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Über die Aporien intellektueller Redlichkeit

4,30 Stern(e) 4 Bewertungen
Rezension zu:

Jonas Lüscher, Kraft, C.H.Beck 2017, ISBN 978-3-406-70531-1

Der Schweizer Autor Jonas Lüscher, der schon lange in München lebt, hatte 2013 mit seiner raffiniert gebauten Debütnovelle „Frühling der Barbaren“ gezeigt, dass man zur Bewältigung eines großen Themas nicht unbedingt einen 400 Seiten starken Roman braucht, sondern dass die alte Kunstform der kleinen Novelle durchaus genügend Möglichkeiten bietet.

In einer stellenweise fast parabelhaften Erzählung betrachtete er die Innenwelt der Akteure, reflektierte darüber, was Menschsein bedeutet, und wie sich Menschen in extremen Situationen verhalten.
Mit einer Sprache, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, bleibt er auch in seinem ersten Roman „Kraft“, der nur unwesentlich länger ist als die Novelle aus dem Jahr 2013, bei seinem Thema, zu zeigen, wie dünn die Decke der Zivilisation ist.

„Kraft“ erzählt die Geschichte des Tübinger Rhetorikprofessors Richard Kraft. Als Nachfolger von Walter Jens auf dessen berühmten Lehrstuhl gekommen, ist er an der Spitze der intellektuellen Elite des Landes angekommen. Wie erbärmlich es um diese, in den siebziger und achtziger Jahren noch die öffentlichen Debatten bestimmende und den intellektuellen und politisch-gesellschaftlichen Diskurs dominierende Elite bestellt ist, ist ein wesentliche Aussage des Romans, die aber so nie ausgesprochen wird.

Richard Kraft ist ein überzeugter Liberaler, der in den achtziger Jahren Graf Lambsdorff und Hildegard Hamm-Brücher verehrte. Lüscher lässt den Leser in vielen Rückblenden in diese Zeit Krafts Entwicklung Revue passieren. Er entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einem gefragten Publizisten, der zu fast allen Fragen eine Meinung hat. Dies bringt ihm schlussendlich den ehrwürdigen Lehrstuhl ein.

Doch der überzeugte Liberale ist enttäuscht vom Umschwenken des Sozialliberalismus und einen brutalen und marktgläubigen Neoliberalismus und gerät intellektuell immer mehr in jene Aporien, die auch viele andere seiner Zunft zu befallen haben scheint. Ein Gefühl, die Welt nicht mehr verstehen und erklären zu können, ausweglos zu sein angesichts einer Entwicklung, lässt in ihn tiefe Zweifel fallen.

Dazu kommt eine private Situation, die nicht viel besser ist. Er ist verheiratet, hat zwei pubertierende Töchter und hat sich mit dem Kauf eines Hauses in bester Tübinger Lage schwer verschuldet. Seine Ehe ist eigentlich am Ende, als Richard Kraft von dem ehemaligen Freund Istvan, jetzt Professor an der Stanford University (die Geschichte der beiden und ihrer Freundschaft wird in den zahlreichen Rückblenden deutlich), eine Einladung in das Silicon Valley in Kalifornien erhält. Dort sollen die hochdekorierten Teilnehmer aus aller Welt eine wissenschaftliche Preisfrage beantworten in einem Wettbewerb, den ein Internetmogul namens Thomas Erkner mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgelobt hat.

In einem 18-minütigen Vortrag sollen die Teilnehmer in Anlehnung an die Theodizeefrage von Leibniz antworten auf die Frage: „Theodicy an Technodicy: Optimism for a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we can still improve it?“ Mit einem Livestream sollen die Vorträge in alle Welt übertragen werden.

Mehr noch als die intellektuelle Herausforderung reizt Kraft das Preisgeld, mit dem er seine Schulden tilgen und sich endlich aus einer unerträglich gewordenen Ehe lösen könnte.

Um sich ordentlich vorzubereiten, reist er schon vier Wochen vor dem Wettbewerb an, und kann sich in den Räumen der „Hoover Institution on War, Revolution and Peace“ einquartieren.

Mit dem Vortrag selbst kommt er nicht voran. Seine Gedanken gehen immer wieder zurück in seine Vergangenheit, als ihm jedenfalls noch klar schien, was richtig ist und falsch. Lüscher lässt ihn an einer Stelle denken: „Nichts war einfach, nie, und darüber hatte er sich den Mund fusselig geredet und das Hirn wund gedacht. Er sehnte sich nach festem Grund, danach, nur noch eine Sache wissen zu müssen, auf der alles gründete, auf die sich alles andere beziehen ließ.“

Für mich sind das die zentralen Sätze und Aussagen eines Buches, das von einer Sehnsucht handelt, die sich nicht erfüllt. Die Welt ist komplizierter, es gibt keine eindeutigen Erklärungen mehr, ja man kann nicht mehr tun „ als dass man sich selbst immer bewusst ist, dass das eigene Vokabular nicht abschließend ist, dass man also seinem eigenen Vokabular misstraut, und zwar in einem ständigen Prozess“, wie Lüscher selbst sagt.

„Kraft“ ist ein Roman, der erzählt von einer aus den Fugen geratenen Welt, in der eine schamlose Machtelite zu jedem auch intellektuellen Tabubruch bereit ist, und der die Macht und die Kraft des Denkens nicht mehr entgegenzusetzen hat als ihre Selbstaufgabe und Kapitulation. Ein Buch, das passt in jene Tage seines Erscheinens, wo Lügen „alternative Fakten“ genannt werden und wo es nicht mehr um politische Inhalte geht, sondern nur noch um Personen und Umfragewerte.

Doch, und davon ist der Rezensent überzeugt, es werden wieder Tage kommen, wo es wichtig ist, das viele Menschen das Denken und ihre Kritikfähigkeit nicht abgegeben haben vor lauter Resignation und Anpassung, Tage, wo genau diese Fähigkeiten wieder gebraucht werden, um die Trümmer eines sich hemmungslos ausbreitenden Autoritarismus überall auf der Welt zu beseitigen und eine demokratische Kultur wieder zu etablieren, die in diesen Zeiten vor die Hunde zu gehen droht.
 
A

aligaga

Gast
Es ist immer wieder amüsant, festzustellen, dass nicht nur Autoren, sondern auch deren Rezensenten Eliten mit dem Establishment verwechseln.

Dass Schein etwas ganz anderes ist als Sein und dass die Gesellschaft schon seit ihren allerersten Ausformungen auf Sinnsuche ist - wenn möglich, dann bitte nur nach einem einzigen, einfachen! - ist so alt und so platt wie sachsen-anhältische Himmelsscheibe, die in Ziegelroda raubausgegraben wurde.

Am witzigsten findet @ali die Phantasmagorie, man könnte rein rhetorisch im Thal der Plasteundelaste ein Preisgeld werben, mit dem sich ein zum Häuslebauen aufgenommener Kleinkredit tilgen ließe.

Köstlich auch die Bemerkung
Mit einer Sprache, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint
Der Rezensent hat wohl nicht auf dem Schirm, dass ein Auslandsschweizer auch dann einer ist und bleibt, wenn er ein paar Jahre in München zugebracht hat. Der denkt und der spricht niemals Doitsch.

Mei, die Schweizer! Settigs G'stürm!

Munter und vergnügt

aligaga
 

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