Vier

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Vier

Auf vier Pfaden nähert sich das Unheil, wenn du nicht wachsam bist. Schütze dein Herz, bevor es gestohlen wird. Suche nicht deine Erfüllung an fremden Gestaden, damit du nicht verloren gehst. Hüte dich vor den Auswirkungen deiner Wut, um nicht verschlungen zu werden. Hoffe nicht auf Wissen, um dich glücklich zu machen, denn dies wird dich verführen.



Es war einmal, in einer weit entfernten Zeit, in einem Land jenseits unserer Kenntnis, da lebten eine Frau und ein Mann, deren Glück darin bestand, einander zu lieben und die sich nicht mehr von ihrem Leben wünschten. Als ihnen eine Tochter geboren wurde, da wuchs dieses Glück. Und noch mehr bei der Geburt der zweiten Tochter. Noch mehr bei der Geburt der dritten und mit der vierten Tochter schien das Glück vollkommen zu sein.

Ihr Glück färbte auch auf alles andere ab, ohne dass die Frau und der Mann etwas dazutun mussten. Alles, was die beiden anfingen, gelang ihnen auch und es mangelte ihnen an nichts. Wenn sie in einer Stadt ein Geschäft aufmachten, dann konnten sie sich schon bald vor Kunden nicht mehr retten. Und wenn sie sich aufmachten und woanders hinreisten, dann dauerte es nie sehr lange, bis sie etwas fanden, mit dem sie erfolgreich sein konnten. Aber immer war den beiden das gemeinsame Glück das Wichtigste.

Und so vergingen die Jahre und ihre Töchter wuchsen zu jungen Frauen heran, die sich aber nicht glichen. Jede von ihnen unterschied sich von den anderen und niemand konnte sie verwechseln und darüber waren alle vier froh. Sie mochten es nicht, mit ihren Schwestern verwechselt zu werden, sie hielten sich für einzigartig.

Eine von ihnen war hübscher als die anderen drei, eine war klüger als die anderen drei, eine war mutiger als die anderen drei und eine war temperamentvoller als ihre drei Schwestern. Und sie schätzen sich glücklich, so unterschiedlich zu sein. Und ihre Eltern schätzten sich glücklich, weil ihre Töchter glücklich waren.

Und so verging die Zeit.

Die hübsche Tochter ging durch ihr Leben, ohne je festzustellen, wie viele gebrochene Herzen sie auf ihrem Weg hinterließ. Die kluge Tochter ging durch ihr Leben, ohne zu bemerken, dass sie viele Menschen mit ihrem Wissen demütigte. Die mutige Tochter war unterwegs, ohne etwas davon mitzubekommen, dass andere auf ihren Wegen zu Schaden kamen. Und der temperamentvollen Tochter fiel niemals auf, mit wie vielen Menschen sie im Streit auseinanderging.

Die vier genossen ihr Leben im Schutz des Glückes ihrer Eltern. Aber die Jahre vergingen und die Frau und der Mann wurden älter und älter und eines Tages holte das Ende sie ein. Sie starben gemeinsam und glücklich.

Ab diesem Tag mussten die vier Töchter sich um ihr eigenes Glück kümmern. Aber weil sie so viele Jahre glücklich gelebt hatten, war ihnen nie aufgefallen, dass das Glück ihrer Eltern sie beschützt hatte. So machten sie mit ihrem Leben weiter, wie vor dem Tod ihrer Eltern.

Die eine brach reihenweise die Herzen der Männer und Frauen, die sich in sie verliebten. Die nächste machte sich über diejenigen lustig, die sie als dümmer als sich selbst ansah. Die dritte folgte weiterhin gefährlichen Pfaden, ohne auf diejenigen Rücksicht zu nehmen, die in der Gefahr untergingen. Und die letzte genoss es, mit den Menschen um sie herum zu streiten, ob diese es wollten oder nicht. Und alle vier dachten, sie könnten weiterhin das Glück ihrer Eltern genießen, ohne sich selbst anzustrengen.

Bis eines Tages der Mensch kam, der der einen Schwester das Herz brach, ohne sich darum zu kümmern. Mit einem gebrochenen Herz konnte sie nicht mehr glücklich sein und sie hatte nie gelernt, dass sie sich anstrengen musste, um so etwas zu heilen. Und ohne Glück wollte sie nicht leben.

Und dann kam der Tag, als jemand kam, der klüger war als die eine der Schwestern, aber nie bemerkte, wie sehr diese dadurch verletzt wurde. Und ohne ihre Überlegenheit konnte sie nicht mehr glücklich sein. Auch diese Schwester hatte nie gelernt, dass man sich anstrengen musste, um darüber hinwegzukommen. Und ohne Glück wollte sie nicht mehr leben.

Es kam eine Person, die ohne Furcht die gefährlichsten Pfade beschritt, vor denen die dritte Schwester zurückschreckte und auf denen sie nicht folgen konnte. Zurückgelassen zu werden, machte es ihr unmöglich, glücklich zu sein. Und sie hatte nie gelernt, dass sie sich anstrengend musste, um neuen Mut zu finden. Und ohne Glück wollte sie nicht mehr leben.

Die vierte Schwester beobachtete, wie ihre drei Schwestern immer unglücklicher wurden und wie sie immer weniger daran interessiert waren, weiterzuleben. Und sie konnte nicht anders, als mit ihnen darüber zu streiten, dass sie ihr Glück festhalten sollten. Zum ersten Mal aber in ihrem Leben konnte sie nach einem Streit nicht einfach weitergehen und sie hatte nie gelernt, mit einem Problem umzugehen, ohne sich zu streiten und sie fühlte sich auch nicht mehr glücklich. Nicht zu streiten hatte sie immer als zu anstrengend empfunden. Und ohne Glück wollte sie nicht mehr leben.



Ein Kind bedeutet großes Glück, zwei Kindern verdoppeln dieses Glück und drei Kinder machen es vollkommen. Aber vier Kinder führen auf den Pfad zum Unheil. (Altes Sprichwort)
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Isabeau,

dann sag das mal all den Familien mit vier Kindern (wobei da die entsprechenden Attribute eher nicht so in Erscheinung treten oder noch extremer ausfallen, rein subjektiv). Was passiert eigentlich beim fünften Kind? :eek:

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Aufschreiber

Mitglied
Hallo Isabeau de Navarre,

gleich zu Anfang Deiner Geschichte tauchte eine Frage auf:
"Hoffe nicht auf Wissen, um die glücklich zu machen,"

Wen?

Beste Grüße, Steffen (Vater vierer Kinder) ;o)
 


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