Venganza/ Rache - Teil 1

Silvita

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Carmen lehnte sich an die kühle Wand der Flughafentoilette und atmete tief durch. Die Tür wurde ständig geöffnet, wieder geschlossen, es herrschte ein Kommen und Gehen. Vor ihr verschwamm alles, sie hörte das Durcheinanderwirbeln der Stimmen, hier und da ein glockenhelles Lachen, die Durchsagen aus der Flughafenhalle im Euroairport Basel/ Mulhouse. Es roch nach einem Gemisch verschiedener Speisen, chinesisch, türkisch, mexikanisch. Ihr Magen reagierte mit einem Knurren. Ihre Augen waren trocken von der Klimaanlage im Flieger, die Lider kratzten. Sie blinzelte mehrmals, bis das Bild wieder klarer wurde, der Nebel sich lichtete. Eine Weile lauschte sie auf das Klackern der High Heels, das Poltern derber Herrenschuhe, die quietschenden Räder der Koffer. Den Flug in der ausgebuchten Touristenklasse hatte sie nur mit Kopfhörer und Beruhigungsmittel überstanden. Sie löste sich aus ihrer Starre, trat nach vorne zu den Waschbecken, öffnete den Wasserhahn, lies sich das kühle Nass über die Handgelenke laufen, trank gierig ein paar Schlucke, benetzte ihr Gesicht. Was für eine Wohltat. Mein Gott, wie sehe ich aus, fuhr es ihr durch den Kopf, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Die Augenringe, die spröden Lippen, der fahle Teint. Sie kramte in ihrer Handtasche, trug ein wenig Rouge auf die Wangen auf, tuschte sich die Wimpern, band ihre taillenlange Mähne zu einem Pferdeschwanz und verschönerte ihre Lippen mit einem Hauch Labello. Ihr Äußeres war ihr wichtig, niemand sollte wissen, wie es in ihr drin aussah.
Mit gestrafften Schultern trat sie hinaus in den Gang, erblickte die Ankömmlinge im Eingangsbereich, schauderte unter dem enormen Geräuschpegel. Sie strich ihren Rock glatte, reckte ihr Kinn nach vorne, folgte den Pfeilen durch die Halle, reihte sich in die Schlange vor der Passkontrolle ein, blickte nach links und rechts, sah Vollbärte, Sonnenhüte, Pärchen, die sich an den Händen hielten, Kinder, die sich an ihre Mütter klammerten. Die Flut an Eindrücken überwältigte sie. Sie presste ihre Handtasche fester an sich, hoffte, dass ihr niemand anmerkte, wie unwohl sie sich in den Menschenmassen fühlte. Jetzt nur nicht durchdrehen. Wie sehr sie sich danach sehnte, diesen Ort zu verlassen. Zentimeter für Zentimeter ging es vorwärts. Endlich kam sie an die Reihe, reichte dem Beamten ihren Personalausweis.
Er betrachtete ihn, warf ihr einen Blick zu. „Wie lange haben sie vor, in Deutschland zu bleiben, Frau Vásquez?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Privat oder beruflich hier?“
„Ich möchte das Land kennenlernen. Land und Leute“, sagte sie mit einem unverbindlichen Lächeln.
Er gab ihr den Ausweis zurück und machte ihr den Weg frei. „Einen angenehmen Aufenthalt.“
„Danke.“ Sie zwang sich bewusst, langsam zu gehen. Bloß nicht auffallen, nicht ständig den Kopf drehen, um zu sehen, ob sie verfolgt wurde.
Vor dem Gebäude entdeckte sie die zahlreichen Taxen, die auf Kundschaft warteten. Sie stieg in den ersten Wagen der Schlange ein.
„Herzlich willkommen“, grüßte der Fahrer. „Wo solls denn hingehen?“
„Freiburg. Intercity Hotel am Bahnhof.“
„Kein Gepäck?“
„Nein.“ Sie schloss die Augen, lehnte sich gegen das Lederpolster. Ihr war nicht nach einer Unterhaltung zumute. Geschafft! Sie war tatsächlich angekommen. Erleichterung durchflutete sie, die Anspannung fiel Stück für Stück von ihren Schultern ab. Der Fahrer schaltete das Radio ein. Ein Popsong nach dem anderen erfüllte das Innere des Wagens. Sie öffnete die Augen, starrte aus dem Fenster. Die Dunkelheit war hereingebrochen, auf den Straßen war nicht viel los. Sie massierte sich die Schläfen, spürte die Müdigkeit in ihren Knochen, den Hunger in den Eingeweiden. Immer wieder trank sie einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Gierig, wie eine Verdurstende. Mehrmals betätigte sie die elektrische Fensterscheibe, um einen Hauch Frischluft hereinzulassen.

Eine Stunde später reichte sie dem Fahrer zweihundert Euro, betrat das Intercity Hotel und marschierte auf die Rezeption zu. Eine adrette Dame in schicker Uniform wandte sich ihr zu. Auf ihrer Brust entdeckte Carmen ein Namensschild „Cynthia Meyer“.
„Guten Abend, Frau Meyer, ich hätte gerne ein Einzelzimmer mit Frühstück.“ Erwartungsvoll schob sie ihren Personalweis über den Tresen.
„Sie haben Glück, Frau Vásquez. Vor einer halben Stunde hat ein Gast abgesagt.“ Die Rezeptionistin zwinkerte ihr zu, erfasste die Daten im Computer und reichte Carmen den Zimmerschlüssel. „Nummer 25, Frühstück gibt es zwischen 07:30 und 10:00 Uhr. Einen angenehmen Aufenthalt.“

Kurz danach stand Carmen in dem Hotelzimmer, schloss die Tür hinter sich ab und kickte die fünfzehn Zentimeter hohen Louboutins von ihren Füßen. Mmmh. Das tat gut. Sie schaute sich um. Flauschiger anthrazitfarbener Teppichboden, helle Möbel mit silberglänzenden Verzierungen, ein Kingsizebett. Auf dem Kopfkissen lag eine Tafel Hachez Edel-Bitter Sahne. Sie öffnete die Verpackung und ließ die Schokolade auf ihrer Zunge zergehen. Köstlich! Sie warf ihre Handtasche auf den Stuhl, kuschelte sich in die zartrosa Satinbettwäsche, atmete den Duft nach Magnolien ein. Endlich Ruhe. Endlich Frieden. Genießerisch machte sie sich lang, dehnte sich, streckte sich, schnurrte wie eine Katze. Nur für einen Moment wollte sie sich an der Freiheit erfreuen, sich in diesem wundervollen Bett rekeln, ein wenig vor sich hinträumen. Ob sie ihre Spur schon aufgenommen hatten? Ihr Körper überzog sich mit Gänsehaut. Sie knirschte so heftig mit den Zähnen, dass es wehtat, presste die Lider zusammen, krallte ihre Hände in das Laken. Ruhig Blut, Mädchen. Du musst vorsichtig sein, dich wie ein lautloser, unsichtbarer Schatten bewegen. Konzentrier dich auf deinen Plan! Xavier finden. Das hat oberste Priorität. Sie erhob sich, ging ein paar Schritte im Raum umher, nahm sich ein Fläschchen Evian aus der Minibar und kramte den Blister Lorazepam aus ihrer Handtasche hervor. Hastig spülte sie zwei Tabletten hinunter, während sie hinaus aus dem Fenster in die Lichter der Stadt starrte. Freiburg. Was die Stadt wohl zu bieten hatte? Die Müdigkeit wurde immer stärker. Sie gähnte, streifte ihre Kleidung ab. Zuerst das tief ausgeschnittene Seidentop, den kurzen Rock mit Seitenschlitz, die zarte Spitzenwäsche von Victorias Secret. Oh, wie sie diese Klamotten hasste! Morgen würde sie shoppen gehen. Jetzt war sie erschöpft von der langen Reise, den vielen Menschen, der Herausforderung. Sie streckte sich auf dem Bett aus. Die Matratze war genau richtig, die Bettwäsche angenehm kühl auf ihrer Haut. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf ihre Atemzüge, spürte die Schwere, die sie übermannte. Kurz vor dem Einschlafen zuckte sie zusammen, fixierte die Zimmertür. Scheiße! Ich will hier raus! Mit einem Mal schnürte ihr die Beklemmung die Luft ab. Sie konnte doch im Hotel nicht mit offener Tür schlafen. Weiß Gott, wer sich nachts zu ihr hereinschleichen würde. Schwer atmend taumelte sie zum Fenster, riss es auf und hielt ihr Gesicht nach draußen, lauschte dem Lärm der Stadt, dem Hämmern der vorbeirauschenden Züge. Beruhig dich Mädchen! Du bist frei. Hier gibt es weder Gitterstäbe noch Handschellen. Nach einem kurzen Innehalten legte sie sich erneut ins Bett, drückte sich Oropax in die Ohren, fühlte sich ein wenig besser, glitt langsam hinüber ins Traumland.

Carmen öffnete ihre Lider einen Spaltbreit. Das Sonnenlicht blitze vorwitzig durch die Jalousien herein. Ihre Hände glitten über das Satin gleiten, sie presste ihr Gesicht noch einmal in das Kissen, gähnte herzhaft und richtete sich schließlich auf. Ihr Magen grummelte und erinnerte sie daran, dass sie seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte. Jetzt ein ordentliches Frühstück im Hotelrestaurant. Kaffee mit aufgeschäumter Milch, frische Croissants, Butter eine fruchtige Marmelade. Mmmh! Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Dazu ein weich gekochtes Ei, ein Glas Orangensaft. Sie kicherte leise in sich hinein, während sie die Hände nach oben reckte, den Kopf kreisen lies. Sie war frei, konnte essen, wann und was sie wollte. Es galt keine strikten Ernährungsplan mehr einzuhalten. Bitte achtet auf eine ausgewogene Mischung von Kohlenhydraten, Fett und Nährstoffen. Nach achtzehn Uhr gibt es keine Mahlzeit mehr. Schokoriegel verursachen Pickel. Euer Körper ist Euer Kapital. Die Stimme war noch immer fest in ihrem Kopf verankert. Scheiß auf die Kalorien! Sie war ihre eigene Herrin.
Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte sie in die Klamotten vom Vortag. Es war gut, dass sie nur Handgepäck mitgenommen hatte. All die Dinge aus der Vergangenheit wollte sie nicht mehr um sich haben. Nur Toni, der Plüschhase, war immer an ihrer Seite. Jetzt noch ein wenig Make-up, rein in die Stilettos, ein letzter Blick in den Spiegel. Die Haare fielen ihr in wilden Locken bis zur Taille. Die Augenringe waren verschwunden, sie sah wieder aus wie ein menschliches Wesen. Rosige Wangen, energiegeladener Blick. Sie hatte einiges zu erledigen, freute sich auf ein paar tiefgreifende Veränderungen.
Neugierig betrat sie das Hotelrestaurant im Erdgeschoss, erspähte einen Zweiertisch am Fenster. Sie hatte keine Lust auf Gesellschaft. Einfach in Ruhe die Köstlichkeiten genießen. Das Frühstück war eine Wucht. Schon lange nicht mehr hatte sie mit so einem großen Appetit gegessen. Völlig unkontrolliert stopfte sie die Delikatessen in sich hinein, bis ihr Bauch zu platzen drohte. In der Tageszeitung stand nichts von Bedeutung, alles verstand sie nicht, aber ihre Deutschkenntnisse reichten aus, um die Überschriften und das Wichtigste zu entziffern. Nach wenigen Minuten legte sie die Zeitung zur Seite. Warum starrte der Kellner sie ständig an? Er sollte sich in Frieden lassen. Rasch wandte sie ihren Blick ab, zückte Notizblock und Kugelschreiber aus ihrer Handtasche, notierte, was sie alles besorgen musste. Vorfreude durchströmte sie. Es gab viel zu tun. Ein neues Land, ein neues Leben. Freiheit. Alles würde gut werden. Es musste gut werden. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, ob sie wirklich frei war.

Frisch gestärkt erkundete sie die Straßen der Innenstadt, besuchte die Boutiquen in den engen Gassen mit Kopfsteinpflaster. Ihre Hände berührten Seide, Baumwolle, Satin. Sie sog die Farbenvielfalt in sich auf, ließ sich von klassischer Musik berieseln, war entspannt. Es fiel ihr leicht, Entscheidungen zu treffen. Sie schlenderte umher, bestaunte die ungewohnte Umgebung. Die Stadt hatte Flair, sie gefiel ihr. Sie war gespannt auf die Menschen, die Sehenswürdigkeiten, auf den Lifestyle. Ob hier auch die typisch konservative Rollenverteilung wie in Spanien herrschte? Oder legten die Deutschen mehr Wert auf Gleichberechtigung? Ein Bild blitze in ihrem Inneren auf. Sie sah ihre Eltern auf dem Weg zum Einkauf im Dorf, Mutter stets ein paar Meter hinter Vater. Hier hielten sich die Paare an den Händen, flanierten lächelnd umher. Die Frauen waren lässiger gekleidet, kaum eine zwängte sich in High Heels, was kein Wunder war bei den kopfsteingepflasterten Straßen. Wer wollte sich schon Blasen laufen?

Zurück im Hotelzimmer breitete sie die Errungenschaften auf dem Bett aus. Baumwollwäsche, Sneakers, einige weit geschnittene Jeans, Shirts, Hoodies, mehrere Hausanzüge und Sportklamotten. Jetzt war sie ausgerüstet. Sie griff nach ihren Heels, stopfte sie in den Mülleimer, schwor sich, nie mehr Schuhe mit Absatz zu tragen. Weg mit den restlichen Klamotten. Sie warf alles in den Abfall. In Zukunft entschied sie, was sie auf der Haut trug. Mit einem Grinsen im Gesicht sprang sie ein paarmal im Kreis herum, kicherte ausgelassen. Dann ging sie ins Badezimmer, nahm die Schere. Es war eine Befreiung, die lange Mähne auf Schulterhöhe abzuschneiden. Oja! Dieser Look gefiel ihr. Sie reckte das Kinn nach vorn, zwirbelte ihre Naturlocken um die Finger. Niemand konnte ihr mehr vorschreiben, ein Glätteisen zu benutzen. Sie war nicht länger eine Sexbombe, der die Männer an die Wäsche wollten. Voller Begeisterung fischte sie die neu erstandene Lesebrille aus dem Etui und setzte sie sich auf. Der intelligente Touch war cool. Freiheit fühlte sich phantastisch an, ein wenig ungewohnt noch, aber gut. Aufstehen und schlafen gehen, wann sie Lust hatte. Duschen oder ein Bad in Kerzenschein nehmen, ein Nickerchen machen mitten am Tag, ein Buch lesen, Musik hören, Eis essen, ins Kino gehen. Die Welt stand ihr offen. Endlich konnte sie all die Dinge tun, die ihr so lange verwehrt gewesen waren. Das Alleinsein zelebrieren, Pläne schmieden, ihre To-Do-Liste aktualisieren. Sie öffnete die Balkontür und trat hinaus. Der Ausblick war wunderschön. Blauer Himmel, vereinzelt ein paar Quellwolken, eine sanfte Brise, die sie streichelte wie ein zärtlicher Liebhaber. Ihr Haar wehte im Wind. Sie breitete ihre Arme aus, trällerte eine Melodie vor sich hin. Was war das für ein Song? Ach ja, den hatte sie in einer der Boutiquen gehört. Sie drehte sich um die eigene Achse, ging zurück ins Zimmer, ließ die Balkontür geöffnet, verharrte vor dem Bett. Es war so weich, so einladend. Einfach nur schlafen, die Augen schließen, eins werden mit der Dunkelheit. Nicht denken müssen. Nicht fühlen müssen. Vor ihrem inneren Auge erschien ein gesichtsloser Mann mit gestähltem Körper. Vernichte ihn! Lass dir nichts mehr gefallen! Sie zuckte zusammen, rieb sich über die Arme, presste die Lider zusammen. Nein! Nicht schon wieder. Die Stimmen waren zurück. Sie keuchte, presste die Hände gegen die Schläfen, wankte ins Badezimmer. Ihre Hände zitterten, als sie den Wasserhahn aufdrehte und ihr Gesicht unter den kühlen Strahl hielt. Dann verweilte ihr Blick auf ihrem Spiegelbild. Konnte ihr jemand ansehen, was sie getan hatte? Was sie war? Du bist so wunderschön, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, während er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestreift hatte. So begehrenswert, so sexy mit deinem dunklen Haar, den hellen blauen Augen. Dieser Kontrast macht dich einzigartig. Sie spürte noch immer seine Hände, die über ihre Haut glitten, über ihren Körper. Sie konnte den Duft des herben Rasierwassers riechen, hörte die Flamencogitarre, die den Raum erfüllte, die Luft zum Vibrieren brachte. Seine Zunge an ihrem Ohr, in ihrem Mund. Seine Hand in ihrem Schritt. Grob. Gefühllos. So gierig. Galle stieg in ihr hoch. Sie presste die Augen zusammen, drängte das innere Bild beiseite, griff nach dem Tiegel mit der Camouflage, trug sie auf die circa drei Zentimeter große Narbe über ihrer rechten Augenbraue auf. Mit geschickten Bewegungen verbarg sie sie. Sie war gut im Verbergen. Reiß dich zusammen! Konzentrier dich! Sie stellte den Tiegel zurück, trocknete sich das Gesicht ab und atmete durch. Es galt so vieles zu erledigen. Die Gegend auskundschaften, eine Wohnung suchen, das Day & Night finden und dringend zum Arzt. Er sollte ihr sagen, wie sie die negativen Gedanken und Ängste abschalten konnte. Und vor allem sollte er ihr Pillen verschreiben. Sie ging zurück in den Schlafraum, kramte den angebrochenen Blister Lorazepam aus der Schublade des Nachttischs. Noch zwölf Tabletten. Ihr Bruder Xavier hatte ihr eine Packung aus seinem Arzneischrank mitgegeben. Ohne diese schieß Dinger hielt sie das alles nicht aus. Kurzerhand warf sie sich eine ein und spülte sie mit Wasser herunter, bevor sie das Foto von Ana und Xavier an den Kleiderschrank pinnte. Ob sie zusammenlebten? Sich umarmten, streichelten, miteinander schliefen? Eifersucht regte sich in ihr, züngelte in ihren Eingeweiden wie eine Flamme. Sie stützte sich am Schrank ab, während eine Träne über ihre Wange rollte. Ach, Xavier, ich vermiss dich so, stöhnte sie leise. Innehalten. Durchatmen. Sie hatte Zeit. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es nicht an. Sie wischte sich die Träne ab, gähnte, kuschelte sich in das Bett, schloss ihre Augen, versank in der Nebelwelt. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Sie glitt tiefer, der Nebel waberte um ihren Geist, die Bilder die in ihr aufflammten, schnürten ihr die Luft ab. Alte Dämme brachen erneut auf, mühsam Verdrängtes kam
 
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Hallo Silvita,

wenn das eine längere Erzählung mit Fortsetzungen wird, hältst du dann das Präsens durch?
Ich weiß, Dominique Manotti macht das auch und hat viel Erfolg, ich mag es nicht so sehr.

Deine Geschichte könnte man an einigen Stellen sicher kürzen, auch wenn es ganz amüsant ist, die Beschreibung der Wäsche der Protagonistin zu lesen. Aber einmal Victorias Secret zu erwähnen, reicht eigentlich.... ;)

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich verstehe, um was es geht. Die Protagonistin sucht zwei Leute, ist von irgendwo abgehauen, denkt, sie ist jetzt frei. Und die Szene mit Frau Meyer interpretiere ich so, dass Carmen wohl erwartet wurde. Ist sie undercover, frage ich mich beim Lesen. Das sind eigentlich alles gut gemachte Hinweise, die die Neugier beim Leser wecken.

Mein Fazit: unterhaltsam geschrieben, hätte zwar stellenweise ein wenig kürzer sein können, aber ich bin gespannt, wie es weitergeht und werde die Fortsetzung sogar lesen, wenn sie im Präsens ist.

Ich habe wirklich deshalb (Präsens von Anfang bis Ende) schon mal ein Buch in die Ecke gepfeffert.

Das Wichtigste hätte ich jetzt beinahe vergessen: Dass die Protagonistin Stimmen hört und offensichtlich psychisch krank sein soll, finde ich nicht gut. Jemand, der eine solche Krankheit hat, kann nicht als Ermittler arbeiten und psychische Krankheiten kann man nicht auf die Schnelle heilen. Das würde ich ganz weglassen.

Aber auch, wenn es eher ein Thriller als ein Krimi sein soll: Für die Hauptperson, die jemanden finden will, eignen sich psychische Krankheiten nicht.

LG SilberneDelfine
 
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Silvita

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

vielen herzlichen Dank für Dein Feedback.

Es handelt sich um ein Buch (Thriller). Bisher habe ich 21 Kapitel geschrieben (alle im Präsens). Das ist jedoch nichts, worauf ich beharre. Spaßeshalber habe ich untenstehend das Kapitel in der Vergangenheitsform geschrieben und – wie von Dir vorgeschlagen – auch einige Dinge gekürzt. Du hast natürlich Recht. Zweimal „Vicorias Secret“ zu erwähnen ist Mumpitz. Ist mir selbst gar nicht aufgefallen. Wie wirkt es jetzt auf Dich?

Das hast Du alles schon gut interpretiert. Nur Frau Meyer wartet nicht auf Carmen. Carmen liest den Namen nur von dem Namensschild auf deren Brust ab.

Schön, dass Deine Neugierde geweckt wurde. Das freut mich. :)

Das die Protagonistin psychische Probleme hat ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Das muss drin bleiben (habe aber einiges gestrichen). Und schon mal als Aufklärung: sie ist keine Ermittlerin.

Ich würde mich über eine Rückmeldung sehr freuen.

Liebe Grüße von Silvita



(Notiz: Am Threadanfang steht jetzt die bearbeitete Version)
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Eine blonde, adrette Dame in schicker Uniform wendete sich ihr zu.
Hallo Silvia,

schön, dass du die Geschichte extra meinetwegen im Präteritum geschrieben hast. Hier müsste es allerdings "wandte sich ihr zu" heißen.
Ansonsten gefällt es mir besser als die erste Fassung.

Wenn du schon 21 Kapitel geschrieben hast, bin ich gespannt.... Das finde ich schon sehr fleißig. Dann kannst du natürlich jetzt schlecht etwas streichen, was in den schon vorhandenen Kapitel eine Rolle spielt.

LG SilberneDelfine
 

Silvita

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

ich mag schreibtechnische Experimente und es hat Spaß gemacht, das auszuprobieren. Schön, dass Dir diese Version besser gefällt. Das freut mich.

Danke für den Tipp. Das ändere ich gleich.

Das stimmt. Solche Dinge ändere ich dann gleich im PLOT, damit es keine Verwirrungen gibt.

Nochmals herzlichen Dank und Dir ein schönes Wochenende,

Silvi
 

ahorn

Mitglied
Hallo Silvita,
hallo in der Leselupe.

Das erste Kapitel deines Romans gefällt mir. Es ist unterhaltsam, flüssig geschrieben und nimmt den Leser mit auf eine Reise; eine Reise einer Suchenden. Die Handlungen sind plastisch formuliert und – mein Lob - du verzichtest auf unnötige Füllwörter.

SilberneDelfine schriebst du, dass du gern experimentierst. Ich liebe Experimente und meine, dass die Leselupe dafür richtig ist.
Warum gehst du nicht einen Schritt weiter?
Deine Einleitung ist eine Standardeinleitung. Irgendjemand kommt an und die Geschichte beginnt. Nach den ersten fünf Sätzen ist der Leser geneigt, den Text wegzulegen. Spannung, Fragen binden den Leser.
Weshalb beginnst du nicht mit dem letzten Absatz.
Sie griff nach ihren High-Heels, stopfte sie in den Mülleimer, schwor sich, nie mehr Schuhe mit Absatz zu tragen.
Nebenbei: Ein paar Zeilenumbrüche erleichtern das Lesen ;)
Der Satz bindet den Leser. Er will wissen warum. Sie kann sich ja an ihre Ankunft erinnern ;).
Ferner würde ich
Sie musste vorsichtig sein, sich wie ein lautloser Schatten bewegen, wie ein unsichtbarer Geist.
Xavier finden.
Ana finden.
Das war ihr Plan.
An Ende schieben, da sie dort eh, über diese nachdenkt. Und die Aussage des Finden diese unterstreicht.

Du schilderst akkurat, beschreibst den Zöllner, die Menschen im Flughafen, den Taxifahrer und die Frau im Hotel. Wenn der Zöllner, der Taxifahrer wichtig sind, in deinem Roman wiedervorkommen richtig, sonst unwichtig. Alles was außerhalb der Norm ist solltest du beschreiben. Den Rest denkt sich der Leser.
Die Norm, das Normale.
Eine Frau fliegt von Spanien nach Basel. Wie ist sie gekleidet? Norm!
Jeans oder Sommerrock, T-Shirt, flache Schuhe – bequem für einen Flug. Derart stell ich sie mir vor. ;)
Ich weiß nicht weshalb sie die Reise angetrat, gehe aber davon aus, dass sie die Reise geplant hat. Norm!
Erst der Hinweis des Taxifahrers,
„Kein Gepäck?“
sowie die Tatsache, dass sie ein Taxi nimmt, lässt mich zweifeln.
Nebenbei: Versuch, einen Schweizer Taxifahrer zu finden, welcher für 80EUR nach Freiburg fährt. Unter 300EUR ist da bestimmt nicht zu machen.
Die Reise daher kurzfristig oder spontan.
Die Sache mit dem Gepäck?
Es war gut, dass sie nur mit Handgepäck gereist war.
Was ist richtig?

Annahme es ist eine spontane Reise.
Sie fährt zum Flughafen, kauft sich einen Flugschein. Sie muss davon ausgehen, dass sie am selben Tag nicht wieder zurückkommt. Sie hat nichts dabei. Sie legt auf ihr Äußeres wert. In jedem Flughafen kann man etwas kaufen. Jemand, der für mehrere Hundert Euro ein Taxi nimmt. Okay! Der Flieger geht gleich. In Basel? Ihr muss es klar sein, dass die Fahrt nach Freiburg gut eine Stunde dauert. Was sind dann fünfzehn Minuten, um sich etwas zu erwerben. Keine Unterwäsche, nicht für den nächsten Tag. Dies passt nicht zu ihr, auch wenn sie sich vielleicht entschieden hatte, ihr Leben zu ändern.
Okay! Gehen wir davon aus, sie hat nichts gefunden und in Freiburg waren alle Geschäfte geschlossen. Sie geht schlafen. Am nächsten Morgen hüllt sie sich in die Kleider vom Vortag. Anstatt sich endlich saubere Sachen zu kaufen, geht sie frühstücken. Eine Spanierin, welche auf ihr Äußeres wert legt, geht frühstücken?
Standartfrühstück Spanien, Italien, Südfrankreich: Kaffee – Spanien Milchkaffee.
Ausgiebiges Frühstück: Milchkaffee mit Gebäck. Und da spielt es keine Rolle, ob der Südländer auf seine schlanke Linie achtet oder nicht.
Gut! Sie hat ein sehr ausgiebiges Frühstück zwei Milchkaffee, zwei Stück Gebäck.
Sie geht shoppen, sieht die deutschen Frauen in ihren flachen Schuhen, verflucht ihre Stilettos bei jedem Schritt auf dem Kopfsteinpflaster der Freiburger Innenstadt.
Im Hotel zurück, zieht sie sich um und stopft ihre Schuhe, als Zeichen der Knechtschaft in den Mülleimer. Diese Metapher finde ich sehr gelungen ;).
Dann schneidet sie sich ihre Haare ab. Ups! Sie ist Spanierin, trägt sicherlich seit ihrer Kindheit lange Haar. Einen gewaltigeren Einschnitt kann es kaum geben.
Kurzschlusshandlung! Weshalb?
Bei ihrer Reise ist nicht Außergewöhnliche passiert, somit muss die Ursache vor Antritt ihrer Reise gelegen haben. Warum dann ein zwei Tage später?
Sie will ihr Leben ändern. Eine neue Frisur hilft. Aber selbst die Haare abschneiden, obwohl das Aussehen ihr immer wichtig war?
Zum Friseur würde sie gehen.

Annahme eine kurzfristig geplante Reise.
Sie will ein paar Tage verreisen, dann packt sie aber einen Koffer (Handgepäck). Kleidung, Unterwäsche für ein zwei Tage – das nötigste halt. Sicherlich ist kein Partykleid dabei – Freiburg als Partymeile nicht gerade weltberühmt. Figurbetont, trotzdem lässige Kleidung würde sie wählen. Ohne auf ihre geliebten High-Heels zu verzichten. In diesem Szenario bräuchte sie sich aber nicht ins Getümmel eines Einkaufes stürzen, abgesehen von dem Kauf neuer Schuhe.

Egal, welch Variante ich wähle, keine passt zu deiner Geschichte – ist ja auch deine.
Dennoch habe ich den Eindruck, dass du zu dicht aufträgst, eine Überspitzung skizzierst, welche deiner Geschichte eher schadet, als zu nützen. Weniger ist oft mehr. Die ersten Kapitel sind der Einstieg, sie sollten den Leser binden, nicht abschrecken. Las Carmen sich entwickeln. Zwei Fragen sind ausrechend:
Wen sucht sie?
Warum will sie sich verändern?

Ein Tipp am Rande.
Du schreibst, 21 Kapitel sind fertig. Wäre es in diesem Fall nicht angebracht die Kapitel unter einen Klappentext zu bringen. Alle passen bestimmt nicht unter einen Thread.

Gruß
Ahorn
 

Silvita

Mitglied
Liebe/r Ahorn,

vielen Dank für Dein ausführliches Feedback.
Das werde ich mir in Ruhe anschauen und mich wieder melden.

Herzliche Grüße, Silvita
 

Silvita

Mitglied
Liebe/r Ahorn,

sorry für die lange Wartezeit. Hatte eine mega stressige Woche im Büro.
Danke noch mal für das ausführliche Feedback. Ich bin meinen Text nochmal durchgegangen und habe einiges geändert und die Änderungen hier gespeichert. Was die Reihenfolge angeht, hab ich das alles gut durchdacht und das bleibt so.
Ob sie die Reise kurz- oder langfristig geplant hat und was es damit auf sich hat, wird sich im Laufe der Geschichte klären.

Ich habe bei Dir mal geschaut. Du hast etliches eingestellt. Da muss ich erstmal den Anfang finden :)

Wünsche Dir ein schönes Wochenende.

Lg Silvita
 

ahorn

Mitglied
Liebe Silvita,
bin deinen Text einmal durchgegangen. Top ;). Er wirkt geschmeidiger, intimer.
Eins fiel mit dennoch sofort wieder auf :)
Hat sie nun Gepäck ja oder nein?
Du schreibst einen Thriller/Krimi, solche Details sind wichtig.
Drücke ihr einfach eine Handtasche in die Hand - vielleicht eine große.
Den Rest schreibe ich dir später.

Liebe Grüße
Ahorn

PS.: Ahorn ist männlich: der Ahorn.
 

Silvita

Mitglied
Lieber Ahorn,

vielen Dank :) Das freut mich sehr!

Was das Gepäck angeht, das steht doch aber im Text :)

z.B. hier.....

Sie kramte in ihrer Handtasche...
Sie presste ihre Handtasche fester an sich...
Und beim Kurzdialog mit den Taxifahrer:
„Kein Gepäck?“
„Nein.“
Sie warf ihre Handtasche auf den Stuhl...
...kramte den Blister Lorazepam aus ihrer Handtasche hervor...
Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte sie in die Klamotten vom Vortag. Es war gut, dass sie nur Handgepäck mitgenommen hatte. All die Dinge aus der Vergangenheit wollte sie nicht mehr um sich haben. Nur Toni, der Plüschhase, war immer an ihrer Seite....

Liebe Grüße,

Silvita
 

ahorn

Mitglied
Liebe Silvita,
denk daran ich bin ein Mann. Handgepäck ist Handgepäck und Handtasche, Handtasche.
Das es eine große Zahl Frauen gibt, die einen halben Hausstand täglich mit sich führen, bekannt, wird aber eher ignoriert. :)
Es war gut, dass sie nur die paar Dinge, die sie benötigte, in ihre (Hand)tasche gestopft hatte. ;)

Liebe Grüße
Ahorn
 

Silvita

Mitglied
Lieber Ahorn,

kicher... Ich fall vom Stuhl. Du bist lustig :)
Aber diesen Satz musst Du doch sogar als Mann verstehen... Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte sie in die Klamotten vom Vortag. Es war gut, dass sie nur Handgepäck mitgenommen hatte. All die Dinge aus der Vergangenheit wollte sie nicht mehr um sich haben.
Steht doch im Text drin. Grins schief. Ich hatte auch nirgends einen Koffer erwähnt. Wenn sie den dabei hätte, hätte ich das im Text geschrieben

LG Silvita
 

ahorn

Mitglied
Liebe Silvita,
für mich als Autor, welcher männliche sowie weibliche Personen beschreibt, sicherlich. Aber ich denke gern wie Otto-Normal-Mann, für den Gepäck ein Koffer oder eine Reisetasche ist, da wie bereits von mir beschrieben im Allgemeinen - für einen Mann - eine Frau immer eine Handtasche bei sich führt. Somit hätte sie andauernd Gepäck dabei. ;)

Liebe Grüße
Ahorn.
 

Silvita

Mitglied
Lieber Ahorn,

interessante Sicht :) In diesem Kapitel gehe ich jetzt nicht näher darauf ein. Es wird später eine Sequenz geben, in der der Leser erfährt, warum und wie sie sich auf die Reise gemacht hat.

LG Silvita
 

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