Warten auf Jo

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Ciconia

Mitglied
Sie steht verlorn am Bahnsteig vier,
der Herbstwind spielt mit ihren Haaren.
Er schrieb: „Um zehn bin ich bei Dir“.
Doch sie hat schon zu viel erfahren.

„Verspätung“ zeigt die Tafel an.
Das Mädchen kramt nach Zigaretten.
Am Bahnsteig drei versucht ein Mann
sich zugedröhnt auf Stein zu betten.

Dann werden ihre Schritte schnell,
sie will auf Jo nicht länger hoffen.
Ganz leise klingt ein „fair thee well“ -
dabei hat sie ihn nie getroffen.
 

anbas

Mitglied
Hallo Ciconia,

dieses Gedicht kommt ganz gefällig daher. Es ist ebenso in einer melancholisch-lakonischen Stimmung gehalten wie sein Pendant "Neruppin" ( http://www.leselupe.de/lw/titel-Neuruppin-126788.htm ). Allerdings fehlt mir hier etwas "Salz in der Suppe".

Aber wer weiß, vielleicht muss ich es auch nur etwas mehr auf mich wirken lassen. Bei Neuruppin brauchte ich auch etwas, um mich mit dem Text "anzufreunden". Bin gespannt, wie andere es sehen.

Liebe Grüße

Andreas
 

Ciconia

Mitglied
Moin Andreas,

danke für Deinen Eindruck! Ich füge gerne noch etwas „Salz“ dazu – weiß aber im Moment noch nicht, wo und wie. Vielleicht gibt es ja noch hilfreiche Vorschläge.

Gruß Ciconia
 

molly

Mitglied
Hallo Ciconia,

ich finde Dein Gedicht gut "gewürzt", denn Jo hätte das Mädchen gar nicht mehr angetroffen.
Zug Verspätung, sie geht, denn: "Doch sie hat schon zu viel erfahren."

Ein schöner Schluss:

""Ganz leise klingt ein „fair thee well“ -
dabei hat sie ihn nie getroffen.""

Ich würde das Gedicht so lassen, ein bisschen Traurigkeit ist auch dabei, diese Gefühl hatte ich bei Jo nicht.

Liebe Grüße

molly
 

Ciconia

Mitglied
Sie steht verlorn am Bahnsteig vier,
der Herbstwind spielt mit ihren Haaren.
Er schrieb: „Um zehn bin ich bei Dir“.
Doch sie hat schon zu viel erfahren.

„Verspätung“ zeigt die Tafel an.
Das Mädchen kramt nach Zigaretten.
Am Bahnsteig drei versucht ein Mann
sich zugedröhnt auf Stein zu betten.

Dann werden ihre Schritte schnell,
sie will auf Jo nicht länger hoffen.
Ganz leise klingt ein „fare thee well“ -
dabei hat sie ihn nie getroffen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo molly,

ich glaube, Du hast meine Intention ganz gut erkannt. Vielen Dank für Deinen Kommentar!

Gruß Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
Balladenskizze

Gefällig scheint es nur auf den ersten Blick: narrativ, gereimt, geschlossen -
aber es hat das Rätsel, daß das Mädchen geht, ohne den verspäteten Zug abzuwarten.
Damit ist es nicht mehr "geschlossen narrativ", sondern besonders, ein unaufgelöst hingezeichnetes Ereignis, eine Chiffre mit logischem Bruch, eher Charakteristik der nicht wartenden Person ohne Antwort auf das "warum" des Lesers, (nämlich ohne wiederum narrative Erklärung), als ein Bericht.

Das ist Salz, originelle Wendung, das genügt so auch.
 

JoteS

Foren-Redakteur - tippende Inquisition
Teammitglied
Der Schluss ist grandios und zumidest ich lese viel zwischen den Zeilen. Das kann genau so geschehen sein, das ist dicht am Leben, das ist gut beobachtet und verdichtet, das will ich lesen.

Gruss

Jürgen
 
Ich finde das auch sehr gut!
Sie wartet den verspäteten Zug ja nicht ab.
Sie wirft das Treffen im Grunde genauso in den Sand wie Jo.

Das ist Salz genug! Ich stimme mondnein zu.

L.G
Patrick
 

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