Vom Unbehagen in diesen Tagen

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Ciconia

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Ein tief empfundnes Unbehagen
wird mir versagt in diesen Tagen.
Es scheint nicht opportun zu glauben,
dass Sorgen mir den Schlaf oft rauben.
Verordnet ist jetzt Fröhlichkeit:
Erkenn sie doch, die schöne Zeit!

Mir will sich diese nicht erschließen.
Natürlich muss es mich verdrießen,
wenn Unbill droht von vielen Seiten,
weil Staaten miteinander streiten,
Politiker das Volk verliern
und an Gesetzen rumprobiern.

Obwohl ich’s der Gesellschaft gönne,
dass sie’s noch einmal richten könne,
statt bräsig alles abzunicken,
dabei nie übern Rand zu blicken,
sieht sie wohl keine Dringlichkeit.

Ich mach mich langsam mal bereit.
 
Ausgezeichnet, geschätzte Kollegin. Ein bisschen wie Kassandra auf hohem Kothurn - nicht ironisch, sondern anerkennend gemeint.

Zum Inhalt: Ja, man hat zu unseren Lebzeiten in Europa Superstrukturen geschaffen, die auch nicht annähernd unter Kontrolle sind. Gefahren und schon eingetretene Schäden sind inzwischen unübersehbar (Euro, Schengen, außenpolitische Sackgassen). Sie werden dadurch zu bagatellisieren versucht, dass weithin die Kassandras und ihr Gefolge als gehirnkrank dargestellt werden. Am weiteren fatalen Verlauf wird das wenig ändern. Immerhin haben die so Argumentierenden den Vorteil, sich auf diese Weise eine Dolchstoßlegende zu verschaffen. Wenn der ganze angesammelte Sprengstoff hochgeht, können sie immer noch daran glauben, es seien bloß die "Ängste" Irregeleiteter schuld gewesen, ansonsten hätte der Kontinent eine rundum erfreuliche Zukunft erlebt.

Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Arno,

es tröstet ein wenig, wenn Andere die Bedenken teilen, die man als „Kassandra“ der Welt mitteilen möchte. Leider sind es auch hier zu wenige. Allerdings führten frühere, ähnlich gelagerte Gedichte noch zu sehr unschönen Diskussionen – inzwischen scheint es ein wenig ruhiger geworden zu sein. Die Spätsommer-Euphorie des letzten Jahres ließ sich halt nicht sehr lange aufrechterhalten.

Die letzte Zeile meines Gedichtes habe ich bewusst zweideutig gehalten. Die Frage ist doch: Wozu soll sich ein alternder Mensch noch bereit machen? Für einen letzten Kampf oder gleich für den großen Abgang? Da muss jeder für sich entscheiden, wie viel Kraft unter den gegebenen Umständen noch in ihm steckt. Sehr viele werden die Situation wohl ganz einfach aussitzen - desinteressiert und schlecht informiert. Geschichte wiederholt sich. Nur dass im Internet-Zeitalter niemand mehr sagen kann, er habe nichts gewusst.

Ich danke Dir für Deine Anmerkungen, lieber Arno.

Gruß Ciconia
 

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