Vor den Wintern

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blackout

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Jahre blicken uns an,
unser das fremde Gesicht im Spiegel,
wir können es nicht verleugnen,
allmählich begreifen wir uns,
wir ahnen, was sein wird.

Zurück träumen wir uns,
zurück in die Kindheit, als alles
rein war und alles leicht, und auch die
langen Sommer, alles war Glanz,
alles war Spiel.

Das schöne Damals
zerstoben wie der Traum am Morgen,
nun kommen die großen Winter
mit ihren Frösten; nicht vorstellbar,
dass wir gemeint.
 

Lastro

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In den alten Urwäldern, blackout, da hat alles seinen Platz und Sinn.
Das junge Grün wächst geschützt zwischen den umgestürzten Bäumen und alles Alte ist von weichem Moos überzogen.
Und wenn man dort ist, erlebt man alles als einen großen, friedvollen Raum.
So habe ich das hier im letzten Jahr erlebt.
Ich bin schon auch politisch.
Die Menschen wissen ja gar nicht mehr, welche "menschlichen" Erlebniswelten sie vernichten, mit ihren Planierraupen.
 

Lastro

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Dein Gedicht, blackout, ruft in mir sehr klar die Stimmung des Älterwerdens, des Gewahrwerdens der Begrenztheit der Lebensdauer, und das damit verbundene Trauern und die Ängste hervor, wie ich es auch erlebe, und meinem Gefühl nach auch in „Herbstlich ...“ zu spüren ist.

Ich habe, mit dem was ich dir als Kommentar schrieb, den Faden weitergesponnen und meine Erfahrungen dazu und dagegen gesetzt, die ich mit dem Urwald, New England National Park, hier im Lande gemacht habe.

Das Gedicht „Wald“, aus diesem Eindruck entstanden, wenig Worte, findest du weiter oben.

Im Gegensatz zur gegenwärtig bestimmenden menschlichen Gesellschaft, sind in der Natur Vergehendes und neu Entstehendes nicht getrennt, sondern bedingen einander und leben zusammen.

Es ist nicht einfach, sich ob des Alterns zu trösten. Dort, in diesem Urwald erlebte ich diesen übergeordneten Sinn als etwas friedvolles, das noch tagelang in mir weiterklang.

Etwas Frühlingserinnerung in die „Winterlandschaften“ der Altenheime zu bringen, gehörte mal zu meinem beruflichen Feld. Aber dort leben möchte ich auf keinen Fall.

Ja, die Evolution meint uns tatsächlich.

P.S. Auf die Sternchen werde ich wohl verzichten, sie sagen wenig aus, und Worte als Kommentar können eher helfen, Missverständnisse aufzuklären.
 
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blackout

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Aha, so hast du das Gedicht also gelesen. Ich denke aber, dass das Gedicht eines mit doppeltem Boden ist, es geht nicht nur um das Älterwerden bei DEN WINTERN (Plural!). In diesem Fall hätte ich nämlich von DEM WINTER geschrieben. Natürlich geht es auch um das Älterwerden, aber vor allem geht es um die Zeit, in der das Ich lebt. Das Ich sieht seine Umwelt als eine dem Winter, der Kälte gehörige an, und damit meint es nicht seine persönliche Umwelt, sondern die öffentliche. Sieh mal, dies ist eine Ansicht, die nicht von jedem verstanden und geteilt wird, weshalb man das, was einen bewegt, in Metaphern zu beschreiben gezwungen ist. Manchmal ist eben der Reinfall beim Lesen meiner Gedichte beabsichtigt.

Aber vielen Dank für deine Ansichten, die in einigem auch meinen ähneln. Und jetzt kucke ich mal in den "Wald" rein.

blackout
 

Lastro

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Ja, danke, blackout, so langsam steige ich hoffentlich dahinter, was du meinst.

Bei mir tauchten beim Lesen mehr als genug Inhalte auf, Erfahrenes, besonders auch aus meinem beruflichen Leben im Altenbereich, mit denen ich die Metapher Winter in der Mehrzahl, als Lebensfelder des Alterns für das Ich in der Interaktion mit dieser altenfeindlichen Gesellschaft, gut besetzen konnte.

Der erste Vers hat mich vielleicht auf das Altern hin im Weiteren fokussieren lassen.

Die öffentliche, strukturelle Kälte sehe ich zweifellos. Gerade deshalb richtete ich das Gegenbeispiel der ungestörten Natur dagegen auf, in der Kindheit und Alter, Geburt und Sterben keine Widersprüche sind, sondern sich aneinander brauchen. Gewissermaßen als erlebbaren Trost durch das Bild eines in die Prozesse der Umwelt integrierten Ichs, das sich dabei als sinnvoll erlebt.

Jetzt sehe ich von dir die Metaphern Winter und Fröste eher als eine das zeitlose Ich, welches allerdings die Naivität und Leichtigkeit der Kindheit im Gedicht verloren hat, von außen bedrohende und überrollende, lebensfeindliche Gesellschaft mit ihrem geschichtlichen Prozeß gemeint. Nicht vorstellbar, dass wir die Verursacher sind und uns selbst damit "meinen", zu Opfern machen. Also ganz aktuelle Zukunftsbedrohungen durch die Veränderung des Klimas zum Beispiel. Natürlich ist das nur ein Symptom.

Bitte korrigiere meine Sichtweise, wenn nötig.
Es ist spannend, das Gedicht "auszuwickeln".

Morgen nehme ich zu deinem Kommentar zum Gedicht "Wald" Stellung.
Lastro
 

blackout

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Naja, nun mach mal keine große Sache aus diesen paar Versen, ist nicht beabsichtigt, nur eine Momentaufnahme. Passiert, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, reif fürs Altenheim. Aber danke, und ja, natürlich, du siehst es schon richtig, der Winter als die Metapher fürs Altsein - sofern du beim Thema Alter bleibst. Für mich steckt der ganze Dreck und Müll der heutigen Zeit auch in dem Gedicht, vor 30 Jahren waren wir alle jünger, haben noch so manches auf die leichte Schulter genommen. Jetzt erst sehen wir genau, was daraus geworden ist. Auch das steckt im Gedicht: eine Anklage, wir waren selbst schuld.
Aber, wie gesagt, nur eine Momentaufnahme. Das große Gedicht zu diesem Thema habe ich mir bis jetzt noch verkniffen. Würde ich aber auch nicht hier auf der LL einstellen.

blackout
 

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