Und ich ?

Rezension zu:

Paul Verhaeghe,Und ich ? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft, Kunstmann 2013, ISBN 978-3-88897-869-2

Warum werden in einer Gesellschaft, der es insgesamt so gut geht, wie nie zuvor, immer mehr Menschen krank an ihrem Geist und an ihrer Seele? Wie kommt es, dass die Menschen früher, die etwa vor 60 Jahren wie meine Eltern, viel weniger hatten, viel zufriedener und glücklicher waren, jedenfalls in meiner Erinnerung? Warum kann ich mich bis zum Beginn meiner Berufstätigkeit 1980 an keinen einzigen Menschen erinnern, den ich kannte, der wegen innerer Erschöpfung in eine Klinik kam? Und warum reichen heute meine beiden Hände nicht aus, die aufzuzählen, die ich alleine aus meinem Wohnort als Betroffene in den letzten Jahren gesprochen habe?

Der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe zeigt in diesem Buch mit einer Fülle von Beispielen aus seiner Praxis, was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Es sei, so sagt er, die Botschaft der neoliberalen Ideologie, jeder sei für sich selbst verantwortlich und frei, zu tun, was er will, deren dunkle Kehrseite nun massiv zum Vorschein komme und die Identität vieler Menschen beschädige und behindere. Deren Botschaft heißt: jeder kann perfekt sein, jeder kann alles haben. Wer dabei versagt, hat sich nicht genug angestrengt. Wer scheitert, und an seinem Leben krank wird, ist selbst schuld. Kaum jemand kann ermessen, wie weit diese Botschaft schon in den Köpfen vieler Individuen Einzug gehalten hat und ihr Leben, Fühlen und Handeln bestimmt.

Doch nicht ohne weitreichende Folgen. Die Scham, nicht zu genügen, die Wut und die Aggression gegenüber der eigenen Unzulänglichkeit nehmen zu und die, die bislang gesund geblieben sind und noch funktionieren, schauen mit Verachtung auf die herab, die es nicht geschafft haben. Solange, bis die Angst auch sie am Wickel hat.

Verhaeghes Analyse ist erschreckend und seine Schlussfolgerung ernüchternd:

„Die aktuelle, wirklich sehr extreme Form von Individualismus lässt nur wenig bis keine Autonomie zu. Das Individuum ist auf die Funktion eines Verbrauchers reduziert, der in der Illusion lebt, einmalig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen, während noch nie so viel Menschen in einem derartig großen Maßstab dieselben Verhaltensweisen und dasselbe Denken aufgezwungen wurde. Insoweit gibt es keine Selbstsorge, da der Konsumismus jede Vorstellung von Selbstbeherrschung und Einschränkung beiseite schiebt.“

Doch er sieht zarte Anhaltspunkte für Veränderung: „Wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass etwas grundlegend verkehrt läuft, dann liegt Veränderung in der Luft. Das ist zwar der Fall, doch gelingt es den Menschen bisher nicht, sich zu organisieren. In der klassischen griechischen epimeleia, der Selbstsorge, sieht er den wichtigsten Ansatzpunkt: Worin besteht gutes Leben, was fühlt sich gut für mich an?

Und auf gesellschaftlicher Ebene fordert er:
„Wir brauchen wieder ein politisches System, das die stets schwierige und notwendige Balance von Übereinstimmung und Verschiedenheit herstellt von Gruppe und Individuum, von diktierter Gleichheit und freier Wahl. Diese Gesellschaftsordnung müssen wir selbst aufbauen, indem wir die Initiative ergreifen.“

Jeder kann mit seinem bescheidenen Leben damit anfangen.
 

 
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