vom gehen

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Frodomir

Mitglied
Liebe Charlotte van der Mele,

ich mag es gern, wenn in einem Gedicht Pflanzensymbolik verwendet wird, also hat mich der Rosmarin in Zeile 1 gecatcht. Ich habe ein sehr interessantes Buch über dieses Thema (Marianne Beuchert: Symbolik der Pflanzen) und unter dem Stichwort Rosmarin wird auf Romeo und Julia verwiesen, wo es heißt:

Hemmet eure Tränen, streuet Rosmarin
auf diese schöne Leich' und nach der Sitte
tragt sie zur Kirch' in ihrem besten Staat.
In deinem Gedicht nun wird dieser Brauch weitergeführt, das immer duftende Kraut wird zu einem persönlichen Abschiedsgeschenk des Lyrischen Ichs an ein Gegenüber, welches den Verlust des Lyrischen Ichs durch diese mitfühlende Geste besser verkraften soll. Der Rosmarin funktioniert hier meiner Meinung nach wie eine Grabstelle, die ja letztlich nicht nur die letzte Ruhestätte eines Verstorbenen darstellt, sondern in erster Linie auch einen bleibenden Ort, an dem die Hinterbliebenen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen können. Der Ort, an dem die Pflanze nun wächst, könnte solch eine Funktion übernehmen.

Doch auch wenn mich dein Gedicht zu solchen Gedanken einlädt, bleibt es mir insgesamt zu sehr im Ungefähren. Ich habe eine Weile darüber nachdenken müssen, woran das liegt und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dies zwei Ursachen hat. Der erste Grund ist die Mischung aus zum Teil sehr abstrakten Begriffen mit bereits (vielleicht zu) oft erprobten Wendungen und Metaphern. So ist z.B. die Reise als Verweis auf Tod oder Abschied ein so oft gebrauchter Vergleich, dass er wohl eine originelle Erweiterung oder Wendung bräuchte, um noch kreativ zu wirken. Ähnlich verhält es sich mit dem Händehalten, dem schwarzen Kleid oder letztlich auch dem Gehenlassen. Ich hoffe, du verstehst mich nicht miss, denn in der Regel mag ich das Diktum, dass ein Kunstwerk etwas Neues oder Originelles braucht, um gut zu sein, überhaupt nicht. Doch ich bin auch der Meinung, dass ein Zuviel an Imitation bereits sehr verbreiteter Idiome einem Gedicht den nötigen Drive nehmen kann.
Der zweite Grund für meinen beschriebenen Leseeindruck korreliert etwas mit dem ersten, aber ich möchte ihn dennoch separat erwähnen. So empfinde ich, dass die angesprochene Wortwahl und die Verwendung bereits sehr gebräuchlicher Phraseologismen zum Thema Abschied dem Gedicht einen romantisierenden Anstrich geben. Das ist per se natürlich kein Problem und in gewisser Weise Ausdruck der Vielfalt unserer heutigen Ausdrucksweisen, aber gleichzeitig haben sich Dichter und Dichterinnen gerade auch noch im letzten Jahrhundert derart häufig in romantischen Denkschemata bewegt, dass es letztlich entschiedene lyrische Gegenbewegungen benötigte, um die Vielfalt der Dichtkunst am Leben zu erhalten.

Diese beiden Kritikpunkte wiegen für mich jedoch nicht so schwer, dass ich dein Gedicht nicht gern gelesen hätte. Denn aus meiner Sicht ist es dir dennoch gelungen, ein Gefühl der Rührung entstehen zu lassen, ich denke eben nur, dass es noch deutlich ausgeprägter sein könnte, wenn das Gedicht an der ein oder anderen Stelle bereits betretene Wege verlassen könnte.

Herzliche Grüße
Frodomir
 
lieber frodomir,
vielen dank für deine ausführliche kritik.
ich kann das gut nachvollziehen.

im hintergrund steht natürlich ein text, den du sicher kennst:

Ich hab die Nacht geträumet
wohl einen schweren Traum,
es wuchs in meinem Garten
ein Rosmarienbaum.

Ein Kirchhof war der Garten,
ein Blumenbeet das Grab,
und von dem grünen Baume
fiel Kron und Blüte ab.

Die Blüten tät ich sammeln
in einen goldnen Krug,
der fiel mir aus den Händen,
daß er in Stücken schlug.

Draus sah ich Perlen rinnen
und Tröpflein rosenrot:
Was mag der Traum bedeuten?
Ach Liebster, bist du tot?

und die erfahrung, wie schwer es ist, einen menschen gehen zu lassen -
und die frage, wie es für mich wäre, wenn ich meine liebste darum bitten müsste.

für mich fühlte es sich nicht ausgetreten, weil ich das in dem moment das erste mal so gedacht habe.
aber das motiviert mich, da noch mal weiterzusuchen.

danke auch für den buchtipp.
liebe grüße
charlotte
 

Frodomir

Mitglied
Liebe Charlotte van der Mele,

ja, ich habe mich bei der Beschäftigung mit deinem Gedicht auch an dieses Lied erinnert gefühlt.

Ich hatte das auch schon mal, dass ich ein Gedicht geschrieben hatte und mir dann gesagt wurde, es würde haargenau so klingen wie die Werke eines bestimmten Dichters. Das Ding war, dass ich den damals gar nicht kannte, aber als ich dann von ihm gelesen hatte, wurde mir klar, dass mein Text schon sehr epigonal wirkte ;-) Aber als ich meinen Text geschrieben hatte, war das für mich auch das erste Mal, dass ich so fühlte und dachte. Es ist vielleicht wie mit dem Kleinen Prinzen und der Rose, als er entdeckt, dass es neben seiner Rose noch viele andere gibt, die ganz ähnlich aussehen. Und trotzdem ist sie wertvoll.

Viele Grüße
Frodomir
 

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