Verschworene Gemeinschaft

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blackout

Mitglied
Die Frauen saßen auf der Treppe vorm Haus. Ich versuchte ihr Geschwätz zu überhören und schloss meinen Briefkasten auf. Nichts, der Briefkasten war leer. Keiner dachte an mich, noch nicht mal die Behörden.

„Sie, junge Frau, Sie!“ Die Frau meinte mich. „Sie sind doch gerade eingezogen. Wie gefällt es Ihnen denn hier? Wie heißen Sie denn? Schon eingelebt?“

Ich muss sie etwas befremdet angeblickt haben. „Nu setzen Sie sich doch mal her zu uns“, die Frau im rosa Kleid winkte mich heran. „Ick mach Ihnen Platz, denn könnse sitzen“, meinte sie und rückte fürsorglich ein Stückchen ans Eisengeländer heran. „Is jemütlicher.“

Ich saß. Eingeklemmt zwischen der Frau im rosa Kleid und einer jungen Afrikanerin, die nach Vanille duftete.

„Eingelebt? Ach was, erst mal eingearbeitet“, sagte ich, „die schweren Kartons ...“

„Det is immer so beim Umzug“, sagte die junge Frau mit dem Kinderwagen, die vor den Sitzenden stand. „Erst kommt die Plackerei, denn det Vagnüjen. Wir sind ja auch erst vorm halben Jahr hier einjezogen.“ Sie zupfte an der Kinderwagendecke herum. „Und denn kam der Junge.“

„Aha“, die Frau im rosa Kleid, nickte, als ich meinen Namen nannte. „Merke ick mir.“ Sie wiederholte meinen Namen.

„Na, denn erzählen Sie mal.“ Die rosa Frau blickte mir neugierig ins Gesicht. „Ooch aus Berlin? Oder aus de Provinz? Etwa aus'm Westen?“

„Nee, nich aus'm Westen, ooch aus Berlin.“ Ich fiel ins Berlinern, obwohl ich sonst Unbekannten gegenüber erst mal das Hochdeutsche probierte, um mir einen seriösen Anstrich zu geben. Ich ärgerte mich.

Eine Weile sagte keiner was. Ich schwieg auch.

Die Afrikanerin wandte sich mir zu. „Ich bin aus Nigeria. Drei Jahre hier. Deutschland ist schön.“
Ihre weißen Zähne blitzten mich an. Ich dachte sogleich an meine.

„Deutschland ist schön - naja“, sagte ich.

„Die Deutschen sind nett“, sagte die Afrikanerin. „Aber nicht alle. Sie sind nett, Sie sitzen, und ich auch. Zusammen. In der S-Bahn die Leute nicht so freundlich. Ich heiße Malenga.“

„Ja, das gibt es, Malenga.“ Die Frau im rosa Kleid langte hinter mir und streichelte ihr den Rücken.

Die Frau links neben ihr mit ausgemergeltem Gesicht beugte sich vor. Sie hatte schwarz gefärbtes Haar, sah ich. „Haben Sie lange gesucht nach der Wohnung?“

Ich nickte. „Ja, ein Vierteljahr“, sagte ich nach einer Weile. „Oder ein bisschen länger“, fügte ich hinzu.

„Mein Mann und ich“, sagte die Frau mit dem schwarzen Haar, „wir wohnen ja schon seit anno Vierundneunzig hier.“ Sie sah mich an, ich musste etwas sagen, wusste aber nicht, was. „Die Kinder sind schon lange aus dem Haus. Der Große ist in Mannheim. Mit Familie! Der Zweite hat bloß eine Freundin“, half sie mir aus der Verlegenheit.

Eine Frau, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte, kicherte im Hintergrund. „Eine nach der anderen!“ sagte sie. Es klang ein bisschen hämisch. Die Schwarzhaarige erwiderte nichts.

Wieder schwieg alles.

„Na, dann will ich mal“, sagte ich und erhob mich. „Die Arbeit wartet.“

An der Haustür drehte ich mich um. „War schön, Sie kennenzulernen.“ Plötzlich fiel mir ein, dass ich von niemandem den Namen wusste. „Und ich weiß gar nicht, mit wem ich hier auf der Treppe saß.“ Alle sahen mich an, keiner sagte was.

„Wir treffen uns immer uff'm Hof, uff'de Bank. Nachmittags, nach Viere!“, rief mir die Frau im rosa Kleid nach, als ich schon halb im Haus war. „Denn lernse uns kennen! Wir sind hier eene verschworne Jemeinschaft! Ick wohne im Achten. Meier mit ei, zweemal klingeln, ick hör manchmal schwer, mein Alter is sowieso taub. Kommse hoch, wennse sich alleene graulen! Aber bringse wat für't Herze mit! Fahrstuhl, Achter drücken, schon sindse da!“

In der Wohnung angekommen, glaubte ich noch immer Malengas Vanilleduft zu spüren.
 

ENachtigall

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo blackout,

mir vermittelt der Text, dass da eine Kluft ist zwischen der "verschworenen Gemeinschaft" und der Neuen. Es ist Sehnsucht nach Menschlichkeit und eine Sprachlosigkeit spürbar, als lägen die Wörter innerlich auf Eis.
Ein guter klarer Text. Stark auch der Schluss, der verdeutlicht, wie Name und Geruch sich (unmerklich?)
haben mitnehmen lassen.

Grüße von Elke
 

blackout

Mitglied
Elke Nachtigall, ja, das hast du richtig bemerkt, das Ich kommt in eine Situation, der es nicht gewachsen ist, weil es sie nicht erwartet hatte. Es geht um eines der Probleme der Ostdeutschen. Sie kommen mit der glatten Fremdheit, dem Individualismus von Menschen mit gleichen Interessen nicht klar, sie wollen es nicht für sich. Das Ich ist das aber bereits gewohnt und kommt nun in Berührung mit einer Gemeinschaft von Menschen, die gewillt sind, den zu Zeiten der DDR gewohnten freundlichen und gleichberechtigen Umgang der Menschen miteinander aufrechtzuerhalten - eine Insel im Meer der bereits gewohnten Fremdheit für das Ich. Das Ich ist ja sehr zurückhaltend dargestellt. Offengelassen habe ich, ob das Ich sich der Frauengemeinschaft anschließen wird. Ob das aber dem Ich noch gelingen kann, das wäre schon wieder eine andere Geschichte. Vielleicht ist das interessanter noch, ich überlege mir, ob ich die Sache weiterführen werde.

Vielen Dank fürs Reinsehen und den Kommentar.

blackout
 

ENachtigall

Foren-Redakteur
Teammitglied
Danke, blackout, für die aufschlussreiche Hintergrundinformation.
Ja, es wäre spannend, das Thema weiter zu verfolgen; zu sehen, was passiert auf der "Insel im Meer der gewohnten Fremdheit". Vor allem aber: wie sie, die Neue, mit der Situation umgeht und die Stärke zur Nachsichtigkeit mit sich selbst zuwege bringt.

Ein Text, dem ich viele Leser wünsche.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo blackout,

ich gebe ENachtigall recht, das ist eine gute kleine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Du schaffst hier auf kleinem Raum eine Art mikroskopisches Biopick einer verschworenen aber trotzdem offenen (Malenga und das Angebot aufgenommen zu werden) Gemeinschaft.

Zwei kleine Sachen sind mir beim Lesen aufgefallen.

"Ich muss sie etwas befremdet angeblickt haben. „Nu setzen Sie sich doch mal her zu uns“, die Frau im rosa Kleid winkte mich heran. „Ick mach Ihnen Platz, denn könnse sitzen“, meinte sie und rückte fürsorglich ein Stückchen ans Eisengeländer heran. „Is jemütlicher.“"

Diesen Absatz finde ich noch ein wenig unübersichtlich. Wenn es nur eine Sprecherin und dieselbe ist, die das Gespräch eröffnet hat, müsste es im Absatz vorher jefällt statt gefällt heißen, wenn es zwei Sprecherinnen sind würde ich die von einander absetzen.

Das Zweite ist die direkte Rede Malengas. Die müsste für meinen Geschmack noch wesentlich gebrochener sein. Du deutest das mit den kurzen Sätzen zwar an, trotzdem ist die Aussprache noch zu fehlerfrei.

Vielleicht helfen dir die zwei Punkte ja ein wenig weiter. Ich finde den Text aber insgesamt schon sehr gelungen.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

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