Von denen, die anders sind, die wenig reden und noch weniger zu sagen haben

Rezension zu:

Daniella Carmi, Lucy im Himmel, Berlin Verlag 2013, ISBN 978-3-8270-1074-2

In ihrem neuen Buch erzählt die in Deutschland im Gegensatz zu ihrem Heimatland Israel noch wenig bekannte Schriftstellerin Daniella Carmi eine ungewöhnliche Geschichte, die in der arabischen Welt Israels spielt, die leider immer noch viel zu wenig unserer Öffentlichkeit bekannt ist. Sie handelt von Nadja und ihrem Mann Salim. Nadja ist eine Christin, die über viele Jahre gegenüber ihren Eltern durchsetzen musste, dass sie den Moslem Salim heiraten durfte. Salim ist Rechtsanwalt, hat aber mangels Aufträgen den Beruf aufgegeben und verdient sich etwas Geld, indem er alte Autos repariert und aufbereitet. Nadja arbeitet als Sozialarbeiterin in der Verwaltung, wo sie im Verlauf des Buches auch das Ehepaar Marina und Roman kennenlernt.

Insbesondere Roman wird ihr bisheriges Leben etwas durcheinander bringen. Dieses Leben hat sich vor kurzem schon dramatisch verändert, weil das kinderlos gebliebene Ehepaar Nadja und Salim nach langem Warten ein Angebot zur Adoption bekommt. Doch kein zierliches Baby, sondern ein dreizehnjähriger Junge namens Netanel kommt zu ihnen mit nach Hause.

Über eine sehr lange Zeit redet der Junge nichts, schweigt permanent und klettert mit Vorliebe auf die Bäume im Garten, wo er stundenlang sitzt und Melodien summt. Bald findet Nadja heraus, dass es immerzu Melodien der Beatles sind, die der Junge in seinem Vorleben offenbar oft gehört haben muss. Seine ganze Welt besteht aus Figuren wie „Lucy in the sky with diamonds“ und anderen.

Nadja widmet sich dem Jungen mit viel Geduld, die sie im Übrigen auch für ihren immer schweigsamer und seltsamer werdenden Ehemann Salim aufbringen muss. Dazu kommt die Tatsache, dass Netanel offenbar von zwei widerstreitenden Gruppen ins Visier genommen wird. Streng religiöse Juden wollen ihn unterrichten, während andere in mysteriösen Briefen davor warnen. Alles ist recht rätselhaft und erst spät lüftet sich das Geheimnis um Netanel. Doch dann ist er plötzlich verschwunden. Und es ist „Lucy im Himmel“, die eine Lösung bietet.

Daniella Carmi hat einen Roman geschrieben, der schräg ist, und der sich erst langsam dem Leser öffnet. Eine Geschichte erzählt sie von denen, die anders sind, die wenig reden und noch weniger zu sagen haben. Sie tut es auf eine humorvolle Weise, mit einer geradezu entwaffnenden menschlichen Wärme, die einem die Figuren im Laufe des Buches ans Herz wachsen lässt.
 

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