Und jetzt?

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Das Gefühl des Fallens.

Ja, das ist das Letzte, an das ich mich erinnere.

Wie ich oben auf diesem Balkon stand. Noch einmal zurückblickte, sorgsam meinen letzten Gruss auf dem Balkontisch mit einem Stein beschwerte.

Langsam und mit tiefem Zweifel in meinem Herzen, stieg ich über die Brüstung und liess mich endlich in die kalte Nachtluft fallen.

Und dann dieses Gefühl. Es hielt nur ein paar Sekunden an, aber war das Intensivste, was ich je erlebt habe. Ich würde mich in meinen ganzen restlichen Leben noch daran festklammern.

Der eine wichtige Teil daran, war das Gefühl der Akzeptanz. In diesem Fall, in diesen zwei Sekunden, lernte ich , zu akzeptieren. Den Moment, die Zukunft, die Vergangenheit. Ab dieser Nacht akzeptiere ich auf einmal alles.

Jede Person, die mit begegnete, mich selbst in jedem Gemütszustand, jedes Geschehen dieser Erde.

Und zum Zweiten begriff ich, dass, wie unterschiedlich sie auch scheinen mögen, am Ende doch alle Menschen gleich sind. Jede Person, die von diesem Balkon springen würde, wäre tief im Herzen gleich, wie alle anderen.

Im Moment des Todes macht die Persönlichkeit, Herkunft oder Vorgeschichte keinen Unterschied mehr.

In diesem Moment verstand ich das Sprichwort «Im Tod sind alle gleich».



*



Und jetzt?

Was bin ich jetzt?

An mein Bett im Pflegeheim gefesselt.

Unfähig, mich mitzuteilen oder Einspruch zu erheben.

Das Leben zieht an mir vorbei.

Ich kriege alles mit.

Ich höre und sehe alles.

Aber ich gehöre dem Leben und das Leben nicht mehr mir.

Jeden Tag kommen Menschen zu mir.

Sie heben mich hoch, machen mein Bett neu, geben mir Spritzen und Medikamente mit endlos komplizierten Namen. Aber sich mir vorgestellt oder mir auch nur in die Augen geschaut, habe sie noch nie.

Es sind Ärzte und Pflegende.

Für sie bin ich nur ein Objekt, das rund um die Uhr gepflegt werden muss und noch nicht einmal mehr lächeln kann.

Ja, es stimmt, das Einzige, was ich noch kann, ist sehen und hören, aber mein Kopf ist noch ganz klar.

Manchmal kommt auch meine Mutter zu Besuch.

Ich denke, sie ist die einzige Person, für die ich noch ein Mensch bin.

Sie setzt sich neben mein Bett, nimmt meine Hand und schaut mich einfach nur an. Ich will sie fragen, wie s ihr geht und was in ihrem Leben so läuft, aber ich bringe kein Wort heraus.

Es fällt ihr schwer, mir in die Augen zu schauen.

Sie kann nicht verstehen, wieso und dass ich mit das Leben nehmen wollte und sie weiss, dass ich es ihr auch nie erklären werde.

Es macht mich traurig. Wahrscheinlich denkt sie, ich sei die verzweifeltste Person auf Erden, wie ich hier liege, ohnmächtig gegen meinen eigenen Körper. Aber das bin ich nicht.

Ich habe den Tod gesehen, er hat mich sanft geküsst und mir versprochen, mich irgendwann für immer in seine Arme zu schliessen.

Ich habe keine Angst mehr vor ihm, denn ich weiss, wie geborgen ich mich bei ihm fühlen werde und gleichzeitig geniesse ich mein Leben, wie nie zuvor.

Mir fällt auf, wie einzigartig die Farben des Himmels am Morgen sind und jeden tag freue ich mich auf den kommenden Tag, an dem ich die Vögel wieder singen hören kann.

Diese unsichtbare Mauer zwischen mir und meinen Mitmenschen, die in dem Moment erbaut wurde, als ich von diesem Balkon sprang, ist zwar nicht kleiner geworden, aber akzeptierbarer.

Ich akzeptiere meine Situation und erinnere mich immer wieder daran, wie gleich wir doch alle sind, denn das Leben ist einfach zu wundervoll, um es nicht zu geniessen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Inge. B

Mitglied
Hallo Naomi Giesinger,
ich habe den Text mehrmals gelesen, finde ihn nicht schlecht, er berührt mich.
Textarbeit ist für mich neu, da traue ich mir noch wenig zu.
Ich würde den Text überarbeiten, etwas kürzen und Rechtschreibfehler entfernen.
Ein kleines Beispiel
ließ anstatt liess
Gruß
Inge
 
Hallo Naomi Giesinger,
ich habe den Text mehrmals gelesen, finde ihn nicht schlecht, er berührt mich.
Textarbeit ist für mich neu, da traue ich mir noch wenig zu.
Ich würde den Text überarbeiten, etwas kürzen und Rechtschreibfehler entfernen.
Ein kleines Beispiel
ließ anstatt liess
Gruß
Inge
Danke Inge!
Überarbeiten werde ich ihn sicher noch.
Aber ich komme aus der Schweiz und da gibt es kein "ß"
Liebe Grüsse
Naomi
 

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