Wanderurlaub

4,70 Stern(e) 3 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Der hagere Herr mittleren Alters, der sich am Samstagnachmittag in Josefine Schwerdtfegers Pension garni im Habichtswald nach einem Zimmer für drei Nächte erkundigte, trug sich als Gunther Brechtoldinger aus Hannover ein. Er schien nicht sehr gesprächig und verschwand nach Erledigung der Formalitäten sofort in seinem Zimmer. Frau Schwerdtfeger war lange genug im Geschäft, um sich über keinen ihrer Gäste mehr zu wundern. Nur der riesige feldgraue Rucksack, der größenmäßig in krassem Missverhältnis zu dem ebenfalls mitgeführten kleinen Köfferchen stand, weckte für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit.

An diesem Abend tauchte der neue Gast nicht mehr auf. Wahrscheinlich ein eingefleischter Wanderer, der sich mit eigener Brotzeit versorgte, dachte die Pensionswirtin und wurde am nächsten Morgen bestätigt, als sie ihn am Frühstückstisch eine große Wanderkarte studieren sah. Das Herbstwetter schien ideal für Unternehmungen in den umliegenden Wäldern.

Um kurz nach zehn sah sie Brechtoldinger mitsamt seinem Rucksack in dem grauen SUV verschwinden, der ganz am äußeren Rand des ansonsten fast leeren Parkplatzes stand. Da er ein Hamburger Kennzeichen trug, hatte sie ihn bei ihrem abendlichen Kontrollgang nicht mit dem neuen Gast aus Hannover in Verbindung gebracht. Aber heutzutage kamen ja viele Gäste mit Leihwägen. Dass ihr Hund Larry das Auto ungewöhnlich heftig und lange angebellt hatte, führte sie auf seine Abneigung gegen gewisse Reifenformen zurück.

Frau Schwerdtfeger konnte später nicht sagen, wann Brechtoldinger an diesem Nachmittag zurückgekommen war. Morgens saß er jedenfalls sehr früh beim Frühstück. Ihre Frage, ob er gut geschlafen habe, beantwortete er kurz und knapp mit „Ja, danke!“. Die Wanderkarte lag wieder auf dem Tisch, die Wirtin verkniff sich die normalerweise von ihr gegebenen Routenvorschläge und Hinweise auf Sehenswürdigkeiten in der Umgebung.

Spätnachmittags sah sie den einsilbigen Gast in die Pension zurückkommen. Er wirkte erschöpft und verschwitzt, seine Hose wies Schmutzflecken auf. War er gestürzt? Den Rucksack hatte er offensichtlich im Auto gelassen. Nun wunderte sie sich doch ein wenig. Brauchte er heute keine Verpflegung?
Ihre Frage wurde von selbst beantwortet, als Brechtoldinger später, sauber und adrett angezogen, nach ihr läutete und sie bat, ihm eine Wirtschaft für ein „gut bürgerliches“ Abendessen zu empfehlen, was Frau Schwerdtfeger selbstverständlich gerne tat.

Am dritten Morgen war Brechtoldinger früh abreisebereit. Er beglich gleich nach dem Frühstück die Rechnung, ließ sich sogar auf ein kurzes Gespräch mit der Wirtin über die Gegend und die herrlichen Wanderwege ein und stieg gegen neun in seinen SUV.

***

Im ICE von Kassel nach Hamburg vertiefte sich am frühen Nachmittag ein hagerer Herr mittleren Alters in einen Artikel des Hamburger Abendblatts:

Noch immer gibt es keine Spur von der 42-jährigen Natascha H. aus Hamburg-Altona. Die Frau wird seit Montag, dem 13. Oktober, vermisst. An diesem Tag erschien sie nicht an ihrer Arbeitsstelle bei einer Reinigungsfirma, auch in ihrer Wohnung wurde sie nicht angetroffen. Natascha B., eine gebürtige Ukrainerin, war nach der Trennung von ihrem Ehemann erst vor Kurzem von Hannover nach Hamburg gezogen und lebte hier allein. Ihr Ex-Mann, mit dem es in letzter Zeit Streit über Unterhaltszahlungen gegeben haben soll, befindet sich momentan im Urlaub. Sein Arbeitgeber in einer großen Spezialdruckerei wollte keine weiteren Auskünfte dazu geben.

Bevor die Maschine um 18.00 Uhr in Hamburg-Fuhlsbüttel abhob, blieb noch Zeit genug, um den großen Koffer aus dem Schließfach am Hauptbahnhof zu holen.

Den sehr sauber gereinigten Leih-SUV, dessen Mieter sich als Werner Zumbrinck ausgegeben hatte, entdeckte man drei Tage später am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Ein Klappspaten, den man unter der Kofferraumabdeckung fand, gehörte allerdings definitiv nicht zum Inventar des Autoverleihers.

Zu diesem Zeitpunkt lag Werner Zumbrinck alias Gunther Brechtoldinger alias Johann Heitermann schon seit zwei Tagen in der kanarischen Sonne.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Tommy Sechsundachzig,

jetzt muss ich doch mal nachfragen. Du schreibst in Deiner Wertung: "Ein kleiner Schock-Twist am Ende wäre noch schön gewesen."
Was bedeutet dieser Begriff und wie könnte das aussehen?

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Lass gut sein, molly, das gehört nicht hierher. Dein Beitrag an anderer Stelle wurde zu Recht gelöscht, damit ist die Sache vom Tisch. ;)

Gruß, Ciconia
 

Oben Unten