Tütken - Flucht vorm Ministerium - Schlechte Karten für Fridolin - 2

ahorn

Mitglied
Zurück zu Schlechte Karten für Fridolin


Thüringer mit Senf

„Ich hoffe, Sie haben uns ein exzellentes Hotel ausgesucht. Fünf Sterne sollte es schon haben, mit direktem Blick zum Strand.“

Vor einer knappen Stunde hatte Milena Samuel angerufen und war auf sein Geschäft eingegangen. Sie hatte gezögert, permanent ihr Smartphone erfasst, dann es beiseitegelegt. Sie verspürte kein Verlangen, ihrem Freund untreu zu werden. Schließlich die Aussicht auf eine Story, einen neuen Anfang - den wievieltem in ihrem Leben wusste sie nicht mehr -, hatte ihr die Worte „Ich mache es“ in den Mund gelegt. Dabei bereute sie es. Egal. Ihr Freund weilte in Jerusalem. Wer sollte es ihm erzählen? Allerdings, weshalb sie sich ihr schulterfreies weißes Spitzenminikleid übergezogen hatte, kam ihr nicht mehr in den Sinn. Als wolle sie Samuel verführen.
Sein schmachtender Blick, den sie las, sprach für sie das aus, was er von ihr verlangte. Sie kniff ihre Augen zu. Nein. Einfach würde sie es ihm nicht machen. Er sollte sie erobern.
Samuel deutete auf ihre Reisetasche. „Wollen Sie verreisen?“
„Samuel, mit Frauen kennen sie sich aber nicht aus.“
„Wieso?“
„Glauben Sie, ich möchte morgen dieselben Klamotten anziehen.“
„Morgen?“
„Auf einen Quickie habe ich keinen Bock.“ Sie biss auf ihre Unterlippe, verfluchte ihren Satz. Dann strich sie sich durchs Haar, wobei ihre weiße Handtasche in ihre Armbeuge glitt. „Eine Frau will verführt werden.“
„Was sagt ihr Freund dazu?“
„Er hat kein Problem damit.“
„Pardon! Machen sie dieses öfters.“
„Mit meinem Chef bisher nie.“ Sie verdrehte ihre Augen. „Direkt nicht. Er ist nicht dumm. Ich rufe ihn immer an, wenn ich erst zum Tanzen gehe, und dann bei einer Freundin übernachte.“ Sie kicherte. „Ich habe in Tel Aviv keine Freundin und das weiß er.“ Die Lippen zu einem Lächeln verzogen, blinzelte sie ihn an. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten sie mich schon eher fragen können.“
Sie zuckte zusammen. Was redete sie für einen Bullshit? Sie musterte ihn. Für sein Alter sah er passabel aus. Sie erwischte sich bei einem flüchtigen Gedanken, ob er im Bett gleichsam jugendlich agierte. Gott, die laue Nacht, die Paare, die sie eng umschlungen passierten, vernebelten ihren Geist.
„Was?“
Seine Frage riss sie aus ihren Gedanken. „Dass ich mit ihnen schlafe. Ich halte Sie für sehr nett. Aber im Labor mich zu fragen, fand ich dreist. In einem Café oder in einem Restaurant finde ich es romantischer.“

Warum war sie darauf eingegangen, sich mit ihm zu treffen? Anderseits konnte sie sich kaum daran erinnern, wann sie das letzte Mal Sex hatte. Jedoch mit ihrem Chef, dem sie sich buchstäblich an den Hals warf? Sein Gesicht sagte ihr, dass er an alles andere dachte, als ihr den Hof zu machen.
„Geben Sie mir ihr Gepäck.“
Milena übergab ihm ihr Tasche. „Sie sind ein Gentleman. Männer mit Benimm, sind sexy.“
„Ich würde sagen, wir gehen erst einmal Essen“, gab er ihr zu verstehen und marschierte los.
Sie holte ihn ein. „Sie können ihren Arm um mich legen. Bringt ein wenig Nähe. Und dass Sie ..? Ich weiß nicht?“ Sie kicherte. „Könnten Sie tiefer eindringen. Hört sich bescheuert an.“
„Na ja, Sie wissen genau, was sie wollen. Wir sollten es trotzdem langsam angehen lassen. Zum Anfang kann ich Ihnen meinen Arm anbieten. Mein Bein hatten Sie bereits.“

Sie bogen in die Frishman Street ab, wobei sie ihren linken Arm eingehängt und mit der rechten Hand seinen Oberarm erfasste, als hätte sie Angst, er könne weglaufen. Dabei verlöre er mit seiner Prothese jedes Rennen gegen sie, dachte sie sich, obgleich ihr Schuhwerk, die spitzen, hohen Absätze ebenfalls eine Art Behinderung darstellten.
Einen Steinwurf vor der Retsif Herbert Samuel Street bliebe er stehen und wandte sich nach rechts. „Da sind wir.“
„Wo?“
Samuel deutete nach vorn, wobei ihre Reisetasche pendelte.
„Eine Würstchenbude?“
„Sehen sie genau hin.“
„Thüringer Rostbratwurst?“
„Bei Mustafa gibt es die besten Thüringer. Außerhalb von Thüringen versteht sich.“
Er zerrte sie an den Bratstand. „Mustafa arbe!“
Milena runzelte ihre Stirn und sah ihn an. „Ich lerne zwar hebräisch, aber hebräisch war das nicht.“
„Arabisch! Mustafa stammt aus den besetzten Gebieten. Nähe Betlehem.“
„Ein muslimischer Araber verkauf in Tel Aviv Thüringer Rostbratwürste?“
Samuel verdrehte die Augen. „Erstens ist Mustafa Palästinenser, zweitens Christ, sein Cousin ist Muslim, und drittens, er verkauft diese nicht allein, er stellt sie her. Dies ist das wahre Tel Aviv. Das ist der Nahe Osten, nicht das“, er schaute gen Himmel, „was die daraus machen.“
„Shukraan jazilaan Mustafa“, sprach er und an sie gewandt, „nehmen Sie, bevor sie kalt werden. Wir müssen uns beeilen. Ich esse nicht gern im Stehen“, gab er ihr zu verstehen, während er an seine Prothese klopfte.
Er schritt voran, sie holte ihn ein und stöckelte an seine Seite. „Mussten sie nicht bezahlen? Wohin gehen wir?“
„Nein und in ein gutes Weinlokal am Strand. Eigentlich gehört ein kühles Blondes zu einer Thüringer, aber, bis wir dort sind, ist die Wurst kalt.“

Ihre zwei Würste auf Wurstpappen in der Rechten, ihre Linke bei ihm eingehakt, erreichten sie das Lokal.
„Shalom Samuel“, begrüßte ihn ein untersetzter Mann, dem man ansah, dass er nicht allein gern einen guten Roten, sondern gleichfalls exzellente Kost genoss.
„Shalom Arif.“
„Kama hu alhal dayimaan.“
„Wie immer.“
„Milena, lassen Sie uns vorne an der Mauer einen Platz einnehmen. Direkt mit Blick zum Meer.“
Sie folgte ihm zur Mauer. Dort angekommen setzten sie sich.
„Essen Sie, bevor sie kalt wird!“
Sie biss in die Wurst.
„Wow!“
„Sag ich doch.“
„Wo haben die das Fleisch her? Wir sind in Israel?“, fragte sie, wobei sie mit Genuss die Wurst verzerrte.
„Sogar in Israel werden Schweine gezüchtet, soweit sie nicht den Boden berühren, somit ist die Haltung mehr als fragwürdig. Nein! Das Fleisch kommt aus dem Libanon, der Senf aus Sachsen und die Bude habe ich in Thüringen aufgerissen, somit original.“
„Sachsen?“
„Ein Kreuzfahrtschiff bringt regelmäßig mehrere Eimer Bautzener vorbei. Thüringer Senf haben sie leider nicht.“
„Raja“, sprach der Kellner und reichte Samuel den Wein.
„Shukraan jazilaan Arif.“
Er übergab ihr das zweite Glas. „Probieren Sie, der Tropfen wird in Masu’a angebaut, den gibt es einzig bei Arif. Wenn Sie einmal richtig gut koscher Essen gehen wollen, dann empfehle ich Ihnen das Restaurant von Arifs Bruder Djamal.“
„Koscher?“
„Ich wohne bei einem Rabbi und seiner Familie, zwar streng orthodox, aber nicht verklemmt. Alle Menschen sind Brüder.“
„In Israel?“
„Gerade hier. Alle könnten sie friedlich miteinander auskommen. Alle wenn?“
„Wenn?“
Samuel ballte eine Faust. „Wenn es nicht Menschen gäbe, die aus jedem Konflikt ihren Gewinn schlagen würden. In Frieden zu regeln, ist das Gebot.“
„Aber?“
„Nichts aber! Sind sie etwa der Auffassung, dass die Engländer, die Verfolgten des Holocaust und anderen Menschen jüdischen Glaubens in diesem wunderschönen Land angesiedelt haben, weil sie barmherzig waren? Nein! Sie waren genauso Antisemiten.“ Er erhob seine Hand. „Falsch. Ich spreche bereits wie alle anderen, ohne meinen Verstand zu benutzen. Antijüdisch. Hört sich zwar ulkig an, triff die Wahrheit jedoch genauer.“
Sie sah ihn an, als säße ein Geist neben ihr. „Wie?“
„Semitisch ist eine Sprachgruppe. Dazu gehört nicht nur das Hebräisch, sondern gleichfalls das Arabisch. Einzig“, er wiegelte ab, „derart bibelfest bin ich nicht, gibt es eine etwas andere Definition.“
„Welche?“
„Abrahams Abstammung von Sem. Sicherlich kommt der Begriff daher. Egal. Für mich zählt die Wissenschaft und kein ... lassen wir das. Wo war ich stehen geblieben?“
„Holocaust, Engländer?“
„Ach ja. Glauben Sie, dass die Vereinigten Staaten Israel unterstützt, weil es ein Leuchtturm der Demokratie ist. Ein Flugzeugträger, um ihre Einflusssphäre zu sichern, ist es. Sind Sie der Meinung, dass Israel ohne Hilfe der Staaten in der UNO, den Sechs-Tage-Krieg geführt hätte? Krieg. Gewalt. Mord. Immer wieder dasselbe. Aber die Palästinenser sind Terroristen. Auch oder gerade, wenn sie friedlich demonstrieren.“

Sie senkte ihren Kopf und strich über den Rand ihres Glases. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“
„Weswegen?“
„Ich dachte, ich war der Annahme, dass sie …“
„Ein alter verschrobener Chauvinist sind, der jeder Frau unter den Rock glotzt und seine Mitarbeiter mit herablassenden Sprüchen quält.“
„Nein! Nicht so direkt.“
„Ich kenne meinen Ruf. Ich habe kein Problem damit. Ich habe keine Lust, jedem Dahergelaufenen zu erklären, weshalb ich irgendetwas sage oder tue. Niemanden muss ich Rechenschaft ablegen. Taten, nicht Worte zeichnen einen Menschen aus. Es gibt zu viele, die reden, schwafeln und dabei einzig ihrem eigenen Vorteil suchen.“ Er nahm einen Schluck und schmunzelte. „Bei den Röcken gebe ich Ihnen recht. Ich bin eben ein Mann.“
Was für einer, dachte sie. Wenn er zehn Jahre jünger wäre, dann ... Egal. Sex war Sex, ob mit einem alten oder jungen Kerl. Vielleicht bekam er keinen mehr hoch. Sie wandte im erneut ihr Gesicht zu, schmunzelte. Schmunzelte nicht, weil sie ihn ansah, sondern darüber, dass sie sich abmühte, dann, wenn es zur Sache ginge, er nicht dazu in der Lage war.

Der Abend verstrich und nichts geschah. Warum strich er nicht über ihr Knie, ertastete ihren Rocksaum, küsste sie auf den Hals, um ihr dann ins Ohr zu flüstern, wie scharf er auf sie war. Er sie sodann, in das Hotel zerrte, über sie herfiel, die Sache erledigte, dann endlich mit seiner Geschichte anfing.
Nichts, rein gar nichts geschah. Es erschien ihr, als glotze er sie an, zog sie eher mit den Augen, als mit seinen Händen, aus.
„Ihren Ruf kenne ich, darum geht es mir nicht. Ich habe sie angelogen; war der Annahme, sie verständen mich nicht.“
Er strich über sein Kinn, hob seinen Kopf, als suche er in den Sternen nach einem Satz.
„Ist schon gut. Lassen sie uns austrinken, dann die Heimreise antreten.“
„Nein! Sie haben mein Interesse geweckt.“
Sie musste die Situation retten. Vielleicht war sie ihm zu keck und er stand eher auf Frauen, die nicht viel sprachen. Die sich einfach an ihren Auserwählten ankuschelten, ihren Blick starr auf seinen Lippen richtete, wenn er erzählte.
Er sengte seinen Kopf und wandte sich ihr zu.
„Vergessen Sie es.“

Sie klemmte ihren Kopf zwischen ihre Schulter und spürte, dass sie errötete. Zumindest konnte er es nicht erkennen, dass sie sich schämte. Ihr Make-up, das Rouge, das sie auf ihren Wangen trug, verdeckten es.
„Ich bin freie Journalistin und verfasse einen Bericht über meinen Aufenthalt in Israel. Jetzt verstehen sie mich nicht falsch. Es war Zufall, dass ich in Ihr Labor kam. Sie haben mich eingestellt. Ihre Arbeit interessiert mich. Die Möglichkeiten, welche diese eröffnet.“
Samuel runzelte seine Stirn. „Ich kann Ihnen zehn oder mehr Sachbücher geben.“
Milena zuckte zusammen. Sie warf in unverblümt an den Kopf, dass sie Journalistin sei. Ein Fakt, der in Gänze gelogen war. Und er? Dafür stellte er ihr in Aussicht, ihr seine Sachbücher zu leihen. Bücher, da war sie sich sicher, sie sich gleichfalls in der Bibliothek ausleihen könnte.
Sie riss ihre Augen auf. „Die Geheimnisse. Die Geheimnisse stehen in keinem Buch.“
„Was für Geheimnisse?“
„Ich habe geahnt, dass sie derart regieren, deswegen …“
„Dachten sie sich, ich springe mit dem Alten ins Bett, und ...“
„Nein! So eine Journalistin bin ich nicht. Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr in ihrer Nähe sein darf.“ Erneut lief sie rot an. „Ich. Ich habe mich ...“, stotterte sie und presste sofort ihre purpurroten Lippen zusammen.

Gott. Sie zog den Rest ihres Satzes zurück, ließ die Worte getäuscht in Sie an den Ort, an den diese hingehörten. Was sollte er von ihr denken? Dass sie eine Frau war, die einen Vaterkomplex hatte. Sicherlich konnte er diese Art von Frauen nicht leiden. Frauen mit einem Vaterkomplex ging er bestimmt aus dem Weg. Diese klammerten sich an ihn, wichen ihm nicht von der Seite, anstatt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Anderseits hatten diese für Männer bestimmt einen Reiz. Oftmals suchten sie jenes, was sie von ihrem Vater nicht bekommen hatten. Ein offenes Ohr. Zuwendung. Er? War er einer von diesen Vätern? Hatte er Kinder? Nichts wusste sie von ihm.
Sie sah, wie er tief einatmete.
„Ich unterbreite Ihnen einen Vorschlag.“
„Welchen?“
„Unterbrechen Sie mich nicht“, harschte er sie an. „Ich erzähle Ihnen meine Lebensgeschichte und Sie entscheiden, ob Ihre Gefühle es wert sind.“
Sie kniff ein Auge zu. Welche Gefühle meinte er? Sie empfand keine. Jedenfalls keine zu ihm.
„Was?“
„Dies müssen Sie selbst herausfinden.“
Milena hielt ihm ihre Hand entgegen. „Gebongt.“
Samuel schlug ein.

„Geboren, nein, aufgewachsen bin ich in Gera,
genauer gesagt in Kauern.“ – „Wollen Sie sich nichts notieren. Ich denke nicht, dass sie alles in ihrem hübschen Kopf behalten werden.“
Sie öffnete ihre Handtasche, holte ihr Smartphone heraus und hielt es an seine Lippen, während sie mit der Rechten ihr Weinglas umklammerte. „Bitte!“


Weiter zu
Totgesagt, dennoch unter den Lebenden
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Ahorn,

Männer mit Benimm kein Komma sind sexy.
Dort angekommen Komma setzten sie sich.
Sie biss in die Wurst. keine neue Zeile "Wow!"
... mit Genuss die Wurst verzehrrte.
Alle Komma wenn?
... die Vereinigten Staaten Israel unterstützten ...
... Hilfe der Staaten in der UNO kein Komma den Sechs-Tage-Krieg ...
... ich war der Annahme, dass Sie ...
Niemandem muss ich Rechenschaft ...
... dabei einzig ihren eigenen Vorteil ...
Sie wandte ihm erneut ihr Gesicht ...
Er sie sodann kein Komma in das Hotel zerrte ...
... ihren Blick starr auf seinen Lippen ...
Er sengkte Wer zündelt denn da schon wieder? ;) seinen Kopf und wandte sich ihr zu. keine neue Zeile (wenn er das sagt) "Vergessen Sie es."
Sie warf ihm unverblümt an den Kopf ...
... dass Sie derart reagieren ...
Dachten Sie sich ...
... nicht mehr in Ihrer Nähe ...
... die Worte getäuscht in Sie Ihnen an dem Ort, an den ...
Dass sie eine Frau war, die einen Vaterkomplex hatte. Ist das als Frage zu verstehen oder als Feststellung?
... bin ich in Gera, da hat sich ein Zeilenvorschub eingeschlichen genauer gesagt Komma in Kauern.
Wollen Sie sich nichts notieren Fragezeichen, kein Punkt Ich denke nicht, dass Sie alles in Ihrem hübschen Kopf ...

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 


Oben Unten