Vom Erwachsenwerden in einer Umwelt von Armut, Arbeitslosigkeit und Rassismus

Rezension zu:

Saphia Azzendine, Mein Vater ist Putzfrau, Wagenbach 2015, ISBN 978-3-8031-3270-3

Saphia Azzendine, 1979 in Marokko geboren und nach einem Studium, einem Aufenthalt in den USA und einem Job als Diamantschleiferin nun als Journalistin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin in Genf arbeitend, ist eine der vielen aus Migrantenfamilien stammenden jungen Autorinnen, die in Frankreich und anderen Ländern mit ihren Büchern das Leben einer Bevölkerungsgruppe beschreiben, zu deren Lebens- und Erlebenswelt viele andere kaum einen Zugang haben, auch wenn sie sich redlich darum bemühen.

Dabei stammt der jugendliche Ich-Erzähler und Protagonist ihres hier vorliegenden zweiten Romans (drei weitere sind noch nicht übersetzt) gar nicht aus einer Migrantenfamilie. Paul, auch Polo genannt, lebt mit seiner Familie in der Pariser Banlieue. Er ist klein, arm, fühlt sich hässlich und im Gegensatz zu den allermeisten der anderen Kindern und Jugendlichen in der Schule ist er weiß. Auch wenn sie, genau wie er, nicht reich sind – sie sind wenigstens arabisch, jüdisch oder schwarz. Haben also so etwas wie eine angeborene Identität.

Pauls Mutter ist gelähmt, seine Schwester lebt in einer eingebildeten Modelwelt, und der sympathische Vater ernährt als Putzfrau mit Jobs Tag und Nacht leidlich seine Familie. Pauls Leben besteht aus der Schule, in der er bescheiden erfolgreich ist, der aus einer ganz anderen Schicht stammenden Priscilla, die er anbetet und den Stunden, in denen er seinen Vater beim Putzen begleitet.

Eines Abends stößt Paul in der Bibliothek, in der sein Vater putzt, auf die Bücher, und sie lassen ihn nicht mehr los. Er merkt sich Wörter, benutzt sie auch und kommt von den Büchern nicht mehr weg. Dabei leitet ihn die Überzeugung, dass nur die Wörter und die Wissenschaft ihn aus seinem sozialen Dilemma der Armut in der Banlieu befreien können.

In dieser leichthändig und humorvoll erzählten Vater-Sohn-Geschichte geht es um das Erwachsenwerden in einer Umwelt, die geprägt ist von Armut, Arbeitslosigkeit und Rassismus. Voller Situationskomik lässt Saphia Azzendine ihren Erzähler von den inneren Dramen und den Zukunftshoffnungen eines jungen Mannes erzählen, der eigentlich keine Chance hat.

Dabei ist sie mit ihrem Erzähler davon überzeugt, dass selbst in einem Leben am Rand der Gesellschaft niemals alles verloren ist, solange man die Bücher hat und aus ihnen Kraft, Hoffnung und Perspektiven gewinnen kann.

Eine unterhaltsame und literarisch gelungene Komödie, die einen Einblick gibt in die komplexe Realität der französischen Gesellschaft an ihren immer breiter werdenden Rändern, die hier wie dort nur wahrgenommen werden zu scheint, wenn etwas Dramatisches passiert.
 

petrasmiles

Mitglied
Na, das ist doch einmal eine Rezension!

Lieber Winfried,

wenn das Ziel einer Rezension sein soll, dass man am liebsten sofort los laufen möchte, um sich das Buch zu besorgen, dann hast Du 100 Punkte!
Eine 'Komödie' ist ein guter Einstieg in eine fremde Kultur bzw. Problematik.

Liebe Grüße
Petra
 

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