Vatermänner, Teil I-II

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Isbahan

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1. Ehret das Handwerk … !








„Erzähl` mir nichts von Dornröschen!“, winkte mein Mann ab und schob unwillig meine Hand mit dem Hochglanz-Prospekt beiseite, mit dem ich vor seiner Nase herumfuchtelte. Die romantische Kulisse eines Jagdschlosses im westlichen Münsterland, die auf der Umschlagseite abgebildet war, hatte es mir angetan und mich ins Schwärmen gebracht.
„Aber es sieht doch wirklich aus wie ein Märchenschloss, diese Akademie des Handwerks! Warum bist du nur so stur, was Fortbildungen angeht? Da kannst Du bestimmt noch einiges fürs Geschäft dazulernen und triffst Leute, die das schon länger machen. So ein bisschen Kontakte zu knüpfen würde Dir auch nicht schaden! Ich würd´ was drum geben, in diesem Ambiente ein Seminar zu besuchen – ganz zu schweigen von der Aussicht, dort ein schönes Wochenende mit interessanten Menschen zu verbringen, nicht kochen zu müssen …“

Mein Mann Uwe war seit unserer Heirat, Mitte der siebziger Jahre, Jungunternehmer. Er hatte die Firma für Sanitäre Installationen seines Vaters übernommen und seitdem den Kopf voller unausgegorener Expansions-Ideen - ein Umstand, den ich ebenso mitgeheiratet hatte, wie seine zwei pubertierenden Kinder. Obwohl ich mein Bestes gab, ihn bei seinen Wichtigkeiten zu unterstützen, musste ich im Laufe der Zeit einsehen, dass eine Mitte Zwanzigjährige mit Problemen hinsichtlich der Geschäftsführung eines Handwerksbetriebes und der Erziehung Pubertierender natürlicherweise manchmal überfordert war.
„Dann fahr` doch selbst hin, ich hab` jedenfalls keine Zeit für sowas!“, brummelte Uwe und erstickte damit jede weitere Diskussion. Mein Engagement, ihn zu ermutigen, sich Fortzubilden, verzischte wie eine Glut, auf die man Wasser gekippt hatte.
Bei mir selbst standen das Handwerk im Allgemeinen und sein Betrieb für Sanitäre Installationen im Besondern nicht so im Focus. Im Laufe meiner Ehezeit hatte sich herausgestellt, das mein Interesse anderen Dingen galt. Ein Umstand, der im Laufe unserer Ehe öfter zu Konflikten führte.

Als Zwanzigjährige hatte ich Uwe kennengelernt, der zwölf Jahre älter und Witwer war. Wir waren aufeinander zugetrieben wie zwei Schiffe, die ziellos auf dem Ozean herumgedümpelt hatten und erst durch ihre Begegnung wieder neuen Kurs und Fahrt aufnahmen. Bereits ein halbes Jahr nach unserem ersten Kennenlernen bin ich zu Uwe gezogen, einige Monate später hatten wir geheiratet - aus Verantwortung gegenüber den Kinder hatten wir schnell klare Verhältnisse und verbindliche Strukturen geschaffen - und ich war bereit gewesen, alles zu tun, um meinen neuen Rollen als „Stiefmutter“, „Frau an seiner Seite“ und „Handwerksgattin“ gerecht zu werden.
Im Verlauf unserer vier Ehejahre hat das Anforderungsprofil als „Frau an seiner Seite“ vor allem darin bestanden, ihm und seinen Kindern die gewohnte, häusliche Infrastruktur zu erhalten und nebenbei alle unterstützenden Arbeitsfelder im sozialen wie im betrieblichen Umfeld abzudecken. Seine Verwandtschaft hat meine Anstrengungen mit Misstrauen verfolgt und ich versuchte, es allen recht zu machen, auch wenn ich mich manchmal ungerecht behandelt und persönlich angegriffen gefühlt habe - wie eine, der man im Arbeitszeugnis mit der Beurteilung „hat sich stets bemüht“ Unfähigkeit bescheinigt hat.
Das Verhalten seiner Verwandtschaft hatte mich zutiefst verletzt und mein Selbstwertgefühl war oft auf Knien durch ein Tal der Tränen gerobbt. Mehr und mehr hatte ich mich damals zurückgezogen – auch aus der Firma meines Mannes - in meine eigene Welt und war in die Sicherheit des Lernens an die Abendschule geflüchtet, wo ich meine mittlere Reife absolvierte. Bei der VHS hatte es klar definierte Vorgaben, Lernziele und Aufgabenfelder gegeben und somit war das Lernen mein Puffer gegen Depressionen gewesen: Ich war abgelenkt und musste viel Zeit mit Lernen verbringen. Der Lernstoff war mir nicht in den Schoss gefallen, trotzdem habe ich wissbegierig und zäh durchgehalten - als ob ich damit allen beweisen wollte: Seht her, ich bin durchaus zu etwas fähig!

Leider war meine Rechnung nicht ganz aufgegangen, denn mein soziales Umfeld hatte erfolgreich meine schulischen Erfolge ignoriert. Uwe hatte meine abendlich Freizeitgestaltung an der VHS mit Desinteresse und meine Lerngruppen mit zunehmendem Argwohn betrachtet. Aber Hauptsache: Seine Frau war beschäftigt, wenn er – oft bis in die späten Abendstunden – geschäftlich oder mit seinem Segelverein unterwegs war.
Die Leute, die ich an der VHS kennengelernt und mit nach Hause gebracht hatte, mochte er nicht besonders. Sie waren ihm zu jung, zu „flippig“ oder zu „Öko“, als dass er sich mit ihnen befreunden wollte.

In den Werbe-Wochen unseres Kennenlernens hatte er zwar betont, er wisse es zu schätzen, dass eine Frau eine fundierte Berufsausbildung hat und nicht auf den Kopf gefallen war - doch unausgesprochen war er wohl davon ausgegangen, dass die guten Eigenschaften und Talente seiner Freundin von der Eheschließung an nur noch ihm, seinen Kindern und seiner Firma zugute kommen würden.

Seit ich meine mittlere Reife in der Tasche hatte, hing ich irgendwie in der Luft. Ich arbeitete wieder halbtags als unbezahltes Faktotum in der Firma meines Mannes, doch ich konnte und wollte mein Bedürfnis nach etwas Aufregenderem und Spannenderem als Rechnungen zu schreiben, Telefondienst zu machen und sein Büro feucht durchzuwischen, nicht zähmen.
In der VHS hatte ich interessante Menschen kennengelernt, meinen geistigen Horizont erweitert - was mich teilweise vom sozialen und internalisierten Druck dreier Familien (meiner, der Familie meines Mannes und seiner verstorbenen Frau), befreit hat, die von mir erwartet haben, Rollen zu übernehmen, die weder mir, meinem Lebensalter, noch meinem Wesen entsprochen haben.

Mich umwehte der Hauch einer Ahnung, dass man alles richtig machen und dennoch zu der Erkenntnis gelangen konnte, dass man irgendwann die richtige Abfahrt auf der Lebensautobahn verpasst hat, weil man auf der falschen Spur gefahren ist.

Was meine Emanzipation betraf, war ich ein schwankendes Rohr im bewegten Schilf, durch das seit den Sechzigern ein frischer, neuer Wind wehte, der alles auf den Kopf gestellt hat, was man mir zuvor beigebracht hatte. Ich war in den Fünfziger Jahren aufgewachsen, sozialisiert und so konditioniert worden, dass es Frauensache und Ehrensache war, sich vorrangig um Mann und Kinder zu kümmern - und eigene Bedürfnisse nach künstlerischer, universitärer und beruflicher Selbstverwirklichung als nebensächlich, zweitrangig oder als „Hobby“ zu betrachten. Meine ganze Welt war voller Tanten - die es als Privileg betrachtet hatten, nicht arbeiten gehen zu müssen. Bis zu meiner Einschulung hatte ich gedacht, dass „Mutter und Hausfrau sein“ ein Ausbildungsberuf war.
Einen Mann zu haben, der erfolgreich und wohlhabend genug war, Ehefrau und Familie zu ernähren, galt auch unter ausgebildeten und berufstätigen Frauen meiner Generation durchaus als Erstrebenswert: Als ich mit Achtzehn meine Ausbildung als Zahnarzthelferin abgeschlossen hatte, waren von meinen Freundinnen drei schwanger und zwei bereits verheiratet.
„Its a man`s world“ - wurde auch von Frauen mitgesungen, die sich, weder unterdrückt, noch von Männern dazu gezwungen, ohne große Gegenwehr in die zweite Reihe gestellt haben. Nur „Frau an seiner Seite“ zu sein versprach durchaus auch angenehme Seiten: Eine soziale Streberin konnte qua Heirat als angesehene Arzt-Anwalts... oder Handwerker-Gattin ihr weibliches Sozialprestige erhöhen, ohne selbst Nennenswertes dazu beigetragen zu haben. Weibliches Selbstwertgefühl ließ sich auch ohne erbrachte Leistung durch Anspruchshaltung generieren.

Was meinen Beruf oder gar das Thema Berufung anging, hockte ich mit meinen vierundzwanzig Jahren permanent zwischen allen Stühlen: Inzwischen schulisch besser aufgestellt, war ich jedoch von meinem Lehrberuf als Zahnarzthelferin, den ich mit Fünfzehn Jahren begonnen und mit achtzehn Jahren beendet hatte, herbe enttäuscht. Nur „Assistentin“ eines Mannes (die meisten Zahnärzte in den Siebzigern waren Männer) zu sein und Dienstleistungen zu erbringen, hatte mich nicht ausgefüllt.
Die Alternative, mein Abitur zu machen und an die Uni zu gehen, um zu studieren, war für mich nie eine Option gewesen: In meiner Familie hatte niemand das Abitur oder studiert.


Ob es mein schlechtes Gewissen war, mich zu wenig für die Firma meines Mannes zu interessieren oder mein antrainierter Ehrgeiz, man könne alles lernen, wenn man sich nur genügend anstrengt: Jedenfalls hatte es dazu geführt, dass ich an jenem Tag einem Impuls nachgab und mich, trotz mäßigen Interesses und Null Motivation bei der Akademie des Handwerks für das einzige Frauenseminar anmeldete, das dort unter dem drögen Titel: „Die Ehefrau im Handwerksbetrieb“ angeboten wurde …




















2. Frauen-Seminare und andere Luftschlösser





Einige Wochen später fuhr ich, seriös gekleidet und inzwischen angemessen motiviert, Richtung Westfalen. Die Aussicht, mehrere Tage in schöner Umgebung eines Jagdschloss zu verbringen, stimmte mich heiter. Ich nahm es als Anlass für meine erste längere Spritztour mit meinem neuen Auto. Gerade erst hatte ich meinen Führerschein gemacht und fühlte mich recht verwegen, so allein auf weiter Flur.
Meine gute Laune steigerte sich fast zur Euphorie, als ich die münsterländische Parklandschaft durchfuhr und vom Parkplatz aus den Innenhof mit Vorburg und Hauptburg des eindrucksvollen Wasserschlosses mit seinen rot-weißen Fensterläden, Erkern und Türmchen erblickte: „Das ist wirklich ein Dornröschenschloss!“ fuhr es mir wieder durch den Kopf und mein Inneres Kind jauchzte vergnügt. Da ich früh angereist war, war noch Zeit, nach meiner Anmeldung um die Gräfte zu spazieren und mir alles näher anzuschauen – das Seminar war Nebensache, das würde ich einfach absitzen, Hauptsache: Drei Tage frei!

Zwei Stunden später saß ich im Seminarraum und nach kurzer, formeller Begrüßung durch unseren Seminarleiter klopfte es an der Tür und ein Sinatra-Typ von mittelgroßer Statur und schütterem, aschblondem Haar trat ein, den ich auf Anfang Vierzig schätzte. Selbstbewusst und mit sonorer Stimme stellte er sich uns als neuen Akademieleiter vor. Sein tadelloses, weißes Hemd, die dezente Krawatte unter dem Sakko vom teuren Herrenausstatter, das raspelkurz geschnittene Haar, Haltung und Auftreten verkündeten: Seht her, hier kommt eine Führungskraft!
Ich hielt ihn für einen mittelgroßes Alpha-Männchen - und für einen Angeber.
Nachdem er uns einige Interna erklärt und abschließend auf das schlosseigene Restaurant und bereitgestellte Snacks im Pausenraum hingewiesen hatte, enteilte er forschen Schrittes.
Wir Seminar-Teilnehmerinnen fremdelten durch diverse Vorstellungsrunden und den Vormittag.
Sämtliche Frauen waren älter als ich, darunter klassische, altdeutsche Ehebrocken undefinierbaren Alters, die sich durch die Firma des Mannes definierten und mich musterten wie Dinosaurier ein flauschiges Küken.

Im Verlauf dieses ersten Seminartages führte uns der grauhaarig-bezopfte Seminarleiter mit dem Habitus eines in die Jahre gekommenen Hausfrauen-Gurus durch seine esoterisch angehauchte Welt der Persönlichkeitsbildung. In seinem Seminar ging es weniger um sachlich-fachliches zur Rolle der Frau im Handwerksbetrieb, als darum, sich und seinen schier unerschöpflichen Vorrat an Binsenweisheiten darzustellen, was frau in jedem schlechten Ratgeber-Buch nachlesen könnte.
Die Seminargebühr war also verbrannt. Und intuitiv erschloss sich mir das Wissen, dass diese Veranstaltung herzlich sinnlos werden würde.

Ich seufzte und kaute verzagt am Stift, während vorne am Flipchart vor sich hin doziert wurde, wie Farbenlehre, Enneagramm und Sternzeichen einer Handwerksgattinnen dabei helfen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Ich hatte keine Ahnung, wie es den anderen Frauen dabei ging – womöglich wurde die eine oder andere noch hinterm Ofen und der Werkbank angekettet – denn sie lauschten still und ohne erkennbaren Unmut.
Unterbrochen wurde die trockene Veranstaltung noch mehrmals durch den Akademieleiter, der immer wieder auftauchte, um „den Damen“ noch das ein oder andere zum Ablauf zu erklären.
Seine Kursteilnehmer wären bestens versorgt und umsorgt, versicherte er uns und lud spontan zu einem kleinen Sektumtrunk in der Pause ein. Am Nachmittag würde er eine kleine Schloss-Führung abhalten und einen gemeinsamen Spaziergang mit uns unternehmen. Nach dem Abendessen sei ein Kegelabend in der nahegelegenen Kleinstadt geplant:“... und ich würde mich über Ihre rege Teilnahme freuen!“ , schmetterte er so über-engagiert in die Runde, dass sich keine von uns traute, sein nettes Angebot abzulehnen. Meine Begeisterung für das Kegeln hielt sich zwar in Grenzen, aber: Warum nicht! Schlimmer konnte es nicht kommen …


Als wir der Führungskraft am Nachmittag wie eine Schar gackernder Hühner durch das Schloss folgten, bot er „den Damen“ sein Wissen über westfälische Geschichte und Baukunst mit der Eloquenz zahlreicher Rhetorik-Kurse dar, brillierte mit Humoresken und Adeligen-Anekdötchen über fürstliche Hetz- und Parforce- Jagden … und bestätigte meinen ersten Eindruck, dass er ein Angeber war, der vor einer Handvoll Kleinstadtpomeranzen herum gockelte und sein Gefieder spreizte.
Doch die Klangfarbe seiner Stimme gefiel mir außerordentlich und auch die Art, wie er sprach. Im Deutschunterricht hatten wir das „elaborierten Code“ genannt.
Seine auf Wirkung inszenierte Präsenz verstärkte sich noch, als der Herr vom Schloss unsere Gruppe nach dem Abendessen am Bus erwartete, um uns zum „Kegelabend in lockerer Atmosphäre“ zu begleiten. Ich wunderte mich, dass er diese Hahn-im-Korb-Nummer sichtlich genoss und fragte mich, was zum Teufel diesen Akademieleiter, der sich so distinguiert gab, dazu bewog, uns auch noch am Abend zu begleiten. Gut, er war neu in seinem Job und hatte unter der Woche nur ein provisorisches Zimmer im Schloss, wie er uns leutselig auf der Busfahrt erzählte.
Das Schloss war auch ziemlich abseits gelegen und außer einem Italiener gab es nichts in unmittelbarer Nähe, wo man abends noch hingehen konnte. Dass er deshalb so brutal vereinsamt war, dass er es spannend fand, mit einer Horde Handwerker-Gattinnen spätabends um die westfälischen Häuser zu ziehen, schien mir höchst unwahrscheinlich.

Den ganzen Abend über gab er sich penetrant um unser Wohlergehen bemüht und nach der ersten Runde Bier auf der Kegelbahn, die er spendiert hatte, machte er lauthals die Ansage: „Auf der Kegelbahn duzt man sich: Für Euch bin ich ab jetzt der Jochen, Prost!“

Nach dem Kegeln umringte ihn unsere Damenrunde am Wirtshaustresen, wir plauderten heiter, manche hingen an seinen Lippen und schmachteten ihn an. Bierselig gab er ein Bonmot nach dem anderen zum Besten, was einige Frauen mit aufreizendem Augenaufschlag und albernem Gekicher goutierten. Einige waren schon ordentlich beschickert, was der Stimmung erheblichen Aufschwung gab. Selbst die zwei schwergewichtigen Metzgermeister-Gattinnen, die breitbeinig wie Sumoringer auf ihren Barhocken thronten, bekamen langsam rote Bäckchen und ein unternehmungsfreudiges Blitzen in den Augen. “Und wohin fahren wir jetzt, Jochen?“, riefen sie in Feierlaune.
Jochen schaute auf seine Uhr und kratzte sich am Hinterkopf.
„Keine Ahnung – mit den männlichen Seminarteilnehmern gehe ich meistens noch was Essen - aber das wird schon zu spät sein für eine Musterländer Schlachtplatte. In Westfalen werden um Zwölf die Bürgersteige hochgekappt, um diese Zeit zieht es die Männer höchstens noch in die Lolita-Bar.“
„Klingt ja nach einer ganz verruchten Location!“, murmelte ich.
„Ist es auch – und nichts für Euch: Dort wird an der Stange getanzt und gestrippt …“
Ich blickte dem ich-bin-der Jochen tief in die Augen und dann herausfordernd in die Runde: „ Habt ihr das gehört? Mit männlichen Seminarteilnehmern würde er da noch hingehen - aber mit uns traut er sich nicht!"
Die Frauengruppe nickte zustimmend und begann vielstimmig zu maulen: „Wir möchten noch nicht nach Hause. Och, komm, Jochiii: Lass uns da hinfahren und noch `n Absacker trinken!“
Gesagt, getan: Für uns Unternehmungslustige bestellte Jochen ein Großraum-Taxi, die Spaßbremsen fuhren mit dem schlosseigenen Bus zurück und gingen schlafen.




An der Pforte des Etablissements „Lolita-Bar“ entstand erstmal Stau durch langes Hin- und Herdiskutieren mit dem Türsteher, der uns nicht reinlassen wollte. Mit einem ordentlichen Trinkgeld und viel Überredungskunst, dabei auf die guten Geschäfte hinweisend, die mit uns zu machen wären: „Die Damen können ordentlich was vertragen!“, kriegte Jochen es tatsächlich hin, dass er uns widerwillig Einlass gewährte.
So stolperten wir munter am spärlich bekleideten Tanz- und Unterhaltungspersonal an der Bar vorbei, ins spärlich beleuchtete, bordellrote Ambiente.

Wie sich herausstellte, waren wir die einzigen Gäste – was die unter uns beruhigte, die mit zusammengekniffenen Beinen auf dem Kunstleder herumrutschen und mit total verblüfftem Schamgefühl zu dem halbnackten Mädchen hinüberspähten, das gleich nach unserer Ankunft begonnen hatte, sich an der Stange zu räkelten und grottengelangweilt Blutgrätschen zu machen. Sie musste wohl ihre Show abspulen, sobald Gäste da waren – auch wenn es sich um eine Gruppe angetrunkener Handwerker-Ehefrauen handelte.
Bei einer schlecht gelaunte Bedienung in Lack und Leder bestellten wir unsere ersten Drinks – ich den teuersten Cocktail meines bisherigen Lebens – und die frivole Umgebung brachte uns langsam in gehobene Stimmung: Die Witze wurden unflätiger, die Zungen lösten sich und im Oberstübchen feierten unsere Synapsen Karneval.
Jochen lockerte bald seine Krawatte und gab sich nonchalant – und wurde auch haptisch kontaktfreudiger. Zumindest bei mir, denn ich saß dicht neben ihm auf der U-förmigen Kunstledercouch, auf sie wir uns alle gequetscht hatten.

Im Laufe der nächsten Stunden lief er zu Höchstform auf, spendierte eine Runde nach der anderen und bald war niemand mehr nüchtern. Im allgemeinen Gedrängel ging es hoch her – so fiel auch niemandem auf, dass Jochens Hand unter dem Tisch öfter die meine suchte, während er über dem Tisch die Runde unterhielt und im Rotlicht-Dschungel einen auf Silberrücken machte.
Testosteron ist kein guter Ratgeber. Östrogen aber auch nicht.

Jochen blieb bewundernswert sprachgewandt, während wir bereits leichte Artikulationsstörungen hatten. Er zeigte sich allen Frauen gegenüber jovial – nur mich hofierte er mit besonderer Aufmerksamkeit: Ein wie unbeabsichtigtes Streicheln an meiner Taille hier, ein Drücken seines Armes gegen meinen dort, ein zärtliches Festhalten meiner Hand … mir wurde blümerant unterm Pony. Dieser Womanizer war im Flirtmodus!
Das ich Ziel seiner Begierde war, schrieb ich dem Umstand zu, die Jüngste zu sein. Und dem Alkohol.
Wenn ich mit meinem Mann ausging, kam es öfter vor, dass angetrunkene, ältere Männer mich begehrlich musterten – vor allem, wenn sie verheiratet waren. Und das waren die meisten in unserem Freundeskreis. Bislang hatte jedoch kaum Gefahr bestanden, dass sich wirklich einer aus dem Windschatten seiner Ehefrau herausgewagt und mich angemacht hätte.
Jochens schien da anders, er legte beim Flirten eine unheimliche Chuzpe an den Tag. Keine der anderen Frauen schien mitzubekommen, was er da heimlich mit mir trieb.
Gerade, als von der Frauenrunde kreischend und johlend der beste männerfeindliche Witz des Abends gekürt wurde:
Fünfundachtzig Prozent aller Frauen finden ihren Arsch zu dick.
Zehn Prozent aller Frauen finden ihren Arsch zu klein.
Fünf Prozent aller Frauen finden ihren Arsch okay - und sind froh, ihn geheiratet zu haben
.... , und die Stimmung verbal völlig zu entgleiten drohte, protestierte ich, dezent lallend:“ Och nö. Nich` noch `ne Runde Schnaps, Jochn, dass finnichnichgut!“

Zwei stark betrunkene Bundeswehr-Soldaten in Nato-Oliv wankten zu uns ins Halbdunkel. Verdutzt stoppten sie vor unserer feucht-fröhlichen Runde und starrten uns an, als hätten sie gerade eine Vision.
„Der eine hat `ne Flieger-Jeans an!“, flüsterte Heidi, eine Bestattungsmeister-Gattin und hauchte mir dabei ihren heißen Alkohol-Brodem ins Ohr.
"Kuck ma`, wie viele Taschen die hat!"
„Sieh nich` so auffällig rüber zu dem!“, warnte ich sie, ebenfalls flüsternd.
„Mein Sohn wünschssich schon ganz lange so eine!“, brabbelte Heidi weiter und bekam Wunschaugen.
Der Soldat fühlte sich provoziert, so angestarrt zu werden und schwankte bedrohlich auf unseren Tisch zu: „Iss wass …Lladies ?“
„Nö“, lächelte Heidi ihm tapfer entgegen, „ich finnne nur Ihre Hose sso schön.“

Die zwei musterten sich stumm. Die Runde verharrte in Schreckstarre.
„Du willsss meine Hose?“, lallte der Soldat und geriet in gefährliche Schieflage, als er mit glasigem Blick an sich heruntersah. Er schien verwundert, dass er überhaupt Hosen anhatte.
"Okay. Aber nur, wennich deine …Dingens … ähm: Sch...rigjagge kriege!“

Heidi stutzte einen Augenblick. Dann erhob sie sich und begann, ohne große Umschweife ihre Strickjacke auszuziehen. Die Runde brach in kreischendes Gelächter aus, jemand reichte dem Soldaten einen Schnaps, den er herunterkippte wie nichts. Danach begann er, seinen Hosenstall aufzuknöpfen und blankzuziehen.
Alles grölte und johlte und wir konnten es nicht fassen: Der wollte allen Ernstes seine Flieger-Jeans gegen Heidis Strickjacke tauschen!
„ Nix wie weg, Mädels - sonst überlegt er sich`s nochmal!“, raunte Jochen in die Runde und beglückwünschte Heidi, die verzückt ihre Flieger-Jeans in Händen hielt und umklammerte.
"Lasst uns aufbrechen, ich glaube, es wird Zeit!", gab Jochen das Kommando und winkte der Bardame, dass sie unser Taxi rief. Die Runde machte sich bereit, den geordneten Rückzug anzutreten.
Zurück im Halbdunkel der Lolita-Bar blieben zwei betrunkene Soldaten. Der eine in Unterhosen, Kampfstiefeln und bekleidet mit einer rosa Damenstrickjacke …



Später, als Hahn & Hühner, die mehr als einen Korn intus hatten, Richtung Schloss marschierten, verabschiedeten wir uns, küssten und herzten einender, als würden wir uns bereits seit Jahren kennen. Einige suchten, laut fluchend, nach dem Zimmerschlüssel in ihren Handtaschen, dann strebten sie durch die langen, schwach beleuchteten Gänge im Inneren der Schlosses auseinander, sich gegenseitig laut zur Stille ermahnend: „Pssst, die anderen schlafen doch schon … !“
In meinem Zimmer angekommen, kickte ich als erstes meine hochhackigen Schuhe von den Füßen, zog mir sofort die unbequemen Sachen aus und schlüpfte in meinen indischen Kaftan.
„Was für ein Abend!“, dachte ich grinsend, als ich vorm Waschbecken stand und mir die Zähne putzte. Verdutzt hielt ich inne und drehte den Wasserhahn zu.
Hatte es gerade an meine Tür geklopft? Eigentlich war es mehr ein leises Scharren … war es die beschickerte Heidi, deren Zimmer neben meinem lag?
Ich öffnete die Tür einen Spalt breit und flüsterte: „Was ist denn, ich bin bereits ausgezogen!?“
Zu meinem Erstaunen war es nicht Heidi, die vor meiner Tür stand.
Es war Jochen. Mit seitlich geneigtem Kopf stand er da, schürzte seine Unterlippe vor und initiierte einen treuen Hundeblick: “Hey, du! Komm, ich will mit dir reden!“
„Ich … ähm … wollte gerade ins Bett.“
„Nur `n bisschen reden – und was trinken.“ Er wedelte mit einer Flasche, die er sich unter den Arm geklemmt hatte und grinste gewinnend.
„Wo denn?“
„In meinem Büro. Mach schnell! Muss ja keiner mitkriegen, dass wir zwei … hast du Gläser?“, flüsterte er.
„Ähm: Nur mein Wasserglas und das für die Zahnbürste.“
„Bring mit! Ich warte auf dich, draußen im Hauptgang!“

Ich war so überrumpelt, mir blieb nicht mal Zeit für die Überlegung, wo ich meine Schuhe hingeschmissen hatte, also schnappte ich mir die Gläser und huschte auf Socken aus der Tür, hinein ins dämmrige Nachtlicht des Flures.
Jochen stand am Fenster und als er mich kommen sah, empfing er mich wie zu einem Date: „Schön, dass du da bist!“
Dann legte er seinen Arm um meine Schulter, um mich, knarzenden Schrittes durch die dunklen Flure bis zu seinem Büro zu führen, das abseits, in einem Erkerzimmer untergebracht war.
Ich fühlte mich amüsiert und fasziniert durch diese abstruse Situationen, mitten in der Nacht im Kaftan und auf Sneaker Socken durch die dunklen Gänge eines Schlosses zu huschen.
Während meine weibliche Intuition vergebens an den Türen meiner benebelten Synapsen hämmerte und brüllte: „Kriegt ihr da drinnen eigentlich noch was mit? Das ist doch völlig bescheuert, was die gerade macht!“

Normalerweise weckten Männer, die so dominant auftraten, meinen Widerspruchsgeist. Von Jochen fühlte ich mich aber nicht gegängelt, weil er wie selbstverständlich die Führung übernahm wie ein guter Tänzer, der sich auf seinem Tanzboden auskannte und Takt und das Tempo vorgab, damit seine Tanzpartnerin brillieren konnte.
Etwas an seiner Art veranlasste mich, ihm einfach zu folgen. Er hatte nur: “Komm!“, gesagt. Einfach nur: Komm!"


In seinem Büro angekommen, verhielt er sich freundschaftlich-locker, seine geschäftsmäßige Art schien gänzlich von ihm abzufallen. Er gab sich mir gegenüber nun ganz "privat" - eher wie ein Gastgeber, der sich verlegen entschuldigte, dass er keine vernünftigen Gläser anzubieten hatte, weil die Sekretariats-Küche abgeschlossen war. Er bot mir einen Platz auf dem schwarzen Ledersofa gegenüber seinem Schreibtisch an und begann, etwas mehr Atmosphäre zu schaffen, indem er leise Musik anstellte, das Licht dimmte, mir eine Zigarette anbot und die Flasche öffnete, die er die ganze Zeit unter seinem Arm transportiert hatte. Es war Cognac – der Flasche nach zu urteilen ein teurer - und der erste meines Lebens, den er mangels Alternativen in mein mitgebrachtes Zahnputzglas goss.
Ein Grund mehr, darüber gemeinsam zu lachen und beim Anstoßen Lord und Lady auf einem Kreuzfahrtschiff zu mimen, die sich über das Aroma ihres Sundowners austauschten:
“Hmm, köstlich, dieses Pfefferminzaroma! Prost, mein Lieber!“
„Cheers, meine Liebe!“

Die Möblierung des Büros wirkte gediegen, nicht protzig: Jochens Schreibtisch aus Eichenholz repräsentierte schlichte, alte Handwerkskunst, die kleine Sitzecke im Erker mit dem schwarzen Ledersofa und zwei Sesseln auf weinrotem Teppich wirkte einladend. Es hingen Bilder und Kunstdrucke an den Wänden, in den Erkerfenstern standen Blumen und eine stattliche Yucca-Palma rundete das vorzeigbare Ensemble ab. Es dauerte nicht lange und ich machte es mir im Schneidersitz auf dem Sofa gemütlich – eine Sitzhaltung, die ich nur einnahm, wenn ich mich besonders wohlfühlte.
Ich musste wohl oder übel meinen ersten Eindruck über Jochen revidieren, denn er blieb höflich und wurde nicht aufdringlich, diskutierte mit mir auf Augenhöhe über Gott und die Welt. Ich fühlte mich geschmeichelt, dass er mich nicht wie ein kleines Mädchen behandelte. Er schien meine reine Anwesenheit zu genießen, was mich zusehends beruhigte. Als Akademieleiter konnte er es sich auch gar nicht leisten, wie ein Tiger über mich herzufallen. Obwohl es mitten in der Nacht und ich mit ihm allein war, fühlte ich mich die ganze Zeit über wohl und sicher.

Bis er abrupt aufstand und sich neben mich setzte und unvermittelt zum Schmiege-Angriff überging. Er hauchte mir so etwas wie: "Du-willst-es-doch-auch!", ins Ohr und wollte mich küssen.
Ich war auf diesen Angriff nicht gefasst und dem Alkohol geschuldet hatte ich Null Körperspannung, so dass ich nach hinten wegsackte und mein Kopf schwer und frei über der Sofakante baumelte. Das war keineswegs Hingabe. Sondern pure Wehrlosigkeit.
Mir wurde schwindelig - und dermaßen kotzübel, dass ich mich panisch aus seiner Umklammerung zu befreien versuchte. Was zur Folge hatte, dass ich neben die Couch fiel und auf Knien auf der roten Auslegeware herumrobbte.
Mit der letzten Kraft meiner Restwürde rappelte mich hoch und stammelte: "So-geht's-ja-wohl-nicht-mein-Lieber!", raffte meinen Zimmerschlüssel vom Tisch und verließ im taumelndem Zickzack-Gang den Raum.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit, die nur Kinder und Betrunkene haben, floh ich mausallein durch das Halbdämmer schummriger Gänge, durch die Fenster dämmerte bereits das Morgengrauen, in dem ein früher Vogel sein Lied trällerte.
In meinem Zimmer angekommen, verriegelte ich meine Tür, als sei ich vom Teufel verfolgt. Dann riss ich die Fenster auf, spritzte mir am Waschbecken Wasser ins Gesicht und setzte mir gierig eine Flasche Mineralwasser an den Hals - als sei ich gerade dem Tod durch Verdursten im Death Valley entronnen.



Als ein paar Stunden später mein Wecker klingelte, war ich gefühlt gerade eingenickt. Ich gähnte, bis meine Kiefer knackten und versuchte, mich durch ausgiebiges Räkeln wachzubekommen. Außer einem mittelschweren Kopfdruck fehlte mir nichts. Auch nicht jenes „Wie-konntest-du-nur-Gefühl“, das diese durchzechte Nacht hätte hinterlassen können. Ich hatte mir nichts Unmoralisches vorzuwerfen – nur als ich an meinen nächtlichen Abgang in Jochens Büro dachte, stöhnte ich peinlich berührt. Ich konnte nur hoffen, dass er meinen nächtlichen Abgang als moralischen Triumphzug eines Rotkäppchens vor dem bösen Wolf interpretiert hatte.
Im Frühstücksraum war es seltsam still. Einige Teilnehmerinnen meines Seminars saßen schweigsam an den Tischen und begrüßten mich verhalten, andere standen gähnend am Frühstücksbuffet.
An meinem Tisch besprach man gerade matt das Programm des Tages: Von neun bis zwölf Seminar, Mittagessen und Pause bis halb drei, anschließend Seminar bis fünf, dann Abendessen und anschließend: Sektumtrunk im Kaminzimmer, Ende offen …
Als wir den Daheimgebliebenen erzählten, wie wir gestern den Restabend verbracht hatten, brach wieder allgemeine Heiterkeit aus. Nur Heidi verhielt sich seltsam still und stierte verlegen auf ihr Frühstücksei.
„Was ist los mit dir?“, stupste ich sie freundschaftlich an. „Bist du nicht Happy, so eine tolle Fliegerjeans für deinen Sohn zu haben?“
„Schon. Aber … “
„Aber …was ?“
„Was soll ich denn Zuhause erzählen, wo ich die herhabe? Das glauben mir doch keiner, wie ich da drangekommen bin … !“


Der Vormittag zerfloss zäh im Seminarraum. Auf der Agenda standen: Gesprächsführung bei Verkaufsgesprächen, Einstellungsgesprächen, Konfliktgesprächen und Rhetorik für Anfänger: Körpersprache.
Der grauhaarig-bezopfte Seminarleiter ging mir gehörig auf den Geist. Ich schwieg beharrlich und verweigerte mich, mich von ihm „lesen“ zu lassen wie manch` andere, die an seinen Lippen hingen. Ich ließ sein Gequatsche über mich ergehen und sehnte eine Unterbrechung herbei - beispielsweise durch den Akademieleiter.
Aber der ließ sich heute nirgendwo blicken. Beim Mittagessen war klar, warum: Das Schloss-Restaurant war von einer Schar Bundeswehr-Offiziere in Uniform bevölkert, mit denen er ins Gespräch vertieft schien und uns nur beiläufig zunickte.
Mich würdigte er keines Blickes. Kein unmerkliches Nicken seines Kopfes, kein kumpelhaftes Augenzwinkern. Mir schien es, als ob er absichtlich jeden Blickkontakt mit mir bewusst vermied.
Dann nicht!, dachte ich und verschwand nach dem Essen schnell auf mein Zimmer.
Als ich mich gerade aufs Bett fallen lassen wollte, wummerte es an meiner Tür.
„Menschenskind, Heidi!“, dachte ich genervt, „Langsam geht die mir aber auf den Senkel … “, und stand verblüfft vor einem halbnackten Akademieleiter – der nur mit einem weißen Hotel-Bademantel und blauen Adiletten bekleidet war.

Er murmelt etwas von "Klärungsbedarf … “ und: "Wir müssen reden!", aber ich stierte ihn nur an wie eine Erscheinung.
„Lass mich rein – bitte!“, insistiert er. “Ich steh` hier im Flur wie auf dem Präsentierteller.“
„Äh …ja. Komm doch rein, Jochen.“
Schnurstracks schoss er in mein Zimmer, griff sich dort den einzigen Stuhl und setzte sich unaufgefordert. Umständlich zuppelte er an seinem Bademantel herum. Schließlich griff er kurzerhand mein Kopfkissen und legte es sich auf den Schoß.
"Sorry", sagte er, "aber ich kann sonst nicht bequem sitzen, ich hab` nichts an drunter … "
Nee. Ist klar. Ich saß ihm gegenüber auf der Bettkante und sah ihn fragend an.
„Ich mach`s kurz, ich habe gleich einen wichtigen Termin, darum wollte ich noch schnell unter die Dusche … und als ich rauskam, sah dich hier reingehen …
„... und da hast du gedacht: Hey, ich bin gerade nackig - flitze ich doch schnell zu der Frau Haferkamp!?“
„Ist dir klar, Haferkamp, dass du mich dauernd wie einen Idioten dastehen lässt?“
„Ach.“
„So wie gestern Nacht. Weißt du, wie ich mir vorgekommen bin? Wie ein mittelalterlicher Händler, der einer schönen Frau seine Ware feilgeboten hat – und sie hat sie madamig geprüft und für „nicht gut“ befunden. So hochnäsig bist du gestern rausstolziert.“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Jochen schien sichtlich gekränkt und in seiner männlichen Eitelkeit verletzt. Doch die Metapher mit dem Marktschreier war nicht schlecht, die würde ich mir merken. Ich musste mir das Grinsen verkneifen und versuchte wirklich, ihm zuzuhören – und nicht dauernd daran zu denken, dass unter seinem weißen Frotteemantel womöglich seine nackten, frisch geduschten Klöten baumelten.
„Jochen“, räusperte ich mich, „ich finde dich echt sympathisch. Doch ich bin verheiratet - und „Fremdgehen“ stand gestern nicht auf meiner „To-Do-Liste“, als ich mit dir noch in dein Büro gegangen bin. Wenn ich gestern gewisse Erwartungen bei dir geweckt hatte, tut mir das leid. Aber einen Zweitmann kann ich mir - schon aus nervlichen Gründen - nicht leisten: Mein Mann, seine Kinder, die Firma, das Haus … “, ich lächelte versöhnlich.
„Verstehe“, sagte Jochen und lächelte nicht.
„Wie ist eigentlich dein Beziehungsstand?“, fragte ich interessiert – zu diesem Thema waren wir gestern gar nicht mehr gekommen. Oder hatte er es bewusst vermieden, indem er mich dazu ausgefragt hatte?
Auch jetzt schien Jochen nicht gerade auskunftsfreudig. Schließlich nötigte ich ihm das Geständnis ab, eine, wie er es nannte „lauwarme Wochenend-Beziehung" zu haben.
„Na siehst du!“, stellte ich abschließend fest und er erhob sich mit gesenktem Kopf – wie ein frisch gewaschene Pudel.
„In Wahrheit“, fügte ich hinzu, als er bereits die Türklinke in der Hand hielt, „war mir gestern Nacht kotzübel … „
Er verharrte, drehte sich zu mir um und starrte mich irritiert an.
„... und ich wollte nur nicht auf deinen karmesinroten Teppich göbeln“, vollendete ich den Satz.
Er atmete hörbar tief ein. Dann machte sich ein schelmisches Lausbubengrinsen in seinem Gesicht breit: “Menschenskind, Haferkamp! Jetzt stehe ich schon wieder wie ein Vollhorst da!“
Ich widersprach nicht. Und sträubte mich auch nicht, als er entschuldigend seine Arme ausbreitete und mich fest drückte. Dann küssten wir uns.

Am Nachmittag fiel ich im Seminar auf, weil ich mich plötzlich so munter und fröhlich beteiligte. Der Seminarleiter schrieb dies seiner Vortragskunst zu. Und dem Umstand, dass ich Steinbock sei: Die sähen so harmlos aus wie ein Federbett, dozierte er, aber in ihrem Inneren brodele zuweilen ein Vulkan der Leidenschaft … und bei mir sähe er einiges „Potential“ - das allerdings noch erweckt werden müsse.
„Auf mich wirken Sie wie ein Dornröschen – das die ganze Zeit abwartend dasitzt, nur beobachtet und sich nicht in die Karten blicken lässt. Bringen Sie sich ruhig öfter so ein ein und erzählen Sie von sich: Was tun Sie so, in der Firma Ihres Mannes?“
Ohne Begeisterung schilderte ich, dass ich seit meiner Abendschul-Zeit im Geschäft meines Mannes halbtags den Telefondienst übernahm, Rechnungen schrieb und die Verkaufsräume und das Büro putzte, wenn die Monteure und mein Mann unterwegs waren – und dass ich meinen wirklichen Platz in der Firma noch nicht gefunden hatte.
„Klingt nicht danach, dass Sie da richtig eingesetzt wären!“, konstatierte der Guru.
Ich war baff, dass er mir das so vor den Latz knallte. Aus den Augenwinkeln hatte ich mitbekommen, dass einige Frauen dabei bestätigend genickt hatten.
„Wenn Sie meine Frau wären“, holte der Seminarleiter zum nächsten Schlag aus und blickte Beifall erheischend in die Runde, „und ich hätte ein Sanitär-Fachgeschäft, dann würde ich Sie in meinem Schaufenster ausstellen - leicht bekleidet und in einer gläsernen Badewanne - statt Sie meine Geschäftsräume putzen zu lassen! Sie sind jung, Sie sind nicht dumm, sehen gut aus - und Sie sind Mitinhaberin der Firma! Oder haben Sie Gütertrennung vereinbart?“
„Äh … nö, ich glaub` nicht“, stammelte ich, verlegen wie ein Schulkind.
„Da haben wir es!“, stöhnte der Seminarleiter. „Meine Damen, ich lege es Ihnen fest ans Herz: Klären Sie Ihre finanziellen Grundlagen! Machen Sie Ihre gerechtfertigten Ansprüche nach einem angemessenen Gehalt geltend und vor allem: Lassen Sie sich von Ihren Ehemännern nicht zur unbezahlten Putzfrau und Mädchen für alles degradieren! Fordern sie den Respekt, den Sie für Ihre Arbeit verdienen!“
Frenetischer Beifall setzte ein – auch, weil er endlich mal über ein Thema sprach, das alle wirklich zu interessieren schien. Es gab es viele Wortmeldungen und Kommentare, dass wir fast enttäuscht reagierten, als an diesem Tag die Seminarzeit endete. Das Thema „unbezahlte Frauenarbeit“ trieb noch einige um, vor allem ältere Unternehmer-Gattinnen und eine Flut von Entrüstung und Frustration über Unterbezahlung, wenig Wertschätzung und Ausnutzung unserer Arbeitskraft in den Kleinbetrieben der Ehemänner bahnte sich ihren Weg.





„Du bist noch jung, lass dich nicht unterbuttern in Eurer Firma – so wie wir!“, ermahnten mich am Abend die zwei Metzgermeisters-Gattinnen und klopften mir wohlwollend auf die Schultern, als wir, fein herausgeputzt, beim Gläschen Sekt im Rittersaal standen.
Jochen lauschte interessiert unseren Diskussionen und schien hochzufrieden, dass ein Seminar seines Hauses uns Frauen so dermaßen aufgemischt und diskutierfreudig gemacht hatte.
Wir genossen diesen letzten Abend miteinander, sprühten vor Wortwitz, präsentieren uns einander bei pantomimischen Ratespielen, die initiiert wurden, um die Stimmung aufzulockern. Bei Jochen war es wohl Lichtjahre her, ausgelassen in fröhlicher Runde Partyspiele zu spielen. Mir fiel ein Zungenbrecherspiel ein, in dem er sich zum Larry machen musste.
„Das rächt sich, Rotkäppchen!“, knurrt er mich an wie ein einsamer Wolf, der um mich streunte.
Die anderen bilden nur noch die Rahmenhandlung um unsere Geschichte miteinander - das wir uns am Mittag geküsst hatten, ließ sich keiner von uns anmerken. Nur manchmal zwinkerten wir uns verstohlen zu - mit dem Gefühl, Teil einer gemeinsamen Geschichte zu sein, deren Ausgang noch ungewiss war.
Und ich musste gestehen, dass mich dieser Umstand mehr berauschte, als der Sekt, an dem ich an diesem Abend nur genippt hatte.

Als Jochen sich mit einer kleinen Ansprache verabschiedete und anschließend, wie absichtslos an meinem Tisch stehenblieb, wo er allen die Hand schüttelte und mir zuraunte: “Sehen wir uns noch … ?“, nickte ich zustimmend und wir verabschiedeten uns wie zwei Verschwörer, die es gewohnt waren, in aller Öffentlichkeit geheime Absprachen zu treffen.
Als er in diesem Abend an meine Zimmertür klopfte, hatte ich bereits dahinter gestanden und ihn erwartet.









Nach Hause zurückgekehrt, war ich schockverliebt und emotional völlig durch den Wind.
In der letzten, mit Jochen verbrachten Seminarnacht hatten wir wieder lange zusammengesessen und einander, auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, viel preisgegeben. Ich erfuhr, dass Jochen Germanistik studiert und bei einer Zeitung gearbeitet hatte, später zur Bundeswehr gegangen war und dort bereits eine beachtliche Karriere hingelegt und es bis zum Pressesprecher gebracht hatte – und erst vor Kurzem den Sprung gewagt hatte, mit Anfang Vierzig sein Metier noch einmal zu wechseln. Aus politischen Gründen, wie er sagte.
Beide waren wir - wenn auch auf unterschiedliche Weise - mutig in eine Situation hineingesprungen, die uns viel abverlangte und uns zuweilen auch überforderte. Was uns verband, war auch das Gefühl, diese Situation unbedingt meistern zu müssen, weil wir Hilflosigkeit und Überforderung als Schwäche und somit als persönliches Versagen interpretierten.
An diesem Abend waren wir uns dadurch emotional näher gekommen, dass wir uns einander öffneten und auch über unsere Probleme sprachen - wie zwei, die froh waren, nach einsamen Wanderungen endlich einen Freund gefunden zu haben, mit dem man am Lagerfeuer sitzen, sich austauschen und sich gegenseitig seine Kampfnarben zeigen konnte.

Sehnsüchtige Wochen mit heimlichen Telefonaten und Briefen vergingen bis zu dem zweiten, separaten Teil meines Seminares: Wie gut, dass ich mich vor einiger Zeit entschieden hatte, mich gleich für beide Seminare anzumelden!
Mein Mann war erstaunt, wie engagiert ich plötzlich meine Fortbildung in Sachen Handwerk vorantrieb, in der Firma herumwuselte und vor betrieblichen Neuerungen übersprudelte. Er gab sich zufrieden, sein Geld für die Seminare seiner Ehefrau gut angelegt zu sehen. Er war durch und durch Materialist und das Wohlergehen seiner Firma war Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. Seitdem er den Kleinbetrieb von seinem Vater übernommen hatte, versuchte er, allen zu beweisen, dass auch er ein erfolgreicher Unternehmer war.

Was ich nicht ahnte: Die Firma war bereits in Schieflage geraten – durch Uwes Unerfahrenheit, die ihn verleitet hatte, falsche unternehmerische und finanzielle Entscheidungen zu treffen. Er war es gewohnt, einsame Entscheidungen zu treffen – und tat dies auch oft privat und über meinen Kopf hinweg. Mit diesem Verhalten machte er mich wütend und unsere Beziehung geriet mit den Jahren in unruhigere Fahrwasser – was wir lange Zeit erfolgreich ignorierten, da wir schon lange nebeneinander her lebten, jeder mit sich und seinen Wichtigkeiten beschäftigt.


So kam es, dass ich Wochen später zum zweiten Seminar fuhr – und in fremdgeherischer Vorfreude nicht nur diverse Windlichter für eine erotisierendere Illuminierung von Jochens Büro und seinem Zimmer mit im Gepäck hatte, sondern auch heimlich gekaufte, aufreizende Nachtwäsche und scharfe Schlüpper sowie teure Garderobe - zum Preis eines Familienurlaubes.
Ich war so berauscht und selbstbesoffen von der wahnhaften Vorstellung, allein durch Klamotte eine „Femme Fatal“ zu sein, dass ich dem neuronalen Feuerwerk von Oxytocin, Serotonin und dem anderen Rat Pack in der Birne entgegenfieberte, wie ein Junkie in Erwartung des besten Stoffes, der zu haben ist.

Jochen kam aus seinem Büro geschossen, sobald er meine Stimme am Empfang gehört hatte und begrüßte mich freudig, wie eine alte Bekannte: „Wen sehe ich da: Die Frau Haferkamp! Freut mich, Sie wieder in unserem Schloss begrüßen zu dürfen! Hatten Sie eine angenehme Hinreise? Sie waren ja schon öfter hier und kennen die Formalitäten: Unsere Frau Fuchs wird sie eintragen und Ihnen unser schönstes Zimmer geben, nicht wahr, Frau Fuchs? Der frühe Vogel fängt den Wurm, hö, hö … !“
Wir waren beide so „drüber“, dass wir die Angestellte, die uns misstrauisch beäugte, zusehends aus dem Konzept brachten.

Auch der bezopfte Seminarleiter wirkte irritiert, als er mich erneut in seinem Seminarraum erblickte: „Frau Haferkamp …? Sie hatte ich, ehrlich gesagt, hier nicht noch einmal erwartet!“ Im letzten Seminar war ich ja nicht gerade durch rege Beteiligung aufgefallen. Meine erneute Anwesenheit schien er jedoch als seinen Verdienst abzubuchen, dass er es geschafft hatte, mich ganz heiß auf seinem Esoterik-Kram zu machen.

Wenn es um unser gemeinsames Auftreten innerhalb des Schlosses ging, gab Jochen weiterhin den Ton an und forderte mich heraus, anderen gegenüber sein verlogenes Versteckspiel mitzuspielen. Er spielte mir Stichworte zu und erwartete, dass ich wie eine gewiefte Schauspielerin einsprang und meinen Part entgegnete und mitspielte.
„Ich mag das nicht!“, versuchte ich, zu protestieren.
„Sei nicht naiv, Haferkamp!“, setzte er zu seiner Verteidigung an: „Schließlich ist das hier mein Arbeitsplatz – und ich setze hier nicht meine Reputation und Karriere aufs Spiel wegen einer kleinen, unkomplizierten Liebschaft !“
Das hatte gesessen – und auch, das es ihm zweitrangig erschien, dass auch ich gerade meinen Ruf und meine Ehe aufs Spiel setzte.
Irritiert und zunehmend scharfzüngiger wollte ich das mit ihm ausdiskutieren. Schon wieder eine Rolle, die mir ein Mann aufdrängte! Anderen etwas vorzumachen, war nicht mein Ding. Auch nicht, für ihn die verdeckte Ermittlerin zu spielen, wenn er mich aufforderte, ihm dezidiert Inhalte und Ablauf meines Seminars zu erzählen.
Doch er wischte meine Bedenken mit leichter Geste fort:“ Lass uns die Zeit, die wir miteinander haben, nicht mit unnötigen Streitereien vertrödeln wie ein schlecht gelauntes Ehepaar. Wir sollten Spaß haben und die Sache hier genießen – ist doch nichts dabei, das bisschen Theater! Wir müssen nicht jedem auf die Nase binden, was uns verbindet. Ich habe mich so auf dich gefreut, Haferkamp – versau` uns nicht die schöne Stimmung!“
Und ich gab, wenn auch augenrollend, nach. Zumindest, solange ich mit ihm zusammen war und wir uns im Schloss aufhielten.




Wieder Zuhause angekommen, trieben mich andere Gefühle um, ich konnte Uwe kaum in die Augen blicken. Es war mir unmöglich, ihm etwas vorzumachen.
Wir müssen reden!“, sagte ich, noch am selben Abend – und er ahnte bereits, das Unangenehmes auf ihn zukommen würde. Zu meinem Erstaunen blieb er seltsamerweise ruhig, als ich ihm erzählte, das ich mich auf meinem Seminar in jemanden verliebt hatte. Er wirkte geschockt, schien diesen Schlag aber gefasst hinzunehmen – mit einer einzigen Ausnahme: Jochen.
„Was ist das für ein Arschloch von Akademieleiter, eine Seminar-Teilnehmerin zu bumsen - noch dazu in seinem Haus! Damit hat er sich strafbar gemacht, den werd` ich anzeigen!“, fluchte er.
„Das wirst du schön bleiben lassen“, antwortete ich und zerknüllte dabei mein Taschentuch. „Ich bin genau so verantwortlich für das, was passiert ist. Und ich habe ehrlicherweise keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll … “, erste Tränen kullerten mir übers Gesicht und ein Kloß in meinem Hals verhinderte, dass ich weitersprechen konnte. Schließlich heulten wir beide gemeinsam.
„Liebst du ihn?“, fragte Uwe.
„Liebe … was ist eigentlich Liebe?“, schluchzte ich und sah Uwe verzweifelt an – in der Hoffnung, er könnte mir dazu etwas sagen. Oder um mich, um uns und unsere Liebe kämpfen.
Doch er antwortete nicht und zog sich hinter beharrlichem Schweigen zurück.



Die nächsten Tage schlich er weiterhin um den heißen Brei herum, bis es aus ihm herausplatzte: „Du machst jetzt endgültig Schluss mit diesem ... Jochen – und wir zwei vergessen die Angelegenheit!“
Doch dazu war ich nicht bereit. Meine Erwartungen- und Ansprüche waren ambivalent: Einerseits wollte ich, dass Uwe und ich an unserer Beziehung arbeiteten und eine Paartherapie machten – andererseits wollte ich auch Jochens verlockendes Angebot annehmen, mit ihm eine Woche nach Frankreich, zu fahren. Nach Arles, in das Ferienhaus eines Freundes.
Ich brauchte Zeit, um mir über meine Gefühle zu den beiden Männern klarzuwerden – und wollte beiden eine Chance geben, um unsere Beziehung zu kämpfen. Bislang hatte das keiner von beiden getan.
Obwohl beide behaupteten, wie wichtig ich für sie und ihr Leben war, zeigten sie sich nicht besonders glaubwürdig, wenn es darum ging, mir ihre tiefen Emotionen zu zeigen. Genau das hätte mich auf einer Ebene ansprechen und überzeugen können, die meinem Wesen entsprach.
Doch leider waren beide dazu wohl nicht in der Lage, ihre Persönlichkeit gab dies nicht her: Beide waren Unternehmer und gehörten einer Generation von Männern an, die erwarteten, dass nur die Frau den emotionalen Part in der Beziehung übernahmen.
Ich aber fühlte mich emotional verunsichert , instabil und durcheinander und keiner von beiden konnte mir dabei helfen, dieses Gefühlswirrwarr zu entwirren. Statt dessen verlangten beide Entscheidungen von mir, die ich so nicht treffen konnte oder wollte.
Ich war es langsam leid, nur eine Funktion im Leben eines Mannes zu haben: Dem einen verschaffte ich „Ausgewogenheit“ - was immer das auch für ihn sein mochte – und dem anderen ein „unkompliziertes, kleines Abenteuer“, wie er es nannte.
Inzwischen war ich vierundzwanzig Jahre alt - und lief immer noch mit einer Kleinmädchen-Sehnsucht im Herzen herum nach der einen, romantischen und ganz großen Liebe … und schien an einer Weggabelung angelangt zu sein, in der ich nun eine Entscheidung treffen musste, durch die mein gewohntes, geordnetes Leben komplett aus den Fugen geraten konnte.

So vergingen die nächsten Monate damit, dass ich mit Uwe zu einem Paartherapeuten ging. Allerdings nur zwei Mal, dann schmiss Uwe hin und verweigerte jedes weitere Gespräch: "Ich bin eben nicht der Typ für dieses Therapeuten-Gelaber!“
Statt dessen, so Uwes Lösung, müsse ich nur endlich meine Träume vom Studieren und diesem Arschgesicht von Akademieleiter aufgeben, damit wäre doch alles in Ordnung. Und wir könnten endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Er hätte noch andere Sorgen: Seine Firma, seine Kinder, sein Haus, sein Segelverein … !
Was mich darin bestärkte, mit Jochen eine Woche nach Arles zu fahren.

Auf dieser Reise verliebte ich mich bis über beide Ohren in ihn. Endlich konnte ich tagelang allein zu zweit mit ihm sein und ich genoss es, fernab aller familiärer Sorgen und partnerschaftlicher Konflikte, mit ihm zu reisen und Frankreich zu entdecken. Das kleine Haus am Marktplatz von Arles wurde zu unserem Liebesnest, wo wir Hummer kochten und Champagner tranken, französischen Käse mit Baguette knabberten, Muscadet tranken, redeten … oder wir saßen tagträumend und händchenhaltend vor unserem Pastis im Café … und abends hörten wir unsere Schallplatten: Ich hatte Leonard Cohen, die Piaf, Georges Moustaki und Charles Aznavour im Gepäck, Jochen hatte Degenhardt, Dean Martin und Frank Sinatra mitgebracht.
Wir verbrachten eine herrliche, unbeschwerte Zeit zusammen. Ich schwebte auf Wolke sieben, unsere Gespräche - auch über Beziehungen - bestärkten mich darin, dass eine Beziehung auf Augenhöhe stattfinden sollte: Emotional und Intellektuell. Und dass einige meiner Probleme daraus resultierten, dass mein Ehemann es nicht ertrug, seine Frau durch eigenes Studium oder Beruf neben ihm aufblühen zu sehen.
Obwohl Jochen mich stets zu Vorsicht und Besonnenheit mahnte, niemals aus dem Affekt heraus zu agieren oder voreilige Schritte zu unternehmen, konnte mich das nicht davon abhalten, einige Monate später meine Scheidung einzureichen.


Jochen war nicht der Grund für meine Trennung von Uwe, er hatte vielmehr so etwas wie eine Initialzündung bei mir ausgelöst, indem er mich darin bestärkte, noch zu studieren. Durch die Begegnung mit ihm wurde ein ganz neues, anderes Leben plötzlich für mich vorstellbar. Wie ich hoffte: Zusammen mit ihm. Immer fester war ich davon überzeugt, in ihm den Mann meines Lebens gefunden zu haben.

Bis er mir eines Tages gestand, dass er verheiratet war. Und drei Kinder hatte. Und dass er seine Frau, seinen Arbeitgeber, seine Logenbrüder …und zuletzt mich die ganze Zeit über mit der Fassade eines Ehrenmannes getäuscht und betrogen hatte.
Da war ich bereits geschieden und lebte in einer kleinen Wohnung und in der schäbigen Umgebung von Duisburg-Hochfeld. Eine andere Wohngegend konnte ich mir nicht leisten, da ich bei meiner Scheidung - aus schlechtem Gewissen heraus – die alleinige Schuld auf mich genommen hatte.
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen der Satz:" Schließlich hätte alles noch viel schlimmer kommen können", nicht gilt.















Vatermänner, Teil II



1. Duisburg-Hochfeld oder: Türkische Nächte sind heiß …







So fühlte sich das also an: Als geschiedene Frau mausallein in einer schäbigen, kleinen Wohnung in Hochfeld - einem Wohnviertel mit großem Ausländer-Anteil und noch größerer Tristesse - auf der Bettkante zu sitzen, zwischen den Knieen hindurch zu heulen und „O Gottogottogott, was soll nur werden … “, zu murmeln. In den ersten Monaten meiner Transformation von der Ehefrau zum Ichling wäre ich die perfekte Werbung für Antidepressiva gewesen.
Ein Jahr lang würde ich - mehr schlecht als gut - von den monatlichen Taschengeld-Zahlungen überleben können, die ich von Uwe in einer Privatvereinbarung als Ausgleich dafür bekam, dass ich auf den Zugewinn und Rentenausgleich verzichtet hatte.
Das damals noch vom Gericht geforderte Trennungsjahr hatten wir auf ein halbes Jahr verkürzen können, weil wir glaubhaft machen konnten, dass unsere Ehe durch mein „außereheliches Verhältnis“ bereits längere Zeit zerrüttet war und wir bis zur Scheidung zwar in einem Haus, jedoch mit zwei getrennten Haushalten gelebt hatten. Daher hatten wir nur einen gemeinsamen Anwalt gebraucht und unsere Scheidung schnell und ohne Auseinandersetzungen vor Gericht über die Bühne gebracht.

Uwes Kinder, Monika und Sven, hatten wir früh eingeweiht, sie waren mittlerweile sechzehn und vierzehn Jahre alt und haben es mit Fassung hingenommen – auch, weil ich bis zur Scheidung im Haus geblieben war und zunächst alles für sie weiterlief wie gewohnt. Was mir in der Seele wehgetan hat: Dass sich ein weiteres mal für sie ihr persönliches Umfeld aufgelöst hatte. Ich hatte mich bemüht, dass wir den Kontakt zu einander aufrecht erhalten, auch nach meinem Auszug. Und das klappte auch wunderbar und wir besuchten uns regelmäßig.

Meine neue Wohnung war so winzig, dass ich aus dem Haus meines Mannes nur die Einrichtung meines Zimmers, das auch als Gästezimmer fungiert hatte, ausräumen und in mein neues Heim stellen musste. Der Rest sollte bleiben, wie es war. Uwe hatte während unserer Ehezeit das Geld verdient und seine Firma und das Haus bereits besessen, als er mich kennengelernt hatte. Auf den Zugewinn oder den Renten-Ausgleich hatte ich verzichtet, weil ich Uwe nicht finanziell ausbluten lassen wollte … das wäre das Ende für seine Firma gewesen.
Eine alte Schulfreundin konnte nicht fassen, wie naiv ich in finanzieller Hinsicht war und meinte: "Von dir würde ich mich auch gerne mal scheiden lassen!“ Ich fand das nicht witzig, ich hielt mich nicht für blöd, sondern für anständig.


Bis zu jenem denkwürdigen Abend, als Uwe bei mir war, um Waschmaschine und Herd in meiner neuen Wohnung anzuschließen. Anschließend hatten wir noch ein Bier getrunken, es war spät geworden und Uwe trank, was nicht oft vorkam, mehr, als er vertragen konnte. Da schlug ich ihm vor, er könne auch bei mir übernachten, statt sich ein teures Taxi zu nehmen. Wir waren noch befreundet, was war denn schon dabei?
Wir unterhielten uns noch – endlich so entspannt und heiter, wie früher - und ich hatte ihn scherzhaft-provokativ gefragt: „ Wie war das eigentlich mit dir: Bist du immer treu gewesen?“, gemeint hatte ich seine erste Ehe - so sicher war ich mir, dass er in unserer Ehe nie fremdgegangen war.
Uwe hatte dermaßen verlegen herumgedruckst - wie einer, der was zu verbergen hat. Bei mir schlugen sofort alle Alarmglocken an und ich musste ihn lange bearbeiten bis er widerwillig zugab: „Es gab da einen einzigen Ausrutscher … „
Ich fiel aus allen Wolken.
„Jetzt aber mal Butter bei die Fische: Wann? Wo? Mit wem?“
Wie zuvor bei Jochen hatte ich meinem Ehemann jede Einzelheit mühsam aus der Nase ziehen müssen: „Es war auf unserer Kegeltour, mit den Jungs aus der Firma - und ich war betrunken … „
„Was?“, habe ich aufgeschrien, „Diese Kegeltour: Einige Monate nach unserer Hochzeit? Als ich nicht mitgekommen konnte, weil ich schwanger war und es mir nicht gut ging?

Einen Monat später hatte ich einen Abort und war emotional fix und fertig gewesen. Uwe war mir in dieser Zeit keine nennenswerte Stütze. Im Gegenteil. Er schien erleichtert zu sein, wie alles gekommen war, er hatte keine Kinder mehr gewollt. Unmittelbar nach meinem Abort hatte er sich sterilisieren lassen: Ohne vorher mit mir darüber zu sprechen.


Jetzt hatte er mich aufs neue geschockt. Und ich wusste nicht, worüber ich mehr aufgebracht sein sollte: Über die Tatsache, dass er fremdgegangen war - oder darüber, dass er mich vier Jahre lang getäuscht und seinen Fehltritt vor mir verheimlicht hatte. Ich hatte damals nichts mitbekommen – bis auf die Tatsache, dass spätabends einmal eine angetrunkene Frau angerufen hatte. Uwe war zu ihr ungewohnt schroff und hatte sie mit: „Falsch verbunden!“ abgewürgt und sofort aufgelegt. Und jetzt saß er vor mir und musste zugeben: Das war jene Frau – die ihn, wie er es nannte, damals auf der Kegeltour „abgeschleppt" und „übermannt“ hatte.
Ich war außer mir vor Wut: Während ich mich monatelang in Schuldgefühlen gesuhlt, mir das Haar zerrauft und mein Hirn zermartert hatte, saß er schweigend neben mir - auch während unserer Paar-Therapie und endloser Gespräche und Diskussionen mit unseren besten Freunden, bis hin zum Anwalt und vor Gericht.
„Warum hast du mir das die ganze Zeit verheimlicht? Wolltest Du vor mir, vor deinen Freunden und dem Anwalt nur als betrogener Ehemann dastehen – oder wolltest du mein schlechtes Gewissen ausnutzen, um mich finanziell über den Tisch zu ziehen? Warum hast du mich die ganze Zeit belogen?“
Uwe hatte meine Frage mit dem gleichen Satz beantwortet, wie zuvor Jochen:„ Weil ich dich nicht verletzen wollte.“
„Hau ab“, habe ich tonlos gesagt, „hau einfach ab!“


Als meine Wohnungstür sich hinter Uwe geschlossen hatte, saß ich noch lange wie versteinert da. Ich fühlte mich enttäuscht, wütend und verletzt, dass er mich bis zu diesem Tag in dem Glauben gelassen hatte, dass Fremdgehen nur mir passieren konnte. Dann hatte ich eine Flasche Rotwein geköpft – und in ohnmächtiger Wut sämtliche Fotos von Uwe zerrissen.
Zumindest war mir jetzt klar, das es richtig war, ihn zu verlassen: Er hatte mich einfach nicht verdient! Grimmig murmelte ich:„ Wer verlässt, ist vorher verlassen worden!“






Was Jochen betraf, war ich aus dem gleichen Grund enttäuscht und verletzt: Unehrlichkeit. Wie man sich ihn verlieben konnte, wusste ich. Wie man sich wieder entlieben kann, davon hatte ich keinen Schimmer.
Jochen hatte es mir schwer gemacht, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, indem er den Kontakt mit mir gesucht hatte, mir regelmäßig geschrieben und ständig angerufen hatte. Es hatte einige Treffen und Aussprachen gegeben, in denen er versuchte, sich zu rechtfertigen: Seine Ehe sei seit langem nur noch wie ein lauwarmes Bad, in dem die zwei zusammen saßen: "Nie zu kalt, dass man erfriert aber auch nie richtig heiß, dass man sich wohlfühlt …"

„Schläfst du noch mit deiner Frau?“, fragte ich ihn eines Tages. Jochen schwieg.
„Los: Sag mir die Wahrheit!“
„Ja. Doch nur aus Mitleid … “


Was für eine Antwort! Seine Frau tat mir leid: Falls sie diese Aussage gehört hätte, würde sie sich wohl garantiert von ihm trennen. Oder wollte sie es nicht wahrhaben, dass ihre Beziehung für ihren Mann nur eine soziale Fassade war, die er aufrecht erhielt, aus welchen Gründen auch immer: Wegen der Kinder, des Sozialprestiges … oder weil er „niemandem weh tun“ wollte?.
Ich musste mehr über seine Frau herausbekommen, Bilder von ihr sehen …und war baff, als ich erfuhr, dass sie nicht nur eine kluge, sondern auch eine schöne Frau war – mit einem melancholischen Ausdruck in ihren Augen.
„Warum guckt sie so traurig auf dem Foto?“, hatte ich Jochen gefragt.
Und er hatte stumm mit beiden Daumen auf sich gezeigt. Und ich wunderte mich, was er damit gemeint hatte.



Ich hatte es mir nicht ausgesucht, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein und schwankte zwischen Eifersucht und miesen Gefühlen seiner Frau und seinen Kindern gegenüber hin- und her. Dennoch hielt ich den Kontakt zu ihm über ein Jahr lang aufrecht. Ob es die gegenseitige sexuelle Anziehungskraft war, unsere Gespräche, der Reiz des Verbotenen, die prickelnden Situationen, ihn im Schloss zu sehen oder auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten: Ich hielt an ihm fest wie an einem Rettungsanker. Die Ausflüge zu Jochen ins Schloss waren für mich wie kleine Fluchten aus meinem tristen und ereignislosen Leben. Mit dem Alleinleben kam ich irgendwie zurecht - doch nicht mit der Kehrseite des Geliebten-Daseins: Mit der Einsamkeit. Meine Marilyn-Momente, wie ich das nannte.

Durch meine Scheidung war ich aus meinem gewohnten Umfeld herauskatapultiert worden, Uwes Freunde hatten sich auf seine Seite geschlagen und meldeten sich nicht mehr bei mir. Ich verübelte es ihnen nicht: Erst hatten sie mitbekommen müssen, wie ihr Freund Witwer geworden war – und später, wie ich ihn verlassen hatte. Zu meinen ehemaligen Freunden von der VHS hatte ich nur noch sporadischen Kontakt. Den wenigen Freunden, die mir geblieben waren, konnte ich nur von Jochen erzählen – zu Gesicht bekommen haben sie ihn nie. Er war wie ein Phantom, das durch mein Leben geisterte, meinen Alltag musste ich allein bewältigen. Als geschiedene Frau war ich stigmatisiert und finanziell und sozial depriviert: Ich hatte kein Geld, um auszugehen und neue Leute kennenzulernen und beruflich wusste ich höchstens, was ich nicht wollte. Was meine Lebensplanung anbelangte, hatte ich außer ein paar konfusen Ideen und der Unkenntnis meiner wahren Interessen und Begabungen nicht viel zu bieten.
Ich hatte eine Familie gewollt und wollte meinen geistigen Horizont erweitern. Ich hätte gerne mein Fachabitur gemacht, aber ich konnte kein BAföG beantragen, solange mein Mann meine Miete zahlte – am Finanzamt vorbei. Dadurch befand ich mich in einer beruflichen und emotionalen Sackgasse - und die Briefe aus dem Schloss mit der blassblauen Männerhandschrift und Jochens spätabendliche und nächtliche Telefonanrufe waren das Einzige, was Herz höher schlagen ließ.

Ich habe an ihm festgehalten - mit der letzten Kraft meiner Hoffnung, dass er sich eines Tages doch für mich entscheiden würde. Auch dann noch, als er mir erzählte, dass seine Frau mit den Kindern zu ihm ins Schloss ziehen und dort eine Wohnung ausbauen wollte.



Von nun an war es vorbei mit unseren gemeinsamen Wochenenden im Schloss. Jochen besuchte mich nur noch in meiner Wohnung in Hochfeld: Er tauchte bei mir auf – und unter - wie ein Komet, der turnusmäßig vorüberzog. Wenn sein Terminkalender es zuließ, besuchte er mich für einige Stunden, nur selten blieb er über Nacht. Uns blieben nur noch seine Geschäftsreisen für gemeinsam verbrachte Nächte.
Wenn er mich besuchte, hat er mir oft Bilder und Kunstdrucke aus seiner Sammlung mitgebracht und Schallplatten und Deko aus dem Schloss, die ich mir nie hätte leisten können. Nach und nach richtete er damit meine Wohnung nach seinem Gusto ein. Sein Terminkalender bestimmte die Zeiten, in denen wir uns sehen konnten. Somit verfügte er über meine Lebens-Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes und besetzte mich immer mehr mit seinen Wichtigkeiten.
Irgendwann fing ich an, das Gefühl zu hassen, wenn ich nackt in zerwühlten Laken zurückblieb, während mein Geliebter in postkoitaler Bettflucht ins Bad verschwunden war – um sich reinzuwaschen für sein Leben als Saubermann.
Ich fing an, es zu hassen, mich wie seine Mätresse zu fühlen, wenn er wieder unangemeldet mit einer Flasche Champagner unterm Arm vor meiner Tür stand und mich angegrinste: „Hey du! Ich komme gerade aus Dingenskirchen/vom Flughafen/aus einem Meeting/aus der Loge … und hatte gerade wahnsinnige Lust, dich zu sehen!“
Bewusst fand ich es gut, dass unsere Treffen nur Begegnungen auf Zeit waren und dadurch den Charakter des Besonderen hatten, weil kein Alltag störend dazwischenfunken konnte – uneingestanden wollte ich „mehr“ von ihm gewollt und begann zu leiden wie ein Hund, dass er nie für mich da war, wenn ich ihn brauchte.


Jochen schien einen alten, überwunden geglaubten Schmerz in mir zu triggern: Das ich nie erlebt hatte, wie es sich anfühlte, von einem Mann bevatert, unterstützt und in meinen Talenten gefördert zu werden. Mein Vater war gestorben, als ich eineinhalb Jahre alt war. Den Erzählungen meiner Familie nach war er ein erfolgsorientierter Workaholic und Macher-Typ – der bereits mit Anfang Dreißig im Wirtschaftswunderland der Fünfziger Jahre viel erreicht hatte.
Jochen war ihm, was seine Erfolgsorientierung anging, ähnlich. Und es gab noch eine Gemeinsamkeit: Obwohl ich Jochen liebte, war er für mich nicht zu haben - und damit ähnlich unerreichbar für mich, wie es mein Vater in meiner Kindheit gewesen war.
Wenn Jochen sagte: „Ich würde liebend gerne mit dir zusammen sein – aber: Ich kann nicht!“, dann brach er mir damit das Herz.


Eine weise, alte Dame hatte mich damals gefragt: „Worauf wartest du eigentlich? Der Mann ist verheiratet, hat Kinder, ist gut situiert, erfolgreich … und dich hat er als seine Geliebte, als Sahnehäubchen, nochmal obendrauf: Der hat die Welt im Döschen. Warum sollte er eine Veranlassung sehen, das zu ändern? Es sei denn: Eine der Frauen zwingt ihn dazu.
Sie hatte recht: Ich war es, die (wieder!) Fakten schaffen musste – falls ich eines Tages nicht enden wollte wie die echte Marilyn.


Als Jochen das nächste mal vor meiner Tür stand, sagte ich: „Komm rein - wir müssen reden!“
Das klingt ja hochdramatisch, Haferkamp! Hab` ich was angestellt?“, rief er und ließ sich fröhlich auf mein Sofa fallen.
„Tja, das frage ich mich: Wie hast du es angestellt, mich rumzukriegen und zu überzeugen, dass alles wunderbar ist, wie es ist. Das ist es nie gewesen – jedenfalls nicht für mich. Weil du dich nicht entscheiden kannst, wird es das auch in Zukunft nie sein. „The more I see you, the more I love you!“, ist dein Lieblingssong, den hast du mir immer vorgespielt. Und mir scheint, dass du mir noch andere Dinge vorgespielt hast …
Er saß da wie vom Donner gerührt:„ Was ist geschehen?“
„Was geschehen ist: Du hast: “Spring!“, gerufen. Und ich bin gesprungen. Statt mich aufzufangen, bist du feige beiseite getreten und hast zugesehen, wie ich auf die Fresse geflogen bin. Das hat weh getan.
Du tust mir nicht gut: Du hast mich zu deiner Mätresse gemacht, statt zu deiner Liebesgefährtin. Ich will das nicht mehr. Lieber ein Ende mit Schrecken, als dass ich an meiner Liebe zu dir eines Tages zerbreche.“
Dann stand ich auf und zog den Ring, den er mir geschenkt hatte, von meinem Finger gezogen und ließ ihn klirrend auf die Tischplatte fallen:“ Nimm. Und nimm deine Bilder von der Wand und pack alles zusammen, was hier noch von dir rumsteht. In zwei Stunden komme ich zurück, dann bist du weg. Für immer. Keine Briefe mehr und keine Telefonanrufe: Es ist vorbei.“










Einen toxischen Mann treibt man am besten mit dem Beelzebub aus – oder mit einem gutaussehenden, glutäugigen, äußerst sympathischen Orientalen.


Ich stand mit Freunden auf einem internationalen Festival in Moers am türkischen Pavillon. Es war Anfang der achtziger Jahre, in der Türkei herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände durch linke und rechte Terroranschläge, Inflation und eine Militär-Junta, die unbarmherzig gegen kurdische Separatisten und linke Oppositionelle vorging. Am Info-Stand eines kurdischen Ausländervereins hatte ich mir ein Buch mit Gedichten von Nazim Hikmet, einem von Kurden verehrten Dichter und Filmemacher und sah einer Folkloregruppe zu, die den Halay tanzte. Einen Nationaltanz, der von Türken und anderen Ethnien des Balkans zu den Klängen von Zurna und Davul getanzt wird, hatte uns ein Vorredner erklärt.

Frauen und Männer hielten sich an den Händen und tanzen mit rhythmischen Schritten im Kreis, der erste, der die Reihe anführte, schwenkte ein rotes Tuch. Zum Abschluss wurden wir Umstehenden von den Tänzern bei der Hand genommen und mit in den Kreis der Tanzenden gezogen. Ich war gleich von der Musik und den Tanzbewegungen mitgerissen. Hier tanzten kurdische Asylanten, türkische Gastarbeiter, Wirtschaftsflüchtlinge und Deutsche Hand in Hand, das gefiel mir. Einer der jungen Männer tänzelte mit erhobenen Armen und hüftbetonten Bewegungen auf mich zu und vollführte orientalische Bauchtanz-Bewegungen - die ich, noch etwas hüftsteif und ungelenk, zu beantworten versuchte.
In der Pause standen wir noch beieinander und er machte mir Komplimente: “Sie sehr schön tanzen! Darfisch einladen Sie: Was trinken?“
Verdutzt antwortete ich: “Ähm … eine Cola?“, und wühlte in meiner Tasche nach den Getränke-Marken, aber der osmanische Galan war schon unterwegs. Als er mit den Getränken zurückkam, setzte er sich neben mich: „Hallo. Isch bin Orhan", er winkte einem Freund zu: „Und das da ist Mehmet, meine beste Freund aus Asylantenheim. Er Kurde. Hat misch mitgenommen zu Festival: Sehr gute Tanzgruppe, beste in Duisburg, Vallah!“
Ich stimmt ihm zu. Orhan machte auf mich einen offenen, freundlichen Eindruck. Ich schätzte ihn noch jung, höchstens zwanzig – und mir gefiel, dass er sich ganz unbefangen mir gegenüber verhielt – als habe er noch gar nicht mitbekommen, dass Migranten von uns Deutschen zuweilen wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Er schien ohne jeden Argwohn und ohne anmacherische Absichten, daher unterhielt ich mich noch eine Weile mit ihm. Wo er herkam, wollte ich wissen.
„Aus Istanbul“, sagte er. „Isch bin gekommen ganz alleine nach Deutschland, isch war Mitglied bei die Linke. Sehr gefährlisch in Türkei jetzt: Militär-Junta, nehmen alle in Gefängnis! Meine Schwager war schon in Deutschland, in Rosenheim. Hat mir geholfen, Sprache lernen und Asylantrag stellen. Jetzt arbeiten wir zusammen in Bergbau, isch wohne in Ausländer-Wohnheim.“
Orhan wischte sich den Schweiß von der Stirn. So viel Text schien ihn angestrengt zu haben.
Er benahm sich höflicher als manche türkischen Männer, die ich in Hochfeld in den Parks und am Bahnhof herumlungerten und manchmal Frauen anzüglich ansprachen. Er schien netter zu sein als mein neuer Chef, ein türkischer Kiefernchirurg, bei dem ich gerade in der Probezeit war: Der durchgeknallteste Vorgesetzte, den ich je hatte!

Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, fragte ich Orhan, ob er mir erklären könne, warum türkische Männer sich zuweilen ohne jeden Respekt gegenüber Frauen verhielten – oder so jähzornig, wie mein Chef, der ein Choleriker war, wie er im Buche stand. Es war bereits vorgekommen, dass er, mitten in einer Operation, einer meiner Kolleginnen Instrumente an den Kopf geworfen hatte, weil sie ihm nicht schnell genug assistiert hatte. Seine Frau, die mit in der Praxis arbeitete, stand währenddessen nur schweigend im Türrahmen, wenn ihr osmanisches Rumpelstilzchen wieder einen seiner Anfälle hatte und alles zusammenbrüllte. Wenn sie weg war, zeigte unser Boss zuweilen auch seine charmante Seite, machte uns Avancen, gab uns ein Eis aus – und konnte auch schon mal übergriffig werden, wenn man mit ihm allein in der Praxis war.
„Männer von Dorf kein Bildung und kein Kultur“, versuchte Orhan, mir seine Landsleute zu erklären. "Isch komme aus Istanbul, da ist wie hier – aber in Dorf, Männer behandeln Frau wie Ziege oder Schaf. Fahren nach Deutschland - und erzählen in Heimat: Deutsche Frauen alle wollen haben Sex, kann Mann haben jede! So `n Quatsch!
Bei uns in Türkei ist Arzt wie Gott – und dein Chef ist Vollidiot!“, konstatierte er und dass mein Chef sich sein cholerisches Verhalten mit türkischen Angestellten nicht erlauben würde:“ Türkische Mädschen haben Brüder – und Väter“, sagte Orhan und grinste. “In Türkei, Vater würde schlagen deine Chef grün und blau, wenn macht Terror mit seine Mädschen!“

Das erklärte einiges – und warum in unserer Praxis und im zahntechnischen Labor nur deutsche Angestellte waren. Darüber hatte ich mich gewundert … und ich ahnte, dass meine Tage als Angestellte bei diesem Möchtegern-Kinski gezählt waren.
Orhan lächelte freundlich und streckte mir seine Hand entgegen:“Isch kann helfen und reden mit blöde Chef – Sie können helfen misch bei blöde Deutsche Grammatik?!“
Ich musste lachen: „Das heißt: Ich kann Ih-nen hel-fen und mit Ih-rem blö-den Chef re-den … du liebe Güte: Sie könnten echt Nachhilfe in Deutsch gebrauchen!“
„Sie lernen Deutsch mit mir?“, fragte Orhan und strahlte mich an.
„Aber nur unter der Bedingung, wenn Sie mir dafür türkische Schimpfworte beibringen!“, antwortete ich und musste ebenfalls lachen.












2. Everybody loves somebody sometime





Inmitten einer bäuerlich-ländlichen Kulisse am linken Niederrhein, in einem Ort von geringer Einwohnerzahl und noch geringerer Bedeutung, hatte ich mich mit meinem muselmanischen Ehemann in einem bergbaugeförderten Wohnprojekt mit Schrebergarten-Verein „Zur luftigen Höhe“ angesiedelt. Nachdem wir die ersten Jahre unserer Ehe in einer bergbaugeförderten Wohnung gegenüber der Zeche Niederberg die Multi-Kulti-Version bergmännischer Wohnkultur mit Kohle-Öfen und dem Klo im Hausflur kennen- und nicht lieben gelernt hatten, war dieses Landleben ohne nennenswerte Busverbindungen noch die heimeligste Alternative preiswerten Wohnens.


Mit einem türkischen Ehemann war es Anfang der Achtziger Jahre schwierig, überhaupt eine Wohnung zu bekommen – eigentlich war anfangs alles schwierig gewesen: Deutsch-Türkische Ehen waren die Ausnahme und Asylbewerbern wie Orhan wurden auf allen Ämtern Schwierigkeiten gemacht, weil man ihnen grundsätzlich Scheinehen unterstellte.
Orhans Asylantrag war in erster Instanz abgelehnt worden, als ich ihn kennengelernt hatte, danach war in Berufung gegangen und hatte eine befristete Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis erhalten.

Als ich ihm vor unserer Ehe Deutsch-Unterricht gab, lernte ich mein erstes Ausländer-Wohnheim von innen kennen: Eine Mischung aus Schullandheim und Knast und schnell war klar, dass ich mich dort nicht wohl und sicher fühlen konnte. Nachdem wir uns wochenlang nur in Parks, Cafés und Biergärten getroffen hatten, unterzog ich Orhan einem besonderen Vertrauens-Check: Ich rief bei der AWO an und bat Servet, einen türkischen Sozialberater, um ein Gespräch – zunächst allein. Anschließend bat ich ihn, dass er mit Orhan ein Gespräch unter Landsleuten führen und mir dann seinen Eindruck mitteilen sollte.
Da Orhan nur über den deutschen Sprachschatz eines Dreijährigen verfügte, war es für mich nicht so einfach, herauszubekommen, was für ein Mensch er war. Mir gegenüber war er immer sehr höflich und freundlich: Aber man konnte ja nie wissen …

Das Gespräch zwischen Servet und Orhan muss sehr lebhaft gewesen sein, denn Servet hat mich gleich danach angerufen und grünes Licht gegeben: „Orhan ist total in Ordnung, ein guter Junge, Vallah! Mach` dir keine Sorgen, für den lege ich meine Hand auf Ofen.“
„Ins Feuer“, sagte ich und Servet lachte:“Moah, eure deutsche Sprechwörter sind echt krass!“
„Sprich-worte.“
„Weißt du was? Ich habe ich hier bei der AWO ein paar junge Männer, die auch unbedingt Deutsch lernen müssen. Kommst du mit freche Jungs klar?“
„Ähm … müsste ich ausprobieren.“
„Gut. Machst du jetzt Deutschkurs für Anfänger, zweimal pro Woche, bei AWO Duisburg.“


Also unterrichtete ich fortan eine Gruppe türkischer Jungs – mit nur mäßigem Erfolg. Sie waren desinteressiert, frech und undiszipliniert. Nicht wie Orhan, der sprachbegabt und wissbegierig war und eine schnelle Auffassungsgabe hatte. Inzwischen durfte er mich auch in Duisburg, in meiner Wohnung besuchen – ein Wagnis für mich, und die ersten Male hatte ich eine Freundin gebeten, mich jede Stunde anzurufen, ob alles in Ordnung war.
Orhan benahm sich vorbildlich. Nur einmal, als er in meinem Bad verschwunden war und kurz darauf den Kopf aus der Tür steckte und rief: „Darfisch mal deine Brüste benutzen?“, bin ich fast vor Schreck vom Sofa gefallen.
Weil ich nicht geantwortet habe, war er zurückgekommen, meine Haarbürste in der Hand: “Mein Haar durscheinander, darfisch brüsten?“

Es hat in Folge noch eine Menge Missverständnisse gegeben: Zum Beispiel, als ich ihn zu Freunden mitgenommen habe, damit er mehr mit anderen Deutschen in Kontakt kam. Einmal wurde der Geburtstag der kleinen Tochter gefeiert und wir haben alle einen Kanon für die Kleine angestimmt. Nachher hat Orhan zu mir gesagt: “War schöne Fest, aber: Komische Lieder habt ihr in Deutschland für Geburtstag!"
"Ach ja?", fragte ich erstaunt.
"Warum wünscht ihr das Kind viel Glück und viele Sägen? Was soll kleine Mädschen tun mit viele Sägen? „


Orhan bekam bei meinen neuen Bekannten und alten Freunden schnell Anschluss durch seine offene, herzliche und unbekümmerte Art. Ich gehörte inzwischen einem, von mir handverlesenen Club von Leuten an: Echte Ruhrgebiets-Kinder – die selber polnische, slowenische, italienische Eltern hatten, Friedensbewegte und „Ökos“, Studenten und Globetrotter, die weltoffen und politisch Interessiert waren. Wir zogen mit Orhan durch die Gegend – in dem kleinen Umkreis, in dem er sich bewegen durfte. An einem Bauernhof bot uns einmal ein Bauer netterweise eine Führung an – leider in einem riesigen Schweinestall, in dem die armen Viecher auf Lebenszeit eingesperrt waren … was zur Folge hatte, dass Orhan sich die ganze Zeit angewidert Nase und Mund zuhielt und dann die Flucht ergriff - um sich hinter dem Stall zu erbrechen.
Wir trafen uns auch öfter zum Grillen, mit meinen ehemaligen VHS-Schulfreunden im Moerser Park. Einmal hatte niemand daran gedacht, dass Orhan nur Rindfleisch aß, also probierte er tapfer und mit langen Zähnen seine erste Bratwurst: Er hatte einfach Hunger. Und als Allah diesen Frevel weder mit Blitz noch mit Donner ahndete, trank er dazu auch sein erstes Bier. Womit er die zwei wichtigsten Regeln im Ruhrgebiet befolgt hatte: „Drink doch ene met“ und: „Lecker Essen heißt: Viel Schweinefleisch auf dem Teller!“

Auch ich hatte an Orhans Seite erste Male: Ich sprach meine ersten Worte auf Türkisch und besuchte mit Orhan einige seiner Arbeitskollegen - und damit meine ersten türkischen Gastarbeiter-Familien. In deren Küchen bekam ich von den Frauen meinen ersten türkischen Kochunterricht, lernte meine ersten Bauchtanz-Bewegungen und machte meine erste Besichtigung „auf Zeche, im Pütt“.
Und es hatte nicht mehr lange gedauert, bis ich tief in die Augen dieses glutäugigen, türkischen Frosches schaute und etwas Besonderes darin erahnte …


Meine Familie war entsetzt, als sie erfuhr, dass ich einen türkischen Freund hatte, meine Mutter machte ein Drama daraus, meine Oma heulte und meine Schwester verdrehte ihre Augen und seufzte: „Das ist mal wieder typisch für dich!“
Sie alle wollten Orhan nicht einmal kennenlernen.
Seine Eltern in Istanbul waren da toleranter. Als Orhan ihn anrief und erzählte, dass er mit einer deutschen Frau zusammen ist, die er heiraten will, hat sein Vater nur gefragt: „Liebst du sie?“, und dann hat er uns seinen Segen gegeben – mit dem Wissen, dass sein Sohn nun womöglich noch lieber in Deutschland bleiben wollte. In die Türkei durfte Orhan viele Jahre nicht einreisen und seine Eltern waren Rentner und konnten sich keine teuren Flugreisen leisten.
Als Orhan mir schließlich einen Heiratsantrag machte, sah es so aus, als ob unsere Hochzeit das traurigste und einsamste Event werden würde, das die Welt je gesehen hat.

Da kannten wir aber unsere neuen Freunde schlecht, die ich in meinen Türkisch-Kursen und Orhan in Deutsch-Kursen kennengelernt hatten. Servet, mit dem wir inzwischen auch befreundet waren, hatte mich fast täglich angerufen und mich oft mit zu Gesprächen mit Bürgermeistern, Ämtern mitgenommen. Wir waren ständig in Sachen Integration unterwegs und so war ich auch mit dabei, als der erste Deutsch-Türkische Freundschaftsverein in Homberg gegründet wurde.
Alle unsere Freunde wollten vor allem eines: Das Orhan und ich ganz groß heirateten. Jetzt erst recht!

Sie hatten für uns alles organisiert: Ein cremefarbenes, langes Brautkleid, einen cremefarbenen Anzug, einen Saal … Servet hatte uns beim Standesamt geholfen, das ständig neue Unterlagen verlangt hatte, die in der Türkei nicht ausgestellt wurden: Ehefähigkeits-Zeugnis, Urkunden, Beglaubigungen … und Murrat, mein Türkischlehrer, der beim Theater gearbeitet hat, besorgte uns eine türkische Musikgruppe, die auf Hochzeiten spezialisiert war – und als Überraschung zog Murrat auf unserer Hochzeit mit den Kursteilnehmern meines Türkisch-Kurses in Kostümen aus der Jahrhundertwende ein: Die Männer in Frack und Zylinder, die Frauen in langer Abendgarderobe, großen Hüten und Federboa. Murrat hatte alles vom Theater ausgeliehen.
Meine VHS-Freunde hatten ein Potpourri von Friedenslieder einstudiert und traten in indischen Walla-Walla Gewändern und Klampfen auf, unsere türkischen Gäste, Arbeitskollegen von Orhan aus der Zeche Niederberg, alte Freunde aus dem Wohnheim …tanzten ununterbrochen - und meine Stieftochter Monika tanzte mittendrin auch mit.
Es war eine Hochzeit ohne Eltern und Familie – dafür jedoch mit einem bunten Multi-Kulti-Mix an begeisterten Menschen, die uns gefeiert haben. Vom Nachmittag an bis tief in die Nacht wurde getanzt, Musik gemacht und zusammen gesungen.


Orhan hatte den ganzen Tag über meine Hand gehalten – wie einer, der mich mit der Inbrunst eines Orientalen umworben, um mich gekämpft und mich erobert hatte. Er war lange zäh und beharrlich an mir drangeblieben, bis ich meine Zweifel langsam ad acta legen konnte. Für mich war Orhan lange Zeit wie ein kleiner Bruder, den ich beschützen und fördern wollte. Bis Orhan mir eines Tages gestand, das er mich liebte - und mich heiraten wollte.
Er hatte jede Abfuhr, jedes Nein von mir geschluckt – wie einer, der sich sicher gewesen war: Die oder keine!
Ich wollte nicht noch einmal heiraten - und hatte mich gerade als Kinderdorf-Mutter beworben. Als Orhan das hörte, sagte er: "Du bist noch so jung. Du kannst eigene Kinder haben: Mit mir. Hab Vertrauen: Liebe wird kommen mit der Zeit. Ich bin gute Mann. Bessere Mann wie mich kannst du nicht finden, Vallah!“

Woher er diese Überzeugung genommen hat: Keine Ahnung. Er war sich seiner selbst so sicher - und dass ich die einzig Richtige für ihn war. So viel Optimismus hatte mich auf Dauer einfach umgehauen.










































3. Die mit dem Türken tanzt




Es dauerte nicht lange und ich war „die Deutsche mit ihrem Türken“ und Orhan „der Türke mit seiner Deutschen“ für unsere binationale Umwelt. Und es war bei beiden Seiten nie klar, ob das freundlich oder despektierlich gemeint war.
In meiner Fachschule für Sozialpädagogik in Duisburg, an der ich nach meiner Hochzeit mein Fachabitur gemacht habe, war ich die einzige Schülerin, die mit einem Ausländer verheiratet war. Und Mitschülerinnen machten mir gleich deutlich: Europäischer Ausländer wäre schick gewesen – aber ein Türke …
Als sie später Orhan bei Klassenfeten sahen und kennengelernt hatten, haben sie ihn mir aus der Hand gerissen, weil sie unbedingt mit diesem gut aussehenden, charmanten Mann tanzen wollten.

Türkische Arbeitskollegen aus der Zeche versuchten, Orhan mit abstrusen Verhaltensvorschriften zu belehren: "Deine deutsche Frau hängt draußen, auf der Wiese vor dem Haus ihre Unterwäsche auf, Aman! Sie soll keine Jeans tragen, sondern Rock, das gehört sich so! Sie muss endlich Korankurs machen, Vallah! … "
Meine Familie ging ebenfalls auf Annäherungskurs – für Orhan bedeutete das: Eine Vorführ-Orgie, ein Herumgereicht- und misstrauisch Beäugt werden und ein Gesprächs-Marathon: Warum esst ihr Muslime kein Schweinefleisch? Warum müssen eure Frauen Kopftuch tragen? Warum … ?
Nachdem Orhan alles tapfer über sich ergehen lassen und Rede und Antwort gestanden hatte, saß er eines Abends erschöpft und müde neben meiner Oma auf dem Sofa – als sie, heimlich, still und leise, während er mit mir redete, erst zaghaft seine Hand berührte und dann liebevoll tätschelte. Da habe ich gewusst: Orhan kriegt sie alle rum!

Mir stand der große Preis des Begutachtet Werdens noch bevor: Papa Ümit, Mama Hayriye und Schwester Nuray sollten eigens eingeflogen werden– um dem Rest-Clan in Kaffeeland endlich Bericht erstatten zu können: Wer ist diese Deutsche, die uns den Sohn und Bruder weggenommen hat?
Als ich gesehen habe, wie Orhan am Flughafen in Düsseldorf in die Arme von Mama Hayriye gestürzt ist und wie sich alle ungeniert laut heulend und schluchzend in die Arme gefallen sind, sich abküssten und ihr Schicksal beklagten, wie lange man sich gegenseitig vermisst und nicht gesehen hatte - da begann mich der Hauch einer Ahnung zu umwehen, dass türkische Emotionen wie ein heftiger Sturm sein konnten, der laut und heftig über mich hinwegfegte.

Leider konnte die Familie nicht lange bleiben. Nur drei Monate oder so …
… in unserer nicht mal fünfzig Quadratmeter großen Zechen-Wohnung – mit Kohleöfen und dem Klo im Hausflur: Kein Problem! Man musste eben zusammenrücken. Vor allem, als auch noch meine Mutter und mein Onkel angereist kamen: Alle wollten die Gelegenheit nutzen, sich kennenzulernen.
Nach drei Tagen war mein liebevoll eingerichteter Wohntraum aus dem schwedischen Möbelhaus mit handgeklöppelten, türkischen Spitzendeckchen, Parfums und Nippes-Liebesgaben vom Bosporus umdekoriert. Während ich noch nach Luft schnappte, zischte mir meine Mutter ins Ohr:“ Sag nix – da musst du jetzt durch!“, und lächelte Mama Hayriye freundlich an:“ Sehr schöne Handarbeiten, Frau Hayriye. Selbstgemacht … ?“

Auch meine Küche wurde von meiner Schwieger-Mama okkupiert – nachdem die türkische Familie bei meinem Empfangs-Essen stumm und höflich-angewidert im Kartoffelpüree herumgestochert hatte. Vielleicht war meine Idee, ausgerechnet deutsche Rinderrouladen zu kochen, nicht ganz so gut gewesen …
Von nun an wurde von Mama nur noch türkisch gekocht – und eingekauft: Täglich. Das schien Hayriyes Tagesinhalt zu sein: Einkaufen, kochen, saubermachen, waschen … und abends ab neunzehn Uhr erschöpft vor dem Fernseher wegzunicken. Wie meine Oma.
Die Restfamilie versammelte sich in der großen Wohnküche und palaverte bis tief in die Nacht. Gut, dass Orhan und ich für acht bis zehn Stunden in Arbeit und Schule flüchten konnten …


Nach drei Monaten war ich reif für die Insel.
Ich war es nicht gewohnt, keine Privatsphäre mehr zu haben, war müde von den Stadtrundfahrten nach Duisburg, Köln, Düsseldorf … die wir ständig unternahmen und entnervt vom täglichen Sprachwirrwarr in meiner Wohnung.
Papa Ümit hatte die nervige Angewohnheit, ständig als Erster ans Telefon zu sprinten, wenn es klingelte. Nur sprach er leider kein Deutsch und verstand daher auch nichts. Meine Freunde hatten bald keine Lust mehr, uns anzurufen, weil sie nur noch Papa Ümit am Telefon hatten, der so lange:“Hallo, hallo … ?“, rief, bis sie aufgelegt hatten.
Orhan sprach überwiegend Türkisch und schien alles Deutsch vergessen zu haben, das ich ihm beigebracht hatte. Er hörte auch auf, sich am Haushalt zu beteiligen. Für mich war von Anfang an klar gewesen: In der Woche schmeiße ich den Haushalt, du hast einen harten, anstrengenden Job – doch am Wochenende erledigen wir alles gemeinsam, damit wir beide unsere schmale Freizeit zusammen genießen können.
Jetzt hatte Mama Hayriye das Kommando – und nahm ihrem Sohn energisch alles aus der Hand. Wollte Orhan abtrocknen:“Cekil oradan!" - Weg da! Wollte er den Teppichboden saugen: „Aman!" - Du meine Güte! Wollte er Staub putzen: „Ne yapiyorsun?" - Was machst du?“
Auch ich hatte bei ihr wenig Chancen, zu helfen und Nuray flüsterte mir zu: „Lass! Ist Mutter – macht immer alles. Orhan ist Lieblingssohn.“
Einerseits konnte ich das verstehen: Seine Mutter hatte ihren Sohn seit Jahren nicht mehr gesehen – doch andererseits: Er war jetzt mein Ehemann … und dies war meine Wohnung.

Und ich musste einsehen, dass solche individualistischen Argumentationen in türkischen Großfamilien unangebracht waren: Alles gehörte automatisch allen. Ich gehörte zur Familie – und der Familie: Für Orhans Eltern war ich „Kiz“, das Mädchen, für seinen Bruder „Yenge", die Schwägerin und jüngere Freunde sprachen mich mit „Abla", große Schwester, an und nicht mit meinem Namen und Orhan nannte mich nur noch „Yavrum", meine Süße.
Ich kam mir meines Namens beraubt und einverleibt vor und sehnte mich danach, mit Orhan endlich wieder allein zu sein - um wieder unser Leben leben zu können. Ich wollte nicht noch einmal von zwei Familien "besetzt" werden.



Nachdem seine Familie abgereist war, trat ich die Flucht nach vorne an. „Orhan“, sagte ich, wir müssen reden …!“
Es entstanden lange und hitzige Diskussionen, wie wir unser Leben gestalten wollten – und es stellte sich heraus, dass Orhan nach dem Besuch seiner Eltern plötzlich andere Pläne hatte: Sein Vater hatte auf ihn eingewirkt, dass er im Bergbau noch mehr Schichten machen und mehr Geld verdienen müsse. Obwohl er seine Eltern seit Jahren monatlich mit einem Zuschlag zu ihrer Rente unterstützte, wollten sie mehr Statussymbole bei ihrem Sohn sehen, an denen sie seinen Erfolg maßen: Eigentumswohnung, Möbel, großes Auto … vermutlich, weil sie selbst arm waren. Mit unserem alternativ angehauchten Lebensstil konnte Papa Ümit wenig anfangen. Unsere Ente mit den fuck the army! und: Atomkraft: Nein danke!- Aufklebern hatte er sorgenvoll betrachtet, verächtlich gegen den Reifen getreten und festgestellt: “Sohn, du musst Mercedes kaufen – mit diesem Ding kommst du nicht mal über die Alpen, Aman!“

Ich war an einer anderen Art von Erfolg interessiert: An Orhans Integration, unserer Weiterbildung, Horizonterweiterung und der Entwicklun unserer Talente und Begabungen. Und daran, dass Orhan eines Tages im Bergbau aufhörte – die Arbeit unter Tage war nicht nur schmutzig, knochenhart und kräftezehrend, sondern auch sehr gefährlich.
In Nordrhein-Westfalen gab es seit den letzten Jahren viele Zechen-Schließungen, die Zeche Niederberg war noch nicht betroffen, es wurde jedoch gemunkelt, dass es in den nächsten zehn Jahren hier zu Entlassungen kommen würde. Orhans Sprachkenntnisse reichten inzwischen aus, um einen Hauer-Kurs zu bestehen, doch seine türkischen Schulzeugnisse wurden in Deutschland nicht anerkannt. Er würde außerhalb des Bergbaus keine qualifizierte Stelle bekommen … wenn er sich nicht bemühte, noch besser Deutsch zu sprechen und seinen Volksschul-Abschluss nachzuholen.
Ich redete auf Orhan ein wie auf einen lahmen Gaul: “Geld verdienen ist nicht alles. Du wirst älter – und in Deutschland immer nur die Drecksarbeit bekommen, wenn du keine deutschen Zeugnisse vorweisen kannst.“
Ich zeigte auf das Buch von Günther Wallraff „Ganz unten“, das auf dem Tisch lag:“ Ich habe Dir daraus vorgelesen und erzählt, was er als „Türke Ali“ erlebt hat. Dein Vater hat keine Ahnung, was du für einen hohen Preis bezahlen musst für das Geld, das du ihm monatlich schickst: Acht Stunden kein Tageslicht, Dreck, Schweiß und die harte Maloche unter Tage! Hör` auf mich, bitte: Ich werde alles tun und dir helfen, eines Tages eine bessere, leichtere Arbeit zu finden: Eine, die dir Freude macht.“

Ich weiß nicht warum, aber Orhan tat, was ein Mann tun sollte: Er hat auf seine Frau gehört. Und sich an der VHS angemeldet. Ich war glücklich und lernte täglich mit ihm, half ihm bei Grammatik- und Rechtschreibproblemen – und habe manchen Aufsatz und manche Hausaufgabe für ihn geschrieben … in den sechseinhalb Jahren, die Orhan fortan zur Abendschule ging.

In dieser Zeit geriet meine eigene Fort- und Weiterbildung immer mehr zur Nebensache, ich war nur noch mit „dem Projekt Orhan“ beschäftigt, schmiss den Haushalt, holte einen Hund aus dem Tierheim, damit wir einen Grund hatten, täglich viel an der frischen Luft zu sein und uns zu bewegen. Wenn Orhan mittags von der Arbeit kam, stand das Essen schon auf dem Tisch, damit er seinen Mittagsschlaf machen und wir zusammen mit dem Hund spazieren gehen konnten. Von fünf bis um dreiundzwanzig Uhr war er dann in der VHS. Ich fürchtete, eine Mischung aus Hillu Schröder und altdeutschem Ehebrocken zu werden - und meldete ich mich für einen Fernlehrgang in Psychologie an.

Die sechs Jahre Abendschul-Zeit stellten sich für Orhan nicht nur als anstrengend, sondern als großen intellektuellen und sozialen Gewinn heraus: Er musste fortan nur noch die Frühschicht machen – vorher hatte er Früh-Mittag-und Nachtschichten im Wechsel gemacht. Er lernte durch die Schule viel mehr über die deutsche Sprache, Kultur, Politik und Geschichte, als ich ihm hätte nahebringen können.

Und: Er war nicht mehr so auf mich fixiert. Was für mich eine Erleichterung war, denn Orhan war ausgesprochen eifersüchtig. Das ich mein Fachabitur machen konnte, war nicht leicht gewesen – er mochte es nicht, dass ich den ganzen Tag unterwegs war, zuweilen auch bis in die Abendstunden, zu privaten Lerngruppen und zur Mathe-Nachhilfe. Er reagierte gereizt und telefonierte ständig argwöhnisch hinter mir her, weil er befürchtete, ich könnte womöglich mit einem Mann aus meiner Klasse … bis mir eines Tages wegen seiner Unterstellungen und Nachforschungen der Geduldsfaden riss:
„Hör zu, Orhan: Wir leben hier in Deutschland – und ich pflege einen offenen, lockeren Umgang mit Menschen - auch mit Männern - seit ich die Pubertät hinter mir habe. Ich bin mit "Love and Peace" aufgewachsen, mit Achtzehn von Zuhause ausgezogen, in eine "wilde Ehe", wie man das damals nannte. Ich war verheiratet … und ich werde mich jetzt nicht hinterm Ofen verkriechen, nur weil du ein Eifersuchtsproblem hast. Tut mir leid: Damit musst du klarkommen. Und hör auf, mich permanent zu kontrollieren, das nervt!“



Im Laufe unserer Ehejahre musste ich jeden Meter Freiraum verteidigen und um jeden neuen Meter endlos lange Diskussionen mit ihm führen. Mit ihm zu diskutieren war wie hartes, trockenes Brot kauen. Ihn zu kritisieren war, wie vermintes Gelände zu betreten. Es hat lange Jahre gedauert und zähes Ringen gebraucht, bis er sich daran gewöhnt hatte, dass ich mit meinen deutschen Freunden lockerer umging, als er es aus der Türkei gewohnt war. Was andere betraf, gab er sich locker und tolerant - was mich betraf, verhielt er sich oft stur wie ein Esel. Er konnte mich zur Weißglut bringen, wenn er weiterhin darauf bestand: Das Klo oder die Fenster zu putzen sei mit seiner Manneswürde unvereinbar …


Wir mussten viele Reisen unternehmen und immer wieder neue Menschen und deren Lebensweisen in unser Leben lassen, bis er seine oft rigiden Einstellungen überdenken und ändern konnte.
Eines Tages haben wir uns einen alten, zum Campingmobil umgerüsteten Mercedes-Bus gekauft (Vater Ümit war selig, als er die Fotos sah) und haben, teils mit Freunden, teils allein, Deutschland, die Niederlande, Österreich, Schweiz, Jugoslawien, Griechenland, Frankreich bereist … immer mit unserer kleinen Hündin Lady und einer Wagenladung an haltbaren Lebensmitteln im Gepäck.
Orhan verwaltete das Geld, im Urlaub mal essen oder tanzen zu gehen, war für ihn pure Verschwendung, daher war mein Anforderungsprofil auf diesen Reisen: Miss Campingplatz, Miss Auto-Kartenleserin und Miss Dosen-Menü auf dem Gaskocher zu sein, stets gepflegt und ansprechend auszusehen – und den oft genervten und türkische Verwünschungen fluchenden Wagenlenker und einen von langen Autofahrten gestressten Hund bei Laune zu halten. Ich lernte, wie frau mit einer Klopapierrolle unter die eine Achsel und ein Stück Seife unter die andere geklemmt, anmutig den Campingplatz durchschreitet - und vorüberziehende Landschaften vom Beifahrersitz aus nach folgenden Gesichtspunkten zu betrachten: Können wir dort parken/den Hund frei laufen lassen/austreten/essen/schlafen/Wäsche waschen/campieren … ?

Alles in allem waren es vor allem unsere Reisen, die uns zusammengeschweißt haben. Endlich quatschte keine Verwandtschaft dazwischen, wie wir unser Leben gestalten sollten. Im Ausland waren wir beide aufeinander angewiesen und gemeinsam fremd in einem anderen Land, dessen Sprache wir nicht verstanden haben.


Orhan musste in Deutschland immer wieder Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit erfahren, was ihn im Laufe der Zeit verändert hat: Oft kam er wütend und grollend nach Hause und beschwerte sich lautstark und zornig über jemanden, der ihn herablassend oder verletzend behandelt hatte. Er reagierte auch häufig gereizt, wenn ich ihn, seiner Meinung nach, zu wenig respektierte. Im Klartext: Eine eigene Meinung und meinen eigenen Kopf hatte.
Er hat sich Respekt nicht gewünscht, er hat ihn, unterschwellig-aggressiv eingefordert. Von mir -und auch auf Ämtern und bei Behörden. Was ihm von mir im Stillen den Namen "Orhan-Pascha" eingebracht hat.
Sein büffelnder Zorn hat mir Angst gemacht, dennoch bestand ich beinhart weiterhin auf Selbständigkeit und Selbstverwirklichung und wehrte mich, wenn er versuchte, mich zu dominieren. Mit der Zeit entwickelten sich unsere Diskussionen zu einem Streitorchester, in dem jede Kleinigkeit ausdiskutiert werden musste. Es gab Zeiten, da konnten wir nicht einmal mit dem Hund spazieren gehen, ohne uns zu streiten. Wir haben uns gegenseitig nichts geschenkt und einander alles abverlangt: Toleranz, Integration, Verständnis – für die jeweilige Kultur des anderen, ihre unterschiedlichen Sitten und Umgangsformen … das ist für uns beide anstrengend gewesen und es hat uns über die Jahre mürbe gemacht.

Nach außen hin strengte Orhan sich unglaublich an und wollte von allen gemocht werden. Ich hatte den Eindruck, dass er in der Öffentlichkeit oft nicht er selbst war, sondern eine Rolle spielte – vermutlich, um einer Ausgrenzung und Ablehnung seiner Person durch besondere Liebenswürdigkeit nach außen zuvorzukommen. Jedenfalls hat keiner unserer Bekannten und Freunde geahnt, wie jähzornig Orhan werden konnte, wenn ich etwas tat, was ihm nicht passte.

Nur im Urlaub, am Meer und in der Sonne, war er entspannter und einfach mal er selbst: Ein halbnackter, sonnenhungriger Mann, der mit seinem Hund und seiner Partnerin am Atlantik herumtollte. So sorgenfrei und ungezwungen mochte ich ihn am liebsten.





Zuhause angekommen, wartete nach unseren Urlauben immer wieder das Hamsterrad auf uns: Die kleine, dörfliche Gemeinschaft mit ihrem Schrebergarten-Verein, in dem wir von den Eltern unserer Freunde herumgereicht und bestaunt wurden wie Exoten. Meine Mutter, die vor unserer Tür stand und Hilfe brauchte: Zunächst im Umgang mit meiner dementiell erkrankten Oma. Dann, weil meine Mutter selber erkrankte und manisch-depressiv wurde.
Mein Lieblingsonkel aus Berlin bekam Aids – und traute sich nun erst recht nicht, sich als schwuler Mann vor der Familie zu outen. Er suchte bei uns Verständnis – und ich hielt selbstverständlich zu ihm, doch für Orhan, der in der Türkei in einem homophoben Klima aufgewachsen war, war es zunächst schwierig.
Ein alter Freund von mir bekam einen Hirntumor und starb.
Meine Patentante Anni erhängte sich in ihrer Wohnung. Es kam zu einem Zerwürfnis und Erbschafts-Streitigkeiten zwischen mir und meiner Schwester.
Die Frau eines befreundeten Ehepaars wurde schwanger – und ich einige Monate später auch. Diese Freunde wohnten direkt gegenüber und wir waren alle selig, zur gleichen Zeit Eltern zu werden … bis ich meinen ersten Abort hatte.


Noch im selben Jahr bin ich dann erneut schwanger geworden: Kurz vor Weihnachten, meine Mutter hatte bereits ihren Besuch angekündigt – dem ich mit mulmigem Gefühl entgegensah: Sie war gerade in einer manischen Phase, redete ununterbrochen, war anstrengend im Umgang und ohne Empathie für die Bedürfnisse anderer Menschen. Ich hätte gerne ihren Besuch abgesagt … vielleicht ahnte ich bereits, was geschehen würde: Ich bekam wieder Blutungen und musste ins Krankenhaus: Abort in der Frühschwangerschaft.

Als ich aus der Narkose erwachte, sah ich zuerst in die tieftraurigen Augen von Orhan, der betreten an meinem Bett stand. Nur meine Mutter war ungetrübter Stimmung: “Mach` dir nichts draus, mein Kind: Das war eben Künstlerpech … !“
 
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Ji Rina

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Hallo Isbahan,

Vor langer Zeit schreib mir ein Kollege: Lies mal was von Isbahan....Und ja, ich bin beeindruckt von deiner Schreibweise und wie du das alles so locker, flockig aus dem Ärmel schüttelst...:) Ich finde deine Geschichte interessant und eben- durch diese Schreibweise- sehr angenehm zu lesen. Momentan bin ich völlig unter Zeitdruck und habe nur den ersten Teil geschafft. Aber ich werde dran bleiben. Gestört haben mich nur ein bisschen die grossen Abstände (mal grösser, mal kleiner) zwischen den Sätzen. Du könntest den Text doch noch unter "bearbeiten" hochziehen. Das würde ihn lesefreundlicher gestalten.
Grosses Kompliment!
Liebe Grüsse,
Ji
 

Isbahan

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Hallo @Ji Rina, es freut mich, dass Du Dich an diesen autobiografischen Monster-Mehrteiler herangewagt hast: Mein erster Versuch, mal an etwas Längerem dranzubleiben. Was die großen Zeilenabstände anbelangt: Was auch immer ich hier poste: Es schreddert mir meine Formatierung und gibt jeden Text mit Zeilenabständen wieder, die selbst Kurztexte unlesbar macht. Also habe ich nachträglich nochmal ALLES von Hand nachformatieren müssen - und bin immer noch nicht zufrieden. An einem regnerischen Sonntag gehe da nochmal ran, versprochen.
 

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