Vermisst

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Ciconia

Mitglied
„Mein geliebter Wilhelm“, hatte Martha geschrieben und wochenlang vergebens auf Antwort gehofft.

Sie hält das Kuvert in zittrigen Händen. Ihre eigene Schrift, blassblaues Sütterlin auf bräunlichem Papier, darüber ein schwarzer Stempel.

Feldpost-Nr. 26116. „An Absender zurück - Neue Anschrift abwarten“.

Das Warten dauert nun schon 75 Jahre. Es wird erst mit ihrem Tod enden.
 
Hallo Cicionia,

die Kürzestgschichte gefällt mir gut.... In wenigen Worten ein ganzes Leben voller Warten ausgedrückt.

LG SilberneDelfine
 
Wieso kann ich meinen Beitrag jetzt nicht mehr bearbeiten? Habe zu früh drauf gedrückt und wollte eigentlich noch etwas schreiben, aber unter dem Beitrag steht jetzt nicht mehr "Bearbeiten".
Also dann so: Das ist eine Kürzestgeschichte, wo vor dem Leser ein ganzer Film abläuft - Marthas Leben seit dem zweiten Weltkrieg, ihr Mann (Verlobter? Man weiß es nicht), der verschollen ist. Was mag mit ihm passiert sein, warum wartet Martha immer noch, gab es nie einen anderen Mann in ihrem Leben, weigert sie sich nach so vielen Jahren immer noch zu glauben, dass er tot ist?
Das sind zumindest die Gedanken, die mir zu dieser Geschichte durch den Kopf gehen. Mit wenigen Worten also viel Wirkung erzielt.

LG SilberneDelfine
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Silberne Delfine, das freut mich. Dann ist ja meine Demonstration gelungen, dass es nicht so schwer ist, in Kürzestprosa eine ganze Geschichte zu erzählen.

So wie Martha ist es damals wohl vielen Frauen ergangen – sie haben den Mann lange Zeit oder überhaupt nicht für tot erklären lassen, auch wenn sie Nachteile dadurch hatten. Sie hätten es wohl als Verrat angesehen.

Die offizielle Bezeichnung wäre übrigens verschollen gewesen – aber vermisst passt besser zu Marthas Gefühlswelt.

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Cellist.

Ja, könnte man. In der Ursprungsfassung war er auch nicht enthalten. Mir kam der Text gestern nur so kurz vor ... :cool:

Gruß, Ciconia
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

das gefällt mir gut.
Allerdings könnte man den Text durchaus noch verkürzen.

Das Warten dauert nun schon 75 Jahre. Es wird erst mit ihrem Tod enden.
Das würde ich komplett weglassen. Man kann dem Leser auch etwas abverlangen und beim Lesen prägt es sich tiefer ein.

Vielleicht so formuliert, dass das Alter und das lange Warten der Frau klar wird:

"in zittrigen, welken Händen"

Liebe Grüße
Manfred
 

Ciconia

Mitglied
Allerdings könnte man den Text durchaus noch verkürzen.

Und wo liegt der Sinn, einen Text immer noch mehr auszupressen? Ich könnte eine Geschichte auch in zwei Sätzen erzählen.

dass das Alter und das lange Warten der Frau klar wird:
Ob die zittrigen Hände nun auch noch welk sind, ist unerheblich. Dass die Frau ziemlich alt sein muss, zeigt der Feldpostbrief mit ihrer eigenen Schrift. Um ihr Alter noch genauer zu beziffern, ist die Angabe 75 Jahre nicht unerheblich, weil man nicht weiß, wann der Text geschrieben wurde.

Gruß, Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,

Gefällt mir auch. Traurige Szene. Und ich teile auch Cellists und Frankes Meinung:

„Mein geliebter Wilhelm“, hatte Martha geschrieben und wochenlang vergebens auf Antwort gehofft.

Sie hält das Kuvert in zittrigen Händen. Ihre eigene Schrift, blassblaues Sütterlin auf bräunlichem Papier, darüber ein schwarzer Stempel.

Feldpost-Nr. 26116. „An Absender zurück - Neue Anschrift abwarten“.

Das Warten dauert nun schon 75 Jahre. Es wird erst mit ihrem Tod enden.
Beim Streichen dieses Satzes und dem hinzufügen der “zitrigen, welken Hände” (Manfreds Vorschlag) würde der Leser nochmal ein starkes Bild in den Kopf bekommen, in dem er selbst die nun ganz alte Frau sieht und ihre Nostalgie spürt.

Und wo liegt der Sinn, einen Text immer noch mehr auszupressen? Ich könnte eine Geschichte auch in zwei Sätzen erzählen.
Naja, damit erreicht man Präzision. Ich finds eine Kunst wenn man mit wenigen, sehr gewählten Worten, etwas aussagen kann.
Aber wem erzählt ich das? Einer Lyrikerin :)
Gruss, Ji
 

Else Marie

Mitglied
Hallo Ciconia,

mir gefällt dein Text. Er ist traurig und lässt das Herz zusammenziehen. Ich würde das "vergebens" weglassen. Und auch den letzten Satz. Die zeitliche Distanz kommt zwar rüber, könnte aber vielleicht durch einen Hinweis im ersten Teil noch klarer hervorgehoben werden (Erinntert sie sich vielleicht an etwas, was außen rum geschah?).
Dann hätte ich noch eine Frage: Willst du rüberbringen, dass sie dem Warten ausgeliefert ist, dann passt es so. Oder dass sie aktiv wartet und immer noch hofft. Dann könntest du es aktiv fromulieren, z.B. Martha wartete nun schon seit 75 Jahren ab.
Bei diesem emotionalen Thema würde ich, trotz der gewollten kruzen Form, noch etwas über ihre Gefühlslage schreiben, vielleicht auch nur durch eine Andeutung. Sie streicht über die verblasste Schrift. Sie lässt das Kuvert in ihren Schoß sinken. Ihre Schultern zucken. Sie flüstert etwas... Irgendetwas, was sie tut, was erahnen lässt, was sie fühlt (auch wenn man sich das natürlich denken kann). Hofft sie denn immer noch?

Grüße, Else Marie
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Else Marie,

schön, dass Du Dich so ausführlich mit diesem kleinen Text befasst hast.

Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, ist dieser Text sowie „Kurz vor eins“ und „Soßenpulver“ vor längerer Zeit im Rahmen einer Fingerübung entstanden, bei der eine „Mini-Saga“ mit genau 50 Wörtern gefordert war. Ich habe diese Texte nur geringfügig abgeändert und hier unter Kurzprosa eingestellt, was man mir bitte nicht übelnehmen möge.

Ich könnte nun den obigen Text sicherlich ausbauen, aber das war nicht meine Absicht. Da würde ich lieber eine neue Kurzgeschichte schreiben, in der ich ausführlicher werden könnte.

Gruß, Ciconia
 

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