Vorsicht vor Leuten

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Isbahan

Mitglied
Achtung: Dieser Text kann Spuren von Defätismus, Resignation und Sarkasmus enthalten!

Eines weiß ich: Mit Elektrizität kann man eine Mahlzeit für einen anderen Menschen kochen – oder man kann damit den Menschen selbst kochen.
Gerade habe ich ein kleines Experiment gewagt: Ein humorvolles Textchen - das hier bei LL bereits viele Leser gefunden hat (über dreihundert) und sieben Mal mit „Sternchenregen“ ziemlich gut im Ranking steht - auch in einem anderen Schreibforum eingestellt.
Ich dachte: Hey, wär doch interessant, mal ohne Angabe von Alter, Geschlecht oder sonstigen Infos, Lesemeinungen zu bekommen, die nicht bereits durch die Bekanntheit des Nicknamens eine bestimmte Erwartungs- und Anspruchshaltung enthalten.
Netter Versuch.
Mein vermeintlich so gut gelungenes Textlein wurde mit Häme und rüden Bemerkungen verbal zerpflückt, kleinhäckselt und geschreddert.

Bereits die Vorstellungsrunde war eine Art Spießrutenlauf: Wie vom Admin gewünscht, erwähnte ich mein bereits veröffentlichtes Buch. Nichtsahnend, dass man dort dafür die Kategorie "Angeber" verpasst bekommt. Vermutlich gab es eine geheime, rote Liste. Jedenfalls hat sich niemand gemeldet, um Hallo zu sagen.
Ich habe es trotzdem gewagt, das kleine, humorvolle Textchen zu posten - und musste verwundert zuschauen, wie es umgehend, nach allen Regeln der Kunst, auseinandergenommen und für schlecht befunden wurde.
Dort meinen Text einzustellen und um Lesekommentare zu bitten, war wie ein Stück Fleisch in ein Wolfsgehege zu werfen.
Vielleicht hätte man zum Empfang ein Schild zeigen sollen: Wir tun nix. Wir wollen nur (ver)-reißen.

Da ich im Profil weder Alter noch Geschlecht preisgeben wollte (damit Texte die Chance haben, einigermaßen gender-und vorurteilsfrei gelesen und besprochen zu werden), hatte ich mich bereits im Vorfeld verdächtig gemacht. Es wurde laut darüber nachgedacht, was ich wohl zu verbergen hätte, diese Geheimniskrämerei lasse auf übelste Trolle schließen, die nur Unruhe stiften und provozieren wollten ...

Mein erster Vorstellungstext war ein reiner Dialog. Mit Bedacht ohne Anführungszeichen. Enthielt ja keine Handlung, also nur zwei Personen, Rede und Gegenrede. Es wurde mokiert, solche "experimentelle, neue Prosa" empfände man als Zumutung.
Also setzte ich den selben Dialog noch einmal, diesmal klassisch, mit Anführungszeichen daneben. Nur so zum Vergleich. Mit der Bemerkung, dass ich hier keine größere Lesbarkeit erkennen könne.
Die Antwort folgte sogleich: "Stimmt. Anführungszeichen kannste weglassen. Aber: Es fehlt an Handlung!"
Also stellte ich einen zweiten Text ein, diesmal mit viel Handlung.
Es wurde konstatiert, da sei zu viel Show - und auch zu viel Tell. Am besten, „das ganze Drumherum“ wegkürzen, so dass nur noch der Dialog ...

Nun verfügte ich weder über genügend Tagesfreizeit, um mir jeden Kommentar zu Herzen zu nehmen noch hatte ich Lust, jedem selbsternannten Text- und Literaturkritiker lange Rede und Antwort zu stehen. Also beantwortete ich jeden Kommentar höflich, aber knapp, auch die Verrisse. Und setzte damit eine langatmige Podiumsdiskussion, einen Sturm der Entrüstung und einen Sturm im Wasserglas in Gang: Man zweifelte an meiner Kritisierbarkeit, da ich mich weigerte "in ausführlichen Dialog" zu gehen - mit Kommentatoren, die schrieben, sie kämen ganz mies drauf, wenn sie „so was“ lesen müssten.
Mit "so was" war mein humorvolles, kleines Textchen gemeint.

Als ich vor etwa zehn Jahren mit meinen ersten Texten online ging, dachte ich noch, es ginge in Schreibforen um Textarbeit.
In den meisten Schreibforen geht um viel mehr: Erregte, persönliche Werte-Diskussionen über fehlende Kommata, unrechtmäßig gesetzte Beistriche und nicht der Norm entsprechende Apostrophe …
Und falls ein Anfängertext nicht bereits handwerklich perfekt ist, wird höchstens noch laut über eine ordentliche Bestattung nachgedacht.
Im günstigsten Fall.
Manche Kommentatoren scheinen das Teeren und Federn vorzuziehen - wenn der nichtsahnende Neuling es verabsäumt, sämtliche Hintern abzuschlabbern, die sich ihm nach dem ersten Hallo in der Vorstellungsrunde entgegen recken.
Andere haben sich zu selbsternannten „Literaturkritikern“ gekürt und verkünden subjektiven Meinungen als „Wahrheit“.

Bin auf meinem Weg,
schon so lang,
zerschlagen und träg, s
schon so lang,
bin müde und leer,
will nach Süden ans Mee-he-her,
bin auf meinem Weg
ohne Wiederkehr,
schon so lang ...


Ach, Hannes, wir sind alt geworden. Und haben uns müde gekämpft. An Tagen wie diesen würde ich gerne auf die Kacke hauen. Am Liebsten mit dir:

Ich bin unterwegs nach Süden will nicht weiter bis ans Meer
Ich bin müde, will nur schlafen. Morgen, morgen schreibe ich
Meine Träume auf und sehe wie in der Vergangenheit
Der Schmutz in meinen Eingeweiden, im Rückenmark, im Hirn
Begonnen hat zu faulen und zu Gift geronnen ist
Morgen werde ich dann wissen, wie es heißt, woher es kommt
Und wenn ich erst den Namen kenne, bringt dies Gift mich nicht mehr um.



An Tagen wie diesen überlege ich, mit dem Schreiben ganz aufzuhören. Gibt so Tage.
Wie lange mäandere ich schon durch unterschiedlichste Foren – auf der Suche nach kreativem Austausch, Lesemeinungen, wertschätzender Kritik und Tipps für Schreibende von Schreibenden?
Wie oft bin ich statt dessen persönlich beleidigt, demotiviert, übersehen, belehrt, an den Pranger gestellt, auseinandergenommen und wie ein Schulmädchen gemaßregelt worden?
Warum werden meine Protas und Ich-Erzählerinnen gerne mit mir, der Autorin verwechselt? Sind Ironie, Sarkasmus, Humor wirklich so schwer zu verstehen? Oder nur dann nicht, wenn ich als Frau sie in meinen Texten verwende? Muss ich es "aushalten", deswegen angegriffen und in Grund und Boden gestampft zu werden, nur weil sich ein Text vielleicht ein wenig zu weit über den Rand der Komfortzone mancher Lese- und Schreibgewohnheiten hinausgewagt hat?
Ich frage mich, warum Autoren im Internet nicht wertschätzender miteinander umgehen.
Mögliche Antworten: Weil Lektorate, Literaturagenten, Verlage … der ganze Kunst-und Literaturzirkus das auch nicht tut.
Weil wir in Deutschland schon in der Schule lernen: Fehler machen verboten!
Kritik wird mit Häme verwechselt und Beurteilen mit Verurteilen.

I have a dream…:
Es ginge in Schreibforen wirklich um kreative Auseinandersetzung, Interpretation und sachliche Diskussionen von Texten. Und weniger um persönliche Erwartungs- und Anspruchshaltungen – die man, als Kommentar verkleidet, einfach so hinrotzt, wenn Texte nicht dem eigenen Gusto entsprechen.
Womöglich bin auch schon zu alt, eine larmoyante Dinosaurierin, mega-out mit ihrem Gejammer, im Netz möge man doch bitte etwas höflicher und in Schreibforen etwas wertschätzender miteinander und den Texten anderer umgehen, mimimimi ...
Was meine Texte anbelangt, bin ich unendlich kritisierbar, lernfähig und lernwillig – aber nicht unendlich persönlich beleidigbar.


Nachwort: Mir ist bekannt, dass das Wort "beleidigbar" eine Wortneuschöpfung ist. Wohlwollende LeserInnen dürfen diesem Text gerne auch eine Prise Aufmüpfigkeit unterstellen ...
 
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Tula

Mitglied
Moin Isbahan

Deine Texte sind bisher gut auf LL angekommen. Da auch hier mitunter die Fetzen fliegen, frage ich mich natürlich um welches Forum es sich in deinem Bericht handelt.

Die Foren haben leider schon viele gute Autoren verschreckt und vertrieben.
Andere schauen sicherlich mit Verachtung auf uns, als Klub der Möchtegern-Dichter. Pfui!

LG
Tula
 

Isbahan

Mitglied
Moin, Tula -
wenn’s der Sache, also dem Text dient, dürfen von mir aus Fetzen fliegen, anregende Diskussionen stattfinden: Darum sind wir ja schreibend unterwegs.
Ich gehöre eher zu den Kreativen, den Schnell- und Vielschreibern - und haue schnell raus, was kommt. Daher weiß ich, dass die Form schwächelt, meine lockere Erzählweise einigen "too much" ist ... etc. Daher bin ich für echte Textarbeit und das Aufzeigen von Fehlern sehr dankbar - aber nicht für den, in manchen Foren, rüden Umgangston, ein hingerotzes: Du willst Kritik? Also: Alles Sch ..., schreib neu, anders, so wie ich es mag ...
Hmpf.


Danke fürs Mutmachen;)
 
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Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Zumindest hier im Tagebuch ist Frieden. Ich denke, du bist in der kleinen grünen Welt gut aufgehoben.

LG Otto

Bleib gesund
 

Isbahan

Mitglied
Hallo @Otto Lenk - ich denke auch. Inzwischen habe ich (gefühlt) sämtliche Schreibforen durch, vom ganz elitären Schuppen, wo man erst einen "Eignungstext" schreiben muss, über die Kamikaze-Schreibpiraten bis zu den locker-flockigen Foren, bei denen am Empfang ein "Ich schreibe Betroffenheitsliteratur, also bin ich" hängt. Und zuweilen zweifele ich grundsätzlich am Sinn und Zweck des Unterfangens, auch ohne Germanistikstudium oder zwei Jahre Praktikum als Journalistin oder "was mit Medien" gemacht zu haben, im Internet etwas Unterhaltsames veröffentlichen zu dürfen, ohne damit rechnen zu müssen, geteert und gefedert zu werden.;)
 
Hallo Isbahan,
was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker... oder das Einsteinsche: " Ich bin all jenen dankbar, die „Nein“ zu mir gesagt haben. Wegen ihnen habe ich es selbst gemacht."... oder meins: "Ich bin allen dankbar auf meinem steinigen Weg ... besonders denjenigen, die gnadenlos zu mir waren."
Zusammengefasst: zum Schluss profitieren die "Geteerten und Gefederten" ;)
Viele Grüße, Liselotte
 

Isbahan

Mitglied
Jou, @Liselotte Kranich. Ich kann es nicht ändern, dass das im Internet immer wieder geschieht - aber ich kann meine Reaktion darauf ändern. Meistens habe ich den Laden umgehend verlassen. Nicht die beste Lösung, aber ich habe nicht die Geduld alter Chinesen.
Die gehen einfach an den gelben Fluss. Und bleiben dort so lange sitzen, bis ihre toten Feinde vorüber treiben ;)
 

atira

Mitglied
Gute Geschichte, ich werde dann einmal schauen, ob ich bei dir sonst noch was von Interesse finde. ;)

Edit später: Oh, du schreibst Prosa, da hab ich leider keine Ahnung!
 
Hallo Isbahan,

also, wer Deine Geschichten nicht mag, der hat keinen Sinn für Humor. Satire gehört auch zum Humor, oder eher umgekehrt, aber Satire bedeutet: mach dich beim Lesen gefasst auf Spitzfindigkeiten, Nadelstiche und Übertreibungen im humoristischen Sinne. Und das hast Du wirklich drauf!
Ich habe noch keine anderen Foren ausprobiert, habe nur hier und da mal reingeschaut, was dort so zu finden ist. Für mich, der davon keine Ahnung hat, ist die LL ein bisschen zu sehr mit der Lyrik überfrachtet, aber ich fühle mich hier trotzdem ganz wohl. Ich schreibe halt meine Prosatexte und hoffe auf ein bisschen Resonanz (könnte etwas mehr sein, aber man ist ja bescheiden ...).

Mach hier bitte weiter, wie bisher.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Isbahan

Mitglied
Hallo @Rainer Zufall: Deinen Kommentar lege ich mir heute Abend unter’s Kopfkissen und schnuffele daran: Danke für die Blumen ;)
Ich dachte, durch etliche Berufs-Fort-Weiterbildungs-Studiums-Erfahrungen sei ich gut gerüstet, ein neues Handwerk, das des semi-professionellen Schreibens zu lernen. Doch so sehr ich auch das Internet als neue Kommunikationsform begrüße, so erschrecken mich zuweilen die Untugenden des Miteinanders und des Austausches im Netz. Wenn ich aus der gewohnten Komfortzone herausgehe und mich in neue, andere Foren wage, z.B. einen Schreib-Blog aufmache, muss ich damit rechnen, auf rüdeste, manchmal auch persönlich beleidigende Art, "angegangen" zu werden. Ein Frauenproblem?
Natürlich reflektiere ich auch, inwieweit ich das mit einem Text "herausfordere". Ja, Satire kann zuweilen ganz schön bissig daherkommen und meine Protas sind zuweilen schrill, klischeehaft, bissig - aber ich bemühe mich, stets einen humorvollen Unterton zu bewahren und andere nicht "fertigzumachen", auch nicht fiktive Personen.
Danke für Deine Antwort und: ich mache weiter hier, versprochen!;)
 

Isbahan

Mitglied
Hallo, @Keram, danke auch Dir, fürs Mutmachen!
Manchmal glaube ich, dass genau das Sinn und Zweck mancher Kommentare ist: Zu entmutigen, mögliche "Konkurrenz" mit Überheblichkeit aus dem Feld zu schlagen.
Ich frage mich nur: Warum? In der Kunst, Kreativität sollte es (für mich) keinen Wettbewerb geben. Dafür aber regen Austausch, gegenseitige Inspiration und hilfreiche Tipps, wie man handwerklich besser werden kann.
 
Zuletzt bearbeitet:

Isbahan

Mitglied
@atira : Gute Frage. Was soll, kann, darf Satire?
Vielleicht keine Operation am offenen Herzen. Aber wiederbeleben. Munter machen. Aufrütteln. Stechen, pieksen, kneifen ... wo’s zu bequem, zu schluffig, zu dösig geworden ist?
 

Isbahan

Mitglied
@atira und @Rainer Zufall :"Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden" - so verstehe ich Satire jedenfalls.
Und eigentlich mögen auch viele Satire - nur nicht, wenn sie gemeint sind. Dann geht der Schuss gerne mal nach vorne, gegen die Satirikerin los.
 

Isbahan

Mitglied
@atira: Nö. Von Olli Dittrich (alias Dittsche) über Uwe Lyko (alias Herbert Knebel) bis Richard Rogler, Oliver Kalhofe, Gerburg Jahnke ... hatten alle nur mäßige schulische Erfolge nachzuweisen.
 

John Wein

Mitglied
Ist es nicht geradezu beglückend zu wissen, dass es irgendwo da draußen noch richtige Dichter gibt, Koryphäen aus den oberen Stockwerken, die sich nichts Geringerem als dem Wahren, dem Schönen und der Qualität verschrieben haben? Ich denke, es sind zufriedene Menschen, selbstzufriedene Mitbürger, die sich hinter dem Jägerzaun ihr gemütliches Nest eingerichtet haben.

Apropos Satire, Aus dem Kanon baltischer Weysen“ sei zitiert:

Eyn Knab’ sang Satyr’n - hoch zu Ross -

Besthändig thumbe Lieder

Den Reither dieses arg verdross

- Er ritt den Knaben nieder.



Das Volkh that lauth Empörung kund,

Ob dieses bösen Falles,

Der Ritter aber sprach: Na und?

Satyre darf doch alles!



Ein freundlicher Gruß, John
 

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