„Was ist ein Leben wert?“

Rezension zu:

Laurent Mauvignier, Was ist ein Leben wert, DTV 2013, ISBN 978-3-423-14210-6

Der in Frankreich mittlerweile sehr bekannte Schriftsteller Laurent Mauvignier ist 2011 einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden durch seinen Roman „Die Wunde“, mit dem er vor allen Dingen die französische Öffentlichkeit aufrütteln wollte, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt. Es formulierte ohne Worte fast auf jeder Seite die alte psychoanalytische Erkenntnis: was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich.

Auch in seinem neuen Buch geht es um Gewalt und um ihre Verdrängung. Ging es in „Die Wunde“ um die Verdrängung historischer Ereignisse, handelt das kleine Buch, das die Frage stellt „Was ist ein Leben wert?“ von einer ganz aktuellen Form von nackter und brutaler Gewalt, wie wir sie auch in Deutschland auf U-Bahnhöfen und anderswo erschütternd kennengelernt haben.

Laurent Mauvignier stößt im Dezember 2009 auf eine Zeitungsnotiz aus Lyon. Dort wird berichtet, dass vier Securitymitarbeiter eines Supermarktes einen Mann zu Tode geprügelt haben, weil der im Supermarkt eine Dose Bier geöffnet und getrunken hatte. Fast mehr als diese brutale Tat, beschäftigt den Autor der im Artikel zitierte Staatsanwalt, der sagte, wegen so einer Kleinigkeit dürfe doch ein Mensch nicht sterben.

Hätte es ein Sixpack sein müssen, ein ganzer Kasten oder „Was ist ein Leben wert?“ fragt Laurent Mauvignier in einer atemlosen, drängenden und bedrängenden Erzählung, die aus einem einzigen Satz besteht, der mit einem Bindestrich nicht endet.

Er folgt dem Geschehen, wie er es nacherzählen möchte. Ein Mann nimmt, nachdem er einen Supermarkt betreten hat, aus einem Regal eine Dose Bier und beginnt zu trinken. In Sekundenschnelle ist er umzingelt von vier Wachleuten, die ihn in einen Lagerraum zerren und dort auf ihn einschlagen und treten, weil sie ihn des Diebstahls verdächtigen.

Es wird bald aufhören, hofft der gepeinigte Mann in jeder weiteren Sekunde, doch es hört nicht auf. Immer wieder kommt Mauvignier auf diese Minuten in dem Lagerraum zurück, nachdem er zwischendurch erzählt, was sich danach abspielte. Von der Verhandlung vor dem Staatsanwalt, von der Beerdigung des Mannes und immer wieder von einem Bruder, den er eindringlich anspricht. Es blieb, mir jedenfalls, unklar, ob der zu Tode geprügelte Mann tatsächlich einen Bruder hatte. Ich fühlte mich selbst immer wieder angesprochen als dessen Menschenbruder, der nicht achtlos über solche Zeitungsmeldungen hinweg lesen darf, der sich berühren und bewegen lassen soll vom Schicksal anderer Menschen.

Die zunehmende Gewalt in unseren Gesellschaft wird von der Bindungsforschung mit der fehlenden Bindung nach der Geburt erklärt, Kirchen und anderen beklagen die Abkehr von bestimmten Werten, die Linken machen die profitorientierte Gesellschaft verantwortlich, und keiner weiß so wirklich, wie er reagieren soll. Eines weiß ich bestimmt: auch diese Form der Gewalt, die in unserer Gesellschaft nach wie verdrängt wird (auch der Ruf nach stärkeren Strafen ist nur ein Teil davon) wird wiederkehren. So wie alles Verdrängte wird sie an Stellen auftauchen in der Zukunft, wo man sie heute nicht vermutet.

Es ist die alte Frage: „Wo warst du, Abel?“
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Der in Frankreich mittlerweile sehr bekannte Schriftsteller Laurent Mauvignier ist 2011 einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden durch seinen Roman „Die Wunde“, mit dem er vor allen Dingen die französische Öffentlichkeit aufrütteln wollte, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt.
Das ist der erste Satz des Textes. Wer da Lust hat weiterzulesen, der neigt zu Masochismus ;)


Es formulierte ohne Worte fast auf jeder Seite die alte psychoanalytische Erkenntnis: was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich.
… ein Buch ohne Worte?
Was nicht bearbeitet wurde (Kommt nach dem Doppelpunkt ein Satz, wird dieser große begonnen.)

Ging es in „Die Wunde“ um die Verdrängung historischer Ereignisse, handelt das kleine Buch, das die Frage stellt „Was ist ein Leben wert?“ von einer ganz aktuellen Form von nackter und brutaler Gewalt, wie wir sie auch in Deutschland auf U-Bahnhöfen und anderswo erschütternd kennengelernt haben.
Komma nach wert?"
Man kann etwas erschütternd tun (etwas mit seinem Tun erschüttern) oder etwas erschüttert tun (beim Tun erschüttert sein). Ich bezweifle, dass du das erstere meinst.


Er folgt dem Geschehen, wie er es nacherzählen möchte.
Den Satz verstehe ich nicht.


Eines weiß ich bestimmt: auch diese Form der Gewalt, die in unserer Gesellschaft nach wie verdrängt wird (auch der Ruf nach stärkeren Strafen ist nur ein Teil davon) wird wiederkehren. So wie alles Verdrängte wird sie an Stellen auftauchen in der Zukunft, wo man sie heute nicht vermutet.
… bestimmt: Auch diese Form …
„nach wie vor“, oder?

Es ist die alte Frage: „Wo warst du, Abel?“
Irgendwie vermisse ich die Einbettung dieser Frage in das Thema. Du als Theologe schleppst sicher eine ganze Kiste von Querbezügen beim Stichwort "Abel" mit dir rum – mir (mit meinem Wissen) fehlt da jegliche Verbindung. (Bei was war Abel abwesend, wobei er hätte anwesend sein sollen?)
 
Rezension zu:

Laurent Mauvignier, Was ist ein Leben wert, DTV 2013, ISBN 978-3-423-14210-6

Der in Frankreich mittlerweile sehr bekannte Schriftsteller Laurent Mauvignier ist 2011 einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden durch seinen Roman „Die Wunde“, mit dem er vor allen Dingen die französische Öffentlichkeit aufrütteln wollte, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt. Es formulierte ohne Worte fast auf jeder Seite die alte psychoanalytische Erkenntnis: Was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich.

Auch in seinem neuen Buch geht es um Gewalt und um ihre Verdrängung. Ging es in „Die Wunde“ um die Verdrängung historischer Ereignisse, handelt das kleine Buch, das die Frage stellt „Was ist ein Leben wert?“, von einer ganz aktuellen Form von nackter und brutaler Gewalt, wie wir sie auch in Deutschland auf U-Bahnhöfen und anderswo erschüttert kennengelernt haben.

Laurent Mauvignier stößt im Dezember 2009 auf eine Zeitungsnotiz aus Lyon. Dort wird berichtet, dass vier Securitymitarbeiter eines Supermarktes einen Mann zu Tode geprügelt haben, weil der im Supermarkt eine Dose Bier geöffnet und getrunken hatte. Fast mehr als diese brutale Tat, beschäftigt den Autor der im Artikel zitierte Staatsanwalt, der sagte, wegen so einer Kleinigkeit dürfe doch ein Mensch nicht sterben.

Hätte es ein Sixpack sein müssen, ein ganzer Kasten oder „Was ist ein Leben wert?“ fragt Laurent Mauvignier in einer atemlosen, drängenden und bedrängenden Erzählung, die aus einem einzigen Satz besteht, der mit einem Bindestrich nicht endet.

Er folgt dem Geschehen des Überfalls, so wie er es nacherzählen möchte. Ein Mann nimmt, nachdem er einen Supermarkt betreten hat, aus einem Regal eine Dose Bier und beginnt zu trinken. In Sekundenschnelle ist er umzingelt von vier Wachleuten, die ihn in einen Lagerraum zerren und dort auf ihn einschlagen und treten, weil sie ihn des Diebstahls verdächtigen.

Es wird bald aufhören, hofft der gepeinigte Mann in jeder weiteren Sekunde, doch es hört nicht auf. Immer wieder kommt Mauvignier auf diese Minuten in dem Lagerraum zurück, nachdem er zwischendurch erzählt, was sich danach abspielte. Von der Verhandlung vor dem Staatsanwalt, von der Beerdigung des Mannes und immer wieder von einem Bruder, den er eindringlich anspricht. Es blieb, mir jedenfalls, unklar, ob der zu Tode geprügelte Mann tatsächlich einen Bruder hatte. Ich fühlte mich selbst immer wieder angesprochen als dessen Menschenbruder, der nicht achtlos über solche Zeitungsmeldungen hinweg lesen darf, der sich berühren und bewegen lassen soll vom Schicksal anderer Menschen.

Die zunehmende Gewalt in unseren Gesellschaft wird von der Bindungsforschung mit der fehlenden Bindung nach der Geburt erklärt, Kirchen und anderen beklagen die Abkehr von bestimmten Werten, die Linken machen die profitorientierte Gesellschaft verantwortlich, und keiner weiß so wirklich, wie er reagieren soll. Eines weiß ich bestimmt: Auch diese Form der Gewalt, die in unserer Gesellschaft nach wie vor verdrängt wird (auch der Ruf nach stärkeren Strafen ist nur ein Teil davon) wird wiederkehren. So wie alles Verdrängte wird sie an Stellen auftauchen in der Zukunft, wo man sie heute nicht vermutet.

Es ist die alte Frage: „Wo warst du, Abel?“ (Für die , die Bibel und ihre unsere Kultur prägednen Mothologien nicht mehr kennen: Vgl. Genesis 4)
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Deine Lösung für "Wo warst du Abel" ist für einen "seriösen" Text (ich meine damit: nicht Web-2.0-artig, also auf Interaktivtät getrimmt) nicht gut. Von dem deutlichen Vorwurf des Kulturbanausentums mal ganz abgesehen, ist es wenig hilfreich, den Leser sofort im Anschluss auf Suche nach etwas zu schicken, was er (eventuell) schon am Anfang des textes zmverstehen gebruacht hätte. Glaub mnir: Der Leser kommt nicht zurück, um den Text nochmal zu lesen. Die Lösung ist auch für einen Text, der als Beitrag in einem Internetforum steht, ungünstig, weil man da erst googeln muss. Die Rückkherchance ist zwar minimal größer, aber nur, wenn man beim Googeln eine brauchbare Antwort findet.

Was ich übrigens im Vorfeld getan hatte (also "googlen", nicht "finden") und bei "Abel" immer nur die mir längst bekannte Story "Gott würdigt Kains Opfer weniger als das von Abel, woraufhin Kain seinen Bruder erschlägt." Auch "Genesis 4" hilft mir nicht weiter – ich erfahre aus dem gefundenen Bibelstellenzitat nichts, was ich nicht vorher schon gewusst habe. Heißt: Ich weiß noch immer nicht was du mit "Wo warst du, Abel?" meinst (Es gibt an der Stelle nur die Frage "Wo ist Abel?".)
 
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Laurent Mauvignier, Was ist ein Leben wert, DTV 2013, ISBN 978-3-423-14210-6

Der in Frankreich mittlerweile sehr bekannte Schriftsteller Laurent Mauvignier ist 2011 einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden durch seinen Roman „Die Wunde“, mit dem er vor allen Dingen die französische Öffentlichkeit aufrütteln wollte, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt. Es formulierte ohne Worte fast auf jeder Seite die alte psychoanalytische Erkenntnis: Was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich.

Auch in seinem neuen Buch geht es um Gewalt und um ihre Verdrängung. Ging es in „Die Wunde“ um die Verdrängung historischer Ereignisse, handelt das kleine Buch, das die Frage stellt „Was ist ein Leben wert?“, von einer ganz aktuellen Form von nackter und brutaler Gewalt, wie wir sie auch in Deutschland auf U-Bahnhöfen und anderswo erschüttert kennengelernt haben.

Laurent Mauvignier stößt im Dezember 2009 auf eine Zeitungsnotiz aus Lyon. Dort wird berichtet, dass vier Securitymitarbeiter eines Supermarktes einen Mann zu Tode geprügelt haben, weil der im Supermarkt eine Dose Bier geöffnet und getrunken hatte. Fast mehr als diese brutale Tat, beschäftigt den Autor der im Artikel zitierte Staatsanwalt, der sagte, wegen so einer Kleinigkeit dürfe doch ein Mensch nicht sterben.

Hätte es ein Sixpack sein müssen, ein ganzer Kasten oder „Was ist ein Leben wert?“ fragt Laurent Mauvignier in einer atemlosen, drängenden und bedrängenden Erzählung, die aus einem einzigen Satz besteht, der mit einem Bindestrich nicht endet.

Er folgt dem Geschehen des Überfalls, so wie er es nacherzählen möchte. Ein Mann nimmt, nachdem er einen Supermarkt betreten hat, aus einem Regal eine Dose Bier und beginnt zu trinken. In Sekundenschnelle ist er umzingelt von vier Wachleuten, die ihn in einen Lagerraum zerren und dort auf ihn einschlagen und treten, weil sie ihn des Diebstahls verdächtigen.

Es wird bald aufhören, hofft der gepeinigte Mann in jeder weiteren Sekunde, doch es hört nicht auf. Immer wieder kommt Mauvignier auf diese Minuten in dem Lagerraum zurück, nachdem er zwischendurch erzählt, was sich danach abspielte. Von der Verhandlung vor dem Staatsanwalt, von der Beerdigung des Mannes und immer wieder von einem Bruder, den er eindringlich anspricht. Es blieb, mir jedenfalls, unklar, ob der zu Tode geprügelte Mann tatsächlich einen Bruder hatte. Ich fühlte mich selbst immer wieder angesprochen als dessen Menschenbruder, der nicht achtlos über solche Zeitungsmeldungen hinweg lesen darf, der sich berühren und bewegen lassen soll vom Schicksal anderer Menschen.

Die zunehmende Gewalt in unseren Gesellschaft wird von der Bindungsforschung mit der fehlenden Bindung nach der Geburt erklärt, Kirchen und anderen beklagen die Abkehr von bestimmten Werten, die Linken machen die profitorientierte Gesellschaft verantwortlich, und keiner weiß so wirklich, wie er reagieren soll. Eines weiß ich bestimmt: Auch diese Form der Gewalt, die in unserer Gesellschaft nach wie vor verdrängt wird (auch der Ruf nach stärkeren Strafen ist nur ein Teil davon) wird wiederkehren. So wie alles Verdrängte wird sie an Stellen auftauchen in der Zukunft, wo man sie heute nicht vermutet.

Es ist die alte Frage: „Wo warst du, Abel?“ (Für die , die die Bibel und ihre unsere Kultur prägenden Mythologien nicht mehr kennen: Vgl. Genesis 4)
 
Rezension zu:

Laurent Mauvignier, Was ist ein Leben wert, DTV 2013, ISBN 978-3-423-14210-6

Der in Frankreich mittlerweile sehr bekannte Schriftsteller Laurent Mauvignier ist 2011 einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden durch seinen Roman „Die Wunde“, mit dem er vor allen Dingen die französische Öffentlichkeit aufrütteln wollte, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt. Es formulierte ohne Worte fast auf jeder Seite die alte psychoanalytische Erkenntnis: Was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich.

Auch in seinem neuen Buch geht es um Gewalt und um ihre Verdrängung. Ging es in „Die Wunde“ um die Verdrängung historischer Ereignisse, handelt das kleine Buch, das die Frage stellt „Was ist ein Leben wert?“, von einer ganz aktuellen Form von nackter und brutaler Gewalt, wie wir sie auch in Deutschland auf U-Bahnhöfen und anderswo erschüttert kennengelernt haben.

Laurent Mauvignier stößt im Dezember 2009 auf eine Zeitungsnotiz aus Lyon. Dort wird berichtet, dass vier Securitymitarbeiter eines Supermarktes einen Mann zu Tode geprügelt haben, weil der im Supermarkt eine Dose Bier geöffnet und getrunken hatte. Fast mehr als diese brutale Tat, beschäftigt den Autor der im Artikel zitierte Staatsanwalt, der sagte, wegen so einer Kleinigkeit dürfe doch ein Mensch nicht sterben.

Hätte es ein Sixpack sein müssen, ein ganzer Kasten oder „Was ist ein Leben wert?“ fragt Laurent Mauvignier in einer atemlosen, drängenden und bedrängenden Erzählung, die aus einem einzigen Satz besteht, der mit einem Bindestrich nicht endet.

Er folgt dem Geschehen des Überfalls, so wie er es nacherzählen möchte. Ein Mann nimmt, nachdem er einen Supermarkt betreten hat, aus einem Regal eine Dose Bier und beginnt zu trinken. In Sekundenschnelle ist er umzingelt von vier Wachleuten, die ihn in einen Lagerraum zerren und dort auf ihn einschlagen und treten, weil sie ihn des Diebstahls verdächtigen.

Es wird bald aufhören, hofft der gepeinigte Mann in jeder weiteren Sekunde, doch es hört nicht auf. Immer wieder kommt Mauvignier auf diese Minuten in dem Lagerraum zurück, nachdem er zwischendurch erzählt, was sich danach abspielte. Von der Verhandlung vor dem Staatsanwalt, von der Beerdigung des Mannes und immer wieder von einem Bruder, den er eindringlich anspricht. Es blieb, mir jedenfalls, unklar, ob der zu Tode geprügelte Mann tatsächlich einen Bruder hatte. Ich fühlte mich selbst immer wieder angesprochen als dessen Menschenbruder, der nicht achtlos über solche Zeitungsmeldungen hinweg lesen darf, der sich berühren und bewegen lassen soll vom Schicksal anderer Menschen.

Die zunehmende Gewalt in unseren Gesellschaft wird von der Bindungsforschung mit der fehlenden Bindung nach der Geburt erklärt, Kirchen und anderen beklagen die Abkehr von bestimmten Werten, die Linken machen die profitorientierte Gesellschaft verantwortlich, und keiner weiß so wirklich, wie er reagieren soll. Eines weiß ich bestimmt: Auch diese Form der Gewalt, die in unserer Gesellschaft nach wie vor verdrängt wird (auch der Ruf nach stärkeren Strafen ist nur ein Teil davon) wird wiederkehren. So wie alles Verdrängte wird sie an Stellen auftauchen in der Zukunft, wo man sie heute nicht vermutet.

Es ist die alte Frage des Pharisäers an Jesus in Lukas 10,29 "Wer ist mein Nächster?" und das darauf folgende Gleichnis von barmherzigen Sanmariter, die für mich die radikalste Antwort ist auf die Frage des hier besprochen Buches "Was ist Leben wert?"
 
Liebe(r) Jon,


ich habe den Schluß abgeändert und ein neutestamentliches Beispiel gewählt, das das, was ich ausdrücken möchte, besser beschreibt. Ich glaubte bei der Wahl des ersten Endes ein Gedicht einer deutschen Lyrikerin im Kopf zu haben mit der gleichen Überschrift. Ich habe es aber nicht gefunden.

Vielen Dank für Deine nachgehende Mühe. Vielleicht könntest Du die Überschrift ändern in: "Was ist ein Leben wert?" oder "Wer ist mein Nächster?"


Winfried Stanzick
 

 
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