Unsere Hoffnung:'Leute aus Dreckslochstaaten'

Unsere Hoffnung: ‚Leute aus Dreckslochstaaten‘ (Präsident der USA)

Das Innenleben eines Protokolls wird leicht übersehen. Wahrnehmbar ist es, wenn vitale Theorie politisch- historische Wirklichkeit mikroskopiert. Hannah Arendt (1906-1975)hat hier einiges zu bieten. Das ihr angeheftete Stereotyp einer ‚freischwebenden Intellektuellen‘ ist in Bezug auf ihre Arbeiten zu Revolutionen, zu Herrschaft und Freiheit ohne Belang. In allgemeiner Erinnerung bleiben ihre Theorie totalitärer Herrschaft und ihr Bericht vom Eichmann Prozess, in dem sie von der ‚Banalität des Bösen‘ spricht.

Aus Deutschland stammend, als US-Amerikanerin in New-York lebend, hält sie 1967 einen Vortrag in Chicago, dessen Thema ihr als „beschämend aktuell“ erscheint.* Die Tage des expansiven, imperialistischen Kolonialismus sind schon gezählt. Revolutionen der Vergangenheit bilden das Hintergrundmaterial einer politischen Wende. Und diese wird nur begreiflich, wenn wir sie im Gefolge der bis dahin unbekannten Gewaltexzesse des 2. Weltkriegs und der Erfindung ungeheurer Zerstörungspotentiale betrachten.

Alltägliche Nachrichten zu Staatsgründungen in Afrika und Asien trüben den Blick auf die sich erhebenden ‚Kolonialvölker‘ mehr als dass sie behilflich wären, die neuen politischen Bewegungen wirklich zu begreifen. Der Revolutionsbegriff verschwimmt in interessierter Propaganda. Schicksal sicher, das auch den zunehmend deutlicher erkennbaren multikulturell fundierten Nationalstaat ereilt, wie wir es beschämend erfahren.

Arendt war autobiographisch darauf vorbereitet, nach der Wahrheit in den Tatsachen zu forschen. Sie wollte besser verstehen, wie politischer Handlungsantrieb im Kontakt mit den Ideen von Befreiung und Freiheit der Revolution eine bestimmte Gestalt verleihen kann. Darin drücken sich die geschichtlichen Bewegungen aus und deren oft unverständliche Wendungen und Wirkungen werden erst später begriffen.

Sie verwertet überlieferte Theorien imperialistischer Herrschaftsformationen, die durch die Bank entwickelten bürgerlichen Gesellschaften selbstzerstörerische, innere Widersprüche attestieren, sodass, wie Dichter schon schrieben, die gute Absicht stets in der schlechten Wirkung sich vergegenständlicht. Offensichtlich wird das in Tendenzen erkennbar, die wir uns angewöhnt haben als Willkür- und Gewaltherrschaft, als Verfall herrschender Moral zu verstehen.

Vorausgegangen war aber, dass die moderne Gesellschaft, die ökonomisch auf der Einheit von industrieller Produktion, Tausch und Konsumtion im Sinne einer umfassenden Kapitalverwertung beruht, bürgerliche Freiheiten und Menschenrechte exportiert. Sie kann dies nicht tun, ohne zugleich die ‚Ideen‘ von Revolution und Nationalstaat „bis in den letzten Winkel der Welt“ zu verbreiten. Die geliehenen Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der französischen Revolution, noch kantisch verstanden, werden nach Recherchen Arendts von den politischen Anführern aus alten historischen Kontexten erarbeitet und auf öffentlichen Versammlungen gewissermaßen unter die Leute verstreut. Doch entgegen der gängigen Annahme, Revolutionen würden von rebellisch gestimmten Führern ‚gemacht‘, denen die verachtete ‚Masse‘ gedankenlos folgt, sieht die Sache entscheidend anders aus.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein zeigt uns die Erfahrung, dass nicht einfach ‚bürgerliche‘ oder ‚antibürgerliche‘ Akteure als ‚Anführer‘ auf den Plan treten. Umgekehrt, die tatsächlichen Revolutionen „rekrutieren“ ihr führendes Personal aus den „gebildeten Schichten“ der Gesellschaft oft genug „wider Willen“ der Betroffenen. Revolutionen gehen, entgegen klischeehafter Unterstellungen, was ihre Ursachen und Entwicklungsformen betrifft, aus Reformen oder restaurativer Politik hervor, tragen somit entsprechende, charakteristische Merkmale mit sich herum.Daher erinnert ihre tiefer gehende Beobachtung an den fetischistischen Charakter, der der Warenproduktion unter der Vorherrschaft des Kapitals anklebt.

Daher bleiben schon oft gestellte Fragen relevant, unabhängig von aktuellen Möglichkeiten revolutionärer Veränderungen und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen, warum und in welcher Weise politisch Ambitionierte den Makel unvermeidbarer Gewalt beim Zusammenstoß der politischen Bewegungen auf sich nehmen? Und was wollen jene periodisch auftretenden Alternativforderungen wirklich, die bloß eine Neuauflage historisch definierter Zustände als Ziel ihrer politischen Bestrebungen angeben und stets ihre friedlichen, demokratischen Absichten beteuern? Leben wir in einer Zeit, da der politische Stellenwert von 'friedlichen Revolutionen' global sich bereits herauskristallisiert hat?

Mit der kontinuierlichen Herausbildung der ‚Mediengesellschaft‘ bedient Politik sich praktisch spezifischer Methoden der Beeinflussung der Öffentlichkeit. Arendt kennt als aktive Beobachterin ministerielle Propaganda, die, ideologisch aufgeheizt, eine absurde Ahnungslosigkeit gegenüber den wirklichen Verhältnissen voraussetzt und seltener sogar selbst eingesteht. Es handelt sich überwiegend um zynische, nihilistische Varianten im globalen Politikbetrieb, die in der heutigen Zeit ihren Auftrieb genießen und nach dem Zerfall des Völkerbundes bewusst auch den zerbrechlichen Zusammenhang der UNO dem Spaltpilz zum Fraß freigeben, um Himmel und Hölle vergangener Geschichtsperioden zu retten.

Von der Ausstrahlung des Textes zu seiner vorliegenden Form: Die Ignoranz der US-Regierung nach dem 2. WK gegenüber nachkolonialen Bürgerkriegen ist offensichtlich, z.B. in Vietnam. Arendt sagt deshalb, dass sich Interventionen, „selbst wenn sie erfolgreich waren, oft als bemerkenswert wirkungslos erwiesen, wenn es darum ging, wieder für Stabilität zu sorgen und das Machtvakuum zu füllen. Selbst ein Sieg, so scheint es, ist nicht in der Lage, Stabilität an die Stelle von Chaos, Integrität an die Stelle von Korruption, Autorität und Vertrauen in die Regierung an die Stelle von Verfall und Auflösung zu setzen.“(S.9)

Vordergründig wirkt diese Bewertung über 50 Jahre später wie eine Beschreibung der Versuche der Trump Administration, unter internem Rumoren die Initiative des Handelns wieder in die Verfügungsmacht der USA zurückzuführen. Nolens volens überlassen sie ihren Konkurrenten, auch ‚befreundeten‘, das Agieren voller Risiken. Es handelt sich also um unfairen Deal, Tauschgeschäft mit Hintergedanken, welches den USA, vielleicht dem Trump-‚Imperium‘ mit seinen Geheimnis umwitterten Schulden, Steuerschulden und verdeckten Beziehungen zur Russischen Föderation kurzfristige Vorteile bringen soll. Strategisch kann es im Widerspruch zur eigenen Absicht gravierende Nachteile für die USA geben. Kurzum: Was daraus tatsächlich wird, müsste auf Basis der Konzeption von Hannah Arendt in geeigneter Form prognostiziert werden können, Risiko der Fehlprognose eingeschlossen.

Ihre theoretische Anstrengung konzentriert sie auf die materielle Entfaltung der Freiheit im Prozess der Selbstverwirklichung der Menschheit. Dabei stellen sich u.a. eine Reihe von Problemen: Welche Rolle spielen in diesem Prozess Revolutionen? Worin bestehen deren Ursachen, wenn Verschwörung eine zu kurz greifende Erklärung ist, obwohl es jede Menge davon gibt? Wie steht es mit spezifischen Wendungen und Wirkungen revolutionärer Ereignisse? Lassen sich Entwicklungen diagnostizieren, die Chancen 'friedlicher Revolutionen' erhöhen?

Wenn ich in drei Punkten ihre Position zusammenfasse, ist immer vorausgesetzt, dass in der Wirklichkeit die Aktion der Befreiung einem Zustand größerer oder geringerer Freiheit im Leben der jeweiligen Gesellschaft logisch vorgelagert ist. Und vor allem, dass es thematisch trotz oder wegen aller Zuspitzungen nicht zuletzt um das Glücksstreben der Menschen geht, das im Verlauf der Geschichte selbst Höhen und Tiefen erlebt, womit die Erscheinungen kraftvoller, optimistischer Weltsicht wie auch Enttäuschungen im engeren Sinne keine bloßen natürlichen Gemütsregungen wären.

1. Legt sie den Fokus auf die Motivation der Akteure der ersten bürgerlich-antifeudalen-antikolonialen Revolutionen (Frankreich, Nordamerika) und interpretiert in einer ihr eigentümlichen Weise grundsätzlich den Geschichtsprozess: „Ohne das klassische Vorbild dafür, was Politik sein und was die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten für das Glück der Menschen bedeuten konnte, hätte keiner der Männer der Revolutionen den Mut zu dem gehabt, was als beispielloses Vorgehen erschien. Historisch betrachtet war es so, als sei der Wiederbelebung der Antike in der Renaissance eine neue Lebensfrist gewährt worden, als habe die Begeisterung für die Republik in den kurzlebigen italienischen Stadtstaaten, die durch das Aufkommen des Nationalstaats zum Scheitern verurteilt waren, sich sozusagen nur totgestellt, um den Nationen Europas Zeit zu geben, unter der Vormundschaft absoluter Fürsten und aufgeklärter Despoten zur Mündigkeit heranzureifen“.(23/24)

Als Arendt diesen Text für ihren Chicagoer Vortrag konzipierte, wobei in der deutschen Ausgabe Anlass und Thema nicht klar recherchiert sind, kommunizierten kritische Analysen der parlamentarischen Demokratien eine ‚Tendenz zur Refeudalisierung‘. Es mag hier dahingestellt bleiben, inwieweit eine solche Entwicklung in den gegenwärtigen Verhältnissen empirisch überzeugend sich bestätigen und illustrieren lässt - feudalisierte Demokratie auf Basis demokratisierten Feudalismus. Dass jedoch die politische Diskussion heute um spezifisch deutsche und im gleichen Atemzug um europäische, ja weltweite Konflikte geführt wird, berührt uns täglich als harte, unabweisbare Tatsache und zwingt zur Aktualisierung von alt bekannten Begriffen wie z.B. Würde des Menschen, Elend …. Die mit archäologischer Akribie erarbeiteten Reflexionen Arendts regen jedenfalls an, über den Status unserer Freiheiten ernsthaft nachzudenken.

Im Fernblick zurück hält sie fest, dass, als in Frankreich die Republik bereits deklariert worden war, „die Menschen, die sich in Paris versammelten, um la nation und weniger le peuple zu repräsentieren, und denen es -…- in erster Linie um die Regierung, die Reform der Monarchie und später um die Gründung einer Republik gegangen war, sahen sich plötzlich mit noch einer Befreiungsaufgabe konfrontiert, nämlich das Volk insgesamt aus dem Elend zu befreien; die Menschen zu befreien, damit sie frei sein konnten“.(32) Arendt weiß, dass im Vergleich der amerikanischen und europäischen Situation der Zustand des Elends unter den unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen unterschiedlich funktioniert und damit der volle Erfolg der amerikanischen und das „krachende Scheitern der französischen Revolution“ zu erklären war, was Marx ähnlich gesehen hatte.

2. Ein „neuer Freiheitsbegriff“, in dem der ‚alte‘ von der „öffentlichen Freiheit“, dem Recht auf Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten enthalten ist, real aber immer nur das Privileg weniger war, drängt nun auf beiden Seiten des Atlantiks ans Tageslicht. Aber er enthält auch gravierend ‚neue‘ Zukunftsbedeutungen, die im breiten Spektrum der französischen Revolution schon angelegt waren, während die amerikanische Revolution lange Zeit „eine lokale Angelegenheit“ mit wenig Anlass zu weiter reichender Reflexion bleibt. Im Übergang zur Herausbildung der ‚Industriestaaten‘ steht eine sukzessive Ausweitung des allgemeinen Wahlrechts als Ausweitung von Freiheit und Demokratie schon länger auf der Tagesordnung. Doch bezüglich der Wahlen als einem öffentlichem Akt politischer Beteiligung kommt es periodisch und regelmäßig zu antidemokratischen Irritationen, Manipulationen u.ä. Verschleierungen und Repressionen, die das 'Wahlvolk' von seinen Angelegenheiten ablenken.

Unter Krämpfen drehen sich nun alle Fragen der Veränderung um neuartige Konflikte, deren Kern die Befreiung breitester Schichten des ‚Volkes‘ aus Armut und Elend ist. Da Kleidung, Nahrung, Reproduktion der Gattung zuerst auf der Tagesordnung stehen, unterscheidet etwa die Partei der Sansculotten „bewusst zwischen ihren eigenen Rechten und der wolkigen, für sie bedeutungslosen Sprache der Allgemeinen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“. (36)Welche verheerenden Wirkungen bis in unsere Tage diese Fehleinschätzung der Allgemeinen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte entfaltet, beweisen die eindeutigen politischen Ursachen planmäßig durchgeführter Menschheitsverbrechen nicht nur in der Geschichte, sondern auch im jeweils verharmlosenden, manipulativen Umgang mit ihnen.

Wie überhaupt, mutet Hannah Arendt ihren Zuhörern und Lesern ein hohes Maß an eigener Verständnisbereitschaft zu. Wenn sie beispielsweise Formulierungen des französischen Revolutionärs Saint-Just, der sich noch autoritär mit seiner republikanischen Gesinnung auseinandersetzt, und des englischen Königs Karls I., die fast 150 Jahre auseinanderliegen, wegen ihrer Haltung zur Beteiligung des Volkes am Regierungsgeschäft nebeneinander aufführt: „Wenn man eine Republik gründen will, muss man zunächst das Volk aus seiner elenden Lage befreien, die es verdirbt. Ohne Stolz gibt es keine politischen Tugenden, und wer unglücklich ist, kann keinen Stolz haben. … Die Freiheit des Volkes liegt in seinem privaten Leben; niemand soll es stören. Möge der Staat nur die Gewalt sein, welche diesen Zustand der Einfalt gegen die Gewalt selbst beschützt“(36/37) Und Karl I. „auf dem Schafott“ (1649): „Die Freiheit des Volkes besteht darin, dass es von Gesetzen regiert wird, die ihm Leben und Eigentum garantieren; sie besteht nicht in der Teilnahme an der Regierung, das geht sie nichts an“.(37) An dem Problem wird heute noch kräftig gerüttelt.

3.Am Vorabend der schon nicht mehr eindeutig als bürgerlich zu bezeichnenden Revolutionen Anfang des 20. Jahrhunderts, wo die Gesellschaften des europäischen Kontinents eine Mischung aus Elementen feudaler, kapitalistischer und bürgerlich-sozialistischer Herrschaftsstrukturen herausgebildet hatten, ist das Risiko des geschichtlichen Rückfalls und die Schwierigkeit einer Verankerung der Freiheit auf breiterer Basis besonders groß. Erinnern wir uns heute u.a. der ‚Einführung des Frauenwahlrechts‘ vor hundert Jahren, so erlauben wir aktuell mit absurder Ignoranz den Spielern mit unseren nationalen Interessen ernsthaft zu propagieren, dass der patriarchalische Zustand ‚eines Ernährers der Familie‘ wieder hergestellt werden müsse. Das geht nur mit Terror.

Angesichts komplexer werdender Gesellschaften schlägt die Stunde gefährlicher Vereinfacher, denen politische Macht nicht Mittel zum Erreichen menschenwürdiger Gesellschaftsverhältnisse bedeutet, sondern ständig bedrohtes, zu festigendes Ziel totalitärer Herrschaft in einer Welt permanenter Feindschaften. Verallgemeinerung von Terror und Furcht gilt im Extremfall als natürliche Methode und Begleiterscheinung des ‚Personenkultes‘, den die Menschheit inzwischen zur Genüge erlebt hat.

Dass Hannah Arendt tieferen Einblick nimmt, zeigt sie mit einer Deutung der sowjetischen Verfassung vom Spätsommer 1918, des Mordversuchs an Lenin, der in der Situation des Bürgerkriegs und ausländischer Interventionen eine „erste Terrorwelle“ auslöste, indem sie den damals noch unbekannten, privaten Brief Rosa Luxemburgs aus dem deutschen Gefängnis zur Illustration ihrer streitbaren Thesen des Geschichtsprozesses zitiert: “Mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird das Scheinleben in der Bürokratie allein das tätige Element. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft –nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker“.(39) Und Arendt sitzt mit Luxemburg zwischen allen Stühlen, wenn sie feststellt: „Dass es genau darauf hinauslief –abgesehen von Stalins totalitärer Herrschaft, für die man Lenin oder die Revolutionstradition schwerlich verantwortlich machen kann-, wird niemand leugnen“.(39)

Ein Schritt zurück nach Frankreich und Amerika im 18. / 19. Jahrhundert: „Ein Vergleich der ersten beiden Revolutionen, deren Anfänge so ähnlich und deren Enden so ungeheuer unterschiedlich waren, zeigt, so glaube ich, in aller Deutlichkeit nicht nur, dass die Überwindung der Armut eine Voraussetzung für die Begründung der Freiheit ist, sondern auch, dass die Befreiung von der Armut etwas anderes ist als die Befreiung von politischer Unterdrückung. Denn während Gewalt, die man der Gewalt entgegensetzt, zu Krieg führt, zu zwischenstaatlichem Krieg oder zu Bürgerkrieg, führte ein gewaltsames Vorgehen gegen die sozialen Verhältnisse stets zu Terror. Terror statt bloßer Gewalt, Terror, der losbricht, nachdem das alte Regime beseitigt und das neue Regime installiert wurde, weiht Revolutionen dem Untergang oder deformiert sie so entscheidend, dass sie in Tyrannei und Despotismus abgleiten“.(40)

Am Ende spricht sie als Amerikanerin in einem eher zurückhaltenden Ton und nicht gerade voller Euphorie: „Wir haben wenig Grund zu der Hoffnung, dass solche Menschen (die Verantwortung für ihr Tun auf sich nehmen d.Verf.) irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft an praktischer und theoretischer Klugheit an die Männer der Amerikanischen Revolution heranreichen, die zu den Gründern dieses Landes wurden. Wir können, so befürchte ich, allenfalls darauf hoffen, dass die Freiheit in einem politischen Sinn nicht wieder für Gott weiß wie viele Jahrhunderte von dieser Erde verschwindet“.(49/50)

Was sie vorher gesagt hatte, geht eher mit ihren politischen Analysen zusammen, die von der Position einer Innenansicht revolutionäre Ereignisse unter die Lupe nehmen, um die Grenzen und Wirkungen von Herrschaftsverhältnissen genauer ins Auge zu fassen: „Das ursprüngliche Ziel der Revolution war, Freiheit im Sinne der Abschaffung persönlicher Herrschaft und der Zulassung aller zum öffentlichen Bereich sowie ihrer Beteiligung bei der Verwaltung der Angelegenheiten, die alle betreffen. Herrschaft bezog ihre größte Legitimation nicht aus Machtstreben, sondern aus dem menschlichen Wunsch, die Menschheit von den Lebensnotwendigkeiten zu emanzipieren; um das zu erreichen, bedurfte es der Gewalt, der Zwangsmittel, damit viele die Last der wenigen trugen, sodass zumindest einige frei sein konnten. Das –und nicht die Anhäufung von Reichtum- war der Kern der Sklaverei, zumindest in der Antike, und es ist lediglich dem Aufkommen moderner Technik und nicht irgendwelchen politischen Vorstellungen, darunter auch revolutionären Ideen, geschuldet, dass sich diese Situation der Menschen zumindest in einigen Teilen der Welt geändert hat.
Was Amerika mit viel Glück gelang, können viele andere Staaten –aber vermutlich nicht alle- heute mithilfe kalkulierten Bemühens und organisierter Entwicklung erreichen. An dieser Tatsache bemisst sich unsere Hoffnung. Sie erlaubt es uns, die Lehren der deformierten Revolutionen zu berücksichtigen und dennoch weiter an ihrer unabweisbaren Größe, aber auch an dem ihnen innewohnenden Versprechen festzuhalten“.(40/41)An die These, auf die Hannah Arendt 'unsere Hoffnung' stützt, glaubt sicher ein großer Anteil der Menschheit. Nur handelt es sich dabei nicht um eine sichere, feststehende, bequeme Tatsache, sondern um eine mit kritischer Vernunft und großherziger Empathie noch zu erkämpfende Realität.

*Die Textvorlage dieses Chicagoer Vortrags wurde 2018 erstmals in Deutschland als schmales Bändchen publiziert: DIE FREIHEIT, FREI ZU SEIN (Thomas Meyer erläutert den Kontext im Nachwort unter dem Titel: Hannah Arendt oder Die Revolution des Denkens) (S.)ISBN 978-3-7632-70569
 

 
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