Über Selbstbestimmung, Selbsterkenntnis und Würde

Rezension zu:

Peter Bieri, Wie wollen wir leben?, Residenz 2011, ISBN 978-3-7017-1563-3

In der regelmäßig im Residenz Verlag publizierten Reihe „Unruhe bewahren“ hat der emeritierte Philosophieprofessor Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier bemerkenswerte Romane („Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“ etwa) veröffentlichte, vom 21. - 23. März 2011 im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz drei philosophische Vorlesungen gehalten. die nun unter dem Titel „Wie wollen wir leben?“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Drei aufeinander aufbauende Fragestellungen haben ihn dabei beschäftigt:

1. Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
2. Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
3. Wie entsteht kulturelle Identität?


Ein selbstbestimmtes Leben, wie er es beschreibt, ist ohne eine gewisse Anstrengung nicht zu erreichen. Denn es geht darum, sich selbst zum Thema zu werden, zu lernen, sich in sich selbst auszukennen, sich sozusagen auf die eigene Spur zu bringen, und dann – und das ist extrem wichtig- sich selbst zur Sprache zu bringen. „Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt, dass wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem empathischen Sinne zu Autor und Subjekt unseres Lebens werden können. Sie ist also kein frei schwebender Luxus und kein abstraktes philosophisches Ideal, sondern eine sehr konkrete Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben und damit für Würde und Glück.“

Selbsterkenntnis ist die Quelle von Freiheit und damit von Glück, und das hat Folgen für das Verhältnis zu den Anderen. Um Andere als Andere zu achten und in ihren eigenen Bedürfnissen respektieren zu können, muss ich sie als Andere erkennen. Das aber geht nur, wenn ich weiß, wie ich selbst bin.
„Menschen, die sich mit sich selbst auskennen, begegnen sich anders als solche, die keine Übersicht über sich besitzen. Die Begegnungen sind wacher, sorgfältiger und interessanter. Auch deshalb ist Selbsterkenntnis ein hohes Gut.“

Über die Aneignung einer gemeinsamen Sprache bildet sich die kulturelle Identität einer Gemeinschaft, über die Bieri in seiner dritten Vorlesung nachdenkt. Für sie sei entscheidend, was ihre Mitglieder unter Denken und Vernunft, unter Wissen und Wahrheit verstehen. Unsere eigene kulturelle Identität ist aus der Aufklärung hervorgegangen. Das bedeutet nicht, dass man andere Kulturen, in denen etwa magisches Denken und mythische Elemente eine Rolle spielen, nicht achtet. Doch „Bildung besteht auch hier darin, das Fremde als solches zu kennen und anzuerkennen, um sich dann ausdrücklich mit denjenigen Mustern des Denkens und Handeln zu identifizieren, die das eigene Verständnis von Vernunft definieren.“

Kulturelle Identität ist, so verstanden, immer auch eine moralische Identität. Da sie, von der Aufklärung kommend, der Würde und der Vernunft verpflichtet ist, hat sie eine Verbindlichkeit, wie sie bei anderen kulturellen Identitäten nicht anzutreffen ist. Und das kann zu Konflikten führen. Denn moralische Einstellungen darüber etwa, was grausam ist, sind für denjenigen, der sie hat. absolut. Und deshalb ist es unmöglich, mich auf die historische Zufälligkeit meiner kulturellen Identität zurückzuziehen ( etwa so: man muss akzeptieren, dass es anderswo andere Maßstäbe gibt), auch wenn ich mir ihrer Kontingenz immer bewusst bin.
„Denn moralisches Handeln ist genau das: sich einmischen, wenn man von Grausamkeit erfährt. Und so ist jede gebildete moralische Identität mit einem inneren Widerspruch, eine Antinomie behaftet. Ich weiß von der historischen Bedingtheit meiner Anschauungen und also von ihrer Relativität, und doch kann ich nicht anders, als sie absolut zu setzen, denn sonst ginge die Ernsthaftigkeit meiner Überzeugungen verloren. Es ist dieser Zwiespalt, aus dem heraus man sich entschließen kann, einzugreifen, wenn nötig mit Gewalt.“

Das alles ist eine Frage der Bildung und Bieri vergleicht sich bilden mit aufwachen, jeden Tag neu in einem nie abgeschlossenen Prozess der Frage danach, wer man sein möchte. „Die kulturelle Identität ist nichts Festes, Endgültiges. Das besondere an Kulturwesen ist, dass sie sich stets erneut zum Problem werden und die Frage aufwerfen können, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Und Bildung, richtig verstanden, ist der komplizierte Prozess, in dem es um die Beantwortung dieser Fragen geht.“
 
Hallo Winfried,

liest sich interessant, aber mir fehlt ein wenig deine Meinung als Rezensent. Wie ordnest du das Werk ein? So liest sich die Rezension ein wenig wie eine Inhaltsangabe.

Ich persönlich komme bei philosophischen Werken über Selbsterkenntnis, in denen solche Begriffe wie Glück, Würde und "selbst"bestimmtes Leben vorkommen und zielbestimmend sein sollen, immer ein wenig ins Grübeln, weil sie als schicksalhaft angenommen werden. Wieso kann Glück nur entstehen, wenn ich mich den Gesetzen meiner Kultur unterwerfe, also den gewachsenen, ethischen Strukturen nacheifere? Mal abgesehen davon, dass solchen Begriffen wie dem des Glückes ohnehin zu misstrauen ist. Eine Philosophie des Zweifelns ist mir eindeutig lieber als dieser positivistische und (liege ich da falsch?) pragmatische Ansatz.
Und ich werde auch immer ein wenig misstrauisch, wenn die kulturelle Identität eine Rechtfertigung für die Anwendung von Gewalt sein soll.(Bezug nehmend auf: "Es ist dieser Zwiespalt, aus dem heraus...") Hier wünschte ich mir einen Autor, der genau diese Schlussfolgerung in Frage stellt und nicht nur auf das Selbsterkenntnis sondern auch auf den Selbstzweifel verweist, der vielleicht der moralische Schutzmechanismus sein könnte, der eine Gesellschaft davor bewahrt, auf der Suche nach sich selbst, die Bodenhaftung zu verlieren und seine Maxime über die aller anderen zu stellen.
Aber da will ich jetzt nicht voreilig urteilen, da mir das Gesamtwerk fremd ist.

Ich hoffe, ich habe dem Autor nicht unrecht getan.
Grüsse, Marcus
 
Lieber Markus Richter,


deine grundsätzliche Skepsis bei Büchern, die vom Glück handeln und von Selbsterkenntnis, kann ich gut nachvollziehen.

Nur liegt im vorliegenden Falle kein Ratgeber vor, wie sie zu Hunderten auf dem Markt sich tummeln, sondern ein philosophischer Essay, so würde ich es nennen, der in einer fast spiralförmigen Fragestellung immer wieder die eigene, harte und selbstkritische Arbeit an sich selbst betont.
Das hat mir gefallen und mich sehr beeindruckt. Zumal ich Bieris Feststellung teile, dass der Umgang mit Menschen, die solcherart ein Bewusstsein ihrer selbst entwickelt haben und es jeden Tag mit dem "Aufwachen" erneut tun, einfach anders ist.

Ich danke Dir für Deine kritischen Fragen, insbesondere zu dem Teil, wo es um die inneren Widersprüche von moralischen Identitäten geht.

Du hast nachgefragt, wo denn meine eigene Meinung wäre, wie ich das Buch finde. Ich dachte, das wird durch den Text deutlich. Ich finde diese Vorlesungen gelungene Beispiele einer lebenspraktischen Philosophie, die im letzten Satz duetlich zum Ausdruck kommt:
"„Die kulturelle Identität ist nichts Festes, Endgültiges. Das besondere an Kulturwesen ist, dass sie sich stets erneut zum Problem werden und die Frage aufwerfen können, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Und Bildung, richtig verstanden, ist der komplizierte Prozess, in dem es um die Beantwortung dieser Fragen geht.“

Anspruchsloser geht es nicht, wenn man ein bewußter Mensch sein will, der seine Fähigkeiten und seine Bildung als ein Licht begreift, das man nicht unter den Scheffel stellen darf.

Wer bin ich, was ist mir wichtig und wie drückt sich das aus in meinem Leben, Reden und Handeln - darum geht es.


Mit besten Grüßen


Winfried
 
A

Ava Casal

Gast
Hallo Winfried,

ich als ständig "Suchende" hatte schon immer Probleme deswegen mit dem Rest meiner Umwelt.
Das es in bestimmenten Situationen erfordert Bodenständigkeit zu beweisen, ist keine Frage, doch in diesem "Kulturellen" starr hängen zu bleiben erscheint mir falsch.

Alle faseln ständig von Selbstverwirklichung, ein Neues Leben und Glück.
Mag ja alles seinen Sinn haben, aber auch das ist keine Freiheit im eigentlichen.

Ich sehe das so (und bitte, berichtige mich wenn ich irre),
es ist die Freiheit im Herzen die Mann/Frau nur finden kann,
wenn man sich selber zuhört. Seiner eigenen Stimme. Wissen was sich für einen richtig und nicht richtig anfühlt.
Alten Geheimnissen auf die Spur kommen und versuchen diesen Spuk loslassen zukönnen.
Ohne Angst, dass das Leben einen überrennen und Spaß machen könnte.
Seinen Wünschen Raum geben und sich nicht selber belügen.

Eben dieses Selbstfinden.

Und manchmal, nur manchmal den Menschen vertrauen, die das erkannt haben und einem helfen wollen. Ohne sich bedroht zu fühlen. Sondern spüren, dass man geliebt wird.



LG und Danke für diesen Text

Andrea
 
Hallo Winfried,

ja genau diese Meinung hat mir gefehlt, denn ich denke, der Leser einer Rezension, wenn er denn nicht vorgebildet ist, braucht einen Hinweis oder Leitfaden. Du siehst ja, dass die Rezension Meinungen bildet, also ist es immer richtig diese Meinungen zu kanalisieren oder dabei zu polarisieren. Das gibt der Sache den richtigen Schwung.

Dass es sich bei dem Text um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, ist natürlich klar, und es ist auch nicht hinreichend, die Rezension mit ihren Zitaten als Anlass für eine Diskussion über Kulturelle Identitäten zu nehmen.

Deine Rezi hat mir jedenfalls gefallen und gewinnt für mich durch deine persönliche Meinung als Rezensent an notwendiger Nähe, um mich als Leser, der ich(möglicherweise) philosophisch quergebildet bin, auf Augenhöhe mit dem Text zu bringen.

Danke erstmal,
und Grüsse, Marcus
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Winfried,

ich wußte gar nicht, dass jener Pascal Mercier ein Professor der Philosophie ist. Schon allein dafür muss ich Dir also danken.
Und da ich den Roman-Autor sehr schätze, hast Du mich sehr neugierig gemacht, auch wenn ich befürchte, dass der Autor dem Romancier mehr Anschaulichkeit gestatten könnte als dem Philosophen.

Die drei Themen sind schon sehr komplex und in der Kürze Deines Textes ist auch Raum für entstandene Missverständnisse - zum einen der Unterschied von Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung, die außer dem Selbst wenig gemein haben, und auch der Begriff der Kultur hat in der Geisteswissenschaft einen bestimmten Kontext, der nicht mit der Idee des bewussten Kulturschaffen identisch ist.

Aber auch in anderer Hinsicht fehlt in der Kürze eine gewisse Herleitung. Auf den ersten Blick finde ich zum Beispiel die
transparente seelische Identität
ziemlich abstrakt bis daneben, die seelische Identität schon schwammig, mit der Transparenz zusammen drängt sich mir der Gedanke der Unlebbarkeit von Postulaten auf - als sei das Ich eine aufgeräumte Schublade wenn man sich nur anstrengt. Diese Transparenz auf die eigentlichen, also nicht vordergründigen Motive unseres Handelns anzuwenden, halte ich für machbar, aber nicht auf die Komplexität unseres Ichs.
Demgegenüber scheint mir wiederum die Verbindung zu dem Begriff Glück wie angeklebt, als sei nach einer ansprechenden Formel gesucht worden, die jeden interessiert. Das sind ganz andere Kategorien des Denkens und sie passen nicht zusammen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich für mich alle Vorbehalte und Widersprüche beim Lesen des Buches auflösen würden, sie also nicht in Deinem Text ihre Ursache hätten.
Es ist sicher Dein Verdienst, auf das Buch aufmerksam und neugierig gemacht zu haben.

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Andrea,

"Eben dieses Selbstfinden.

Und manchmal, nur manchmal den Menschen vertrauen, die das erkannt haben und einem helfen wollen. Ohne sich bedroht zu fühlen. Sondern spüren, dass man geliebt wird."


Genau.

Ich wünsche Dir eine gesegnete Adventszeit.

Winfried
 

 
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