steige endlich aus.“ Sie verließ den Wagen, sah sich um und starrte auf ihre nackten Füße. „Barfuß“
„Quatsch. Auf der Pritsche liegen ein Paar Turnschuh müssten dir passen.“

„Renn nicht so!“
„Ich gehe ganz normal.“
„Bewege dich in einer Zelle die kaum länger als eine Pritsche ist. Außer Yoga war da nicht viel drin.“
„Gut eine Minute, dann aber weiter. Wir haben es nicht mehr weit.“
„Sind wir schon in Südafrika?“
„Gefühlt sicher, aber darauf schwören, tue ich nicht.“
„Machst du das eigentlich öfters?“
„Was?“
„Frauen aus’m Knast holen?“
„Du bist meine Erste.“ Sam kicherte. „Du bist ja gar keine.“ Er kratze sich an seinem Kinn. „Obwohl nackt machst du schon was her. Zuwenig obenherum, aber“, er zupfte an ihrem Pullover, „eine …“
„Finger weg!“
Er zuckte mit seiner Schulter. „Ich meine. Ich habe noch nie … Ist da überhaupt genug Platz?“
„Bis jetzt hat sich keiner beschwert.“
„Du hattest noch nicht den Richtigen. Meiner braucht viel Platz“, zischte er und strich über ihre Wange.
„Finger weg, habe ich gesagt.“
„Keine Angst, bevor ich nicht mein Geld habe, fasse ich dich nicht an. Die Ware muss unbeschadet ankommen.“
„Ware?“
„Was sonst. Die einen Handeln mit Autos, die anderen mit Waffen, ich eben mit …“
„Menschen.“
„Problem damit?“
„Ich bin keine Ware.“
„Mir ist es egal, was die Kerle mit dir anstellen. Ich krieg meine Kohle, damit basta. Vielleicht sind das die Typen den du noch etwas Schuldest. Vielleicht sollst du es abarbeiten. Mir doch egal.“ Er drohte. „Komm nicht auf die Idee abzuhauen. Ich bin schneller.“

Steine polterten den Abhang über ihnen herab und schlugen neben ihren Füßen auf dem Trampelpfad auf.
Sie blickte hinauf.
„Halt stehenbleiben.“
Ihr rutsche das Herz in ihre Hose, als sie die beiden Uniformierten sah. Geschickt wie Bergziegen sprangen, rutschen die beiden ihre Gewehre am Anschlag den Geröllhang hinab.
Sam erhob seine Arme und flüsterte ihr zu: „Wir haben Glück, es sind Südafrikaner. Ich rede, du nimmst deine Arme hoch. Kein Mucks, verstehst.“
Seine Arme senkend, schritt er ihnen entgegen.
Sie verstand kein Wort und dies lag nicht allein daran, dass sie leise sprachen. Sesotho hatte sie im Knast gelernt. Zumindest die Wörter, die dort wichtig waren. Es klang ähnlich, jedoch ganze Sätze verstand sie sowieso nicht.
Einer der beiden kam auf sie zu.
„Tourist?“
„Yes.“
„Passport.“
Sie übergab ihn den Pass von Stephen Dohnhöfer, Titas von dem sie ausging.
„Deutsch.“ Der Grenzer schmunzelte. „Mein Deutsch seien nicht gut.“
Sie griente, sie blinzelte ihm zu und versuchte, mit für sie möglichst tiefer Stimme, ihn in ein Gespräch zu zwingen. „Sie sprechen gut Deutsch, wo haben sie es gelernt.“
„Where is your visa?“
„Sorry it's in my hotel.“
„Where?“
„My Hotel.“
„Where is your hotel?“
„Durban“, hörte sie Sams Stimme, der mittlerweile mit dem anderen Grenzer plaudernd an sie herangetreten war.
Der Grenzer, der sie fragte, hielt ihr den Pass entgegen. „Nicht gut, musst immer dabeihaben. Bundesgrenzschutz Hannover.“
Sie kniff ein Auge zu, runzelte ihre Stirn.„Hannover?“
„Haben nicht nur gelernt deutsch Gründlichkeit, sondern sprach für Freundin. Haben du Freundin?“
„Ja.“
„Deutsch Frauen gut wissen, was wollen.“
„Du vermisst sie?“
„No. Sehen jedes Wochenend. Arbeit in Krankenhaus in Durban. Seien Doc. Seien gekommen für mir.“ Er stieß sie an und lachte. „Deutsch Frauen wissen, was haben an uns. Haben mehr.“
Er presste ihr den Pass gegen die Brust. „Zu Hause du gehen Amt, verlängern Pass. Laufen ab. Dann du kommen zurück und ich zeigen dir.“
Sie schluckte. Hatte er sie enttarnt.
„Wie?“
„Nehmen uns Frauen. Wer langer kann, der besser.“
„Kommt darauf an.“
„Du glauben ich betruge.“
„Nein, nein.“
„Ich laden dich ein. Freundin entscheiden wer besser. Wirst sehen ich gewinnen.“
Der zweite Uniformierte, der sich wieder mit Sam abgewandt hatte, rief den andern herbei.
Dieser hob seine Hand zum Gruß und sprach: „So long, Stephen. Wir uns sehen. Du fragen nach Siyabonga. Hier alle mich kennen.“



Nur die Zukunft zählt

Sie sah den beiden nach, atmete tief ein, während Sam an sie herantrat.
„Ich habe dir gesagt, du sollst deine Schnauze halten. Worüber habt ihr euch unterhalten? Ich habe kein Wort verstanden.“
„Siyabonga ist nett, spricht gut deutsch.“
„Hast du mit ihm geflirtet?“
„Nee.“
„Was sonst.“
„Männergeschichten eben.“ Sie griente. „Über Frauen.“
Sie kniff ein Auge zu. Ein komisches Weltbild hatten sie. Gastfreundschaftlich eben, aber dem Gast die eigene Freundin für einen Wettstreit anzubieten? Dies ging ihr sogar zu weit.
Sie schritten weiter bergab.
Sam deutete in die Richtung, in welcher der Weg weiterführte. „Wir haben es nicht mehr weit. Hinter der Biegung steht mein Wagen.“
Wenngleich es den ganzen Weg eher trotzlos aussah, wurde es nach ihrer Ansicht nicht viel besser, eher grauenvoller. Für sie unzählige verkohlte Bäume standen am Weg, am Hang. Bloß spärliches Grün, ein paar vereinzelte Büsche zeigten ihr auf, dass Leben im Boden steckte.
„Was ist denn hier passiert?“
„Buschfeuer. Eigentlich nichts Außergewöhnliches bei uns, aber dieses war als würde Gott den jüngsten Tag einläuten. Seitdem dürre. Hier war alles Grün. Irgendwann kommt es zurück. Was der Herr nimmt, gibt er wieder.“
„Woher weißt du das?“
„Aus der Bibel.“
Sie verdrehte ihre Augen. „Was geschehen ist.“
„Ich komme von hier. Es kam derart plötzlich.“
„Was?“
„Das Feuer.“ Er wies in die Ferne. „Da unten, du kannst es nicht von hier sehen, war eine Mission, gleich neben unserem Dorf. Alles weg, verbrannt. Die Mission haben die Nonne ein paar Kilometer weiter wiederaufgebaut, aber für uns war kein Geld übrig. Nachdem wir die Toten bestattet hatten, mussten wir das zusammenkratzen, was uns geblieben war.“
Tami-Antonias Geburt in der Mission
Übelkeit kam in ihr auf, Schmerz, Sehnsucht.
„Weiter hinten, wir fahren nachher fast vorbei, war eine Buschklink. Alles weg. Alle tot.“
Sie blieb stehen, er stoppte. Sie sah in sein Gesicht. Eine Träne rann aus seinem Auge. „Meine Schwester war an diesem Tag in der Klinik, sie war schwanger. Alle tot.“
Sam räusperte sich, trat näher an den Abhang heran, der steil nach unten führte, lehnte sich vor. „Ja, hier war es. Er liegt noch dort.“
„Wer?“
„Sei vorsichtig, nicht das du abstürzt. Ein Geländewagen, die Piste ist wie früher, nur niemand benutz sie mehr, hat bestimmt die Kurve nicht gekriegt und ist herabgestürzt. Wollten wohl vom Feuer fliehen, aber der Rauch nimmt einem die Sicht. Alle tot.“
Sich an den Abhang herantastend, beugte sie sich vor, schaute hinab. Sie sah den Wagen und nicht nur den.
„Was ist das ein paar Meter weiter?“
Sam lehnte sich erneut vor. „Sieht aus wie ein Motorrad.“ Er zuckte mit seinen Schultern. „Komm, wir müssen weiter. Lassen wir die Toten ruhen. Vergangenheit ist Vergangenheit. Die Zukunft ist einzig, was zählt.“

Ob die Enge des Kleinwagens sie erdrückte, ihr Angst machte oder das Wort Ware, mit dem Sam sie bezeichnet hatte, wusste sie nicht. Sie ahnte eins, dieses war ihr immer bewusst, dass Stephens, oder Tita wie er sich nannte, Geschichte erlogen war. Diese war zu abstrus, verrückt. Er verbarg ein Geheimnis, dieses stand für sie fest. Welches?
Er war Deutscher, der Pass bewies ihr dies. Wie alt war er? Am liebsten hätte sie den Pass gezückt, nachgesehen. Es wäre zu auffällig in ihrer Situation. Wer musterte seinen eigenen Pass?
Ein Stricher war er nicht. Wer befreite einen Stricher aus dem Knast? Dass Stephen bei seiner Festnahme ein Kleid getragen hat, stand für sie fest, alles andere, das folgte, machte sonst keinen Sinn.
Warum? Flucht. Hatte er irgendetwas gesehen, Informationen, die irgendjemanden derart viel wert waren? Das Motorrad, die nahe Grenze? Als Mädchen verkleidet die Flucht antreten. Weg, nur weg, egal wohin. Bei diesem Gedanken machte sogar die Brieftasche für sie einen Sinn. Sein Motorrad fahruntüchtig, ohne Geld in einem für ihn fremden Land. Die Soldaten hatten sich bestimmt, der Ansicht war sie, nur einen Spaß erlaubt.
Ein weißer Junge in einem Kleid in einem jahrzehntelang unter der Apartheid gequälten Land. Sie gingen sicher davon aus, dass seine für sie reichen, überheblichen Eltern ihn auslösten. Auslöse? Alle warteten darauf, dass seine Eltern sich meldeten, oder er sagte, wer er war.
Er tat es nicht, nahm dafür die Haft in Kauf. Drei, fünf Jahre seines Lebens opferte er. Alternative? Der frühe Tod. Kein lieber Onkel war hinter ihm her. Ganoven, Mafia all jene Menschen, die lieber einen Geheimnisträger tot sahen, als diesem am Leben zu wissen.

Einerlei, wie sie es drehte, niemand bezahlte für einen Ausbruch ohne Gegenleistung. Dieses war ihr in diesem Augenblick bewusst, sie war die Gegenleistung, denn sie hatte zugegeben, Tita zu sein.
Ihr kam der Spruch “Vom Regen in die Traufe“ in Sinn, obgleich Traufe in ihrem Fall ihr eher sehr harmlos vorkam. „Von der Hölle in den Tod“, flüsterte sie und in normaler Lautstärke an Sam gewandt: „Wo fahren wir eigentlich hin?“
„Durban, habe ich doch gesagt.“
Während Sam weiterfuhr, zog sie sich den Pullover aus und grübelte dabei nach, wie sie ihm entkommen konnte. Solange sie über freies Land fuhren, auszusteigen als Option für sie eher tödlich. Als sie das erste Dorf passierten, dachte sie darüber nach, auszusteigen, jedoch in ihrer miserablen körperlichen Verfassung hätte er sie zügig gefangen.
Die einzige Chance, die sie für sich sah, war bis Durban auszuhalten, an einer Ampel aus dem Wagen zu fliehen, um sich dann im Gewühl der Großstadt zu verstecken.

Dieses Ziel nahm er ihr jedoch, bevor sie Durban erreichten. Er verriegelte die Tür, quetschte eine Tasche zwischen Handbremshebel sowie Schalter und begründete sein Werk damit, dass in Durban Halunken die Tür öffneten, um die Insassen zu überfallen.
Durban war eine quirlige Metropole zwischen hipp und traditionell. Sie vereinigte das vitale Leben einer afrikanischen Stadt mit dem biederen Charme einer englischen Kleinstadt, versetzt mit dem rastlosen Treiben und Leben eines Wassersporthotspots wie Waikiki, nur eben kleiner.
Sie kannte keine andere Stadt in Südafrika. Wie gern hätte sie Kapstadt besucht, vom Tafelberg auf den Ozean geblickt. Die Tiere Südafrikas kannte sie. Allerdings war diese Zeit fernerer Vergangenheit, als ihr letzter Aufenthalt in Durban.
„Wo fahren wir hin?“
„Ins Hotel.“
„Klar, wohin sonst.“
Entgegen ihrer Annahme, dass er ein Hotel direkt in der City in der Nähe des Hafens ansteuerte, bog er links ab und lenkte den Fiat stadtauswärts. Sie überquerten den Mngeni River, fuhren zum Meer. Sie kniff ein Auge zu. Dann war es eben ein Strandhotel. Auch an diesen sauste er achtlos vorbei.
Immerhin konnte sie das Meer sehen, auf den Indischen Ozean blickten. Whalewatching wäre auch etwas, dachte sie sich, als er sie ansprach.
Ob das Fahrgeräusch, er bewusst leiser weiter sprach, oder einfach sein Englisch, welches sie für exzellent hielt, trotzdem öfters holperte, war, wollte, konnte sie nicht ergründen. Der Gedanke daran, dass er nach seinem „Sea“ etwas aussprach, bereitet ihr Angst.
Diese Ergänzung machte den Unterschied zwischen „Du kannst das Meer sehen“ gefolgt von einem gebrummelten Fluch des Verkehrs wegen, „Du kannst das Meer noch einmal sehen“ und, dies erfüllte sie mit Angst, „Du kannst das Meer ein letztes Mal sehen“ aus.

Ein Hinweisschild zeigte ihr auf, dass sie Umhlanga ansteuerten. Nach ein paar weiteren Fahrminuten fuhr er von der Küstenstraße ab, steuerte ein mehrgeschossiges Gebäude an, welches nach ihrer Annahme sicher kein Bürokomplex, sondern ein Hotel war.
Er fuhr an ein Portal vor, hielt, woraufhin sofort zwei Uniformierte auf den Wagen zustürmten. Entgegen ihrer Gepflogenheit zuckte sie nicht zusammen, sondern erlaubte den einen der Herren die Beifahrertür zu öffnen und ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Wenngleich sein Gesichtsausdruck ihr anzeigte, dass er alles andere als erquickt war, ihr die Hand zu reichen.
Der Wagen fuhr ohne Sam fort, dafür warf er ihr den Pullover zu. „Ziehe über.“
„Bei der Wärme?“
„Mache, was ich sage“, befahl er und schritt voran.
Allein die Noblesse des Eingangsbereichs raubte ihr die Sinne. Sie dachte nicht einmal daran zu fliehen, obgleich die Gelegenheit ideal war.
„Nobel geht die Welt zugrunde“, flüsterte sie, dachte daran, dass für sie, vor Stunden eine klapprige Wellblechhütte mit offener Tür, einem Bett mit weicher Matratze und einem Kissen zum Versinken, der größte Luxus war, den sie sich vorstellen konnte.
Sam packte sie am Unterarm und zerrte sie über den mit Marmor bedeckten Boden zum Empfang, dessen bordeauxfarbener Tresen mit Gold umfasst war.
„Bitte?“, sprach ein Herr in feinem Zwirn Sam an.
„Mister Semyonov.“
Der Herr runzelte seine Stirn. „Mister?“ Nachdem sich sein Gesicht entspannt hatte, setzte er fort: „Semyonov. Wen kann ich melden?“
„John.“
„John?“
„John.“
„Wie weiter?“
„John. Mister John.“
„Sorry.“ Der Herr lehnte sich vor und für sie hatte es den Anschein, als würde dieser sie nicht allein mustern, sondern röntgen.
„Und?“
Sam wandte sich zuerst ihr, dann erneut dem Herren zu. „Spielt keine Rolle.“
„Sie können gleich hier warten. Sie werden mit Sicherheit abgeholt.“
Während sie warteten, prüfte sie die Lage, sondierte ihre Fluchtmöglichkeiten. Unterbrochen wurde ihre Erkundung bloß durch ein junges Mädchen, das gekleidet in einem bordeauxfarbenen Kostüm, ihren Kopf stolz erhoben, eine Etagere direkt an ihrer Nase vorbeiführte.
Die Etagere bestückt mit Scones sowie Gurkensandwich zeigten ihr nicht nur an, dass die Teetime anstand, sondern sie durch ihre Flucht ihren morgendlichen Brei verpasst hatte.
Worauf ihr Magen, welcher sich seit Jahren an karge Kost gewöhnt hatte, dennoch ihr eine gewisse Begierde anzeigte. Eine Begierde, dessen Umsetzung ihr im Knast mindestens zwei Tage ohne feste Nahrung eingebracht hätte.
Sie griff zu und bevor die junge Frau realisieren konnte, was geschehen war, füllte sich ihr Magen, und ein Grinsen zierte ihr Gesicht.

„Mister John, das seien Lieferung?“
Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer gemeint war. Sie tat es trotzdem. Ein Kerl, der Sam um einen Kopf übertraf, schob jenen beiseite, strich über seine tiefschwarze Anzugjacke, als hätte er Sam berührt und müsse den Staub abfegen, und nahm seine Sonnenbrille ab. „Du Tita?“
Sie wandte sich nach links, nach rechts, nach oben nach unten. „Siehst du noch wen?“
„Ich dir glauben?“
Sam klopfte dem Hünen auf die Schulter. „Money.“
Dieser blickte auf Sam herab. „I check good.“
„You don’t need to check. I’m a pro, of course.“
Worauf der Hüne sich erneut an sie wandte. „Du seien aus Knast fur Frauen.“
„Sommerfrische.“
„Sommer ...“
„Ja.“
Erst nach ihrem „Ja“ und einem heruntergeschluckten „Dumpfbacke“ wurde ihr gewahr, dass der Große mit Sam auf Englisch und mit ihr sich auf Deutsch unterhielt. Wenngleich sich sein Akzent osteuropäisch anhörte, keimte bei ihr die Hoffnung auf, dass dessen Boss aus Deutschland oder zumindest deutscher Herkunft war.
Er griff in seine Jacketttasche, zog einen Kuvert heraus und übergab diesen Sam. „Here your Money.“
Sam zählte nach, grüßte, indem er seinen rechten Zeigefinger an seine Schläfe hielt und grummelte eher, als dass er dies mit Freude aussprach: „It’s always fun doing business with the right people“. Dann verschwand er aus ihrem Sichtfeld.
Im Knast hatte sie gelernt, inwiefern Angriff die beste Verteidigung war. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen, reckte sich, streckte ihre Brust hervor, was ihr anatomisch bedingt gut gelang, stemmte ihre Fäuste in ihre Taille und knurrte, zumindest versuchte sie ein gewisses Knurren in ihre Stimme zu legen: „Kleiner bring mich endlich zu deinem Boss, wir müssen verhandeln.“

Als Antwort setzte er sich seine Sonnenbrille auf, ergriff ihren Oberarm und zerrte sie zu den Aufzügen. Dort angekommen stieß er sie in eine freie Kabine, gesellte sich zu ihr und drückte den obersten Knopf.
Sie kniff ein Auge zu. Vielleicht hatte sie ein wenig übertrieben. Jedenfalls hatte er einen Griff, da wären ihre Wächter neidisch gewesen und sie freute sich bereits auf das Hämatom wenn ... ja, wenn sie dieses noch erlebte.
Starr, wie eine Statue stand er neben ihr, während eine Fahrstuhlmusik in ihr Ohr säuselte, bis seine Stimme diese übertönte.
„Du stinken.“
„Tut mir leid, aber die Lavendelseife war in meinem Wellnesshotel leider aus.“
„Schwuchteln stinken immer. Schwuchteln mit Titten stinken mehr. Mann haben Muskeln nicht Titten.“
Sie schwankte. Sie hatte es nicht nur mit ihrer Ansprache, sondern gleichfalls mit dem Brustherausstrecken übertrieben. Allerdings, als sie sich diesen muskelbepackten Hünen genauer betrachtete, kam bei ihr ein gewisser Zweifel auf, wer von ihnen die größere Körbchengröße bräuchte. Zugegeben, sollte es dazu kommen, dass, obwohl sie die Dinger hasste, sie sich einen Büstenhalter überziehen konnte. Zumindest war sie dann am Leben. Tote Frauen benötigten keinen Halt. Denn diesen gab ihr, nachdem der Aufzug hielt, die Türen auffuhren, der Berserker an ihrer Seite, in dem er ihren andern Oberarm quetschte.

Zu ihrem Glück ließ er den Druck ein wenig nach. Scheinbar bekam er mit, dass sie bereitwillig folgte.
Am Ende eines tageslichtdurchfluteten Ganges blieb er an einer Tür stehen, an der nach ihrer Ansicht sein Zwillingsbruder wachte. Jener öffnete die Tür, worauf ihr Hüne sie in eine Suite führte und ihr befahl, an Ort und Stelle stehenzubleiben.
Sie gehorchte ihm. Eine andere Wahl hatte sie kaum. Daher beobachtete sie, wie er durch das Wohnzimmer schritt. Jedenfalls nahm sie dieses an, ein Bett erspähte sie nicht.
Er verließ das Wohnzimmer gen Dachterrasse, dann sprach er mit jemanden. Auch dieses nahm sie bloß an, denn sie ging davon aus, dass er sich nicht mit einer mit Blumen dekorierten Trennwand unterhielt, obwohl nach ihrer Ansicht sein Intellekt dieses zuließ.

Ihr neuer Freund winkte sie heran, worauf sie sich mit kurzen ertastenden Schritten auf den Weg begab, während er, seine Zähne fletschend, ihr entgegenkam.
Einerseits zeigte diese seine Gebärde ihr, dass das Ergebnis der Unterhaltung für sie augenscheinlich nicht in seinem Sinne ausgefallen war, anderseits ihr Überleben sich zumindest um ein paar Stunden verlängerte.
Denn es war für sie nicht auszuschließen, dass, wie sie dieses, so weit sie sich entsann, aus Mafiakrimis kannte, der Boss ihr höchstpersönlich ihr Todesurteil unterbreitete.
Sie trat an die Trennwand heran, atmete ein letztes Mal ein, um sich mit einen resoluten Schritt ihrem Schicksal zwar nicht zu ergeben, jedoch diesem mit erhobenem Haupt entgegenzustellen.
Ein wallender Vorhang aus taillenlangen, tiefschwarzen Haaren, in dem die nachmittägliche Sonne funkelte, empfing sie. Dann ein Gesicht, ein Mund, über dessen vollen purpurroten Lippen einzig ein Wort, mit Freude unterlegt, glitt.
„Klara.“
„Tita?“



Wasser bis zum Hals
Josephine umfasste ihr Genick, warf zuerst ihr taillenlanges rabenschwarzes Haar über ihre Schulter, danach hielt sie Fridolin ihre Hand hin. „Komm! Ich helfe dir.“
Er nahm das Angebot mit Dank an, stellte sich auf seine Füße, sein Oberkörper schwankte, benommen von der Betäubung suchte er sein Gleichgewicht.
Allerdings der Druck auf seine Zehen verwunderte ihn. Er sah auf den mit zerbrochenen graublauen Fliesen bedeckten Boden. Die Finger seiner Linken hoben den Saum eines violett-schwarz karierten Faltenrocks. Seine Rechten berührten die weiße Knopfleiste eines schwarzen Blazers. Der Blick auf sein nach hinten abgewinkeltes Bein erklärte ihm die wirkliche Ursache seines Schwankens, des Drucks. Seine Waden, seine Knie waren fest geschnürt in tiefschwarzen, blickdichten Overkneestrümpfen. Sein Fuß steckte in einem violetten Pumps, dessen Absatz seiner Trägerin gar auf ebener Oberfläche das Gehen erschwerte.
Den Befehl zum Senden des Faltens seiner Stirn, zum Zusammenziehen seiner Augenbrauen vernahm er, einzig dessen Ausführung spürte er nicht. Er hob seine Schultern.
Josephine richtete seine violett-schwarz karierte Krawatte. „Stehst du nicht mehr auf Schulmädchenuniform?“
Das Letzte, was sein Gedächtnis hergab, war, dass drei maskierte Männer ihn gepackt hatten. Er schüttelte seinen Kopf, ohne ihn zu bewegen. Seit wann haben Burschen Brüste? Oder? Aber, dass drei Frauen ihn aus dem Transporter gezerrt hatten, welcher ihn zu seiner neuen Haftanstalt bringen sollte, schien eher eine Choreografie eines miserablen Hollywoodstreifens. Cut! Filmriss.

Josephine stolzierte um ihn herum, strich ihren mausgrauen Nadelstreifenrock glatt und presste ihre rechte Hand auf ihren Rücken.
Sie hatte sein Blickfeld verlassen, da spürte er einen Schmerz auf seinen Pobacken. Die Ursache erspähte er, bevor das Leiden abklang.
Sie streichelte eine Gerte und krähte: „Böses Mädchen!“, während sie ihr Haar über ihre Schultern schleuderte, nach oben zu sehen schien, als erwarte sie Applaus. „Schade. Wir haben keinen Spiegel für unser Mädchen.“
Er folgte ihrem Blick. Die an der Decke befestigte Holzpaneele hing in Fetzen hinab. Einzelne Bretter baumelten von der Gebäudedecke, berührten den Fußboden. Wenngleich er es nur vermutete. Denn sehen konnte er den Boden nicht. Er stand in der Mitte eines volleyballfeldgroßem, mannshohen Schwimmbadbeckens.
„Böses Mädchen!“
Er biss die Zähne zusammen.
Sie schlug mit dem ledernen Ende der Gerte auf ihre hohle Hand. „War bestimmt nicht deine Schuld, dass die Idioten am Flughafen“, sie schnalzte, „die Kisten verwechselt haben. Ärger habe ich bekommen. Böses Mädchen!“
Seine Pobacken zuckten.
„Stand dumm da ohne Alina. Nach wie vor war nicht deine Schuld.“
Diesmal traf ihn der Schlag ohne Warnzeichen, dafür mit einer Intensität, die, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, Tränen in seine Augen getrieben hätte. Unkontrolliert zog er seinen linken Fuß zur Seite, aber er kam nicht weit, strauchelte. Sein Knöchel zerrte an einer im Boden verankerten Fußfessel und er schrie: „Was soll das?“
Eine Strieme mehr gab sie ihm zur Antwort.

„Warte ich habe eine Idee“. Sie kramte in ihrer schwarzen Handtasche, holte einen Kosmetikspiegel heraus. „In deiner ganzen Eleganz siehst du dich nicht, aber es wird reichen, damit du begreifst, inwieweit wir für dich keine Kosten, keine Mühen gespart haben, um vermutlich deinen Letzten, dennoch größten Wunsch zu erfüllen.“
Sie hielt ihm den Spiegel vor die Nase. „Prächtig. Oder? Was ein bisschen Schminke und Botox Feenhaftes, Anmutiges zaubern kann.“
Er strich über seine mit Rouge gefärbte Wange.
„Na ja, wie vierzehn ziehst du ehrlich nicht aus, aber auf Anfang zwanzig würde dich jeder Unbefangene schätzen.“
Fridolin spreizte seine Finger.
„Gefallen sie dir. Sind definitiv nicht echt, aber eine Getränkedose solltest du vermeiden aufzumachen. Könnten abbrechen.“ Sie zupfte an ihren korallenrot lackierten Fingernägeln. „Ich für mein Teil stehe eher auf kurz. Das ist praktischer, dennoch sexy, wenn diese passend in Form gebracht sind. Versteht sich.“ Sie hob ihren Kopf. „Oder gefällt dir das Schwedenrot nicht. Ändern wir. Wir haben Zeit.“
Brachte es irgendetwas, sie anzuschreien, grübelte er. Den Hass, den er ihr gegenüber empfand, an den Kopf zu werfen. Mitnichten. Nur ein Gesäß, welches schmerzte. Er kannte sie zu gut. Sie würde ihn alles ohne eine Frage erzählen, ihm ihre Dominanz, er schmunzelte, ihre Arroganz aufzeigen.
Erneut klatschte die Gerte. „Und?“
Seine Zähne vor Schmerz gepresst, zischte er: „Violett, passt besser zum Rock.“
Josephine trommelte gegen ihre Ohrmuschel. „Bitte, ich verstehe dich nicht. Eine Dame spricht leise, dennoch deutlich und bittet“, verlangte sie, derweil sich die Spitze ihrer Gerte, derart kam es ihm vor, in sein Kinn bohrte.
Er stotterte: „Violett, Violett könnte mir gefallen“, dabei blickte er in ihre kalten, unmenschlichen Augen, „gnädige Frau.“
„Musst du wissen, immerhin hast du von Mode mehr Ahnung.“
Dieses von einer Frau zu hören, trieb ihm weder die Schamröte ins Gesicht noch scholl ihm die Brust. Er hatte es gelernt. Es war vor für ihn gefühlten hundert Jahren seine Passion. Er hatte Mode-Design studiert. Wenn die Situation, in der er verweilte, in der er aus seiner Sicht gefangen war, nicht derart real für ihn war, hätte er gelacht. Wahrlich nicht über diese selbst. Es war für ihn nicht prickelnd, gefesselt auf dem Grund eines zu seinem Glück leeren Schwimmbecken zu stehen, sondern, dass er sich an sein Studium erinnerte. Mehr noch. An den Tag, an dem er seinem Vater den Entschluss verkündet hatte, sowie erst recht wie, oder besser gesagt, in was.
Er schmiss sein Betriebswirtschaftsstudium hin, woraufhin sein alter Herr seine finanzielle Stütze kürzte. Um seinen Lebenswandel auf einem für ihn gewohnten Level zu halten, sah er sich gezwungen, sein Können, bereits im Studium anzuwenden. Mit einer Kommilitonin gründete er ein Label. Sie hatte zwar mehr Gespür, eine Frau eben, jedoch war er bereits damals geschäftstüchtiger.
Sie war zu schüchtern, um Verhandlungen mit Investoren zu führen. Das Ergebnis lag auf der Hand. Er übernahm den Posten des Geschäftsführers und sie war kreativ. Dieses Erlebnis prägte ihn, bewies ihm, dass es grandios war, ein Mann zu sein.
Ihre Firma wurde geschluckt, jene später gleichfalls und so weiter. Und er? Er stieg auf.

Josephines Fingerkuppen glitten über ihr Spielzeug. „Ich merke, wir verstehen uns weiterhin. Aber dass du mich den Bullen ausliefern wolltest?“ Sie drückte die Gerte voller Hingabe gegen sein Kinn. „Du bist zu naiv. Denkst wie ein Kerl. Welche Frau kontrolliert nicht ihr Gepäck. Dabei hatte ich lange vor dir geplant, dich hinter Gitter zu bringen. Du hattest deine Schuldigkeit getan. Hast mich erst auf den Gedanken gebracht, wie ich dich beiseite schaffen kann.“ Die Spitze der Gerte glitt über seinen Oberkörper, bis an seinen Schritt. „Du hättest deine himbeerroten Pumps nicht bei mir vergessen dürfen. Mir passten sie nicht. Stephen“, sie presste die Gerte gegen seine Genitalien, „ich nenne sie der Einfachheit halber bei diesem Namen, waren sie zu groß. Da blieb nur einer, der je die Wohnung betreten hatte. Der Mieter. Du! Süße, wir haben fast die gleichen Körpermaße, dieselbe Konfektionsgröße.“ Sie strich über seinen Oberkörper. „Na ja, mehr Busen habe ich. Pardon! Ich will dich nicht in Verlegenheit bringen, mir zu widersprechen. Hatte ich.“
Josephine trat einen Schritt zurück, stöckelte um ihn herum.
„Es tut mir nur um diesen Günter leid. Gut gefickt hat er mich“, ihr Lachen hallte an den gefliesten Wänden wieder, „für sein Alter. Wir Frauen sollten nicht immer mit den Wimpern klimpern.“ Sie klopfte an ihre Stirn. „Pardon! Es war ja ein Haar deiner Braue, die ich ihm auf die Lippe drapiert habe. Kann dir jetzt nicht mehr passieren.“ Ihr Fingernagel tippte auf seine Augenbraue. „Perfekt gezupft.“
Sie baute sich vor ihm auf, spreizte die Beine, soweit es ihr enger Rock zuließ.
„Jetzt kommen wir mal zum Geschäft. Dein Leben gegen den Aufenthaltsort von Jannette.“
„Wer ist Jannette?“, fragte er, zugleich den Schmerz erwartend.
Sie spitzte ihre Lippen und wetterte: „Du kennst Jannette nicht“, dabei strich sie über ihre Unterlippen. „Wie soll ich dich ansprechen? Frieda. Ich nenne dich Frieda.“ Sie erhob die Gerte. „Frieda.“
„Die einzige Jannette, die ich kenne, war ein Gehirngespinst von Gertrud.“
„Wie fickt man einen Geist?“, grollte Josephine. „Okay! Ich habe mich geirrt. Ich dachte, die Tanja wäre Stephen gewesen und Stephen Klara.“
Fridolin strich über sein gequältes Gesäß. Betäubte ihn derart der Schmerz oder war sie noch verrückter, als er es sich ausmalen konnte. Jedenfalls verstand er nur Bahnhof.

Ein Schatten fiel auf die rechte Wand des Schwimmbeckens. Eine Frau mit langem blondem Haar, deren Oberkörper in eine luftige, weiße, mit Blumen bedruckte Bluse gehüllt war, blieb am Rand des Beckens stehen. Sie raffte ihren Jeansrock, stieg eine Leiter herab, bevor sie auf ihren nackten Füßen auf Josephine zuging, hüpfte. Bei jedem Sprung schlug ihr Pferdeschwanz wie das Pendel einer Glocke aus.
„Wenn man vom Teufel spricht“, hauchte Josephine, umarmte sie, küsste sie innig.
„Tanja?“, gurgelte Fridolin.
Sie geiferte: „Ich bin Klara, du Idiot“, sodann legte sie ihren Arm um Josephines Taille, „Hat er geplaudert? Schatz!“
„Wir sind am Anfang.“
Klara löste die Umarmung, dafür strich sie mit ihren Fingernägeln über seinen Blazer. „Aber süß sieht er aus.“
„Frieda habe ich sie getauft.“
„Frieda? Nee! Da denk ich an eine alte Oma mit Dutt. Ich“, sie leckte über ihre lachsroten Lippen, „finde Fina schöner. Der Name hat irgendetwas von einer Jungfrau an sich.“ Klara schritt um Friedolin herum. „Eigentlich ist sie zu schade, um sie zu ersaufen. Deine Mutter ist der gleichen Ansicht. Aber bitte, sie gehört dir.“
Ihm war es rätselhaft, was sie von ihm wollten. Tanja griente ihn an, behauptete erneut, Klara zu sein. Sie hatte keinen Grund, ihm zu grollen. Josephine beabsichtigte er damals hineinzulegen. Verdient hatte sie es. Es misslang. Daher war er für eine Tat eingefahren, welche er nie begangen hatte.
Eine plausible Antwort gab es. Es war ein Spiel, eins von Josephines zur Perversion getriebenen Spielen. Er sollte sich mit Angst aus dem Staub machen, nie wiederkommen. Auf welch für eine dumme Idee kamen sie. Ohne Frage würde er das Weite suchen. Lieber sein Leben auf der Flucht verbringen, als im Knast mit anschließender Sicherungsverwahrung zu sterben.
Einen Fehler hatten sie gemacht. Da Tanja vor ihm stand und sie ihn außerdem nicht über mehrere Grenzen verfrachtet hatten, ging er davon aus, dass dieses Schwimmbad in der Nähe von Passau war.
Er spielte mit.

„Gut. Ich verrate euch, wo Tanja äh Jannette ist, dann darfst du mir den Hintern versohlen, danach gehen wir wie früher essen.“
Sein Gesäß hätte er nicht erwähnen sollen. Der aufprallende Hieb war der Härteste.
„Schatz darf ich auch einmal“, bettelte Klara.
„Bitte!“
Die Gerte sauste. Er schrie.
Klara schwang die Gerte wie ein Florett. „Das macht Spaß“, frohlockte sie, schlug zu.
„In Passau. In Passau!“, schrie er.
Kaum hatte er es ausgesprochen, gab es kein Halten mehr für die Frauen, abwechselnd droschen sie auf sein Gesäß ein.
Ob sein Allerwertester oder der Rock, welcher ihm vom Schnitt gefiel, mehr Leid tat, entschwand seinem Sinn. „Aus. Aus. Aus! Ihr habt euren Spaß gehabt“, brüllte Fridolin aus Leibeskräften.
Josephine hob ihren Arm, stockte. „Klara machen wir Spaß?“
„Nee!“
„Erzähle es ihm.“
Klara drückte ihre Nasenspitze an seine. „Diese Frau, jene du für Klara hältst, ist Tita.“
„Tita?“
Josephine schob Klara beiseite. „Frau ist übertrieben.“ Sie blies ihm ins Gesicht. „Geboren wurde sie als Titus.“
„Er, sie ist mein Double“, ergänzte Klara. „Also, wo ist Jannette?“

Der letzte Sommer, die letzten Jahre huschten Fridolin durchs Gehirn. Seine beste Freundin war Klara, folglich seine Verlobte Klara Titus. Er selbst hatte den Fehler gemacht, dachte, sein Charme hätte Klara umwickelt. Ihre Leidenschaft für Frauen eliminiert. Dabei war es Tanja, die ihn abgewiesen, dafür ein Verhältnis mit seiner Frau gepflegt hatte. Sollte sie eine lesbische Transe sein? Oder umgekehrt? Wer war wer? Oder log Tanja, die sich Klara nannte. Wenn dann? Welche Frau lebte auf dem Hof seines Vaters?
Josephine unterbrach seine Gedanken. „Klara rede nicht. Handel! Du weißt, was zu tun ist. Ich muss dann. Habe einen Termin.“
Sie wandte sich ab, schritt zur Leiter, kletterte hinauf, verschwand sodann.
Klara erhob die Gerte und flüsterte ihm ins Ohr: „Schrei so laut du kannst.“
„Warum?“
„Schrei!“
Fridolin schrie mit Leibeskräften. Er flehte um Erbarmen.



Der Dämon in ihm

Er flehte um Erbarmen, bereute. Bereute seine Tat, wie er es im Gefängnis getan hatte. Jede Nacht kniete er vorm Fenster, starrte die Gitterstäbe an, faltete die Hände und betete. Hatte er den Falschen angebetet, den Teufel, nicht den Herrn. Oder hatte er ihn verlassen, aufgegeben. War Reue für den Herrn nicht genug? Er der Strafe mehr angedient.

Die ersten Schnitte nahm er nicht wahr, sein Gesäß betäubt von ihren Schlägen. Gefesselt an den Füßen, an den Händen hatte sie ihn. Geworfen auf den kalten Boden. Ihren spitzen Absatz in seinen Rücken gebohrt, bis er unter der Pein des Schmerzes zusammenbrach. Dann kniete sie sich nieder, fasste ihn am Schopf, zerrte seinen Kopf hoch, bis er in ihre von Hass gefüllten Augen sah.
Das Skalpell tanzte über seine Wange. Ein dämonisches Grinsen hüpfte über ihr Gesicht, als sie ihm verkündete, sie würde sich herantasten, damit er es genoss. Erst die Haut von seiner rechten, dann von seiner linken Pobacke schälen, um zur Krönung ihrer Rache zum Final auszuholen. Ihm, wie sie sagte, die Eier abzutrennen.
Er bettelte sie an, sie könne ihn zum Sklaven erwählen, ihn jeden Tag geißeln. Zum Dank küsse er ihre Füße.
Ein Halsband umgelegt, in einen Zwinger gesperrt, die Reste ihres Mahles empfangen. Alles für sie tun, soweit sie ihm seine Männlichkeit beließe.

Er winselte.
Sie lachte, tranchierte seine Haut.
Vertraut hatte sie ihm, gestand sie. Ein Vertrauen, welches er ausgenutzt, besudelt hatte. Er hatte ihr die Unschuld geraubt. Gestehen, sich einen Ablass holen nicht genug. Ein Zeichen zu setzten, ihn zu brandmarken, der Welt zu zeigen, wer, was er ist, eine Ehre für ihn. Dann sehe jeder Bruder, wie barmherzig der Herr ist. Barmherzig zu den Opfern, nicht zu den Tätern. Denn die empfingen ihre Strafe. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Der Teufel solle sie holen, schrie er sie an.
Sie lachte, tranchierte seine Haut. Es mache ihr nichts aus, in der Hölle zu schmoren, verkündete sie. Denn an jenem Ort verweile sie seit Jahren. Träume des Grauens verfolgten sie. Einmal ohne Angst aufzuwachen, aufzustehen ihr Ziel. Gewiss, dass niemand sie jagte. Wenn doch, er außerstande seine Gelüste in ihr auszuleben. Sie ihn in diesem Sinne sogar befreie.
Der Schmerz bewies ihm, ohne dass er dieses mit den Augen sah, wie sein Blut über seine Backen rann. Ein letztes Gebet, ein letzter Appell an ihre Humanität, ein letzter Schrei erfüllte den Ort. Ein Schrei, als gebäre er ein Kind, drang aus seiner Kehle. Dann verlor er die Sinne.


„Richtig so“, zischte das Mädchen.
Sie legte das Buch beiseite, lehnte sich zurück, bis ihre Schulterblätter die Wiese berührten. Den Blick gen Himmel gerichtet, strich sie den Rock ihres weißen, mit Rosenmotiven verzierten Kleides glatt, zupfte einen Halm vom Grass und klemmte jenes zwischen ihre blutrot bemalten Lippen.



Pakt mit dem Teufel

Ein handgroßer Lichtpunkt wanderte über die Wand des Schwimmbeckens, bevor Fridolin sie erkannte, Klara die Leiter hinab kletterte.
Sie schlich an ihn heran und flüsterte: „Die Luft ist rein. Außer Igor ist niemand mehr da.“
„Wer ist Igor und woher weißt du das?“
„Wirst ihn kennenlernen.“
Er zerrte an seiner Fußfessel. „Dann lasse mich frei.“
Klara kniete nieder und ergriff aufs Neue die Gerte.
Seine Lippen zitterten. „Tanja, was machst du hier und warum hast du mich hergebracht.“
„Das Zweite war ich nicht, und zum Ersten: Ich bin Klara.“
Fridolin versuchte, seine Augenbrauen zusammenzuziehen, jedoch mehr als ein Zucken mit seinem Kopf brachte er nicht zustande. „Ich kenne Klara.“
„Du bist der Ansicht, Stephanie ist Klara, da täuschst du dich.“ Sie leckte über ihre Lippen. „Ich selbst weiß nicht, wer sie ist oder war.“
„Dieser Titus oder Tita?“
Sie zuckte mit den Achseln. „Eher unwahrscheinlich.“
Fridolin zerrte abermals an seiner Fessel. „Dann lasse mich frei.“
„Das kann ich nicht. Wer mit dem Teufel paktiert, darf vor Leichen nicht zurückschrecken.“
Angst breitete sich auf Fridolins Gesicht aus. „Wie? Heißt das?“
Klara legte ihre Hand auf seine Schulter. „Ich setzte mich für dich ein. Abstriche musst du in Kauf nehmen. Schau mich nicht so an. Ich muss es tun. Du bist ein Bauernopfer.“
„Opfer?“
„Ja. Ich muss herausfinden, wer ich bin.“ Sie senkte ihren Kopf. „Wichtiger. Wer Jannette ist.“
„Jannette?“
„Tue nicht doof, das steht dir nicht. Jannette, Tanja, Stephanie. Obwohl“, sie hob die Gerte „mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“
„Wieso?“
„Josephine hatte das Spiel abgeblasen.“
„Welches Spiel?“
„Im Wehrmachtsbunker, du Trottel. Du als böser schwarzer Mann. Josephine als Puffmutter, welche die arme Sabine befreit. Wie in dem Roman von Elsabeth von Knöckenhein geschrieben.“
„Hat sie nicht.“ Er druckste: „Na ja. Zuerst ja, aber dann fand ich auf dem Reiterhof in meinem Zimmer einen Zettel, dass es weiterginge.“

Klara schlug zu. „Lüge nicht du Schwein, das ging nicht.“
„Ich lüge nicht. Ich schwöre“, wimmerte er.
„Ihr Kerle denkt nur mit eurem Schwanz. Erst vergewaltigst du Josephine, dann lechzt du weiterhin danach, dieses beschissene Spiel weiterzutreiben. Hattest nicht genug, wolltest über mich später herfallen.“
Die Gerte drosch in Sekundentakt auf seinen Hintern ein.
„Nein. Nein. Nein!“, schrie Fridolin. „Welche Vergewaltigung. Ich habe nie in meinem Leben eine Frau gezwungen.“
„Ich prügel es aus dir heraus. Josephine hat mir alles erzählt, deshalb konnte sie nie vor dir auf dem Reiterhof sein.“
Klara japste, ließ die Gerte zwischen ihren Finger gleiten, bis diese zu Boden fiel. Nicht, dass die blinde Wut sie verlassen hatte, sondern die Kraft in ihrem Arm schwand.

Sie ergriff den Kragen von Fridolins Rüschenbluse und zerrte ihn an sich heran, bis sich ihre Nasenspitzen berührten. „Hast du mit Josephine im Bunker geschlafen? Ja oder Nein? Wage es nicht zu lügen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“
„Du warst doch nicht dabei und Klara war bewusstlos.“
„Ja oder Nein?“
„Ja!“, schrie er. „Ich habe sie nicht vergewaltigt. Josephine lügt, wenn sie ihr Maul aufreißt.“
„Geht doch.“ Sie stieß ihn von sich ab, sodass er strauchelte und auf sein Gesäß fiel. „Heute sicher, aber damals nie. Ich konnte mich hundertprozentig auf sie verlassen. Was mache ich, ich lasse sie im Stich.“
Sie setzte sich neben Fridolin auf die Fliesen. „Aber wie sollte ich ahnen, wie es dazu gekommen war? Ich wollte euch nicht stören, als ich zu mir kam. In diesem Moment dachte ich, dass alles nur deshalb von Josephine geplant war, damit ihr …“, sie schlug sich an die Stirn. „Gott bin ich blöd. Dabei ahnte ich nicht einmal, dass Josephine …“, sie strich wie eine Mutter über sein Knie, woraufhin Fridolins Rock der Schwerkraft folgte und bis zu seinen Becken rutschte.
Klara zupfte an einem weißen Strapsband. „Ein wenig übertrieben. Overknees und darunter weiße Stümpfe.“ Sie beugte sich über Fridolins Schoß, hob den Rock, bis der Bund von seinem Körper abhob. „Elegant! Blusenbody.“ Sie zwinkerte ihm zu und strich ihm über den Schritt. „Ist da überhaupt etwas oder sind wir uns ähnlicher, als es dir lieb ist.“ Ihr Gesicht verzogen, schob sie den Stoff des Bodys beiseite. „Oh, Oh. Eine Menge Tape. Viel Spaß beim Pinkeln.“
„Wie?“

Klara schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. „Setz dich richtig hin! Du bist eine Dame.“ Sie nahm ihre Beine seitwärts, winkelte sie an und zog den Saum ihres Rockes über ihre Knie. „So sitzt eine Dame.“
Fridolin tat es ihr gleich.
„Geht doch Finia. Wo waren wir stehen geblieben?“ Klara stupste an ihre Nase. „Ach ja, warum ich weiß, dass du sie vergewaltigt hast. Gesagt hat sie es mir. Nein, angeschrien hat sie mich. Weshalb ich ihr nicht geholfen habe.“
Klara ergriff die Gerte, sprang auf und drosch auf Fridolins Kopf ein. „Stehe auf, du Stück Scheiße. Glaubst du, wir halten hier einen Kaffeeklatsch ab?“
Die Schultern hochgezogen, schlang er zum Schutz seine Arme um seinen Kopf und stand auf. „Woher willst du das wissen?“
„Ich bin Klara, du Wichser“, schrie sie und warf die Gerte zu Boden.
Sie verdeckte ihr Gesicht. Er war nicht an allem schuld, aber die Last trug er. Sie erinnerte sich daran, wie sich Tanja ihr anvertraute, dass sie es nicht mehr aushielte, diese Spiele, diese Verkleidungen, welche sie ihm aufnötigte. Zu nahe war Fridolin ihr nie getreten, trotzdem wachte sie jede Nacht auf. Die Angst, er könne die Grenzen überschreiten, peinigten sie. Sie nötigte ihr, sofern sie sich erinnerte, Stillschweigen ab, dennoch vertraute sie sich Josephine an. Tanja und Klara waren nur zwei Wochen auf dem Reiterhof, mehr Urlaub bekam Tanja nicht. Josephine und Fridolin verweilten ihre gesamten Ferien dort.
Josephine hätte ihn an einem Tag verfolgt, wie er mit dem Fahrrad zur alten Scheune fuhr, sich die Schuluniform überzog, eine Perücke aufsetzte und seine Nase puderte. Dann über Feldwege zum Hintereingang des Internats radelte, sein Fahrrad versteckte, sich durch das verrostete Tor zwängte, über den Garten lief, bis er im Getümmel der Mädchen aufging. Wie er ungesehen in Tanjas Zimmer kam und was er mit ihr angestellt hätte, blieb, wie sie ihr erzählt hatte, für Josephine verborgen. Eines stand fest. Es war nichts Gutes.

Dabei hatte Klara Fridolin nie im Visier. Wieso auch? Sie waren Kinder, zumindest aus ihrer Sicht als Erwachsene. Erst nachdem sich Josephine ihr anvertraut hatte und sie alle Männer gestrichen hatte, blieb er übrig. Bei ihrer Hochzeit war sie noch der Ansicht gewesen, dass Valentin ihr Peiniger war. Karl strich sie am nächsten Tag, nachdem sie ihn mit seinen Verletzungen gesehen hatte, Bärbel ihr gesagt hatte, wodurch er seine Blessuren erhalten hätte. Er hatte einen Autounfall. Dieses entließ ihn für sie zwar nicht, ein Kinderschänder zu sein, zu viel hörte sie von Geistlichen, die ihre Fürsorge eher ihren Gelüsten zuwandten.
Anton, ihr Erzeuger, soweit sie dieses von ihrer Mutter erfahren hatte, war tot. Blieb für sie damals einzig Valentin, Fridolins Vater, übrig. Jedoch hatte er ihr seine ihm eigene Perversion verraten. Nie hätte sie zu dieser Zeit Fridolin beschuldigt. Sie waren Freunde.
Ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, war ihre Idee.

Sie drehte Fridolin ihren Rücken zu. „Verhüten hättest du können.“
Fridolins runzelte seine Stirn, zumindest bildete sich eine Falte. „Wieso?“
Klara marschierte zur Leiter und schrie: „Du kotzt mich an“, dann kletterte sie hinauf. Am oberen Ende der Leiter angekommen, wandte sie sich um. „Igor fang an!“




Sieg auf ganzer Linie?

Ein Schwall Wasser schoss aus seinem Mund. Nach zwei Kraulzügen schlug er an der Mauer an und zog sich mit seinen zitternden Armen heraus.
„Ich sag dir immer, du sollst nicht so weit rausschwimmen“, schnauzte ihn ein Mädchen an, derweil sie die Träger ihres floral gemusterten Kleides hinter ihrem Nacken zu einer Schleife knüpfte. Danach reichte sie ihm ein Handtuch.
„Ach! Was ihr Barbies habt. Chill dich!“, grollte er zurück und entriss ihr das Frottiertuch. „Eine Abkühlung täte dir gut.“
Die Augen aufgerissen, zeigte sie auf die Seeoberfläche. „Da sind Fische drin.“
Sie beugte sich vor, bis die Spitzen ihrer taillenlangen rotbraunen Haare die Gehwegplatten berührten und brüstete sich mit einer ausladenden Eleganz. Mit einer Kopfbewegung schleuderte sie ihre Mähne auf ihren Rücken, rollte ein Haargummi von ihrem Handgelenk und band sich einen Pferdeschwanz. Sodann verdrehte sie jenen, platzierte ihn zu einem Kringel, gleich einen Hundehaufen, an ihrem Hinterkopf und befestigte das Kunstwerk mit einem zweiten Gummi.
Die Zähne gefletscht, warf sie ihm ein T-Shirt sowie eine Bermudahose an den Kopf und befahl: „Hindrik, Komm! Schwing deine Haxen.“
Er biss in das Oberteil, gleichzeitig stieg er ins rechte Hosenbein. Sie ergriff seine Rechte in dem Moment, als er das zweite Bein füllte. Mit einer Hand die Hose heraufziehend, die andere von ihr im festen Griff, strauchelte er über den Gehweg. Nachdem sie das Seeufer hinter sich gelassen hatten, steuerten sie auf einen Pulk zu.

„Nun kommen wir zum Höhepunkt der heutigen Jugendregatta auf unserem wunderschönen Chiemsee“, pustete ein grauhaariger Herr, gekleidet im weißen Zwirn, in sein Mikrofon und wedelte mit einem Blatt Papier. Er blickte von der Tribüne in die vor Erwartung aufgesperrten Münder der Teilnehmer sowie ihrer Angehörigen und Freunde.
„Mit Abstand nach Punkten ist der Sieger der Buben unter sechzehn und Gesamtsieger des Wettbewerbes“, er nahm sich den Zettel vor die Augen, „ist“, er runzelte die Stirn, hob seine Sonnenbrille an, schüttelte seinen Kopf, gefolgt von einem Seitenblick, „ist - Applaus – Anton Tütken.“
Die Menge jubelte, applaudierte.
Ein Mädchen in einem hochgeschlossenen jedoch schulterfreien blütenweißen Minikleid schälte sich aus dem Getümmel. Sie eilte zur Bühne und hopste die vier Stufen herauf. Ohne den Mann eines Blickes zu würdigen, sprang sie auf das kniehohe Podest und grinste die Jungen an, die ihr zur Rechten, zur Linken standen.
„De Madl san scho duach“, zischte sie der Herr an, sah in die Masse, presste das Mikrofon an seine Lippen und rief: „Anton Tütken auf die Bühne“, dabei stieß er das Mädchen weg. „Los, schick dich!“
Vereinzeltes Gelächter schallte aus der Menschentraube. Eine Frau in einem zitronengelben Etuikleid stöckelte auf den Mann zu, lehnte sich an diesen und flüsterte ihm ins Ohr.
Er räusperte sich, fasste sich an den Hemdkragen, lief rot an. „Sieger der Jungen unter sechzehn und Gesamtsieger des Wettbewerbes ist Antonia Tütken.“

Den Pokal in der rechten Hand, die Finger der Linken an ihre Goldmedaille gepresst, rannte Antonia durch den sich auflösenden Pulk und fiel dem Mädchen im Blümchenkleid in die Arme. „Alina wie war ich?“
„Musst du immer so einen Aufstand provozieren? Kannst du nicht einfach bei den Mädels mitmachen?“, zeterte Alina und hauchte Antonia einen Kuss auf die Wange. „Herzlichen Glückwunsch.“
Antonia warf ihren Kopf in den Nacken, dabei pendelte ihr taillenlanger curryfarbener Zopf wie ein Klöppel einer Kirchenglocke. „Die können nichts, außerdem ...“
„Hast echt geil abgeräumt“, gratulierte Hindrik, dabei zerrte er sich das T-Shirt über.
„Danke Hindrik“, schmachtete Antonia, wobei ihre Lippen über seinen Mund zu seiner makellosen Wange glitten und auf dieser einen rosa Abdruck hinterließen. Daraufhin stieß Alina ihn beiseite und streckte Antonia ihren Fuß entgegen. „Wie findest du meine neuen Schuhe?“
Antonia fuhr mit der Spitze ihrer Turnschuhe über das Kopfsteinpflaster. „Wenn du dir die Gräten brechen willst?“
Alina strich eine Strähne über ihr Ohr, dabei zog sie ihre rosenrote Oberlippe herauf und zischelte: „Musst du gerade sagen.“
„Lass mich mal anprobieren.“
Mit einem Lächeln übergab Antonia Hindrik den Pokal und schlüpfte aus ihren Turnschuhen. Alina hockte sich nieder, schob die Riemchen ihrer Sandaletten über ihre Hacken und stellte ihren Neuerwerb vor Antonias Füße. Antonia stieg hinein, hob ihren rechten Fuß bis an ihre Taille, zog den Riemen über ihre Ferse und wiederholte den gleichen Akt mit dem Linken.
Ein Junge mit einer Silbermedaille um seinen Hals trat an Antonia heran. „Immer schön mit dem Hintern wackeln, du Transe!“
„Das heißt Amazone. Vollpfosten!“ Antonia hob ihr rechtes Bein, stieß den Stilettoabsatz auf die Kappe seiner Segelschuhe. „Du schämst dich wohl vor deiner Clique, dass dich ein Mädchen besiegt.“
„Beim Auswahlrennen zeig ich es dir.“ Er drohte, fluchte aus Leibeskräften und humpelte von dannen.
Alina zog ihre dünnen, schokoladenbraun nachgezogenen Augenbrauen zusammen. „Auswahlrennen?“
„Im Leistungskader wird ein Platz frei. Dieser“, Antonia wies mit dem Daumen über ihre Schulter, „Typ und ich sind punktgleich.“
Obwohl sie mit Alinas Schuhwerk ein paar Zentimeter länger war, stellte sich Antonia auf die Schuhspitzen und legte ihre Hand an ihre Augen. „Wo ist Vale. Er wollte uns abholen?“

Irgendetwas oder irgendwer zupften an Antonias Kleid. Sie drehte sich um. „Vale!“
Der Herr mit rotem Haarkranz knuffte Antonia in die Magengrube. „Gezeigt hast du es diesem schmierigen Burschen.“ Er nahm sie in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch zum Sieg.“ Ihre Hände ergriffen, beugte er sich zurück. „Immer schener wirst du Madel und bist bald größer wie I.“
Antonia winkelte ihr rechtes Bein nach hinten ab und murmelte: „Geschummelte.“
„Egal. I hab was für di.“ Er kramte in der Gesäßtasche seiner Lederhosen.
Sie zupft an ihrem Ohrläppchen. „Ein Schlüssel?“
„Na! Ja! Ist een Simbol!“
„Sag bloß?“
„Versprochen is versprochen. Wenst Gewinst grickst!“ Er kratzte sich am Genick. „Na ja! De meist hat den Joos und de Aaron gegeben.“
„Wo ist es?“
„Bei de Aaron. Fährst doch eh hin.“
Antonia breitete ihre Arme aus, schnipste mit den Fingern, drehte sich um ihre Achse, schwang ihre Beine abwechselnd bis an ihre Nasenspitze. „Ich habe einen Laser Standard“, sang sie. Dann drückte sie Valentin einen Kuss auf die Wange, umarmte Alina, tänzelte zu Hindrik, schlang ihre Arme um seinen Hals und berührte seine Lippen. Worauf er die Annäherung mit einem Griff um ihre Taille erwiderte.
„Hey, das ist meiner“, zeterte Alina, trennte das küssende Paar und gab ihm eine Watschen.
Alina zerrte den sich an der Wange reibenden Hindrik zu Valentin. „Papa, darf ich vorstellen, das ist Hindrik.“
„Hieß er nicht vor Kurzem Philipp.“
Alina schüttelte ihren Kopf und strich über den Oberarm des Jungen. „Ach Papa, Philipp der Abkacker ist lange out.“
Valentin griff in seine Hosentasche, zog einen Geldschein heraus und drückte jenen Hindrik in die Hand. „Dann bring uns wos zua dringa i hob duaschd.“
„Und was?“
„Cola-Light“, kreischten die Mädchen unisono.
„Ma a Woazn aba oikoholfrei.“
Hindrik verschwand und Valentin sah sich um. „Wo die Tanja nur steckt?“
„Tanja ist da“, jauchzte Antonia.
„Ja!“ Valentin schlug sich an die Stirn. „Ach! Sie wollte sich a was zu trinken holen.“
„Ich schau mal, ob sie am Vereinsheim ist“, trällerte Antonia und verschwand.

Hinter den Bootshäusern griff eine Hand nach ihr, zog sie zur Seite. Ein Arm umschlang ihre Taille. Lippen trafen die ihrigen.
„Wi moten vorsichtiger sien!“, raunte Hindrik.
„Wi? Du!“, entgegnete Antonia. „Waarum büst du overhoopt hier?“
Er presste sie an sich. „Um di tschüss zu seggen.“
„Denn komst du mit dien Fründin?“
Hindrik drückte sie an die Bretterwand. „Alina ist dien Fründin, mi dackelts, ach achteranleep duun se.“ Er strich ihr über den Hals. „Apropos! Hest du di egentlik endlich von de Matthias trennt?“
„Ik weet neet wu.“
„Slickst een SMS.“ Er kicherte und griff ihr an den Hintern.
„Leest ihr Gruftis de vandaag noch.“
Sie schlang ihre Beine um seinen Körper, presste ihre bebenden Lippen auf die seinen, sogleich er die Chance erfasste, ihr Gesäß zu liebkosen.
„Was machst du da?“
„Kontrolliere, ob dein Slip sitzt“, flüsterte er.
Antonias Herz raste. Die Euphorie des Sieges steckte ihr weiterhin in den Knochen, sodass sie all ihre Bedenken in den Wind blies.
„Ich liebe Kontrollen“, hauchte sie, schwang ihr Becken und schloss die Augen, während er ihre Schulter küsste.
Hindrik war an ihrem Hals angekommen, als sie ihn von sich stieß. „Da kommt wer.“
Er umgriff ihre Taille. „Hier kommt niemand.“
Mit einem Ruck riss sie sich aus seiner Umarmung. „Lass mich!“
„Stelle dich nicht zickig an.“
„Wenn dir etwas an mir liegt, dann vergisst du alles.“
„Es ist nichts passiert.“
Antonia holte aus und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, dann eilte sie davon.

„Mama! Ich habe dich gesucht.“
Tanja schielte den schmalen Gang entlang. „Zwischen den Bootsschuppen? Außerdem sollst du mich nicht Mama rufen. Erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Wie du wieder aussiehst?“ Sie griff Antonia durch die Armausschnitte, holte zwei Einlagen ans Tageslicht. „Übertreib es nicht! Du bist erst fünfzehn.“
„Fast sechzehn, zumindest ...“, zeterte Antonia.
„Genau das meine ich. Reicht, wenn Alina sich aufbrezelt.“
„Manchmal glaube ich, aus dir ist ein zweiter Admiral geworden.“
Tanja hob den Kopf. „Sprich nicht so über deine tote Tante.“
„War sie genauso wenig wie du meine Schwester.“
„Ich bitte dich.“
Antonia winkte ab und stöckelte am Bootshaus entlang. „Lass mich in Ruhe.“ Sie blieb stehen, wandte sich um, streckte Tanja ihre Goldmedaille entgegen. „Hättest mir zumindest gratulieren können, außerdem sehen die kurzen Haare scheiße aus; kleiden dich nicht.“

„Ein Weizen für Sie, Herr Oberländer, eine Cola-Light für dich meinen Hasen, und“, Hindrik sah sich um.
„Herrgottzeiten, jetz is die Ontonia a wech“, sprach Vale für ihn aus.
„Ich habe sie, glaube ich, mit ihrer Tante gesehen.“
„Dann san sie bestimmt scho los“, grummelte Valentin, dann spülte er den Inhalt des Plastikbechers in seine Kehle. „Alina, lass uns zu deinem Vater.“
„Bitte?“, erklang verwundert Hindriks Stimme, derweil er abwechselnd einen Becher nach dem anderen anzustarren schien.
Alina lächelte ihn an. „Habe ich dir das nicht erzählt? Vale ist mein Papa und Fridolin mein Erzeuger, also Vater. Er sitzt im Knast. Hat einen Mann mit einem Kugelschreiber erstochen.“ Sie hob den Zeigefinger, drohte. „Sei immer lieb zu mir.“ Sie nahm drei Schlucke ihrer Cola, stellte den Becher ab, umarmte Hindrik und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Wir telefonieren später.“



Kaffee und Kuchen

Antonia leckte sich die Finger ab.
„Noch ein Stück Streuselkuchen?“
„Danke Tante.“ Sie strich über ihren Bauch. „Bin pappsatt!“
„Du sollst mich nicht immer Tante nennen.“
„Ja. Franzi“, murmelte Antonia und schielte zu Tanja, die rechts neben ihr auf der Bank am Küchentisch aus Eichenholz saß.
„Zum letzten Mal. Ich entschuldige mich. Ich bin stolz auf deinen Sieg.“
„Warum sagst du mir das nicht gleich, anstatt mich anzuschnauzen?“ Antonia stand auf, knurrte und schrie Tanja entgegen: „Ich geh nach oben.“ Dann stampfte sie und aus der Küche.

Franziska türmte die restlichen Kuchenstücke zu einer Pyramide auf, wischte sodann ihre Finger an ihrer Schürze ab. „Du bist manchmal zu hart zu ihr. Zeige Gefühl.“
Tanja stützte ihre Ellenbogen auf der Tischplatte auf. „Ich kenn keine Emotionen. Das weißt du!“
Die Lippen zu einem Lächeln gebogen, fasste Franziska an ihr Mieder. „Mit dem Herz zu denken, kann man lernen.“
„Wie soll ich erlernen, eine gute Mutter zu sein, wenn ich nicht weiß, ob ich Antonia geboren habe.“
Franziska fasste in ihr kunstfertig frisiertes Haar. „Deine neue Frisur steht dir, bloß ein wenig verschnitten hat sich die Froni.“
„Wieso?“
„Eine Seite ist kürzer als die andere.“
Tanja ergriff die Spitzen einer sandgelben Strähne. „Das trägt man heute so.“
„Das kann man doch heutzutage testen.“
„Die Länge der Haare?“
Ein Seufzer schwebte aus Franziskas Mund, während sie aufstand. „Nein. Mit di Genen. No oan Kaffä?“
„Danke nein.“
Franziska stellte die Tassen übereinander und Tanja die Kuchenteller. „Es ist schlimmer.“
„Wia moanst du des?“
„Sie hat bereits einmal ihre Eltern verloren, obwohl Antonia sie niemals kennengelernt hat, dabei waren es nicht einmal ihre Eltern.“
„Deshalb sei ihr eine gute Mutter.“
„Als Cousine?“
„Wieso hat die Lotte nur so an Blödsinn gemacht.“
„Frag sie! Ich habe keine Ahnung.“
Tanja hatte keine Ahnung. Weder warum sie Blödsinn gemacht hatte, geschweige noch, wer Lotte war. Franziska hatte ihr erzählt, dass jene ihre verschollene ältere Schwester war. Von Valentin, Franziskas Mann, hatte sie erfahren, dass er gehört hätte, sie wäre Nonne. Aber weiß man deshalb, wer jemand war. Sie wusste nicht einmal, wer sie selbst war. Zuhören, nicken ihre Devise, damit konnte sie nicht anecken.
Franziska bekreuzigte sich. „Ich bin do kei Hex!“
„Das habe ich nicht behauptet. Aber du weißt mehr als ich?“
„Na! I kant die Bärbel kaum!“

Bärbel war der zweite Geist, der fast jeden Tag über dem Esstisch der Familie kreiste. Bärbel war, soweit Tanja eruiert hatte, ihre Tante, oder so etwas in der Art. Jedenfalls erzählte ihr dieses Antonia. Sie vertraute ihr an, dass sie Bärbel den Admiral genannt hatte. Was für ein schwachsinniger Spitzname für eine Frau?

Immer wenn Tanja das Thema auf Bärbel lenkte, blockte Franziska ab. Sie mochte sie, liebte ihre Schwiegermutter. Jedenfalls verbarg sie irgendetwas. Sie selbst vermochte sich an nichts zu erinnern. Nicht, dass sie keine Erinnerungen hatte. Sie wusste, was sie am Vortag gegessen oder, sie strich über ihre Schenkel, wo sie den Jeansrock gekauft hatte. Hatte sogar den Geruch der Boutique in der Nase. Aber alles andere zerplatzte wie eine Seifenblase und es blieb ihr einzig ein Schimmer übrig, der in allen Farben des Regenbogens leuchtete.
Die Ärzte hatten ihr gesagt, es gebe sich.
Immerhin hatte sie kurz vorm Hirntod gestanden. Stephanie, sie blieb beim Namen, es machte ihr leichter, die Gedanken zu sortieren, hatte sie vorm Tod gerettet, sagte Franziska. Sie hatte das Gefühl, dass sie vorher bereits in einer Art Schwebezustand war. Es waren diese Lücken, die sie zum Verzweifeln brachten.
Warum Josephine sie gefesselt hatte, sich auf ihr Gesicht gesetzt, blieb ihr schleierhaft? Der gleiche Schleier, der über die Person Josephine legte.
Dabei wollte Tanja lediglich ihr altes Leben zurück. Gleichgültig, wie es war, es musste schön gewesen sein. Sonne, Palmen und ein kühles Getränk am Pool erfüllten ihre Sehnsucht. Gewiss hatte sie diese Fantasie schlicht und ergreifend irgendeiner Zeitschrift entnommen. Sie konnte nicht unterscheiden zwischen Erlebtem und Angenommenem, daher war sie auf die Hilfe anderen angewiesen.

„Mensch Kind, Bärbel wa dei Tant und i soll di von ihr erzählen.“
„Franziska! Bitte sprich Deutsch mit mir.“
Wiederum so ein Paradoxon, das sie quälte. Sie hatte ein Foto von ihr gesehen, eins von den Hochzeitsfotos. Ihre Erinnerungsfetzen behaupten aber, dass die Frau ihre Mutter war, obwohl Maria dieses von sich behauptete.
Den Schwur, nichts Franziska und den anderen zu erzählen, hatte Maria ihr abgerungen, aber eine Erklärung blieb sie ihr schuldig.
Den Umstand, dass Maria ihre Mutter wäre, unterstrich ihre angebliche Schwester Tami. Die beiden Frauen nannten sie Klara. Somit war sie in Bremen Klara und bei Passau Tanja. Einzig Antonia war eingeweiht, sie war Tamis Freundin. Manchmal nannte Antonia Tami Tante Antonia und diese sie Svenja, was ihr, wie Tanja es ihr ansah, guttat.

Sogar ein Experiment hatte sie unternommen. Zwangsweise!
Antonia und sie lösten den Hausstand in Bremen auf, um die Wohnung zu vermieten. Kein Nest, keine Geborgenheit fand sie vor. Wenngleich sie sich daran erinnerte, vorher zumindest einmal ... Möglicherweise war es gleichfalls ein Foto gewesen, jenes sich in ihrem Schädel eingeprägt hatte.
Ihr Psychologe war der Ansicht, es wären schizophrene Einbildungen. Zwei Personen zu sein, käme öfters bei Amnesie vor. Bloß die Crux konnte der Seelenklempner nicht erklären. Sie erinnerte sich an die Besuche, nicht an den Rest. Sie war fremd in diesem Haus, wollte nur gucken, dann blieb sie mehrere Tage, allein außer ihr niemand dort, berichtete Tanja ihm. Woraufhin dieser seine Akte aufschlug, diese ihr zeigte, und mit den Unterlagen ihr bewies, dass diese Wohnung mehr als ein Jahrzehnt ihr Zuhause war.

Diese Psychos glichen sich alle. Wie viele sie durch hatte, hatte sie aufgehört zu zählen. An zwei erinnerte sie sich. An den Ersten, möglicherweise war es der Dreiunddreißigste, denn niemand bestätigte ihr, dass ihre Störung erst nach der Bewusstlosigkeit eingetreten, oder bereits vorhanden war, sowie den Zweiten. Dieser war nicht der Zweite, sie gab ihm diesen Namen.
Nummer Eins hatte blaue Augen und lockiges rehbraunes Haar. Er betrachte ihre Amnesie eher mit Humor. Wenn man aus den Erinnerungen eines Jahres einen Film drehe, kämen zwei Stunden Spielzeit heraus, erklärte er ihr. Ziehe man die ersten Jahre ab, verbuche sie als Pubertätsdemenz, brächte es der Film für eine Frau im besten Alter auf eine Stunde. Was sei eine Stunde, fragte er sie. Am nächsten Morgen brachte er Tanja das Frühstück ans Bett. Für Tanja war die Stunde erregend gewesen.

Nummer Zwei war eine Frau.
Im Herbst wandelten sie durch einen Park eines Sanatoriums. Die Ärztin hob zwei goldbraune Blätter auf, nahm das eine in die Linke, das andere in die rechte Hand.
Gedanken seien wie Blätter, philosophierte sie. Sie ballte die Rechte. Wenn man sie nicht pflege, sprach sie, öffnete die Faust und blies die Teile des Blattes davon, dann zerfallen sie zu Staub. Sie bückte sich erneut. Tauchte ihren Zeigefinger in eine Pfütze, bestrich das zweite Blatt, drückte es, wie das erste, mit ihren Fingern. Das unversehrte Blatt überreichte sie Tanja.

„Denkst wieder?“
„Ja.“
„Tanja ich kenne dich, seit du ein Baby bist. Ein bisschen älter warst scho! Mei! Hat grad den Stephen verloren und da kam de Anton mit di an. Durft niemand von dir was wissen. Warum wusst a net, hat de Anton mit ins Grab genommen.“
„Deinen Ex-Mann, den ich erschossen habe.“
„Na, net du. Das war die Klara.“
Dieses war ihr größtes Problem. Klara existierte, soweit sie Franziskas Darstellungen Glauben schenkte, somit war jenes kein Hirngespinst. Weshalb war sie bei Maria Klara und bei Franziska Tanja? Hatte sie bereits ihr ganzes Leben eine multiple Persönlichkeit?
„Dann hat di de Anton mit nach Afrika genommen, meinte, du wirst dort sicherer.“

Afrika, das einzige Wort was in ihr Gefühle auslöste. Sie sehnte sich zurück nach Afrika. Denn das wusste sie. Sie hatte in Südafrika gelebt. Ihre Papiere waren eindeutig. Antonia war dort geboren, Antonia dort geboren? Sie drehte sich im Kreis.
Zweimal soll sie schwanger gewesen sein. An das zweite Mal erinnerte sie sich nur deshalb, weil ihr die Ärzte sagten, sie konnten das Leben des Fötus nicht mehr retten. Das erste Kind soll Antonia gewesen sein, zumindest behaupteten alle dieses, und die Ärzte bestätigten es. Nicht, dass es Antonia war, eher den Umstand als solchen.

Franziska sah auf die über der Bank hängende Wanduhr. „Haben wir uns wieder verquatscht. Hilfst du mir, de Hühnerstall fertigzumachen. Die Gäst reisen heut Abend an.“
Tanja liebte die Arbeit in der Pension, fast ein Hotel. Es ging ihr alles leicht von der Hand. Die Gäste zu bewirtschaften, die Zimmer auf Vordermann zu bringen. Wenn sie die Augen schloss, erblickte sie ausgedehnte Ressorts, gepflegte Hotels, in denen Damen in Uniformen ihr huldvoll grüßten, sie jeder höflich ihren Dienst erklärte.
Ein Bild passte nicht in ihren Traum, oder war es irgendwann Wirklichkeit gewesen? Ein staubiges B&B, in welchem ein Deckenventilator traurig oberhalb eines Tresens seine Runden drehte. An dem eine bucklige, grauhaarige Frau mit einer Hand Schweißperlen von ihrem schokoladenbraunen Gesicht wischte und mit der anderen in eine verschlissene Kladde kritzelte, aus der, dies machte ihr Angst, Blut floss.



Himbeerrote Pumps

Fridolins Wade krampfte. Der Schmerz zog sich bis in sein Gesäß. Die Ursache stand für ihn fest. Es wäre ein Klacks für ihn aus den High Heels zu schlüpfen, dem Krampf ein Ende zu bereiten, aber den Triumph gab er ihnen nicht. Gleich am Anfang mit nassen Strümpfen vor ihnen zu stehen, einzuknicken, zu winseln, um Erbarmen zu flehen, nicht seine Art. Er wandte seinen Kopf nach rechts.

Aus einem Gartenschlauch rann Wasser, kaum mehr, als aus einer Teekanne.
Er schloss seine Augen. Wie lange dauerte es, bis sich seine Schuhe vollzogen, die Overkneestrümpfe sich tränkten, der Saum seines Rockes eintauchte, die falschen Brüste versanken und zum Schluss das Wasser in seinen Mund spülte? Stunden, Tage oder gar Wochen. Könnte er die ganze Zeit auf seinen Füßen bleiben? Was passierte in der Zeit mit seinem Körper? War es nicht eine Erlösung unterzutauchen, die Luft aus den Lungen zu pressen und abzugehen?
Mit weit geöffneten Augen starrte er auf den Schlauch. Alles Zukunft, dachte er. Er hatte zurzeit banalere Probleme.

Fridolin beugte sich vor, hob den Saum des Rockes bis zu seiner Taille und schaute zwischen seine gespreizten Beine. Tropfen für Tropfen fiel sein Urin auf die nassen Fliesen. Tanja hatte recht behalten. Ihre Stimme hallte in seinem Gehirn, viel Spaß beim Pinkel, hatte sie ihm gewünscht. Allein, mit den langen Fingernägeln die Haken durch die Ösen zu schieben, war ein Akt für sich. Das Schließen vermochte er sich nicht vorzustellen, obwohl Zeit hatte er. Zumindest konnte er über Langeweile nicht klagen. Trotzdem, er präferierte Bodys mit Druckknöpfen.
Sicher, Haken waren zugfester, an den meisten hochwertigen Bodys waren sie genäht.
Er verdrehte seine Augen und flüsterte: „Bitte, wer zerrte an Unterwäsche.“
Wenn es ihm nur gelungen wäre das Tape, obgleich es schien ihm eher Verbandsmaterial zu sein, von seiner Haut zu ziehen, dann wäre Glück, Freude auf seiner Seite. Nicht einmal mit den Fingernägeln vermochte er, das Material durchzustechen, aber, dem war er sich bewusst, irgendwann verlor jeder Kleber seine Kraft. Er arbeitete bereits daran.
Um seine Gesäßmuskulatur zu entlasten, stütze er sich erneut auf seinen Knien ab.

Das Josephine ihm grollte, war ihm klar. Er hatte sie hintergangen. Es war ihr Recht, ihn zu bestrafen. Ihm einen Mord unterzuschieben, verhaftet, verurteilt, um dann mehrmals in der Woche von den Mitgefangenen als Braut vergewaltigt zu werden, Strafe genug. Jede Nacht hatte er gebetet, dass jemand ihn befreie würde. Er hatte gebüßt.
Intelligent war sie, dies musste er ihr zusprechen. Gleichwohl wäre es an der Zeit, das Kriegsbeil zu begraben, sich die Hände zu reichen und sich für immerfort Adieu zu sagen.
War sie der Ansicht, er verriete sie? Wie ohne Beweise, diese waren zu seinen Lasten. Hatte sie ihm die Begründung präsentiert? Er dachte nach, ging jeden Satz durch, welchen sie ihm entgegen geschmetterter hatte. Er schürzte seine Lippen.
Himbeerrote Pumps. Er murmelte: „himbeerrote Pumps“.
Josephine soweit er sich entsann, stand nicht auf Pastell.
Er verdeckte sein Gesicht und murmelte: „Wo habe ich himbeerrote Pumps in Zusammenhang mit Josephine gesehen?“ Er zuckte mit seinen Schultern und flüsterte: „Klar, in einem Schuhgeschäft?“
Er schüttelte den Kopf. Nie hatte er mit ihr gebummelt. Nie ihr jauchzen vernommen, wenn sie ein Kleidungsstück begehrte.
Er wisperte: „In ihrer Wohnung?“
Das ergab keinen Sinn. Sie sammelte, wie die meisten Frauen, Schuhe. Eins davon herauszupicken, als Zeichen zu nehmen schwachsinnig, nicht ihr Stil.
Fridolin schlug sich an die Stirn und rief: „Porsche, Kofferraum, Kiste“, der Wand des Beckens entgegen.
In der Nacht, als er Klara niedergeschlagen hatte. Er machte sich immerfort Vorwürfe. Warum sie im Park war, hatte er nie erfahren. Sie hatte es ihm nicht erklärt. Er musste handeln, sonst wären sie aufgeflogen. Sich an Josephines Seite zu drängeln, die einzige Chance für sie gewesen.

Er schloss erneut seine Augen, konzentrierte sich. Er ging zum Porsche, öffnete den Kofferraum, holte die Kiste mit Josephines Spielzeug heraus, mit denen sie Klara gefesselt hatte. Er sah sie, als lagen sie ihm zurzeit in seinen Händen. Ein Paar himbeerrote Pumps spürte er zwischen seinen Fingern. Josephine forderte ihn auf, diese wegzuwerfen. Er betrachtete sie. Die Schuhe apart, womöglichen von hohem Wert, gar in seiner Größe, einzig nicht in seiner Farbe. Er zauderte. Überlegte. Überlegte, sie an sich zu nehmen. Man konnte nie wissen, ob sie eines Tages für ihn oder einer seiner Gespielinnen vonnöten wären. Er schwang zwischen Geiz und Scham. Die Scham siegte. Er warf sie ab, obwohl er nie irgendetwas getan hatte, wofür er sich schämen musste. Es war immerfort ein Spiel.
Welche Reaktion hatte Josephine erwartet? Jedenfalls nicht die, die er an den Tag gelegt hatte. Warum? Josephine wusste nicht von seinem Verhältnis zu Klara, zu Tanja. Oder?

Es gab nur einen Menschen, der wusste, dass sie Sex hatten. Tanja! Tanja hatte sie im Bett erwischt. Aber anstatt sich zu wundern, dass ihr Ehemann eine Frau ist, sind sie tanzen gegangen.
Klara hatte aufgepasst, damit Josephine ihre wahre Natur nicht erblickte. Somit verblieb Tanja. Wie hatte er sich in ihr geirrt, dabei waren sie Freunde! Sein Herz brach.

Er griff in sein Haar. Zu seiner Verwunderung füllten sich diese echt an, zumindest war er ihnen etwas Wert. Ob Tanja, Klara und ihn verraten hatte, klärte nicht das Geheimnis der himbeerroten Pumps auf. Seine waren es nicht gewesen. Punkt. Tanja sowie Klara waren sie zu groß und Josephine war nicht dumm. Sie musste sie in ihrem Appartement gefunden haben.
Vor ihr bewohnte Klara in Stephens Rolle die vier Wände. Fridolin schloss sich weiter selbst aus. Sein Vater Valentin kannte das Appartement, er hatte es ausgesucht. Aber das Vale dem Genus nachging himbeerrote Pumps zu tragen, abwegig.
Blieb einzig eine Person übrig, von der er es am wenigsten erwartete. Nicht das Tragen von Pumps in grellen Farben, für sie Normal, sondern wer sie war.

Das Klacken von Schuhsohlen hallte durch die Schwimmhalle. Fridolin stellte sich lässig hin, pfiff, als wäre es normal, wenn ein Mann in Schulmädchenuniform gekleidet, angekettet am Boden eines Schwimmbeckens stand und erwartete ihr oder sein Erscheinen.


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Schlechte Karten für Fridolin
 
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Hallo Ahorn,

okay, ich fang mal an.

Die ersten Tage, Wochen, Monate vergehen wie im Flug, wenn des Entdeckers Nase, Ohren Neues, Unbekanntes erspähen.
... der Hölle nah Komma und es wird Zeit, gen Horizont zu sehen.
Des einen Freud, des anderen Leids
... Druck auf seine Zehen verwunderte ihn.
... graublauen Fliesen bedeckten Boden.
Seine rechten (Finger) berührten ...
... abgewinkeltes Bein kein Komma erklärte ihm ...
Sein Fuß steckte in einem violetten Pumps, dessen Absatz seiner Trägerin gar auf ebener Oberfläche seiner Trägerin kein Komma das Gehen erschwerte.
Den Befehl zum Senden ... ???? Das solltest Du so formulieren, dass man auch versteht, was Du sagen willst.:rolleyes:
... mannshohen Schwimmbeckens.
Wie gesagt Komma war nicht deine Schuld.
... Tränen in seine Augen getrieben hätte.
... um kein Komma vermutlich deinen letzten, dennoch größten Wunsch zu erfühlen erfüllen.
Sie hielt ihm den Spiegel ...
... Botox Feenhaftes, Anmutiges kein Komma zaubern kann.
... verlangte sie Komma derweil sich die Spitze ...
... Schamröte ins Gesicht Komma noch schwoll ihm die Brust.
... auf dem Grund eines zu seinem Glück kein Komma leeren Schwimmbeckens zu stehen, ...
... seinem Vater den Entschluss ...
... wie, oder besser gesagt Komma in was.
Dieses war das Beste, was ihm jemals förderte. ??? Ich würde diesen Satz einfach streichen.
... auf einem für ihn gewohnten Level ...
... sich gezwungen Komma sein Können kein Komma bereits im Studium ...
... gründete er ein Label.
Josephines Fingerkuppen ...
Aber kein Komma dass du mich ...
Süße Komma wir haben fast die gleichen ...
... zugleich den Schmerz erwartend.
... mit Blumen bedruckten kein Komma Bluse ...
... blieb an den am Rand des Beckens ...
Ich bin Klara Komma du Idiot ...
Aber bitte Komma sie gehört dir.

Puh! Um den Dämonen muss ich mich ein ander Mal kümmern ...

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,

wie immer einen herzlichen Dank. Die Kommafehler werden von mir so schnell es geht.
Das solltest Du so formulieren, dass man auch versteht, was Du sagen willst.
Da stimme ich dir zu. Er gefällt mir selbst nicht. Leider habe noch keine bessere Lösung gefunden. Denn nicht ich sage-denke den Satz, sondern Fridolin und er hat wahrlich keine einfache Persönlichkeit. ;)
Da ich mich jedoch zurzeit um Svenja kümmere, die sich zumindest vom Charakter her von Fridolin unterscheide, und mir der Sprung - aufgrund meiner nicht vorhanden Fähigkeiten - vom Jugendlichen zum Manne im besten Alter ( literarisch :) ) schwerfällt, lege ich den Satz erst einmal in meine Giftkiste.

Dafür wende ich gerne meine Zeit für Benny und Kommissar Zufall auf.
Bin schon auf Zufalls Werdegang gespannt. ;)

Liebe Grüße
Ahorn
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
noch vergessen.

Um den Dämonen muss ich mich ein ander Mal kümmern
Lass dir Zeit.
Aufgrund eines für mich nötigen Kapitelwechsels erscheint nächste Woche parallel zu Herbert eine Vorgeschichte, die weiter hinten - wie geplant - nicht recht am Platze ist.

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

ich habe gerade ein bisschen Zeit.

... den Teufel Komma nicht den Herrn.
... ihn verlassen, aufgegeben.
Er der Strafe mehr angedient. ??? Ägypten? Rembrandt? Was willst Du sagen?
... fasste ihn am Schopf ...
Ihm Komma wie sie sagte ...
... die Restes ihres Mahles ...
... der Welt zu zeigen Komma wer ...
Der Teufel solle sie holen sie, ...
... er außerstande Komma seine Gelüste ...
Sie ihn in diesem Sinne ...
... ohne dass er dieses mit den Augen ...
... ihres weißen Komma mit Rosenmotiven ...
... zupfte einen Halm vom Grass und ...

Und noch das nächste Kapitel:

... und zum Ersten Komma oder sogar Doppelpunkt ich bin Klara.
Im Wehrmachtsbunker Komma du Trottel.
... nur mit eurem Schwanz.
... weiterhin danach Komma dieses beschissene Spiel ...
... Fridolins Rock kein Komma der Schwerkraft folgte ...
Klara zupfte an einem weißen Strapsband.
... strich ihm über den Schritt.
Klara schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Angeschriene hat sie mich.
Stehe auf Komma du Stück ...
... einen Kaffeeklatsch ab Fragezeichen
Ich bin Klara Komma du Wichser ...
... nicht an allem schuld, ...
... könne die Grenzen kein Komma überschreiten, ...
... Stillschweigen ab ...
... an einem Tag verfolgte, wie er ...
... durch das verrostete Tor ...
... was er mit ihr angestellte hätte, blieb Komma wie sie ihr erzählt ...
... für sie zwar nicht Komma ein Kinderschänder ...
... ihre Fürsorge eher ihren Gelüsten ...
Anton Komma ihr Erzeuger, ...
... einzig Valentin Komma Fridolins Vater Komma übrig.

So, Pause.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
danke für deine mühevolle Arbeit.

??? Ägypten? Rembrandt? Was willst Du sagen?
Woher soll ich das Wissen? Frage diesen durchgeknallten Autor. ;)
Durchgeknallt!
In diesem schwachsinnigen Text gibt es zwei - vielleicht findet du weitere - Aussagen.
  1. An wen und wie an ihm gehandelt wird.
  2. Wie er geschrieben ist.
Ferner, dies hat aber nichts mit dem Text direkt zu schaffen, wer ihn liest und wie die Person reagiert. ;)

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

und weiter geht's mit "Sieg auf ganzer Linie?"

Die Zähne gefletscht Komma warf sie ...
... die anderer von ihr fest im Griff ...
... steuerten sie auf einen Pulk zu.
... grauhaariger Herr Komma gekleidet im weißen Zwirn, ...
... an ihrer Goldmedaille gepresst, ...
... gratulierte der Junge ... Der Junge! Welcher Junge? Wo kommt der jetzt her?
... achterleep duun se Punkt
... von de Matthias trennt Fragezeichen
War sie genauso wenig Komma wie du meine Schwester.
Hättest mir zumindest gratulieren können, ...
Ein Weizen für Sie Komma Herr Oberländer, eine Cola-Light für dich Komma meinen Hasen Komma und ...
Herrgottzeiten Komma jetz is ...
Alina Komma lass uns ...
... abwechselnd einen Becher nach dem anderen ...
... mein Erzeuger Komma also Vater.

Jetzt gibt's noch "Kaffee und Kuchen".

Franziska türmten die restlichen Kuchenstücke ...
... noch geschweige Komma wer Lotte war.
Wer sie war Komma hatte Franziska ihr ...
... es machte ihr leichter Komma die Gedanken zu ...
... der sich über der Person Josephine lag.
... Getränk am Pool erfühlten erfüllten ihre Sehnsucht.
... unterscheiden zwischen Erlebtem und Angenommenem, ...
Mensch Kind Komma Bärbel wa dei Tant ...
... ein Paradoxon Komma was sie quälte.
Den Schwur Komma nichts Franziska ...
... denn sie war Tamis Freundin.
... an die Besuche Komma nicht an den Rest.
... denn niemand bestätigte ihr ...
... sowie den Zweiten.
... sie gab ihm diesen Namen.
... Pubertätsdemenz Komma brächte es ...
... das andere in die rechte Hand.
... drückte es, wie das erste Komma mit ihren Fingern.
Na Komma net du.
... erinnerte sie sich kein Komma nur deshalb, ...
... zumindest behaupteten alle dieses ...
... oder war es irgendwann Wirklichkeit gewesen Fragezeichen
... in eine verschließende Kladde kritzelte. Was ist ein "Verschließende Kladde"?

So, geschafft.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo Ahorn,

oh, ja, dieser durchgeknallte Autor und seine chaotischen - liebevoll chaotischen, wie ich betonen möchte - Geschichten ...;)
Ich verstehe immer noch Bahnhof ...:confused:

Ich will Dich ja nicht unter Druck setzen, aber gleich kommt Kapitel 11.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

molly

Mitglied
Hallo ahorn,

ich habe die "groben" Seiten ausgelassen und bin geich zu Kaffee und Kuchen übergegangen, doch nur ein wenig.
Vielleicht kannst Du einige "WAR" ersetzen.
Viele Grüße
molly

Antonia stand auf. „Ich geh nach obenPunkt“,blökte Sie stampfte aus der Küche und schmetterte die Türe zu.

Wer sie war KOMMA hatte ihr Franziska erzählt, sie war ihre ältere Schwester, aber weiß man deshalb, wer jemand war.

Nichtsdestominder bitte nicht!
verbarg sie irgendetwas.

Warum Josephine sie gefesselt und sich auf ihr Gesicht gesetzt, blieb ihr schleierhaftPUNKT? ????

Der gleiche Schleier, der sich über der die Person Josephine lag legte

„Mensch Kind KOMMABärbel wa dei Tant KOMMA und i soll di von ihr erzählen.“
„Franziska! Bitte sprich Deutsch mit mir.“ Finde ich auch
Wiederum so ein Paradoxon, das was sie quälte. Sie hatte ein Foto von ihr gesehen, eins von den Hochzeitsfotos. Ihre Erinnerungsfetzen behaupten aber, dass die Frau ihre Mutter war, obwohl Maria dieses von sich behauptete.

Einzig Antonia war eingeweiht, denn sie war Tamis Freundin.
An das Einzige, was sie sich erinnerte, war, dass sie in ihrem Leben bereits die Wohnung betreten hatte. Möglicherweise war es gleichfalls ein Foto gewesen, jenes sich in ihrem Schädel eingeprägt hatte.
Sie erinnerte sich an die Besuche KOMMA nicht an den Rest. Sie war fremd in diesem Haus, wollte nur gucken, dann blieb sie mehrere Tage, allein außer ihr niemand dort, berichteten Tanja ihre Träume. Verstehe ich nicht

Diese Psychos glichen sich alle. Wie viele sie durch hatte, hatte sie aufgehört zu zählen. An zwei erinnerte sie sich. An den Ersten, möglicherweise war es der Dreiunddreißigste, denn niemand bestätigte ihr, dass ihre Störung erst nach der Bewusstlosigkeit eingetreten, oder bereits vorhanden war, sowie den Zweite. Dieser war nicht der Zweite, sie gab ihn diesem Namen.
 

ahorn

Mitglied
Hallo Molly, hallo Rainer Zufall,
ich bedanke mich bei euch für eure Anteilnahme und hoffe, dass ihr mir weiterhin mit euren Tipps behilflich seid.

Bahnhof! Ich wäre froh, wenn ich ein Gleis hätte und du verlangst einen Bahnhof.
Für mich als literarischen Dünnbrettbohrer ist es bereits ein Unterfangen, die richtige Schwellen und Schienen zu finden, um überhaupt eine Fortsetzung zu schreiben.:rolleyes: Bahnhof. Eine Fortsetzung von einer Tragödie, die nicht einmal als Roman gar als anständige Geschichte geplant war. Bloß aus dem Grund da ich es nicht verkraften konnte, dass all meine Protagonisten, die ich über all die Jahre in mein Herz geschlossen habe, wirklich über den Deister zu schicken. :eek:Bahnhof.
Na ja, warte ab, vielleicht bekomme ich zumindest einen Bahnsteig hin, vielleicht ergattere ich einen Zug, dann kannst du einsteigen und die Reise beginnen. ;)Solange musst du ausharren. Wie wäre es zwischenzeitlich mit einem Cocktail in der ScheinBar. Hagen hat sicherlich einen Hocker frei.:)


Ab zum 11.

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

dann wage ich mich mal in die Hölle.

... die Frauen ihren Schlagstock benutzten.
... spritzte in ihr ab.
Aber diese Genugtuung wollte sie ...
Sie saß, wie immer Komma auf ihrer Pritsche Komma starrte die Wand ...
Wie sie ihr es beigebracht hatten, ...
... hatten sie ihr noch nicht genommen.
... eingesessen hatte und kein Komma dass der Richter ...
... weder einen Bartwuchs noch, abgesehen von ihren Kopfhaaren, kein einziges Haar ...
... sie in einem Alter verweilte, in dem dieses nicht ...
... jedenfalls nicht ohne ihre Mütter.
... hatten sie Tita gefolterter?
... Striche, die sie in an den ersten Tagen ...
Ein Zischen Komma als rufe sie jemand.
Im Gang hatten sie sie nie verprügelt ...
Er blieb kein Komma an dem Tisch mit dem Stuhl Komma auf dem ...
Sie mussten ihn nicht fragen, was es war.
... Tita sich erkenntlich zeigen würde Komma ihr kein Komma danach die Flucht ..
... du dir deinen Schwanz ...
... zog er sich seinen Pullover aus, stülpte ihr diesen über.
... als wäre er ihr bester Kumpel Komma seinen Arm um ihre ...
... wies mit der anderen Hand zurück.
... in dem sie kein Komma seit ihrer Inhaftierung ...
... an dessen anderer Seite sich ein Tor befand.
Das Tor befand. Das Tor zur Freiheit.
... denn er trug einen Rock.
Als sie dermaßen dicht an diesen herankam, dass sie dies erfasste, stockte ihr erneut ihr Atem.

Okay, das war also quasi die Vorgeschichte. Kommt da jetzt noch mehr dazwischen? Der Übergang zu "Wasser bis zum Hals" wäre sonst etwas schwer erkennbar.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
dir gilt mein Dank.

ein Tor befand.
Das Tor befand. Das Tor zur Freiheit.
Die Wiederholung ist gewollt. ;) Warum wohl? :rolleyes:
Kommt da jetzt noch mehr dazwischen?
Ich denke schon.

Okay, das war also quasi die Vorgeschichte.
Vorgeschichte? Von wem, wovon?
Die Vorgeschichte ist doch Flucht über die Nordsee? Oder war da was am Anfang? :rolleyes: Diese Demenz macht einen Krank.
Vorgeschichte - Geschichte. Was war für sie Zeit?

Liebe Grüße
Ahorn

PS.: Wenn die "Vorgeschichte steht" schau ich endlich bei Zufall vorbei, was ich im ersten Zug gelesen habe, ist sehr gefällig.
 
Hallo Ahorn,

es ist schon alles sehr verwirrend, nicht wahr? ;)
Ich harre der Dinge, die da noch kommen.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo Ahorn,

wird die Flucht gelingen?

Gewalt, erst recht an Frauen Komma geduldet wurde.
... , bestätigten ihr die Frage.
... und seid der Ansicht Komma mit euren Kröten ...
Ich weiß Komma von was ich spreche.
Woher sollst du das wissen Fragezeichen
Barfuß Fragezeichen
... ein Paar Turnschuhe Komma müssten dir passen.
... in einer Zelle Komma die kaum länger ...
... aber drauf schwören kein Komma tue ich nicht.
... die Typen Komma denen du noch etwas schuldest.
... die beiden Komma ihre Gewehre am Anschlag Komma den Geröllhang hinab.
... Titas Komma von dem sie ausging.

Krasse Geschichte. Warst Du mal dort unten?

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 


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