Viva Coronia!

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Isbahan

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In Zeiten wie diesen bete ich jeden Tag, bevor ich online gehe: Lieber Gott, gib mir die Kraft, jede Dramödie des Tages anzuschauen, die sich mir zur Ansicht aufdrängt. Hashtag: Der heißeste Scheiß zu Corona.
Von Berufsnarzissten, die diese Pandemie als eine witzige, neue Challenge missverstehen wollen und aus einem akuten Aufmerksamkeitsdefizit heraus stündlich Podcasts aus irgendeinem Promi-Wohnzimmer senden müssen. Angeblich, um mich in diesen schweren Zeiten zu „unterhalten“. Für mich persönlich wäre es gar nicht schlimm, wochen- und monatelang nichts mehr von bestimmten A-Z-Promis hören oder sehen zu müssen. Ich würde es sogar außerordentlich genießen, wenn Marco Schreyl mich am Nachmittag nicht mehr im TV fragen würde: „Und wie kriegen Sie geholfen?“
Doch Podcast geht immer. Leider. Ich finde: In Krisenzeiten sollte man nicht jeden Mist teilen - nur das Klopapier.

In den ersten Monaten als „Risikogruppe“ war ich noch im Rahmen meiner Möglichkeiten engagiert besorgt. Morgens, gleich nach dem Aufwachen, habe ich noch im Bett die Nachrichten gehört: Ob es überhaupt noch lohnt, meine Kompressionsstrümpfe anzuziehen …
Danach wurde ich recht umtriebig: Mit exzessivem Frühjahrsputz und manischem Schränke aufräumen. Anschließend habe ich sämtliche glatten Oberflächen, die sich finden ließen, Türkis angestrichen. Nachdem ich alle Wollreste weggestickt hatte, die ich im Keller und Dachboden finden konnte und alle Neuerwerbungen der letzten Monate durchgelesen hatte, die sich im Bücherregal gestapelt hatten.
Ich habe einfach alles kreativ bemalt, umdekoriert, neu arrangiert, was sich nicht wehren konnte. Aktuell bin ich dabei, sämtliche Rezeptvorschläge von TV-Starköchen nachzukochen …
Es soll Leute geben, die immer noch Hamsterkäufe machen. Ist mir unbegreiflich. Ich würde davon Verdauungsprobleme kriegen: Montags Hamsterfondue, Dienstags Hamsterbouletten, Mittwochs Hamstereintopf … und am Sonntag Hamsterrouladen? Ganz ehrlich: Lieber esse ich vier Wochen lang Möhreneintopf.

Es ist ja nicht so, dass ich Hausarrest nicht von früher kenne - aber damals hatte ich mir den auch redlich verdient, indem ich etliches angestellt hatte, was verboten war. Heute bin ich eine von Millionen mit Stubenarrest, die komatös auf dem Sofa abhängen, in der Nase popeln und die Zimmerdecke anstarren, obwohl sie ursächlich nix schlimmes angestellt haben. Ich mache mir große Sorgen, dass es bald zu spät sein könnte, nochmal ordentlich über die Stränge zu hauen, bevor man mir einen Zettel an den Zeh hängt und mich in einen Kühlcontainer schiebt.
Deshalb habe ich mir vorgenommen: Wenn schon Sozialquarantäne, dann mache ich es mir so gemütlich wie möglich: Corona verträgt keinen Alkohol. Ich schon. Mein Sundowner besteht aus einem Drittel Wodka und zwei Drittel Multi-Vitaminsaft. Ich nenne ihn zärtlich meinen "Quarantänie“.
Zur weiteren Stimmungsaufhellung habe ich mir im Internet einen Erreger bestellt. Gestern kam das Päckchen , diskret verpackt, mit der Post. Leider hat es sich unser Postbote bei der Zustellung nicht nehmen lassen, laut im Treppenhaus zu singen:
"... und es rappelt in der Kiste
und es rappelt im Karton
Ton Ton Ton …"

Zeitgleich sprangen sämtliche Türen bei meinen Nachbarn auf, weil jeder dachte, das Paket sei für ihn. Nun mutmaßen alle, dass ich in der Quarantäne keineswegs vereinsame und verdorre, sondern Claudia-Obert-like, mit Sex & Drugs & Rock`n Roll beschäftigt bin:
"I can't get no desinfaction
I can't get no desinfaction
Cause I try, and I try, and I try, and I try
I can't get no, I can't get no …
Hey, hey hey …"



Mein glutäugiger Nachbar aus Kaffeeland kümmert sich rührend um mich. Er ist sehr tolerant gegenüber deutschen Nachbarn, die durch die Isolationshaft zum Exkremismus neigen. Und er scheint gewisse Kontakte zu haben. Zur Klopapier-Mafia. Gestern Abend hat er mir einen Zettel unter der Tür durchgeschoben: Kukstdu morgen ALDI: komt gans frisch Liefarung Klopapia. Gruß, Osman!
Gegen sechs Uhr in der Früh bin ich im Beschaffungsmodus losgehetzt und habe Beute gemacht. Und mir vorgenommen, mich bei Osman dafür erkenntlich zu zeigen. Als er wieder an meiner Tür geklingelt und gefragt hat, ob ich noch was brauche, habe ich ihn in radikaler Akzeptanz in meine Wohnung gezogen:“Schön, dass wir zwei so eine gute Nachbarschaft pflegen: Du kannst mir gleich mal den Rücken eincremen!“
Osman wollte sich aus dem Staub machen, doch ich habe milde gelächelt wie Desiree Nick und geflötet: „Ausgangssperre, Darling. Du kommst hier nich` wech!“
Ich finde: Quarantäne ist doch mal eine schöne Gelegenheit, im Bett zu frühstücken. Mit dem Nachbarn …

Im Ranking geht `s mir in der Sozialquarantäne gerade so kurz vor krass. Das Einzige, was ich in diesen Zeiten wirklich fürchte, ist ins Krankenhaus zu kommen. Mein letzter Aufenthalt dort - noch in Friedenszeiten - war sehr … speziell.
Als ich nach der Narkose aufgewacht bin, dachte ich, ich sei tot. Weil an meinem Bett ein weißgekleidetes Mädchen stand.
Doch es hat mich angelächelt und gesagt: „Hallo, Frau Schrömpel. Haben Sie gut geschlafen? Ich bin Lernschwester Cindy und darf Ihnen jetzt einen Katheter legen. Ich bin etwas aufgeregt, es ist mein erstes Mal … "
Weiter ist sie nicht gekommen. Ich habe so laut angefangen zu beten, dass der Stationsarzt angerannt kam. Der war zwar auch beunruhigend jung, aber hat sein Bestes gegeben, mich zu beruhigen.Nur meine Bettnachbarin hat dauernd dazwischen gequatscht: „Keine Angst, unser Doktor ist eine Konifere auf dem Gebiet des Verlegens von Blasenkathetern. Der fällt nicht wie eine Hygiene über Sie her. Er sieht doch ganz korpulent aus und ist so reizend, trotz der ganzen Syphillisarbeit ...“
Ich habe patzig geantwortet: „Mir können Sie mit Ihrem Fremdwortschatz nicht imprägnieren. Ob der Doktor das große oder kleine Latrinum hat: Mir doch egal! Isch kann och Latein, sogar op Kölsch: et situs vilate inis et avernit!
Also, Doktorchen: Ich habe doch keinen Morbus Bahlsen (einen an der Waffel). Rollen Sie ab mit Ihrer Gerätschaft. Bei mir wird nicht in Körperöffnungen herumgewerkelt, in die niemals die Sonne hineinscheint - jedenfalls nicht ohne Gegenwehr. Falls Sie mich mit einer Beruhigungsspritze abschießen wollen – damit ich mich hinterher high, entwürdigt und gedemütigt auf meiner Bettstatt wiederfinde und nur noch lallen kann: „Das finnichnichgut …" vergessen Sie`s!“

Solange ich in Sozial-Quarantäne sein muss, pflege ich eine exklusive, intensive erotische Beziehung. Gerade komme ich von einem netten Essen. Mit mir. Vor dem Spiegel. Leider waren meine Vorräte an Kerzen bereits aufgebraucht, also habe ich ein Friedhofslicht auf den Tisch gestellt, eine gute Flasche Wein aufgeschraubt und aufmunternde Fado-Musik aufgelegt.
Ich gebe zu, anfangs war ich noch etwas gehemmt, meinem Gegenüber aufrichtige Komplimente zu machen. Mein Spiegelbild verhielt sich etwas … kühl. Und ich bin es nicht gewohnt, Frauen anzuflirten. Aber mit ein bisschen gutem Willen habe ich mich hinreichend schöngetrunken, um mich für die Nacht klarzumachen – als es an meiner Tür Sturm klingelte. Aufgeschreckt wankte ich zur Tür - und stand meinem indischen Nachbarn Randschid gegenüber - der sich einen Kaffeefilter vors Gesicht gebunden hatte, der mit Schlüpfergummi an seinen abstehenden Ohren befestigt war und fragte:
“ Wolle Klopapier kaufe?“
Mit schwere Zunge antwortete ich: „Das du von Corona prfo … profettieren willss, das finnichnichgut. Wenn Klopapier die Lösung meines Problems sein sollte, dann hätte ich gerne mein Problem zurück. Und morgen nähe ich Dir einen anständigen MuNaschu. So kannssudoch nich` rumlaufen, Junge!“

Am nächsten Morgen – nach zwei Aspirin, einer Kanne Kaffee und einem ordentlichen Katerfrühstück – fühlte ich mich ausreichend gestärkt, um für mich und meine Nachbarn etliche fröhlich-bunte MuNaschus zu nähen. Bis die bei ihren Einkäufen realisiert haben, dass man sich beim Discounter seiner Wahl zum Vollhorst macht, wenn man nicht im Chirurgen-Outfit um die Nase einkaufen geht, sondern mit selbst gehäkelten Blümchen auf dem Schnutenpulli.
Danach hatte ich eine Laune wie das Schlecht-Wetter-Event Sabine. Und da ich gerade so schön mies gestimmt war, habe ich mit meinem Restlebensgefährten geskypt. Und Schluss gemacht. Er hat gesagt, er könne ohne mich nicht leben. Doch ich kann auch nicht leben ohne mich. Ich will einfach nicht mehr die bessere Hälfte von jemand anders sein. Sondern von mir selbst. In Zeiten wie diesen brauche ich meine bessere Hälfte ganz für mich allein. Obwohl das verdammt egoistisch ist, ich weiß. Aber seitdem bessere Hälften Systemrelevant sind, sehe ich auf einmal einen ganzen Staat solidarisch. So was muss man doch ausnutzen.
Die Hälfte meines Lebens habe ich privat und beruflich den Laden am Laufen gehalten. Bis ich nach Jahren endlich privat und beruflich eingefordert habe, vernünftig und angemessen bezahlt und wertgeschätzt zu werden. Da wehte plötzlich ein eisiger Wind durch meinen Arbeitsvertrag - und auch mein Ehemann sah seine verlässliche eheliche Infrastruktur in Gefahr. Es hat Zeiten in meinem Leben gegeben, in denen Scheidung und Kündigung mein liebstes Hobby war. Anschließend war ich um die Erfahrung reicher: Wenn dir klar geworden ist, was „Systemrelevant“ eigentlich bedeutet: Unterbezahlt, ausgenutzt und permanent überarbeitet zu sein - und du aufmuckst und Respekt und eine angemessene Bezahlung forderst – wird dich jedes System früher oder später als unverdaulich ausspucken.

Dass Klatschen eine Form der Anerkennung sein soll, ist mir auch neu. Ich habe mich auch schon vor Corona zu bestimmten Zeiten aus dem Fenster gehängt und geklatscht: Über die neue, straßenköterblonde Mieterin, bei der die Kerle aus und eingehen, über das zermatschte Obst, das unser Gemüsehändler Ali immer unter die gute Ware mischt …
Gerade faseln alle davon, dass jede Krise auch neue Chancen bietet: Zum Umbruch, zum Reflektieren, zur Veränderung.
Ob ich glaube, dass wir diese Krise so meistern werden, dass diejenigen ihren Wert erkennen und endlich bekommen, was sie verdienen, die sich, unter Einsatz ihrer physischen und psychischen Gesundheit, für ihre Mitmenschen eingesetzt haben? Ein entschlossenes Vielleicht.
Frauen haben es – wie in allen Zeiten, also auch in der Krise - besonders schwer: Nach Pubertät, PMS, Midlife-Crisis und Menpause nun die Covid-Live-Crisis. Und statt Muttertag, Frauentag oder Omibesuch jetzt ein vielstimmig geklatschtes Viva Coronia am offenen Fenster. Bis die Krise vorbei ist. Und man(n) wieder fröhlich pfeifend zur Tagesordnung übergeht: “Das bisschen Haushalt … Arbeit … Kinderbetreuung … Seniorenpflege … soziales Engagement … Ehegattencoaching … Nachbarschaftshilfe … !“


Wovor ich Angst habe: Als Asthmatikerin so zu sterben, wie ich gelebt habe: Atemlos. Worauf ich hoffe? Falls ich mal beatmet werden muss, dann von George Clooney!
 
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Hallo Isbahan,
auch mich hat Deine Geschichte sehr amüsiert, besonders die Krankenhausszene. Da rief meine Frau aus dem Nebenzimmer: "Was ist denn da so lustig?"
Ja, es hat Spaß gemacht.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

Isbahan

Mitglied
Liebe @MarieA. , danke für Deinen Kommentar, ich freue mich sehr, dass Du Dich nicht nur amüsiert hast, sondern auch ein Feed-back hinterlassen hast.
Schreiben ist eine einsame Sache … ;)
 

anbas

Mitglied
siehe Kommentar unten:

Stimmt... habe ihn gelöscht - sorry und Danke für den Hinweis.

Liebe Grüße

Andreas
 
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